Veranstaltungsprogramm
Eine Übersicht aller Sessions/Sitzungen dieser Veranstaltung.
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Session 6i: Symposium: Jugendwohnungslosigkeit
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Bildung ohne festen Ort: Perspektiven auf Jugendwohnungslosigkeit in Zeiten von Glokalisierung Jugendwohnungslosigkeit steht exemplarisch für die sozialen Bruchstellen in einer glokalisierten Welt: Junge Menschen, die weder stabil im Bildungssystem noch im sozialen Netz verankert sind, erfahren die wechselwirksamen Dynamiken globaler und lokaler Herausforderungen in besonderer Härte. Dabei kann die global zunehmende Jugendwohnungslosigkeit als Ausdruck verdichteter Ausschluss- und Bildungsrisiken verstanden werden, die sich in Zeiten multipler Krisen – wie ökologische und geopolitische Umbrüche, digitale Transformationsprozesse und gesellschaftliche Polarisierung – verschärfen. Darauf deuten auch Befunde hin, die aufzeigen, dass Wohnungslosigkeit nicht zufällig über die Bevölkerung verteilt ist (Bramley/Fitzpatrick 2019). Vielmehr ist die Wahrscheinlichkeit, wohnungslos zu werden, durch eine Reihe individueller, sozialer und struktureller Faktoren, zu denen ein Aufwachsen in marginalisierten und prekären Lebenslagen wie Armut oder stationäre Erziehungshilfen gezählt werden kann, bestimmt. Zugleich kann Jugendwohnungslosigkeit auch als Symptom struktureller Desintegration beschrieben werden. Denn während die gesellschaftlichen Erwartungen an Mobilität, Flexibilität und Bildungsbereitschaft steigen, fehlen insbesondere jungen Menschen aus prekären und marginalisierten Lebenslagen die basalen Ressourcen und stabilen Beziehungen, um diese Anforderungen einzulösen. Bislang rückt Bildung wohnungsloser junger Menschen in Zeiten der Glokalisierung nur marginal in den wissenschaftlichen Fokus. Dies aufgreifend wird in dem Symposium danach gefragt, wie Bildung – verstanden im umfassenden Sinn als formale, non-formale und informelle Bildung – nicht nur reaktiv kompensatorisch wirken, sondern auch Räume für Selbstermächtigung, Partizipation und Teilhabe eröffnen kann. Mit Fokus auf Bildungserfahrungen junger Wohnungsloser, die überproportional häufig als bildungsbenachteiligt beschrieben werden können (Lotties, 2024), wird Bildung hierbei als relationale Praxis verstanden, die sowohl von globalen Idealen von Chancengleichheit als auch von lokal unterschiedlich ausgestalteten Unterstützungsstrukturen bedingt wird. Damit widmet sich das Symposium der Frage, wie Bildungsprozesse gestaltet werden können, um Partizipation und gesellschaftliche Teilhabe zu stärken sowie Risiken gesellschaftlicher Exklusion zu verringern. Um die Einflüsse globaler wie lokaler Prozesse und deren Wechselwirkungen auf Bildung beleuchten und dabei länderspezifische Herausforderungen angemessen berücksichtigen zu können, wird innerhalb des Symposiums über die Bündelung von Beiträgen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz eine internationale Perspektive eingenommen. Anhand dreier Forschungsprojekte wird sodann reflektiert, wie junge Menschen in prekären und marginalisierten Lebenslagen vor und während der Wohnungslosigkeit trotz glokaler Herausforderungen bildungsgerecht adressiert werden können. Konkret möchten wir in dem Symposium erstens den (Aus-)Wirkungen gesellschaftlicher und biografischer Krisen auf Wohnungslosigkeit, nachgehen. Zweitens werden biografische Bildungserfahrungen junger Wohnungsloser vor dem Hintergrund altersgemäßer Ressourcen und Beziehungen befragt sowie drittens die differenten Unterstützungssystemen und (Transformations-)Perspektiven Wohnungsloser zentral gesetzt. Dadurch rückt Bildung über die individuelle Aufstiegsmöglichkeit hinaus als tragende Kraft in schnell beschleunigten, global vernetzten Gesellschaften in den Blick. Beiträge des Symposiums Bildungserfahrungen junger Wohnungsloser in Deutschland Durch gesellschaftliche Krisen verschärfen sich Vulnerabilitäten und soziale Ungleichheiten werden sichtbarer, wobei Menschen in prekären und deprivierten Lebenslagen in besonderer Weise von Krisen betroffen sind. Eingeschränkte Möglichkeiten gesellschaftlicher Partizipation, die unter anderem auf fehlende bzw. unzureichende Bildung(sabschlüsse) zurückgeführt werden können, manifestieren solche von gesellschaftlicher Exklusion bedrohte Lebensverhältnisse. In der gesellschaftlichen Wahrnehmung wird die Verantwortung, in Wohnungslosigkeit zu geraten, insbesondere jungen Menschen selbst zugeschrieben und häufig mit deren vermeintlichem Desinteresse an gesellschaftlichen Normalitätsvorstellungen begründet (Sonnenberg 2025). Wenig Beachtung findet – auch vor dem Hintergrund einer internationalen Zunahme junger Wohnungsloser – die Frage danach, welche neuen Herausforderungen und Anforderungen Zeiten von Glokalisierung für junge Menschen bereithalten. Anhand eines biografisch angelegten Forschungsprojekts zum Schulbesuch junger Wohnungsloser in Deutschland, soll dieser Frage nachgegangen werden (Kliche/Annen 2025). Denn Bildung(-sabschlüsse) stellt (bzw. stellen) eine zentrale Präventionsstrategie vor Risiken wie Armut und gesellschaftlicher Exklusion dar – für einige junge Menschen scheint diese Präventionsstrategie jedoch nicht zum Tragen zu kommen. Dabei zeigt die Analyse der biografisch-narrativen Interviews, dass lokale Hilfe- und Bildungssystemen nicht unbedingt in einem Passungsverhältnis zu den Bedürfnissen junger Menschen stehen, die etwa aus globalen Krisenregionen geflüchtet sind. Nicht anerkannte Bildungserfahrungen und -abschlüsse des Herkunftslandes einerseits sowie verwehrte bzw. erschwerte Zugänge zu Angeboten der Jugendhilfe andererseits erschweren eine gesellschaftliche Integration und begünstigen aufseiten der jungen Menschen das Erleben von Exklusion. Zugleich verdeutlicht die Analyse informeller Bildungsgelegenheiten, dass die deprivierte Lebenslage junger Wohnungsloser nicht nur mit eingeschränkten Handlungsspielräumen, sondern insbesondere auch mit einer anderen gesellschaftlichen Bewertung von Mobilität einhergeht: Während Auslandsaufenthalte und Reisen altersgleicher Peers als wertschöpfend gelten, werden vergleichbare Mobilitätsformen dieser Jugendlichen als Ausdruck instabiler Lebensführung abgewertet. Mit Bezug auf formale und informelle Bildungsprozesse adressiert der Vortrag einerseits Herausforderungen, die im Zusammenspiel globaler Krisen und lokalen Hilfe- und Bildungssysteme entstehen, andererseits die in Abhängigkeit zur Lebenslage stehenden gesellschaftlichen und biografischen Bewertungsmuster globaler Anforderungen an junge Menschen. Bibliografie
Kliche, H., & Annen, P. (2025). School attendance from the perspective of homeless young adults – Between family, youth care and homelessness. Child & Youth Services. https://doi.org/10.1080/0145935X.2025.2487044 Sonnenberg, T. (2025). In Deutschland muss niemand wohnungslos sein – Diskriminierung von wohnungslosen Personen. In D. Borstel, J. Brückmann, L. Nübold, B. Pütter, & T. Sonnenberg (Hrsg.), Handbuch Wohnungs- und Obdachlosigkeit (S. 279–291). Springer VS. Wohnungslosigkeit im Übergang aus der Jugendhilfe: Biografische Perspektiven von Care Leaver:innen in Österreich Der Übergang aus der stationären Kinder- und Jugendhilfe in ein eigenständiges Erwachsenenleben stellt für Care Leaver:innen eine tiefgreifende und institutionell stark beschleunigte Statuspassage dar, in der bislang tragende soziale Einbindungen in Frage gestellt und brüchig werden. In einer Zeit, in der gesellschaftlich erhöhte Anforderungen an Mobilität, Flexibilität und Bildungsbereitschaft gestellt werden, geraten junge Menschen mit instabilen sozialen Beziehungen und begrenzten Ressourcen besonders schnell in prekäre Wohn- und Lebenslagen. Jugendwohnungslosigkeit kann vor diesem Hintergrund als Ausdruck struktureller Desynchronisation verstanden werden, in der globale Leistungs- und Bildungsnormen auf lokal unzureichend ausgestaltete Unterstützungsstrukturen treffen. Ausgehend vom FWF-Forschungsprojekt „Bedeutung von Familie im Übergang aus der Jugendhilfe“ (FWF P35300-G) wird der Frage nachgegangen, wie familienbezogene Erfahrungen und soziale Netzwerke den Übergang aus der Jugendhilfe prägen und welche Bedeutung sie im Hinblick auf das Risiko von Wohnungslosigkeit haben. Ziel des Beitrags ist es, die Rolle sozialer Beziehungen sowie institutioneller Übergangsarrangements für Wohnstabilität und gesellschaftliche Teilhabe von Care Leaver:innen empirisch fundiert zu analysieren. Methodisch basiert die Studie auf biografisch-narrativen Interviews mit Care Leaver:innen in Österreich sowie auf egozentrierten Netzwerkanalysen, die Einblicke in Struktur und Qualität sozialer Beziehungen im Übergang ermöglichen. Die Ergebnisse zeigen, dass viele junge Menschen nach dem Ende der Jugendhilfebetreuung mit instabilen Wohnverhältnissen, sozialer Isolation und Exklusion konfrontiert sind, Entwicklungen, die sich unmittelbar auf Bildungsbiografien und Teilhabemöglichkeiten auswirken. Trotz häufig belasteter Beziehungserfahrungen rückt die Herkunftsfamilie in dieser Phase darum oft erneut in den Fokus, da alternative Unterstützungsangebote nicht oder nur unzureichend verfügbar sind. Diese familialen Kontakte erweisen sich jedoch meist als ambivalent und selten als langfristig stabilisierend. Die Ergebnisse verdeutlichen, dass Jugendwohnungslosigkeit von Care Leaver:innen weder individualisierend noch ausschließlich über familiale Problemlagen erklärbar ist. Vielmehr erweist sie sich als Ergebnis kumulierter institutioneller Brüche, unzureichender Übergangsbegleitung und struktureller Teilhabebarrieren, die sich im Kontext glokaler Ungleichheitsverhältnisse verschärfen. Der Beitrag plädiert daher für bildungs- und sozialpolitische Ansätze, die auf kontinuierliche und verbindliche Begleitung sowie nachhaltige Wohnstabilität ausgerichtet sind. Bibliografie
Ehlke, C., & Thomas, S. (2023). Leaving Care und die Veränderung persönlicher Beziehungen im Übergang aus stationären Erziehungshilfen ins Erwachsenenleben. Österreichisches Jahrbuch für Soziale Arbeit, 1, 183–204. Ie, J., Ursin, M., & Vicente-Marino, M. (2022). Foster children’s views of family: A systematic review and qualitative synthesis. Children and Youth Services Review, 132, Article 106337. Sting, S., & Streißgürtl, G. (2025). Bildungschancen und Bildungswege von Care Leavers. Jugendhilfe, 63(5), 434–440. Bildung und Wohnungslosigkeit: Herausforderungen für Jugendliche und junge Erwachsene in der Schweiz Obdach- bzw. Wohnungslosigkeit bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen auf. Schwierige und gescheiterte Verläufe im Bereich formaler Bildung können Ausdruck biographischer Krisen sein, die dazu führen, dass Jugendliche und junge Erwachsene ihr bisheriges «Home» (z.B. Elternhaus) verlassen. Bildungsverläufe sind zudem belastet, wenn Jugendliche in Notunterkünften, auf der Gasse oder bei Dritten notdürftig übernachten und gleichzeitig eine schulische Ausbildung absolvieren. Im Zentrum des Beitrags steht der staatliche und zivilgesellschaftliche Umgang mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen in solchen prekären Wohnsituationen unter der Perspektive von Bildung und Ausbildung. Basierend auf Dokumentenanalysen und qualitativen Interviewdaten mit Hilfeeinrichtungen und betroffenen Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die aus der vom Schweizer Nationalfonds unterstützten Studie «Jugendobdachlosigkeit in der Schweiz – Eine Analyse der Lebenslagen und Verwirklichungschancen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen auf Basis einer multimethodischen Mehrebenenanalyse» (Jugendobdachlosigkeit in der Schweiz - Obdachlosigkeit), stammen, wird aufgezeigt, wie stark der Leistungsgedanke in der Wohnsicherung inzwischen verankert ist. Es zeigt sich in den vier untersuchten Städten, dass Unterstützungsleistungen im Bereich Wohnen zumindest teilweise an die Bedingungen von Bildungsbereitschaft und Nachgehen einer (Aus-)Bildung gekoppelt sind. In diesem Sinne befinden sich junge Menschen in prekären Wohnsituationen in einem Übergangsregime, das primär auf die Integration in Erwerbsarbeit ausgerichtet ist (vgl. Stolz/Gonon 2008). Zudem werden Zugangsbarrieren verdeutlicht, die einer ökonomischen Logik (Dahmen 2017 et al.) folgen: diejenigen jungen Menschen, die am vulnerabelsten sind (bspw. «Sans-papiers»), werden kaum unterstützt, wohingegen jene, für die ein «return on investment» vermutet wird, eher Hilfen erhalten. Der Beitrag schliesst mit einer Perspektivenerweiterung und zeigt das Potential für Betroffene auf, wenn Hilfen und Unterstützung unter Anwendung eines erweiterten Bildungsverständnisses im Sinne von Ermächtigung und (politische) Teilhabe konzipiert sind (Bochsler 2020). Bibliografie
Bochsler, Y. (2020). Governing Young Poor in Switzerland and Reinforcing Their Work Ethics. Zeitschrift für Sozialreform, 66(4), 471–96. https://doi.org/10.1515/zsr-2020-0020. Dahmen, S., Bonvin, J.-M., & Beuret, B. (2017). The dynamics of youth policies in Switzerland: Between participation and activation. In H.-U. Otto, V. Egdell, J.-M. Bonvin, R. Atzmüller, & J. Kepler (Eds.), Empowering young people in disempowering times (pp. 144–159). Edward Elgar. Stolz, S., & Gonon, P (2008). "Das „Übergangsregime“ in der Schweiz – Von der Sekundarstufe I in die Berufsbildung". Arbeit, 17 (4), 298–310. https://doi.org/10.1515/arbeit-2008-0407. | ||
