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Sitzungsübersicht |
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I-WK: Resilience as a Service: Unternehmertum und Geschäftsmodelle in Zeiten von Polykrisen und mangelnder Nachhaltigkeit
Sitzungsthemen: I-WK
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| Zusammenfassung der Sitzung | ||
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Angesichts der Gleichzeitigkeit und der Wechselbeziehungen zahlreicher Krisen und Umbrüche hat das Konzept der Polykrise in den letzten Jahren praktische und akademische Debatten im Sturm erobert. Es fasst die Komplexität einer zunehmend unsicheren Welt im Wandel zusammen und führt das Konzept „Krise als Kontext und chronischer Zustand“ (Henig & Knight, 2023) in die Managementforschung ein. Klyver und McMullen (2025) rufen vor diesem Hintergrund dazu auf, gemeinsame wissenschaftliche Anstrengungen zu unternehmen, Theorien von Unternehmertum zu überdenken. Sie unterstreichen „die Notwendigkeit, Annahmen und Rahmenbedingungen bestehender Konzepte und Modelle zu überprüfen und Lösungsvorschläge und zukünftige Forschungsagenden aus einer Polykrisenperspektive zu entwickeln” (Klyver & McMullen, 2025, S. 2). Die erhöhte Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Mehrdeutigkeit einer globalisierten und stark technisierten Welt erhöht das Risiko von Systeminstabilitäten, Störungen, Diskontinuitäten und Zusammenbrüchen erheblich (Millar, Groth, & Mahon, 2018). Jüngste Berichte des World Economic Forum (WEF) zeigen, dass sich Unternehmen auf aktuelle und zukünftige Störungen und Krisen nicht ausreichend vorbereitet fühlen. Zu diesen Störungen zählen extreme Wetterereignisse im Zusammenhang mit dem Klimawandel, technologische Risiken im Zusammenhang mit der Anfälligkeit kritischer Infrastrukturen (z. B. Cybersicherheit), regulatorische Änderungen, sich verändernde Marktdynamiken und makroökonomische Faktoren wie die Handelsspannungen, die u.a. durch die unberechenbare Zollpolitik der Trump-Regierung verursacht wird. Darüber hinaus belegen jüngste Analysen des WEF, dass Führungskräfte Investitionen in Resilienz eine hohe Bedeutung zumessen, weil die mit Untätigkeit verbundenen wirtschaftlichen Risiken die Kosten zur Stärkung von Resilienz erheblich übersteigen können (World Economic Forum, 2024, 2025). Vor diesem Hintergrund wächst nicht nur die Notwendigkeit, die Resilienz des eigenen Unternehmens oder der eigenen Organisation zu erhöhen (selbstbezogen), sondern auch die Resilienz anderer Akteure, z. B. Lieferanten und Kunden, sowie der gesamten Wertschöpfungskette (fremdbezogen) zu verbessern. Die zunehmende Einsicht in den Wert von Investitionen in die Resilienz führt zu einer steigenden Nachfrage nach innovativen Produkten, Dienstleistungen und Geschäftsmodellen, die zur Schaffung und Sicherung von Resilienz beitragen. Aus Sicht der Forschung zu Innovation und Unternehmertum stellt dies eine unternehmerische Chance dar (Fichter & Hurrelmann, 2022). Das Konzept der Resilienz ist prädestiniert dafür, die Rolle von Unternehmertum aus einer Polykrisenperspektive neu zu beleuchten. Die Forschung und Literatur zum Zusammenhang zwischen Resilienz und Unternehmertum auf individueller, unternehmerischer und gesamtwirtschaftlicher Ebene hat in den letzten zwei Jahrzehnten rapide zugenommen (Conz & Magnani, 2020; Korber & McNaughton, 2018; Nautiyal & Pathak, 2024). Das Konzept der Resilienz basiert traditionell auf einem interaktiven und dynamischen Verständnis von systemexternen Störimpulsen und systeminternen Absorptions- und Pufferfähigkeiten mit dem Ziel, grundlegende Sys-temdienstleistungen und -funktionen aufrechtzuerhalten (B. H. Walker & Salt, 2012). Aufbauend auf diesem dynamischen und interaktiven Verständnis lässt sich der Begriff wie folgt definieren: Resilienz ist die Fähigkeit, sich zu reorganisieren, anzupassen und zu innovieren, während man mit Störungen umgeht und kritische Systemfunktionen sicherstellt. Dazu gehört die Fähigkeit, potenzielle Krisen zu antizipieren, auf unvorhergesehene Störungen zu reagieren und den Moment der Störung als Katalysator für wirtschaftliche, soziale und ökologische Transformation zu nutzen (Chairs basierend auf Walker (2020, S. 10), Fichter & Stecher (2011, S. 87) und Beer & Rammler (2021)). Mit diesem Verständnis kann der Begriff auch im betriebswirtschaftlichen Nachhaltigkeitsdiskurs verankert werden und neben Effizienz, Konsistenz und Suffizienz (Huber, 2000) als viertes Nachhaltigkeitsprinzip verstanden werden. Angesichts der grundlegenden Veränderung der Umweltbedingungen stellt sich die Frage, ob und inwieweit ein proaktives und chancenorientiertes Verständnis von Resilienz die Entrepreneurship-Theorie in Bezug auf die Schaffung, Identifizierung und Nutzung unternehmerischer Chancen bereichern und inspirieren kann. Durch die systematische Auseinandersetzung mit resilienzbezogenen Chancen und Herausforderungen können etablierte Unternehmen und Start-ups Kunden und Partner entlang der gesamten Wertschöpfungskette dabei unterstützen, effektiver auf externe Bedrohungen zu reagieren, die Zuverlässigkeit der Organisation zu sichern, die Fähigkeiten der Mitarbeiter zu stärken, Geschäftsmodelle anzupassen und Gestaltungsprinzipien bereitzustellen, die Schwachstellen und Störungen in der Lieferkette reduzieren (Linnenluecke, 2017). Die Entwicklung und Bereitstellung innovativer Produkte und Dienstleistungen wie Cybersicherheits-KI zur Echtzeit-Erkennung und automatisierten Reaktion auf Cyberbedrohungen oder klimaresistente Saatgutbeschichtungen, die die Anpassungsfähigkeit und die langfristige Resilienz des Nahrungsmittelsystems verbessern, kann nicht nur zur organisatorischen Resilienz von Kunden und Partnern beitragen, sondern auch dazu, die dynamische Systemstabilität auf der Meso- und Makroebene aufrechtzuerhalten und Systemausfälle zu verhindern. Dies macht ein chancenorientiertes Konzept der Resilienz besonders relevant für die Forschung zu Innovation und Unternehmertum für nachhaltige Entwicklung (Johnson & Schaltegger, 2019). Während das Konstrukt der Chance für die Entrepreneurship-Forschung von zentraler Bedeutung ist (Davidsson, Recker, & von Briel, 2020; Shane & Venkataraman, 2000), fehlt es weitgehend in der Resilienz-Diskussion in der Entrepreneurship-Forschung. Die Entrepreneurship-Theorie hat sich bislang nicht ausreichend mit der Frage befasst, wie und warum resilienzbezogene unternehmerische Chancen entstehen, wie sie erkannt und entwickelt werden und welche Mechanismen ihre erfolgreiche Nutzung ermöglichen. Dies ist eine relevante Forschungslücke, da der Zusammenhang zwischen Resilienz und unternehmerischen Chancen nur unzureichend definiert ist und das Potenzial eines chancenorientierten Resilienzkonzepts, die Entrepreneurship-Theorie zu fundieren, zu inspirieren und zu verbessern, noch nicht untersucht wurde. Diese Lücke ist bedeutend, da ein tieferes Verständnis der Beziehung zwischen Resilienz und unternehmerischen Chancen nicht nur die Entrepreneurship-Theorie in Zeiten von Polykrisen voranbringen könnte, sondern auch praktische Anleitungen für Praktiker und politische Entscheidungsträger bieten würde, die nachhaltige Geschäftsmodelle schaffen wollen (Aagaard, Lüdeke-Freund, & Wells, 2021; Lüdeke-Freund, Froese, Dembek, Rosati, & Massa, 2024), große gesellschaftliche Herausforderungen angehen und nachhaltige Veränderungen vorantreiben möchten (Audretsch, Aparicio, Hughes, & Urbano, 2024; Shepherd & Patzelt, 2022). Zur Schließung der theoretischen Lücke wird hier das Konzept „Resilience as a Service“ als Transformationsmechanismus vorge-schlagen, mit dem Unternehmen durch die Stärkung der Resilienz von Kunden, Partnern und Systemen Wert und positiven Impact schaffen und hierdurch neue unternehmerische Chancen entwickeln und ihre eigene Resilienz verbessern können. Der konzeptionelle Rahmen zielt darauf ab zu erklären, wie unternehmerische Chancen im Zusammenhang mit Resilienz entstehen, sich entwickeln und genutzt werden können (Fichter & Hurrelmann, 2025). Vor diesem Hintergrund sollen in der Session drei Leitfragen erörtert werden: 1. Welche Schlussfolgerungen sind aus den veränderten Rahmenbedingungen von Polykrisen und mangelnder Nachhaltigkeit für die Forschung zu Unternehmertum zu ziehen? 2. Welche unternehmerischen Chancen erwachsen aus dem steigenden Bedarf nach Resilienz und welche neuen Geschäftsmodellmuster lassen sich hier erkennen? 3. Inwiefern kann das Konzept „Resilience as a Service“ als Transformationsmechanismus dazu beitragen, die bestehenden Nachhaltigkeitsprinzipien Effizienz, Konsistenz und Suffizienz zu ergänzen und Innovation sowie Unternehmertum für nachhaltige Entwicklung zu stärken? | ||
| Präsentationen | ||
Resilience as a Service: Unternehmertum und Geschäftsmodelle in Zeiten von Polykrisen und mangelnder Nachhaltigkeit | ||
