Veranstaltungsprogramm
Eine Übersicht aller Sessions/Sitzungen dieser Veranstaltung.
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Session 1/1b: Symposium: Demokratiebildung
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Sektionssymposium SFSE „Demokratiebildung in Österreich zwischen normativer Rahmung und schulischer Praxis“ Demokratiebildung steht gegenwärtig im Spannungsfeld glokaler Transformationsprozesse. Globale politische Polarisierungen, digitale Öffentlichkeiten, Desinformation und autoritäre Tendenzen wirken unmittelbar in lokale Bildungsräume hinein. Schule wird damit zu einem zentralen Ort demokratischer Aushandlung – im Umgang mit Diversität, politischer Kontroversität, Wissenschaftsskepsis oder antidemokratischen Orientierungen. Der Nationale Bildungsbericht 2024 verweist in diesem Zusammenhang nicht nur auf demokratieprägende Herausforderungen, sondern zugleich auf ein deutliches Forschungsdesiderat – insbesondere hinsichtlich belastbarer empirischer Evidenz und institutionalisierter Monitoringstrukturen zur Entwicklung demokratischer Orientierungen und Kompetenzen im Bildungssystem (Lange et al., 2024). Die eingeladene Session der Sektion Schulentwicklung und Schulforschung greift dies auf und bringt aktuelle empirische wie auch konzeptuelle Zugänge zur Demokratiebildung in Österreich in einen systematischen Dialog. Ausgangspunkt ist die Annahme, dass demokratische Bildung kein normativ neutrales Konzept darstellt, sondern diskursiv gerahmt ist und unterschiedliche Demokratieverständnisse impliziert, die jeweils spezifische Annahmen über Subjekt, Gemeinschaft, Partizipation und politische Ordnung implizieren (Sant, 2019). Demokratische Bildungsprozesse im schulischen Kontext lassen sich dabei als mehrdimensionale Erfahrungszusammenhänge fassen, in denen organisationale Strukturen, unterrichtliche Arrangements und individuelle Orientierungen ineinandergreifen: In Anlehnung an das Democratic School Experiences Framework (DSE; de Groot & Lo, 2021) werden demokratische Erfahrungen als Verschränkung von Bildungs- und Partizipationsprozessen auf organisationaler, unterrichtlicher und individueller Ebene konzeptualisiert. Die Beiträge entfalten diese Mehrebenenperspektive in aufeinander bezogenen Dimensionen: (1) Fahrenwald und Froschauer thematisieren demokratische Schulentwicklung in regionalen Netzwerken als organisationale Gestaltungsaufgabe. (2) Quenzel et al. richten den Blick auf demokratische Erfahrungsräume im Unterricht und deren didaktische Ausgestaltung. (3) Meusburger und Ott analysieren politische Grundhaltungen Jugendlicher empirisch und diskutieren deren Bedeutung für schulische Demokratiebildung. (4) Ehrhardt et al. schließen mit einer theoretischen Reflexion zu Möglichkeiten, Grenzen und normativer Rahmung demokratischer Bildung an und stellen die zuvor dargestellten Befunde in einen bildungstheoretischen Zusammenhang. Die Session mündet in eine moderierte, leitfragengestützte Diskussion, die die Beiträge entlang der organisationalen, unterrichtlichen und individuellen Ebene verschränkt und zugleich die normative Rahmung demokratischer Bildung explizit reflektiert. Ziel ist es, Ansatzpunkte für eine kohärente Weiterentwicklung österreichischer Demokratiebildung zu gewinnen. Zugleich wird deutlich, dass nachhaltige Entwicklung ohne systematisch angelegte, begleitende Forschung nicht tragfähig ist: Empirische Analysen, kontinuierliches Monitoring und die explizite Klärung normativer Grundlagen sind zentrale Voraussetzungen, um Demokratiebildung glokal evidenzinformiert weiterzuentwickeln. Beiträge des Symposiums Demokratische Schulentwicklung im Rahmen regionaler Schulnetzwerke Im Nationalen Bildungsbericht 2024 wird die Forderung nach mehr Demokratiebildung in der Schule mit der Notwendigkeit demokratischer Schulentwicklung und dem Aufbau einer demokratischen Schulkultur verknüpft (Lange et al., 2024). In der internationalen Diskussion sind in diesem Zusammenhang regionale Kooperationen im Rahmen demokratischer Bildungslandschaften als eine zentrale Perspektive in den Fokus bildungstheoretischer und bildungspraktischer Überlegungen gerückt (Veith et al. 2018). Der Vortrag skizziert zunächst bildungstheoretische und bildungspolitische Rahmenbedingungen für Demokratiebildung in der Schule in internationaler Perspektive und stellt anschließend ausgewählte empirische Forschungsergebnisse aus einem von der Stiftung Bildung Tomorrow in Wien geförderten Forschungs- und Entwicklungsprojekt zum Aufbau demokratischer Schulkultur und nachhaltiger regionaler Bildungspartnerschaften in Österreich vor. Es handelt sich dabei um das Schulnetzwerk „Lernen durch Engagement. Demokratie in Schulen leben – Gesellschaft mitgestalten“ (https://ph-ooe.at/demokratieinschule), in dem die beteiligten Schulen ‚Lernen durch Engagement‘ (LdE) (engl. Service Learning) als internationalen Ansatz der Demokratiebildung einführen. LdE stammt aus der angloamerikanischen „Citizenship Education“ bzw. „Civic Education“ und kann als eine Form des sozialen Lernens angesehen werden, die gesellschaftliches Engagement und die Übernahme von Verantwortung mit der Entwicklung kognitiver, persönlicher und demokratischer Kompetenzen verbindet. Das notwendige Fachwissen wird zunächst im Unterricht erlernt und anschließend im Rahmen von konkreten Projekten in der Gemeinde umgesetzt. Auf diese Weise entsteht eine neue Kultur der Kooperation zwischen Schulen, Gemeinden und Partnerorganisationen. Die Schulen werden dabei in ihrem Schulentwicklungsprozess von Anfang an von Schulentwicklungsberater*innen unterstützt. Im Rahmen der Begleitforschung wurden Expert*inneninterviews mit Schul- und Projektleitungen sowie mit Schulentwicklungsberater*innen geführt und mittels induktiv-deduktiver Kategorienbildung inhaltsanalytisch ausgewertet. Im Mittelpunkt standen folgende Forschungsfragen: 1. Wie sieht die demokratiepädagogische Praxis an den Schulen aus? 2. Wie wird demokratische Schulentwicklung im Rahmen des Schulnetzwerks unterstützt? 3. Welche Bedeutung schreiben die beteiligten Akteure der Schulentwicklungsberatung zu? Die Forschungsergebnisse zeigen, dass sich Demokratiebildung mit LdE nicht ohne weiteres in der herkömmlichen Schulpraxis verankern lässt. Notwendig wird vielmehr ein Prozess der schulischen Organisationsentwicklung, der Strategien der inneren und äußeren Öffnung von Schule beinhaltet und Auswirkungen auf die gesamte Schulkultur hat (Müller & Fahrenwald 2023). Die Schulentwicklungsberatung stärkt nach Einschätzung der befragten Akteure Entwicklungsprozesse, indem sie Orientierung und Sinn stiftet, Prozessgestaltung unterstützt, praxisnahe und pädagogisch fundierte Beratung bietet, verlässliche Strukturen aufbaut und den Transfer zwischen der Netzwerk- und Einzelschulebene unterstützt (Froschauer & Fahrenwald 2026). Die Einführung von LdE lässt sich somit als ein wirksames Instrument der demokratischen Schulentwicklung verstehen, das neue Formen der Zusammenarbeit zwischen unterschiedlichen internen und externen Akteuren im Rahmen von komplexen inter- und intraorganisationalen Kooperationssettings notwendig macht. Bibliografie
Froschauer, J. & Fahrenwald, C. (2026). School Development Consulting in Networks – Current Research Perspectives from Austria. In: Frontiers in Education - Leadership in Education (under review) Lange, D., Kierot, L., Breser, B. & Beutel, W. (2024). Demokratiebildung. Konzepte, Strategien und Perspektiven. In: Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung (Hrsg.): Nationaler Bildungsbericht. Österreich. S. 467-510. Müller, N. & Fahrenwald, C. (2023): Demokratische Schulentwicklung zwischen Theorie und Praxis. In: A. Mensching, N. Engel, Claudia Fahrenwald, M. Hunold & S. M. Weber (Hrsg.): Organisation zwischen Theorie und Praxis. Jahrbuch Organisationspädagogik. Wiesbaden: Springer VS, S. 199-214. Veith, H., Buhl, M., Förster, M. und Weiß, M. (2018): Demokratische Bildungslandschaften. In: Buhl, Monika, Förster, Mario, Veith, Hermann und Weiß, Michaela (Hrsg.): Demokratische Bildungslandschaften. Jahrbuch Demokratiepädagogik 2018/2019. Frankfurt/M.: Wochenschau Verlag, S. 18-28. Demokratie erleben Als zentraler Ort, an dem junge Menschen Demokratie lernen können, gilt in demokratischen Gesellschaften die Schule (Council of the European Union, 2023). Dieses Zusammendenken von Erziehung und politischer, demokratischer Bildung hat in Europa und den USA eine lange Tradition und prominente Vertreter:innen wie Kant, Rousseau, Schleiermacher, Durkheim, Dewey und Honneth. Bei der Übertragung dieser Ansätze in den Schulalltag stellt sich jedoch die Frage nach besonders geeigneten Schulformen und Unterrichtkonzepten, die demokratische Bildung ermöglichen. Hierzu möchte dieser Vortrag einen Beitrag leisten. In Deutschland, Österreich und der Schweiz wird demokratische Bildung als Querschnittsaufgabe verstanden, durch die demokratische Werte, Kompetenzen und Partizipation fächerübergreifend in der gesamten Schulkultur verankert wird. Auch das Schulgesetz und die Lehrpläne eröffnen in allen drei Ländern erhebliche Spielräume für eine aktive Beteiligung von Schüler:innen (Jungkunz et al., 2023). Die Demokratiebildung als Querschnittsaufgabe wird jedoch angesichts voller Lehrpläne und multipler Anforderungen an Schüler:innen und Lehrer:innen häufig als Zusatzaufgabe wahrgenommen, für die im Schulalltag kaum Zeit bleibt. In einem zweieinhalbjährigen, internationalen Wissenschafts-Praxis-Dialog-Projekt (www.demokratie-erleben.at/) sind Wissenschaftler:innen, Lehrpersonen und Schüler:innen in verschiedenen Formaten (Vorträge, Barcamp, Aktionsforschung, Zukunftswerkstatt) zusammen der Frage nachgegangen, wie junge Menschen in Schule und Unterricht konkret demokratische Erfahrungen machen. Theoretisch baut das Projekt dabei auf den Überlegungen von John Dewey (1916/1980) auf, nach dem Demokratie vor allem über praktische Erfahrungen erlernt wird. Die Ergebnisse zur Frage, wie Demokratie als Lebensstil in den Schulalltag integriert werden kann, haben wir entlang zentraler Begriffe aus Philosophie und politischer Theorie geordnet, etwa Interesse, Moral, Mündigkeit, Streit, Solidarität, Entscheidung, Demos und Öffentlichkeit (Quenzel et al., 2026). Dabei geht es nicht um zusätzliche Inhalte und Aufgaben, sondern darum, bestehende schulische Strukturen und Formate in kleinen oder auch großen Schritten im Unterricht, in der Klasse, auf Schulebene sowie im öffentlichen Raum im Sinne demokratischer Werte und echter Teilhabe weiterzuentwickeln. Im Vortrag begründen wir die Relevanz dieser Begriffe für die demokratische Bildung in der Schule und zeigen an Praxisbeispielen, wie entlang dieser Begriffe eine schrittweise Demokratisierung von Schule und Unterricht ermöglicht wird. Die Überlegungen und Praxisbeispiele ergeben selbstverständlich keine abgeschlossene Sammlung zu den Fragen, wie Schüler:innen an den sie betreffenden Entscheidungen aktiver beteiligt werden können oder wie Schule Demokratie als Lebensform besser erfahrbar machen kann. Es sind ausgewählte Einblicke in gelebte Praxis, die zum Austausch und zur Nachahmung einladen wollen. Bibliografie
Council of the European Union. (2023). Council conclusions on the contribution of education and training to strengthening common European values and democratic citizenship (C/2023/1339). https://eur-lex.europa.eu/legal-content/EN/TXT/PDF/?uri=CELEX:52023XG01339 Dewey, J. (1980 [1916]). Democracy and Education. In J. Dewey, The Middle Works, 1899-1924, Band 9. Southern Illinois University Press. Jungkunz, S., Lehnerer, E., & Renna, A. (2023). Strukturelle und gesetzliche Rahmenbedingungen schulischer Mitbestimmung. In G. Quenzel, M. Beck, & S. Jungkunz (Hrsg.), Bildung und Partizipation. Mitbestimmung von Schülerinnen und Schüler in Deutschland, Österreich und der Schweiz (S. 21–43). Barbara Budrich. Quenzel, G., Lehnerer, E., Meusburger, K., Ha, J., Hachfeld, A. (2026). Gemeinsam Demokratie erleben - Wie Schule aussieht, wenn Schüler:innen mehr mitbestimmen. Beltz. Politische Grundhaltungen Jugendlicher Die Demokratie als Regierungsform gerät weltweit unter Druck. Auch in Österreich stellt sich die Frage nach der Akzeptanz demokratischer Grundwerte und der Repräsentation dieser durch die Politik. Im Kern umfasst Politik dabei alle Aktivitäten und Handlungen, die sich auf staatliche Institutionen und politische Prozesse beziehen. Ziel ist es, Entscheidungen vorzubereiten oder zu treffen, die dem Gemeinwohl dienen und für die gesamte Gesellschaft verbindlich sind. Partizipation, Repräsentation und Regelungs- einschließlich Steuerungsstrukturen bilden zentrale Dimensionen demokratischer Qualität (Merkel, 2018). Werden Defizite in diesen Bereichen wahrgenommen, kann dies das Vertrauen in politische Institutionen und in die Demokratie insgesamt schwächen (Dahmen et al., 2024). Relevant ist hierbei insbesondere das Demokratieverständnis von Jugendlichen: Es beeinflusst sowohl ihre soziale Integration als auch die zukünftige Stabilität und Qualität demokratischer Prozesse in der Gesellschaft. Hier setzt der Beitrag an und nimmt Demokratieverständnis, Demokratiezufriedenheit und das politische Interesse Jugendlicher in den Fokus. Es wird der Frage nachgegangen, ob sich typische politische Grundhaltungen bündeln lassen, und zu klären, womit diese wiederum zusammenhängen. Ziel ist ein differenzierteres Verständnis politischer Grundhaltungen Jugendlicher. Für die Analyse wird auf die Daten der im Frühjahr 2025 durchgeführten Jugendstudie „Lebenswelten 2025“ zurückgegriffen. Es beteiligten sich österreichweit mehr als 15.000 Schüler:innen der 8. bis 12. Schulstufe an der Online-Befragung, die im Klassenverbund stattfand. Es handelt sich um eine repräsentative Stichprobe von Schulklassen aller Schultypen in Österreich, mit Ausnahme der Sonderschulen. Der Rücklauf beläuft sich auf rund zwei Drittel der anvisierten Stichprobe. Die Studie wurde 2025 – nach der ersten Erhebung im Jahr 2020 – zum zweiten Mal durchgeführt. Dies ermöglicht auch einen Trendvergleich zwischen den zwei Befragungszeitpunkten. Die Ergebnisse zeigen, dass die Zufriedenheit mit der Demokratie in den letzten fünf Jahren deutlich gesunken ist. Waren 2020 noch 70 Prozent der Jugendlichen sehr oder ziemlich zufrieden damit, wie die Demokratie in Österreich funktioniert, sind es 2025 nur noch 42 Prozent. Das Interesse an Politik ist seit 2020 hingegen gestiegen. Zunehmend, aber weiterhin auf niedrigem Niveau, ist es für Jugendliche wichtiger, sich politisch zu engagieren. Auch eine Typisierung der Jugendlichen hinsichtlich ihrer demokratischen Grundhaltung ist auf Basis der Daten möglich. So lassen sich drei Gruppen identifizieren – die demokratisch Gesinnten, die Unzufriedenen und die Gleichgültigen. Auf diese wird im Beitrag näher eingegangen und die Ergebnisse mit Blick auf die Demokratiebildung diskutiert. Bibliografie
Dahmen, S., Demir, Z., Ertuğrul, B., Kloss, D., & Ritter, B. (2024). Politisierung von Jugend – Zur Einführung. In dies. (Hrsg.), Politisierung von Jugend (S. 11–22). Beltz Juventa. Jugendforschung Pädagogische Hochschulen Österreichs, J. P. H. (Ed.). (2026). Lebenswelten 2025. Einstellungen und Werte von Jugendlichen in Österreich. (1. Auflage). Beltz Juventa. Merkel, W. (2018). Challenge or crisis of democracy. In W. Merkel, & S. Kneip (Hrsg.), Democracy and crisis: Challenges in turbulent times (S. 1–28). Springer Cham. https://doi.org/10.1007/978-3-319-72559-8 | ||
