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Inklusion und Suchtgefahr in einer bisher präventionslosen Welt für Menschen mit Behinderungen
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Conférence
Inklusion und Suchtgefahr in einer bisher präventionslosen Welt für Menschen mit Behinderungen 1Schweizer Institut für Sucht- und Gesundheitsforschung ISGF, Universität Zürich, Zürich,Schweiz; 2PluSport Behindertensport Schweiz, Volketswil, Schweiz; 3Institut für Sportwissenschaft (ISPW), Universität Bern, Universität Bern, Bern, Schweiz; 4Statistics and Data Science, Universität Basel, Basel, Schweiz; Inklusion gilt als zentrale Leitlinie in Bildung, Arbeit, Freizeit und Sport. Menschen mit Behinderungen (MmB) sollen möglichst gleichberechtigt an allen Lebensbereichen teilhaben – und genau das ist eine grosse gesellschaftliche Errungenschaft. Gleichzeitig führt diese erhöhte Teilhabe dazu, dass MmB auch vermehrt mit den «normalen» Konsummustern einer stark substanzorientierten Gesellschaft konfrontiert werden: Alkohol im Vereinsleben, Nikotin in Pausenräumen, Cannabis oder Medikamente im Alltag. Während für die Gesamtbevölkerung zahlreiche Präventionsangebote existieren, sind MmB von diesen Angeboten oftmals faktisch ausgeschlossen – sei es, weil Materialien nicht barrierefrei sind, Inhalte nicht an kognitive oder kommunikative Bedarfe angepasst wurden oder Fachpersonen sich unsicher fühlen. So entsteht eine paradoxe Situation: Inklusion erhöht Teilhabe, gleichzeitig bleiben spezifische Schutzfaktoren aus – eine «prävensionslose Welt» für MmB. Internationale Studien zeigen seit Jahren, dass MmB ein mindestens gleich hohes, oft erhöhtes Risiko für riskanten Substanzkonsum und Abhängigkeit haben. Berichtet werden unter anderem höhere Raten von Alkohol- und Nikotinkonsum bei Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung, erhöhtes Risiko von Schmerzmittel- und Psychopharmaka-Missbrauch bei Menschen mit chronischen Schmerzen oder psychischen Störungen sowie spezifische Vulnerabilitäten bei neurodivergenten Personen. Nationale Arbeiten aus der Schweiz – darunter aktuelle Studien von Kiselev et al. (2023, 2025a, 2025b) – belegen indirekt, dass MmB keineswegs eine „Niedrigrisikogruppe“ darstellen. Allerdings fehlen sowohl repräsentative Befragungen als auch zielgruppenspezifische Erhebungen beim Substanzkonsum. Vielmehr zeigt sich ein Bild, in dem Teile der Zielgruppe überdurchschnittlich stark exponiert sind, gleichzeitig aber kaum Zugang zu angemessener Aufklärung, Beratung und Behandlung haben. Die wenigen vorliegenden Prävalenzdaten zu Substanzkonsum bei MmB deuten einerseits auf strukturelle Risikofaktoren hin (Abhängigkeit von Betreuungspersonen, soziale Isolation, Diskriminierungserfahrungen, psychische Belastungen), andererseits auf konkrete Expositionskontexte: Substanzen als «Schlüssel zur Zugehörigkeit» im Freundeskreis oder im Sportverein, aber auch als Bewältigungsstrategie bei Stress, Schmerzen oder Überforderung. Die Analyse der internationalen Literatur zeigt, dass bestehende Daten oft fragmentarisch sind, bestimmte Gruppen (z. B. Menschen mit Sinnesbehinderungen, komplexen Mehrfachbehinderungen oder in Institutionen lebende Personen) nur unzureichend erfasst wurden und die Perspektive der Betroffenen selbst häufig fehlt. Gleichzeitig existieren international bereits erste Programme, die versuchen, diese Lücke zu schliessen: adaptierte Suchtpräventionsmodule in der Sonderpädagogik, leicht verständliche Materialien zu Alkohol und Nikotin, partizipativ entwickelte Interventionen in Behindertensport und Freizeitangeboten, sowie erste digital gestützte Angebote, die Barrierefreiheit und inklusive Gestaltung berücksichtigen. In der Schweiz hingegen finden sich bislang nur vereinzelte Modellprojekte, häufig zeitlich begrenzt und lokal verankert. Systematische, landesweit implementierte Strategien zur Substanzprävention bei MmB fehlen weitgehend – trotz klarer Hinweise auf Bedarf und Risiko. Im Referat werden zunächst der aktuelle Wissensstand zur Sucht- und Substanzkonsumgefahr bei MmB zusammengefasst sowie zentrale internationale und nationale Studien (inkl. Kiselev 2025) vorgestellt. Darauf aufbauend werden Beispiele bestehender Programme im Ausland und in der Schweiz skizziert und hinsichtlich ihrer inklusiven Qualität, ihrer Niederschwelligkeit sowie ihrer strukturellen Einbettung analysiert. Im Fokus steht dabei die Frage, welche Elemente sich als besonders wirksam und übertragbar für den Schweizer Kontext abzeichnen. Abschliessend werden Schlussfolgerungen und konkrete nächste Schritte diskutiert: Welche Anforderungen ergeben sich für Heilpädagogik, Behindertensport, Schule, Wohneinrichtungen und Gesundheitswesen, um MmB vor den Risiken riskanten Substanzkonsums zu schützen? Wie können Präventionsangebote so gestaltet werden, dass sie sowohl inklusiv als auch spezifisch sind – also weder paternalistisch ausschliessen noch Schutzbedarfe ignorieren? Skizziert werden unter anderem die Notwendigkeit einer systematischen Datenerhebung, die Entwicklung und Evaluation barrierefreier und settingsensibler Präventionsangebote, die Qualifizierung von Fachpersonen sowie der Einbezug von MmB als Expert:innen in eigener Sache. Damit soll deutlich gemacht werden: Echte Inklusion braucht nicht nur Zugang zu Freizeit, Bildung und Gemeinschaft, sondern auch gezielten Schutz vor Suchtgefahren – sonst bleibt sie unvollständig und mit vermeidbaren Risiken verbunden. | ||