Veranstaltungsprogramm
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«Rollenklärung» als Stolperstein. Prozesse einer inklusionsorientierten multiprofessionellen Kooperation.
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Referat
«Rollenklärung» als Stolperstein. Prozesse einer inklusionsorientierten multiprofessionellen Kooperation. Interkantonale Hochschule für Heilpädagogik, Schweiz; Multiprofessionelle Kooperation wird als zentrale Ressource und Bedingung für die Entwicklung und Umsetzung einer Schule für alle verstanden. Doch trotz vielfältiger Bemühungen bleibt die Umsetzung gelingender Kooperation, die sich nicht auf Austausch und Arbeitsteilung beschränkt, eine Herausforderung. Gräsel, Fußangel und Pröbstel (2006)sprachen bereits vor zwei Jahrzehnten treffend von «Sisyphosarbeit», ko-konstruktive Formen der Zusammenarbeit zu fördern. Als Lösung wird vielfach eine vorab geklärte Rollenverteilung zwischen den Berufsgruppen propagiert. Im Referat wird aufgezeigt, dass die funktionalistische Arbeitsteilung entlang professioneller Zuständigkeiten in der inklusiven Schule an ihre Grenzen stößt. Dies wird erstens historisierend, zweitens mit Bezug auf Studien sowie drittens auf der Grundlage von Ergebnissen aus aktuellen Einzelfallstudien dargestellt. Historisiert wird der Ruf nach Rollenklärung in Bezug auf die funktional differenzierte Arbeitsteilung im Anschluss an Durkheim (2012) als Idee der «reinigenden Moderne» (Latour, 2008), die einer inklusionsorientierten Theorie der Mannigfaltigkeiten (Deleuze & Guattari, 1992) entgegensteht. Auf Basis qualitativer Studien werden vier zentrale Grenzen der vorab geklärten Arbeitsteilung aufgezeigt: Erstens werden eher Positionskämpfe als inhaltliche Auseinandersetzungen geführt (Vogel, 2006). Zweitens führt arbeitsökonomische Arbeitsteilung paradoxerweise zu emotionaler Belastung, während ko-konstruktive Zusammenarbeit trotz höherem Zeitaufwand entlastet (Böhm-Kasper, 2018). Drittens werden Problemlagen im Lichte professioneller Deutungspräferenzen konstruiert, wodurch situationsadäquate Lösungen erschwert werden und viertens wird die Essentialisierung von Problemlagen begünstigt (Labhart, 2019). Aktuelle Einzelfallstudien geben einen noch differenzierteren Einblick in die Dialektik der Rollenklärung. Dabei wird insbesondere auf die Aspekte Veränderung/Aufrechterhaltung sowie formell/informell fokussiert. Als Alternative wird ein prozessuales Verständnis multiprofessioneller Kooperation skizziert, das drei Aspekte umfasst: Erstens gilt es, die Situation als Aufgabe zu verstehen und Kurzschlüsse durch Kategorisierungen und Delegation zu vermeiden. Der Blick auf die Erwartungsverletzung (Weisser, 2007) ermöglicht es, institutionalisierte Handlungsmuster der Reflexion freizugeben. Zweitens müssen gruppale Lernprozesse mit ihren Phasen der Nicht-Differenzierung und Differenzierung (Bauleo, 2013) durchlaufen werden, was auch konflikthaft sein kann. Drittens erfolgt die Rollenübernahme nicht vorab, sondern als «Enrolement» (Callon, 2006) in Bezug auf die gemeinsam erörterte Aufgabe. Die Situation selbst wird zur wichtigsten Akteurin, die nach Handlungen «ruft». Dieser Perspektivenwechsel hat Implikationen für mehrere Dimensionen der Tagung: Für die multiprofessionelle schulische Praxis bedeutet dies, dass nicht die Klärung von «wer macht was», sondern die gemeinsame Bearbeitung von «wie gehen wir vor» im Zentrum steht. Für die Qualifizierung von Fachkräften ergibt sich die Notwendigkeit, angehende Professionelle nicht primär in Abgrenzung ihrer Rollen, sondern in der Fähigkeit zur situativen Ko-Konstruktion aus ihrer fachlichen Perspektive heraus auszubilden. Die politische Zusammenarbeit ist gefordert, institutionelle Rahmenbedingungen zu schaffen, die flexible Kooperation jenseits starrer Rollenzuweisungen ermöglichen – etwa durch Settings und Strukturen, die gruppale Lernprozesse unterstützen. Bauleo, A. (2013). Eine Gruppe (Un grupo). In T. von Salis (Hrsg.), Ideologie, Familie und Gruppe (S. 223–236). Zürich: Lit. Böhm-Kasper, O. (2018). Auf mehrere Schultern verteilen. Friedrich Jahresheft, 30–31. Callon, M. (2006). Einige Elemente einer Soziologie der Übersetzung: Die Domestikation der Kammmuscheln und der Fischer der St. Brieuc-Bucht. In A. Belliger & D. J. Krieger (Hrsg.), ANThology. Ein einführendes Handbuch zur Akteur-Netzwerk-Theorie (S. 135–174). Bielefeld: transcript. Deleuze, G., & Guattari, F. (1992). Tausend Plateaus. Kapitalismus und Schizophrenie II. Berlin: Merve. Durkheim, É. (2012). Über soziale Arbeitsteilung: Studie über die Organisation höherer Gesellschaften. Frankfurt am Main: Suhrkamp. Gräsel, C., Fußangel, K., & Pröbstel, C. (2006). Lehrkräfte zur Kooperation anregen—Eine Aufgabe für Sisyphos? Zeitschrift für Pädagogik, 52(2), 205–219. Labhart, D. (2019). Interdisziplinäre Teams in inklusiven Schulen. Eine ethnografische Studie zu Fallbesprechungen in multiprofessionellen Gruppen. Bielefeld: transcript. Latour, B. (2008). Wir sind nie modern gewesen. Versuch einer symmetrischen Anthropologie. Frankfurt am Main: Suhrkamp. Vogel, C. (2006). Schulsozialarbeit. Eine institutionsanalytische Untersuchung von Kommunikation und Kooperation. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. Weisser, J. (2007). Für eine anti-essentialistische Theorie der Behinderung. Behindertenpädagogik, 46(3/4), 237–249. | ||