Veranstaltungsprogramm
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Session 6f: Symposium: Schulbildung Anthropozän
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Schulbildung im Anthropozän Der Klimawandel, der Verlust gesunder Ökosysteme und Artenvielfalt sowie menschen- und tierrechtliche Krisen markieren zentrale Herausforderungen des Anthropozäns – einer Epoche, in der menschliche Aktivitäten sogar zentrale Erdsystemprozesse nachhaltig verändern. Schmelzende Gletscher, häufigere Extremwetterereignisse, der Verlust biologischer Vielfalt und die industrielle Tierhaltung stellen nicht nur ökologische, sondern auch tiefgreifende moralische Fragen: Welche Verantwortung tragen wir gegenüber zukünftigen Generationen, gegenüber marginalisierten Gemeinschaften und nicht-menschlichen Lebewesen? Diese Verflechtung aus naturwissenschaftlichen Erkenntnissen, politischen Interessen und ethischen Dilemmata wird unter dem Begriff „socio-scientific issues“ (SSI) gefasst. Sie können nicht mit einfachen, sektoralen Lösungen und traditionellem Denken in Schulfächern adressiert werden. Um solche komplexen Probleme konstruktiv zu bewältigen, brauchen Lernende spezifische Kompetenzen: wissenschaftliche Grundbildung (Scientific Literacy), um Daten kritisch zu bewerten; Systemdenken, um Rückkopplungen und Zielkonflikte zu erkennen; ethische Urteilskompetenz, um Werte, Rechte und Pflichten transparent abzuwägen; sowie kommunikative Fähigkeiten, um pluralistische Perspektiven dialogisch einzubinden. Dazu gehört auch die Fähigkeit zur Argumentation auf Basis von Evidenz, zur Berücksichtigung von Unsicherheit und zur Reflexion von Machtverhältnissen und globaler Gerechtigkeit. Empathie und Perspektivübernahme erweitern die moralische Gemeinschaft, indem sie das Leid von Menschen und Tieren sichtbar machen. Schließlich erfordert das Handeln im Anthropozän demokratische Partizipation und transdisziplinäre Zusammenarbeit, damit Wissen in gerechte, wirksame und nachhaltige Entscheidungen übersetzt wird. Die Entwicklung dieser Kompetenzen ist keine optionale Bildungserweiterung, sondern eine Voraussetzung, um im Angesicht planetarer Grenzen verantwortungsvoll und handlungsfähig zu bleiben. Die drei Beiträge des Symposiums skizzieren einen Weg von der Diagnose (Komplexität, Desinformation, normativ geprägte Materialien) über den Kompetenzrahmen (Meta-Scientific Literacies) zur Umsetzung (komplexitätsadäquate, partizipative Lernökologien), um naturwissenschaftliche Bildung im Anthropozän handlungs- und demokratiefähig zu machen: Sie verorten naturwissenschaftliche Bildung im Spannungsfeld gesellschaftlicher Transformationsprozesse: Klimawandel, Des-/Fehlinformation, schwindendes Vertrauen in Institutionen und normativ aufgeladene Mensch–Tier-Verhältnisse. Sie plädieren für eine Erweiterung klassischer Scientific Literacy um metawissenschaftliche, systemische und ethische Kompetenzen, die Handeln, Urteilen und Partizipation in komplexen sozio-ökologischen Systemen ermöglichen. Gemeinsam adressieren sie die Rolle von Bildungsmedien, Lernsettings und Lehrer:innenbildung als Hebel für Wandel – von der Rahmenentwicklung (SciLMi) über systemisches Lernen (Klimabildung) bis hin zur kritischen Analyse bestehender Diskurse (Schulbücher). Die Beiträge beruhen auf konzeptionellen Überlegungen zu Schulbildung und Komplexität (Beitrag 2), Diskursanalysen (Schulbücher, Beitrag 3), sowie wissenschaftlich begleiteten Erfahrungen mit erweiterten Kompetenzmodellen (Beitrag 1) und Open-Schooling-Projekten (Beitrag 2). Beiträge des Symposiums ScilMi Teacher Academy - Naturwissenschaftliche Bildung im Kontext gesellschaftlicher Veränderungen Klimawandel und die Verknappung natürlicher Ressourcen stellen sowohl globale als auch lokale Herausforderungen dar, denen sich die Menschheit als Kollektiv, einzelne Nationen, regionale Gruppen und jedes Individuum stellen müssen. Fehl- und Desinformationen in sozialen Medien und Internetforen beeinflussen alle diese Ebenen sozialer Organisation. Das Vertrauen in Wissenschaft und staatliche Institutionen schwindet zunehmend und stellt eine der größten Bedrohungen für demokratische Systeme dar – nicht nur in Europa, sondern aktuell besonders deutlich auch in den USA. Von Bildung im Allgemeinen und Schulbildung im Besonderen wird erwartet, dass sie Wege aus dieser Krise aufzeigt. Lehrkräfte stehen in der Verantwortung, entsprechende Kompetenzen zu erwerben und Kinder sowie Jugendliche dabei zu unterstützen, sich als verantwortungsbewusste, kompetente und demokratische Bürgerinnen und Bürger in einer zunehmend digitalen Welt zu entwickeln. Um diesen Anforderungen Rechnung zu tragen, erweitert die aktuelle Rahmenkonzeption PISA 2025 für den Bereich Naturwissenschaften den Kanon naturwissenschaftlicher Kompetenzen (Scientific Literacy) um weitere Schwerpunkte. Künftig werden weitere Kompetenzen von Schüler:innen erfasst, wie „naturwissenschaftliche Informationen recherchieren, bewerten und für Entscheidungsfindungen“ nutzen zu können. Darüber hinaus werden affektive Faktoren, die unter dem Konzept der „naturwissenschaftlichen Identität“ beschrieben werden, sowie die „Handlungskompetenz im Anthropozän“ berücksichtigt (OECD 2023). Naturwissenschaftlicher Unterricht, der ausschließlich auf den Erwerb von Scientific Literacy abzielt, greift daher zu kurz. Lehrpersonen sind vielmehr angehalten, Lerngelegenheiten zu schaffen, die den Erwerb dieser erweiterten Kompetenzen ermöglichen. „Metascientific Literacy Skills“ wird als Schirmbegriff für ein Kompetenzmodell eingeführt, das naturwissenschaftliche Kompetenzen mit Medienkompetenz und nachhaltiger Handlungskompetenz verknüpft. Ziel ist es, im Schulunterricht den Erwerb komplexer Denkstrukturen (Higher Order Thinking Skills) in der Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Herausforderungen zu fördern (Owen & Sadler, 2024). Das Konsortium der EU-Erasmus+-Teacher-Academy „Meta-Scientific Literacies in the (Mis-)Information Age“ (SciLMi) entwickelt ein entsprechendes Rahmenmodell sowie hybride Aus- und Fortbildungsmodule, die im Rahmen des Vortrags vorgestellt und diskutiert werden. Ziel ist es, künftige und praktizierende Lehrpersonen forschungsbasiert und praxisorientiert zu befähigt, kritisches Denken und einen souveränen Umgang mit naturwissenschaftlichen Inhalten in einem diversitätssensiblen Unterricht zu fördern. 22 Partnereinrichtungen bauen ein paneuropäisches Netzwerk auf, um den internationalen Erfahrungsaustausch zwischen Schulen, Universitäten, Fortbildungszentren, Bildungsdirektionen und außerschulischen Stakeholdern zu stärken. Bibliografie
Owen, D.C. & Sadler T.D. (2024). Socio-scientific issues instructions for scientific Literacy: 5E Framing to enhance teaching practice. School Science and Mathematics, 124 (1) 203–210. OECD (2023). PISA 2025 Science Framework (second draft). https://pisa-framework.oecd.org/science-2025/assets/docs/PISA_2025_Science_Framework.pdf Steger, M. & Kapelari, S. (2025). Empowering Teachers and Learners to Engage with Socio-Scientific Issues: Bridging Theory and Practice with a Cross-Disciplinary Framework of Meta-Scientific Literacies. Workshop, 26 August 2025 (09:00-10:30). ESERA 2025, Stockholm. Klimabildung – Lernen in komplexen Systemen Der Klimawandel ist ein komplexes Phänomen, das Menschen, andere Lebensformen und ganze sozio-ökologische Systeme weltweit bedroht. Es überfordert unsere bisherigen Problemlösungsstrategien und verlangt nach einem transformativen Lernprozess in Gesellschaft und Bildung. Jugendliche wünschen sich mehr Aufklärung über den Klimawandel, eine spielerische, lösungs- und handlungsorientierte Vermittlung von Wissen und Kompetenzen anhand lernendenzentrierter, erfahrungsorientierter und kritisch-reflexiver Lernmethoden. Sie fordern mehr Mitspracherecht bei der Entscheidungsfindung über Klimamaßnahmen in der Schule, mehr Unterstützung und Ressourcen für ihre Lehrer:innen und eine kontextualisierte Klimabildung durch Engagement in der lokalen Gemeinschaft (UNESCO 2022). Während die Appelle des Weltklimarates immer dringlicher werden und die Jugendlichen sich mehr Wissen und Handlungskompetenz sowie die Beteiligung an bedeutungsvollen Veränderungsprozessen wünschen, bleiben die Antworten der Bildungspolitik und Bildungspraxis vorerst unbefriedigend. Letztere scheitert mit ihren mechanistischen und linearen Vorstellungen von Lernen an der Realität komplexer dynamischer bio-sozialer Systeme. Der Klimawandel ist das Paradebeispiel schlechthin für komplexe sozio-ökologische Systeme, die durch nichtlineare Zusammenhänge wie positive Rückkoppelungsdynamiken und Kipppunkte, Emergenz und Koevolution gekennzeichnet sind. Ein System ist am gesündesten, wenn es sich in einer produktiven Spannung zwischen Ordnung und Chaos befindet und mit ausreichend innerer Variabilität dynamisch auf innere und äußere Veränderungen antworten kann. In diesem Punkt sind soziokulturelle Systeme nicht anders als Spezies-Umwelt-Systeme oder lernende Organismen. Diese Erkenntnisse fließen zunehmend in die Bildungswissenschaft ein, wo ein ökologisches Paradigma gefordert wird, das nicht nur Bildung für den Wandel (transmissiv) bereitstellt, sondern sich selbst auch verändert (transformativ) (Sterling 2001). Dieser Beitrag wendet die Complex Adaptive Systems Theorie konkret auf den Bildungskontext an, um einerseits die frustrierenden Grenzen von Bildung aufzuzeigen, die sich daraus ergeben, dass viele andere Systeme wie etwa Wirtschaft, Politik und Kultur eine transformative bildungsorientierte Dynamik wesentlich blockieren können. Andererseits nutzt dieser Beitrag die Systemtheorie, um die Bedingungen für eine Bildungstransformation aufzuzeigen. Sie verweisen vor allem auf die Notwendigkeit, die Quellen von Variabilität und Innovation durch partizipative Lernprozesse auf individueller und kollektiver Ebene zu fördern. Eine konkrete Umsetzungsmöglichkeit dieser Prinzipien sehen die Autor:innen in dem europäischen Open-Schooling-Modell (Weinberg & Kapelari 2023). Während im Allgemeinen Lehrer:innen nicht als zuständig für die Veränderung des Bildungssystems angesehen werden, ermöglichen Open-Schooling-Projekte ihnen, ihren Schüler:innen und deren sozialem Umfeld bottom-up zu Veränderungsprozessen beizutragen. Neben der Dekonstruktion mechanistischer und linearer Vorstellungen von Lernen im Kontext des Klimawandels und der Präsentation einiger systemtheoretischer Prinzipien im Kontext von Schule, soll die Vorstellung einiger lokaler Open-Schooling-Projekte zur Diskussion mit Pädagog:innen in unterschiedlichen Bildungskontexten anregen. Bibliografie
Spannring, R., & Waechter, N. (2025). Youth and climate crisis: participation and learning in complex, adaptive systems. Zeitschrift für Bildungsforschung, 15(1), 9-20. Sterling, St. (2001). Sustainable Education. Re-visioning Learning and Change. Totnes, UK: Green Books UNESCO (2022). Youth demands for quality climate change education. Paris: UNESCO Weinberg, L.; Kapelari, S. (2023). MOST. Meaningful Open Schooling Connects Schools To Communities. Manual to plan and perform SCP, https://icse.eu/wp-content/uploads/2023/03/D3.1-WP3-Manual-for-schools_final.pdf Tiere in österreichischen Biologie-Schulbüchern Schulbücher fungieren als zentrale Medien der Wissensvermittlung und -legitimation und nehmen damit eine Schlüsselrolle in der Verschränkung globaler Wissensordnungen mit lokalen Bildungsprozessen ein. Der Beitrag zeigt, wie nichtmenschliche Tiere in österreichischen Biologie-Schulbüchern der Sekundarstufe I (vor der Lehrplan-Reform 2023) diskursiv konzeptualisiert und welche normativen Mensch-Tier-Verhältnisse dabei transportiert worden sind. Theoretisch ist die Analyse in der Kritischen Diskursanalyse sowie in der tierethisch informierten Perspektive der Human-Animal Studies verortet. Methodisch werden der diskurslinguistische Zugang nach Bendel Larcher mit Anleihen der Ökolinguistik nach Stibbe kombiniert. Empirische Grundlage bildet eine qualitative Analyse zugelassener österreichischer Schulbücher, wobei die Strategien der kommunikativen Konzeptualisierung – insbesondere Selektions-, Zuschreibungs- und Kontextualisierungsprozesse – im Mittelpunkt stehen. Anhand exemplarischer Fallanalysen zeigt der Beitrag, dass biologische Merkmale systematisch selektiv gewichtet und mit soziokulturellen Funktionszuschreibungen verschränkt werden. Tiere erscheinen überwiegend entlang einer Nützlichkeitsskala, die ein anthropozentristisches Weltbild als Ordnungsprinzip normalisiert. Im Sinne des Kongressthemas wird argumentiert, dass Schulbücher als lokale Bildungsmedien globale, historisch gewachsene Wissens- und Wertordnungen aufnehmen, transformieren und stabilisieren. Die Analyse versteht Schulbuchwissen damit als glokales Produkt diskursiver Wissens(re)produktion und leistet einen Beitrag zur kritischen Schulbuch- und Bildungsforschung im Kontext gegenwärtiger gesellschaftlicher Transformationsprozesse. Bibliografie
Bendel Larcher, S. (2023). Linguistische Diskursanalyse. Narr Francke Attempto. Cole, M., & Stewart, K. (2014). Our Children and Other Animals. Routledge. Pedersen, H. (2011). Animals in Schools: Processes and Strategies in Human–Animal Education. Purdue University Press. Stibbe, A. (2021). Ecolinguistics: Language, Ecology and the Stories We Live By. Routledge, 2. Aufl. Wodak, R., & Meyer, M. (Hrsg.). (2016). Methods of Critical Discourse Studies. Sage, 3. Aufl. | ||
