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1Interkantonale Hochschule für Heilpädagogik Zürich; 2Schweizerischer Zentralverein für das Blindenwesen SZBLIND, Schweiz; ,
Lernende mit Sehbeeinträchtigung benötigen für die Teilhabe an Bildung, Beruf und Gesellschaft spezifische Kompetenzen, die bislang in keinem der drei Schweizer Kerncurricula (Lehrplan 21, PER, Piano de studio) formuliert sind. Das kooperative Entwicklungsprojekt mit Forschungsanteilen der HfH und des SZBLIND verfolgte zwei Ziele: 1) die Entwicklung eines Erweiterten Curriculums Sehbeeinträchtigung (ECS) mit einheitlichen Bildungsstandards für Lernende mit Sehbeeinträchtigung und 2) die Entwicklung einer Bedarfsschätzung zur Ermittlung des individuellen sonder- und heilpädagogischen Unterstützungsbedarfs bei Lernenden mit Sehbeeinträchtigung. Das Projekt folgte einem partizipativen Ansatz mit Beteiligung aller Sprachregionen. Die Entwicklung des ECS erfolgte zwischen 2024 und 2025 in drei Etappen. Zunächst wurde ein Review der bisherigen wissenschaftlichen Literatur der letzten 35 Jahre vorgenommen. Aus 273 Veröffentlichungen zum Thema spezifische Curricula im Bereich Sehen wurden sieben Lehrpläne ausgewählt und im Detail analysiert, z.B. das Curriculum Framework for Children and Young People with Vision Impairment aus Grossbritannien (Hewett et al., 2022) oder das Expanded Core Curriculum aus den USA (Allman & Lewis, 2014). In einer zweiten Etappe wurden 15 Expertinnen und Experten in der Bildungsarbeit mit Menschen mit Sehbeeinträchtigung aus den drei Schweizer Sprachregionen zu drei Expertenworkshops zwischen August 2024 und März 2025 eingeladen. Die Gruppe wirkte an der Konzeption, der Ideengewinnung und der Evaluation mit. Gleichzeitig waren die teilnehmenden Personen Multiplikatoren ihrer Bildungsinstitution. In einer dritten Phase wurde der Entwurf des ECS samt Bedarfsschätzung über 40 Schweizer Fachpersonen aus dem Bereich Sehen mit langjähriger Berufserfahrung zur Vernehmlassung vorgelegt. Die Rückmeldung erfolgte mittels Fragebogen. Die Rückmeldungen aus dieser letzten Phase wurden in die Endversion des Curriculums aufgenommen, die im Mai 2026 auf Deutsch, Französisch und Italienisch veröffentlicht wurde. Das ECS basiert auf einem dreistufigen Modell, das die systematische Planung und Umsetzung des erweiterten Bildungsauftrags beim Vorliegen einer Sehbeeinträchtigung konkretisiert. Es verbindet Schweizer Bildungsstandards mit sonder- und heilpädagogischen Förderansätzen und wird durch ein menschenrechtsbasiertes, inklusionsorientiertes Rahmenkonzept erweitert. Im Zentrum stehen die drei offiziellen Schweizer Lehrpläne, womit ein Anschluss an die offiziellen Bildungsstandards gewährleistet ist. Erweitert werden diese durch elf spezifische Bildungsbereiche, die zentrale Handlungsfelder für Lernende mit Sehbeeinträchtigung darstellen (z.B. Low Vision, Brailleschrift, Access Technologien, sowie Selbstbestimmung, Identität und Teilhabe). Das Rahmenkonzept für das ECS bildet das Universal Design for Learning (UDL, CAST, 2024). Als übergreifendes Konzept verdeutlicht das UDL, dass eine vorausschauende, barrierefreie Gestaltung von Lernumgebungen inklusive Unterrichtsprinzipien stärkt und Spezifika reduziert. Gleichzeitig stellen die elf spezifischen Bildungsbereiche konkrete Voraussetzungen für die Ausgestaltung von UDL beim Vorliegen einer Sehbeeinträchtigung dar. Im Referat werden das Vorgehen und die Ergebnisse aus den drei Projektphasen sowie das daraus entstandene ECS detailliert vorgestellt. Dabei wird vertieft auf die elf spezifischen Bildungsbereiche eingegangen und praktische Beispiele für die Umsetzung gegeben. Ausserdem wird die integrierte Bedarfsschätzung erläutert. Abschliessend wird gemeinsam mit dem Publikum diskutiert, welche praktische Bedeutsamkeit das ECS für die pädagogische Praxis besitzt und inwiefern es an bestehende curriculare Strukturen anschlussfähig ist.
Literatur
Allman, C. B., & Lewis, S. (2014). A Strong Foundation: The Importance of the Expanded Core Curriculum. In C. B. Allman & S. Lewis (Hrsg.), ECC Essentials: Teaching the Expanded Core Curriculum to Students with Visual Impairments (S. 15–30). AFB Press, American Foundation for the Blind.
CAST (2024). Universal Design for Learning Guidelines version 3.0. Center of Applied Special Technology (CAST), https://udlguidelines.cast.org
Hewett, R., Douglas, G., McLinden, M., James, B., L., G., T., Chattaway, Cobb, R. K., Raisanen, S., & Sutherland, J., C. ,. Taylor. (2022). Curriculum Framework for Children and Young People with Vision Impairment (CFVI): Defining specialist skills development and best practice support to promote equity, inclusion and personal agency. RNIB.