Veranstaltungsprogramm
Eine Übersicht aller Sessions/Sitzungen dieser Veranstaltung.
Bitte wählen Sie einen Ort oder ein Datum aus, um nur die betreffenden Sitzungen anzuzeigen. Wählen Sie eine Sitzung aus, um zur Detailanzeige zu gelangen.
|
Tagesübersicht |
| Sitzung | |
|
Poster Ort: Galerie | |
| Präsentation 3 | |
Poster
Neurodivergenz: Wenn die Diagnose zur Identität wird University of Brasília (UnB), Brazil; Die durch Fortschritte in den Neurowissenschaften und die Ausweitung digitaler Medien angestossenen soziokulturellen Veränderungen haben zeitgenössische Formen der Sozialisation und Identitätsbildung tiefgreifend beeinflusst (Cover 2016). In diesem Kontext gewinnen Diskurse an Bedeutung, die das medizinische Modell von Behinderung relativieren und seit den 2000er-Jahren den Aufstieg des Neurodiversitätskonzepts stützen. Dieses Konzept erkennt Autismus, ADHS und andere neurologische Variationen als legitime Ausdrucksformen menschlicher Vielfalt an (Singer 2017; Armstrong 2011). Dieser Perspektivwechsel führt zu einem zentralen Phänomen: Die Diagnose, früher stark stigmatisiert, entwickelt sich zunehmend zu einem identitätsstiftenden Element und einer Ressource der Selbstnarration. Digitale Medien spielen dabei eine Schlüsselrolle, da sie als privilegierte Interaktionsräume für neurodivergente Personen fungieren und Identifikation ermöglichen (Yergeau 2018). In diesen Räumen zirkulieren Erzählungen, die traditionelle klinische Kategorien infrage stellen und neue Formen der Subjektivierung hervorbringen. Vor diesem Hintergrund lautet die leitende Forschungsfrage: Wie konstruieren neurodivergente Personen ihre Identität und ihr Self in digitalen Gemeinschaften? Diese Frage ist für die inklusive Bildung besonders relevant, da virtuelle Räume als Ausdrucksarenen dienen, in denen neurodivergente Jugendliche Erfahrungen, Wahrnehmungen und Bedeutungen des schulischen Alltags artikulieren. Die dort entstehenden Stimmen machen Bedürfnisse, Kommunikationsformen und Beteiligungsdynamiken sichtbar, die in formellen schulischen Kontexten häufig verborgen bleiben. Theoretisch ist die Studie in der Mikrosoziologie verortet und stützt sich auf die drei Grundpfeiler des symbolischen Interaktionismus: die soziale Konstruktion von Bedeutung, die symbolvermittelte Interaktion und die fortlaufende Interpretation (Quist-Adade 2018). Ergänzend werden Ansätze der Körpersoziologie herangezogen (Le Breton 2020), die Identität als Ergebnis von Interaktionen und den zugeschriebenen Bedeutungen körperlicher Erfahrungen verstehen. In diesem Rahmen wird das Self als dynamische Konstruktion aufgefasst, die aus sozialen Beziehungen und zeitgenössischen Interaktionsformen, einschliesslich digitaler Umgebungen, hervorgeht. Methodisch handelt es sich um eine dokumentarisch qualitative explorative Analyse mit narrativem Ansatz. Das Korpus umfasst wissenschaftliche Publikationen (2019–2024) sowie digitale Inhalte aus Online-Gemeinschaften zu Autismus, ADHS und Neurodivergenz, gesammelt über Datenbanken (HAL, OpenAIRE, Scopus, Web of Science) und soziale Medien. Die Auswertung erfolgt mittels thematischer Kartierung, Kodierung und interpretativer Analyse (Atlas.ti/MaxQDA), um wiederkehrende Diskursmuster in Literatur und digitalen Räumen zu identifizieren. Die vorläufigen Ergebnisse weisen auf drei zentrale Marker hin: Identität. Die Diagnose fungiert als identitätsstiftender Marker, der in digitalen Gemeinschaften Differenz benennt, Selbstwahrnehmung strukturiert und ein neurodivergentes Self legitimiert. Durch das Zusammenspiel klinischer Diskurse und sozialer Narrative wird sie zu einem Element von Anerkennung und Zugehörigkeit und bietet zugleich eine entlastende Erklärung für schulische Schwierigkeiten. Partizipation. Digitale Gemeinschaften wirken als parallele Beteiligungsräume, in denen neurodivergente Jugendliche Formen der Selbstrepräsentation ausüben. Sie äussern dort Bedürfnisse und schulische Erfahrungen, die in formalen Kontexten kaum Raum finden. Zugehörigkeit. Digitale Inhalte von Personen mit Autismus oder ADHS fördern Anerkennung und Zugehörigkeit und beeinflussen auch neurotypische Peers, die «Differenz» weniger stigmatisiert wahrnehmen. Jugendliche berichten online über sensorische Überlastung, Kommunikationsprobleme, unrealistische Erwartungen und wahrgenommene Ungerechtigkeiten, was wichtige Hinweise liefert, um Barrieren schulischer Partizipation und Formen der Exklusion besser zu verstehen. Literatur Cover, Rob. 2016. Digital Identities: Creating and Communicating the Online Self. Amsterdam: Academic Press / Elsevier. Le Breton, David. 2020. La sociologie du corps. Paris: Presses Universitaires de France. (Collection “Que sais-je?”) Quist-Adade, Charles. 2018. Symbolic Interactionism: The Basics. Wilmington, DE: Vernon Press. Singer, Judy. 2017. NeuroDiversity: The Birth of an Idea. Germany: Judy Singer. Yergeau, Melanie. 2018. Authoring Autism: On Rhetoric and Neurological Queerness. Durham, NC: Duke University Press. | |