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Systemische Zusammenarbeit in der inklusiven Berufsbildung – Ein generisches Modell zur Kooperation in Stützkursen
Zeit:
Dienstag, 01.09.2026:
16:15 - 17:15
Ort:6.4A55
Gebäude 6, Stockwerk 4
Präsentationen
Referat
Systemische Zusammenarbeit in der inklusiven Berufsbildung – Ein generisches Modell zur Kooperation in Stützkursen
René Wüthrich
Eidgenössische Hochschule für Berufsbildung EHB, Schweiz;
Einleitung Zusammenarbeit gilt als zentrale Voraussetzung gelingender Inklusion. In der Schweizer Berufsbildung zeigt sich, dass Unterstützungsmaßnahmen wie Stützkurse und die fachkundige individuelle Begleitung (fiB) besonders dann wirksam sind, wenn Lernorte, Lehrpersonen, Betriebe und kantonale Stellen kohärent zusammenarbeiten. Der Beitrag stellt eine theoretische Konzeption eines generischen Modells systemischer Zusammenarbeit vor, das auf der Auswertung mehrerer Studien zur inklusiven Berufsbildung basiert. Ziel ist es, Kooperation als verbindendes Strukturprinzip zwischen bildungspolitischer Steuerung, schulischer Praxis und individueller Förderung zu beschreiben und Wege zu einer Schule für alle im berufsbildenden Kontext aufzuzeigen.
Theoretische Aspekte Die Konzeption beruht auf einem systemischen Verständnis von Kooperation (Bronfenbrenner 1979; Oelkers 2001) und integriert Ansätze der Inklusions-, Governance- und Professionsforschung (Scheer 2017; Scharnhorst & Kammermann 2018). Ausgehend von einem breiten Inklusionsverständnis nach Rützel (2013) und der UN-Behindertenrechtskonvention wird Zusammenarbeit als transversales Prinzip verstanden, das über fünf analytische Ebenen wirkt: (1) bildungspolitische Steuerung, (2) gesetzliche und normative Vorgaben, (3) organisationale Strukturen und Schulleitungshandeln, (4) methodisch-didaktische Umsetzung sowie (5) individuelle Lern- und Kompetenzentwicklung. Das Modell verknüpft diese Ebenen zu einem dynamischen Interaktionsgefüge, in dem Kooperation sowohl Bedingung als auch Ausdruck inklusiver Schul- und Berufsbildung ist.
Behandelte Fragen
Wie ist Zusammenarbeit in den rechtlichen und institutionellen Strukturen der Berufsbildung verankert?
Welche Formen kooperativer Praxis fördern Inklusion und Lernchancen von Lernenden mit Unterstützungsbedarf?
Wie lässt sich aus bestehenden Forschungsergebnissen ein theoretisch konsistentes Modell systemischer Zusammenarbeit ableiten?
Methodologie Die Modellbildung basiert auf einer umfassenden Dokumenten- und Diskursanalyse von Rechtsgrundlagen, bildungspolitischen Papieren, Evaluationen und wissenschaftlicher Literatur im Zeitraum von 1978 bis 2025. Für die historische Rekonstruktion der Entwicklung und Governance von Stützkursen wurden 44 nationale und internationale Dokumente mittels qualitativer Inhaltsanalyse (Mayring, 2022) in Anlehnung an die drei theoretischen Hauptdimensionen kompensatorische Unterstützung, Governance und Inklusion ausgewertet. Die theoretische Verdichtung stützt sich zudem auf drei komplementäre Studien von Wüthrich zu Unterstützungsmaßnahmen zur Förderung von Inklusion an Berufsfachschulen, zur historischen Entwicklung und Governance von Stützkursen sowie zu einem internationalen Vergleich von Unterstützungsmaßnahmen in der Berufsbildung. Die theoretische Synthese dieser Studien bildet den Kern des generischen Modells.
Ergebnisse Die Ergebnisse zeigen, dass Kooperation auf allen Systemebenen eine zentrale Bedingung für Inklusion darstellt. Auf politischer Ebene wirkt sie als Governance-Mechanismus für Chancengleichheit, auf organisationaler Ebene als Grundlage pädagogischer Innovation und auf didaktischer Ebene als Ausdruck multiprofessionellen Handelns. Besonders relevant erscheinen Formen der Zusammenarbeit, bei denen Stützkurse, fiB und Lernortkooperation in eine gemeinsame Förderlogik integriert werden. Das generische Modell beschreibt diese Wechselwirkungen als zirkulären Prozess, in dem Steuerung, Praxis und individuelle Förderung sich gegenseitig beeinflussen. Es dient als heuristisches Referenzmodell für die Gestaltung inklusiver Förderstrukturen und für empirische Anschlussforschung.
Mögliche Diskussionspunkte Diskutiert werden die Voraussetzungen und Herausforderungen bei der Implementierung des Modells in der Praxis der Berufsfachschulen: Welche Anforderungen ergeben sich für Schulleitungen, Lehrpersonen und Fachkräfte? Wie können Governance-Strukturen Kooperation langfristig sichern? Der Beitrag versteht sich als Einladung, Inklusion als systemische Kooperationsaufgabe zu denken und nicht als additive pädagogische Massnahme.