Veranstaltungsprogramm
Eine Übersicht aller Sessions/Sitzungen dieser Veranstaltung.
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Session 3l: Symposium: Bildungstheorie
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Gemeinschaftsorientierung - Zukunftsvisionen - Vermittlungslogiken. Pädagogische Modi der Glokalisierung Vor dem Hintergrund aktueller globaler Krisen- und Katastrophendiagnosen sowie dynamisierter Prognosen hierzu, die zwischen alltäglicher Bewältigung und präventiver Entgegenwirkung sowie der Notwendigkeit plötzlicher Verhaltensreaktionen oszillieren, untersucht das Symposium die Formen der Pädagogisierung glokaler Problemlagen aus historischer, theoretischer und vergleichender Perspektive. Die übergeordnete Zielperspektive des Symposiums besteht darin, sich der Identifizierung des State-of-the-Art zu vergewissern, um die Gefahr der Wiederholung bereits Gewusstem zumindest zu minimieren. Denn thematische Konjunkturen als Reaktionen auf gesellschaftliche Herausforderungen wurden für die Pädagogik und die erziehungswissenschaftliche Forschung als typisch problematisiert (Keiner 1999). So stehen auch zur Zeit — u.a. politisch entsprechend propagiert — Imperative des Kosmopolitismus und globaler Bürger*innen, aber auch der fast ‚biedermeierlich‘ anmutende Rückzug in Privatheit, abgegrenzte und homogene Kleingruppen gegenüber. Sie alle operieren mit liminalen Differenzierungen bzw. Überwindungen mit entsprechenden pädagogischen Aufträgen in einer sich aktualisierenden Risikogesellschaft (Beck 1986). Das Symposium zielt auf die Bearbeitung der Frage, wie sich jene Modi der Glokalisierung in lokalen pädagogischen Kontexten niederschlagen, transformiert werden oder handlungsleitend (un)wirksam werden. Vor diesem Hintergrund kann das Symposium dazu beitragen, offene Forschungsfragen sowie bestehende Forschungsbedarfe einer erziehungswissenschaftlichen Theoriebildung zum Nexus von „gesellschaftlichem Zusammenhalt und glokalen Problemlagen“ systematisch zu identifizieren und analytisch zu differenzieren. Auf diese Weise sollen diese Modi nicht nur hervorgehoben und benannt, sondern zugleich reflexiv zugänglich sowie theoretisch und empirisch anschlussfähig gemacht werden. Die drei Beiträge des Symposiums gehen dieser Problemstellung auf strukturierte und historisch-systematische Weise nach. Sie ergänzen sich somit gegenseitig hinsichtlich der ausgewiesenen Fragestellung. Der erste Beitrag untersucht empirisch-deskriptiv nach pädagogischen Reaktionen auf die atomare Bedrohung in den 1980er-Jahren und setzt sie ins Verhältnis zu einer heutigen systematische Theoriebildung. Der zweite Beitrag beleuchtet systematisch die erziehungswissenschaftlichen Theoriebestände zur Glokalisierung und fragt normativ-präskriptiv nach den Konsequenzen für eine zeitgemäße Bildungstheorie. In einer weiteren exemplarischen Tiefenbohrung wird das Fachkapitel Philosophie/Ethik des in Deutschland jüngst überarbeiteten und vorgelegten „Orientierungsrahmen[s] Globale Entwicklung“ (Engagement Global gGmbH, 2025) hinsichtlich seiner Strukturlogik und der Frage nach der Glokalität untersucht. Ein die Beiträge übergreifender Kommentar von Frau Prof.`in Dr. Anke Wischmann (Europa-Universität Flensburg) leitet in die gemeinsame Diskussion ein. Es ist vorgesehen, die Beiträge des Symposiums in der Fachzeitschrift Paragrana – Internationale Zeitschrift für Historische Anthropologie (Ausgabe 01/2027) zu publizieren und sie um weitere Beiträge zu ergänzen, die im Rahmen eines Calls for Papers gewonnen werden. Die Personen, die das Symposium bestreiten, fungieren für diese Ausgabe der Zeitschrift als Gast-Editor*innen. Eine entsprechende positive Zusage liegt durch den geschäftsführenden Herausgeber Prof. Dr. Christoph Wulf vor. Beiträge des Symposiums Pädagogik & Risiko. Genealogische Betrachtungen pädagogischer Reaktionen auf Krisen und Katastrophen Angesichts erneuter Krisendiskussionen, die sowohl Kriege als auch die Folgen der Klimakatastrophe unter dem Aspekt des ‚Vorbereitet-Seins‘ pädagogisieren und individualisieren, untersucht dieser Beitrag die erziehungswissenschaftlichen und pädagogischen Bearbeitungen dieser Problemlagen. Mittels einer Systematic Literature Review über (erziehungs-)wissenschaftliche Datenbanken (FIS-Bildung; ERIC, etc.) werden die pädagogischen und erziehungswissenschaftlichen Diskurse der 1980er Jahre aufgegriffen, die vor dem Hintergrund des Kalten Krieges, der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl sowie einer allgegenwärtigen „atomaren Bedrohung“ (Höfling 1984) entstanden sind. In dieser Zeit wurden zum einen bundesweite Studien vorgelegt, die sich einerseits mit den Zukunftsängsten von Kindern und Jugendlichen befassten und zum anderen pädagogische Ansätze entwickelt, die auf eine konstruktive Mitgestaltung von Umwelt und Gesellschaft zielten. Zentral war dabei die Herausbildung sogenannter „friedensfähiger“ Subjekte sowie holistisch verstandener pädagogischer Konzepte, die Friedenserziehung, politische Bildung und Umwelterziehung miteinander verschränkten. Zugleich gewann – ähnlich wie in gegenwärtigen Debatten – die „Sorge um die Zukunft der jüngeren Generationen“ (Su 2024, 401) an Bedeutung und wurde mit aktualisierten allgemeinpädagogischen Kategorien verknüpft. Pädagogisches Handeln wurde als Verantwortung für eine gefährdete Zukunft gefasst und darauf bezogen, Hoffnung nicht nur als individuelles Gefühl, sondern als pädagogisch zu fördernde Disposition zukunftsgerichteter Orientierung und Verantwortungsübernahme zu konzeptualisieren. Der Beitrag rekonstruiert insbesondere die Aktualisierungen von Hoffnungs- und Gemeinschaftsbildung sowie Verantwortungszuschreibung im Pädagogischen, wie sie etwa bei Schnoor (1988) im Anschluss an psychoanalytische und gesellschaftstheoretische Überlegungen entfaltet wurden. Vor diesem historischen Hintergrund kontrastiert der Beitrag die pädagogischen Konzepte der 1980/90er Jahre mit gegenwärtigen nationalen Diskursen zu Preparation, Desaster- und Risk-Education sowie zur Notfall- und Bevölkerungsschutzpädagogik. Dabei wird herausgearbeitet, inwiefern sich der Fokus von emanzipatorisch-kollektiven und zukunftsoffenen Bildungsansätzen hin zu stärker sicherheitsorientierten, präventiven, resilienzstärkenden und verhaltensregulierenden Programmen verschoben hat. Mitverhandelt wird dabei die Frage, wie Wissen aus Militär-, Katastrophenschutz-, Risiko- und Umweltwissenschaften in pädagogische Konzepte übersetzt und über diese individualisiert wird. Im Ergebnis lassen sich unterschiedliche Formen pädagogischer Subjektivierung identifizieren: Während in den 1980er Jahren das hoffnungsfähige, reflexive und friedensorientierte Subjekt im Zentrum stand, tritt gegenwärtig zunehmend das resiliente, vorbereitete und selbstverantwortliche Risikosubjekt in den Vordergrund. Bibliografie
Höfling, W. (1984). Erziehung angesichts atomarer Bedrohung. Dissertation. Heidelberg. Schnoor, H. (1988). Psychoanalyse der Hoffnung. Die psychische und psychosomatische Bedeutung von Hoffnung und Hoffnungslosigkeit. Heidelberg: Roland Asanger Verlag Su, H. (2024): ,Wir wollen eine Zukunft'. Ein Entwurf zum Grundproblem einer Pädagogik der gefährdeten Zukunft. Zeitschrift für Soziologie der Erziehung und Sozialisation, 44 (4), S. 401-417 Vielfalt ohne Gemeinschaft? Auszüge erziehungswissenschaftlicher Theoriebestände zur Glokalisierung Auch in der erziehungswissenschaftlichen Debatte um das Phänomen Glokalisierung sind in den letzten Jahrzehnten vielfältige und interessante Theoriebestände gewachsen. Sie reichen vom Curriculum und Lehrer*innenhandeln als Grundlage kosmopolitischer Erziehung (vgl. Hansen 2011), über die pädagogische Etablierung von Weltgesellschaften als Antwort auf Nationalismen (Meyer et al. 1997) zu (impliziten) Fragen nach Gemeinschaft, im Anschluss an Ulrich Becks Zweite Moderne einer Risikogesellschaft (Bunghardt/Dederich 2019), die exemplarisch in diesem Beitrag fokussiert werden sollen. Zentral dabei erscheint, wie im Spannungsfeld der Modi von Glokalisierung Gemeinschaft gedacht, pädagogisch beauftragt respektive hergestellt werden könnte, wenn gegenwärtig ein starker Fokus auf Individuelles vorherrscht. Die beständig spannungsreiche, aber auch konstruktive Ausverhandlung von global und lokal wird gerade dann noch gesteigert, wenn neben Individuen auch Kollektive mitgedacht werden. Eine historisch informierte, wissenschaftstheoretische Betrachtung ab den 2000ern soll hierzu Aufschluss geben. Der Beitrag wird in drei Schritten also den Fragen nachgehen, wie a) in ausgewählter, jüngerer erziehungswissenschaftlicher Literatur Glokalität und Gemeinschaft beschrieben werden, um b) hier ‚pädagogische Verantwortlichkeiten‘ anzuschließen und c) welche glokalen Wirkkräfte in einer ‚zeitgemäßen Bildungstheorie‘ zu berücksichtigen wären. Die systematische Bearbeitung von einflussreichen (d.h. häufig zitierten) Publikationen, vor allem ‚neo-institutionalistischer‘ Provenienz und wie oben exemplarisch genannt, wird auf Argumentationsebene nach Verantwortlichkeitsübertragungen an ‚Pädagogisches‘ durchsucht, d.h. der Versuch unternommen, zu ergründen, wann und wo die beschriebenen Modi der Glokalisierung mit pädagogischen Einsätzen (von Pädagog*innen) und Aufträgen (an pädagogische Institutionen) versehen werden, ehe im letzten Vortragsabschnitt die bildungstheoretische Frage nach glokaler Vergemeinschaftung erörtert wird. Letzteres erscheint vor dem Hintergrund gegenwärtig stark individualistisch und ‚klassisch‘ gedachter bildungstheoretischer Ansätze produktive Debatten anstoßen zu können, wie kollektiv globale und lokale Herausforderungen anzugehen wären. Bibliografie
Bunghardt, Daniel; Dederich, Markus (2019): Riskante Modernisierung. Ulrich Becks Theorie der sozialen und individuellen Verwundbarkeit. R. Stöhr et al. (Hrsg.): Schlüsselwerke der Vulnerabilitätsforschung. Wiesbaden: Springer, 169-183, https://doi.org/10.1007/978-3-658-20305-4_10 Hansen, David T. (2011): The Teacher and the World. A Study of Cosmopolitanism as Education. New York: Routledge Meyer, John W.; Boli, John; Thomas, George M.; Ramirez, Francisco O. (1997): World Society and the Nation State. American Journal of Sociology, 103(1), 144-181 Zum Ringen um die Bestimmung und Vermittlung der Beziehung zwischen lebensweltlichem Bezug und globaler Weltsicht in der Fächergruppe Philosophie und Ethik In der Pädagogik und in erziehungswissenschaftlichen Diskursen dürfte unstrittig sein, dass angesichts der dramatischen wissenschaftlichen Prognosen bezüglich der sogenannten natürlichen Lebensgrundlagen aller biologischen Lebewesen auf dem Planeten Erde die Pädagogik und die Erziehungswissenschaft im Hinblick auf all ihre Fragestellungen und bisherigen Antworten grundlegend zu reflektieren sind. In diesem thematischen Zusammenhang und bezogen auf „Bildung für nachhaltige Entwicklung in der gymnasialen Oberstufe“ beansprucht der in Deutschland jüngst vorgelegte und überarbeitete „Orientierungsrahmen Globale Entwicklung“, der aus einer Zusammenarbeit der Kultusministerkonferenz und des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung entstand, Antworten zu geben. Das Dokument wird zugleich als zentraler Beitrag zum UNESCO-Programm „Bildung für nachhaltige Entwicklung 2030“ und zur deutschen Nachhaltigkeitsstrategie angesehen (Engagement Global gGmbH, 2025). In Verbindung mit diesen Themen ist das Fachkapitel Philosophie/Ethik bezüglich der Frage nach der Glokalität von Interesse, weil es beansprucht, konzeptionell-präskriptiv zu bestimmen, wie der lebensweltliche, also lokale Bezug der zu unterrichtenden Schüler*innen mit einer „globalen Weltsicht“ zugleich ermöglicht werden kann (vgl. ebd., S. 378). In dem Vortrag wird die Frage im Zentrum stehen, wie diese glokale Verbindung modelliert ist, also welche Strukturlogik sich für das Fachkapitel bezüglich der Frage der Glokalität im aufgerufenen Themenkomplex rekonstruieren lässt und wie diese beschaffen ist. Angelehnt an den Forschungsansatz der Pädagogischen Forschung (Gruschka, 2011) und methodisch an die Objektive Hermeneutik(Wernet, 2009) wird mittels der Rekonstruktion des Fachkapitels für die These argumentiert, dass die „Ungewissheit” (a. a. O., S. 375) bezüglich der Problemlage zwar angesprochen, aber sowohl inhaltlich als auch didaktisch-methodisch an den Rand geschoben wird, sodass sie nicht strukturbildend für das Fachkapitel wird. Pointiert und zugespitzt formuliert: Bezüglich der skizzierten Problemlage des Mensch-Natur-Verhältnisses beziehungsweise der anvisierten sozial-ökologischen Transformation soll sich durch Philosophie-/Ethik-Unterricht alles ändern, der Philosophie-/Ethik-Unterricht selbst jedoch nicht. Dennoch schließt dies Veränderungen in der Praxis selbstverständlich keineswegs aus. Ebenso wenig ist ausgeschlossen, dass die beanspruchten Effekte (im weiten Sinne) bei den Schüler*innen bezüglich der anvisierten sozial-ökologischen Transformationen eintreten. Beides betrifft die Empirie der Pädagogik. Zwar trifft das normativ-konzeptionelle Fachkapitel Aussagen über die Empirie, diese sind jedoch nicht im soliden argumentativen Sinn wissenschaftlich gestützt. Vor diesem Hintergrund wird der Beitrag mit der Identifizierung und Benennung von Forschungsdesideraten und Forschungsfragen enden, wobei die Thematik der Glokalität besonders berücksichtigt wird. Hierfür wird auf das Fachkapitel und dessen analytische Rekonstruktion aufgebaut und darüber hinausgegangen. Die Forschungsdesiderata und Forschungsfragen werden zu einer gegenwärtig in der Entwicklung befindlichen Meta-Theorie der Bildung für nachhaltige Entwicklung in Relation gesetzt. Bibliografie
Engagement Global gGmbH (Hrsg.). (2025). KMK/BMZ Orientierungsrahmen Globale Entwicklung – Bildung für nachhaltige Entwicklung in der gymnasialen Oberstufe. Westermann Druck. Gruschka, A. (2011). Pädagogische Forschung als Erforschung der Pädagogik: Eine Grundlegung. B. Budrich. Wernet, A. (2009). Einführung in die Interpretationstechnik der Objektiven Hermeneutik (3. Auflage). VS Verlag für Sozialwissenschaften. https://doi.org/10.1007/978-3-531-91729-0 Globale Inklusionsforderung und lokale Umsetzungsräume Die historische Entwicklung von Inklusion zeigt, dass es sich neben einem pädagogischen Konzept vor allem um ein universelles Menschenrecht handelt, das weltweit den Anspruch auf gleichberechtigte Teilhabe sichert. Ausgehend von der Salamanca-Erklärung (UNESCO, 1994), die den Ansatz der Inclusive Education weltweit etablierte, über die UN-Behindertenrechtskonvention (UN, 2006) bis hin zu den Sustainable Development Goals, insbesondere SDG 4 (Hochwertige Bildung) und SDG 10 (Weniger Ungleichheiten) der Agenda 2030 (UN, 2015), hat sich eine globale Forderung herausgebildet, die Bildung als gerechte Teilhabe für alle definiert. Diese internationalen normativen Rahmungen verdeutlichen, dass Inklusion und Bildungsgerechtigkeit nicht als optionale sozialpolitische Maßnahmen, sondern als verbindliche menschenrechtliche Verpflichtungen zu verstehen sind (Köpfer et al., 2021, Riemer & Wierzbicka, 2023). Im Sinne der Glokalisierung entfalten diese globalen Zielvorgaben normative Wirkmacht, indem sie nationale Gesetzgebungen, schulorganisatorische Strukturen und professionelle Handlungspraxen unter Legitimations- und Veränderungsdruck setzen. Gleichzeitig muss in der (intra)nationalen Umsetzung eine Re-Kontextualisierung stattfinden, bei der globale Leitlinien auf spezifische regionale und lokale Bildungstraditionen, institutionelle Routinen, verfügbare Ressourcen und Haltungen treffen und neu ausgehandelt werden (Powell & Richardson, 2016). Die drei Beiträge des Symposiums beleuchten diese Spannungsfelder ländervergleichend entlang ausgewählter Schwerpunkte. . Einführend werden die historischen Entwicklungslinien und die Policy-Analyse in Österreich (am Beispiel Tirol), der Schweiz (am Beispiel des Kantons Zürich) und Italien (am Beispiel Südtirol) vorgestellt. Darauf aufbauend werden im ersten Beitrag auf der Basis von empirischen Daten aus dem Forschungsprojekt “Inklusive Bildungsräume in Tirol und Südtirol” soziale Ungleichheiten in den jeweiligen Regionen in den Blick genommen, um zu analysieren, wie sich nationale Richtlinien auf die Bildungsungleichheiten auf der Handlungsebene auswirken. Im zweiten Beitrag wird ausgehend von Daten aus dem Forschungsprojekt “Schulübergreifende Kooperationen” analysiert, welche Formen von schulübergreifender Kooperation inklusive Bildungsräume ermöglichen. Am Beispiel von Schulclustern in Österreich und Schulsprengeln in Südtirol werden Chancen, Herausforderungen und strukturelle Rahmenbedingungen aufgezeigt. Der dritte Beitrag fokussiert eine Gemeinde im Kanton Zürich und geht der Frage nach, wie mit der menschenrechtlichen Verpflichtung “Inklusion” im Rahmen des Projekts “Transformation zur tragfähigen integrativen Schule” umgegangen wird. Dabei werden einerseits Dokumente und andererseits Interviewdaten ausgewertet, um zu ergründen, welche Rolle die UN-BRK spielt. Das Symposium widmet sich den zentralen Fragen: Welche Spannungsfelder zeigen sich zwischen dem globalen normativen Anspruch inklusiver Bildung und lokalen Umsetzungspraktiken, in denen Inklusion als Aushandlungsprozess sichtbar wird? Welche Potenziale bieten internationale Vergleichsstudien, das national Vertraute zu befremden und dadurch reflexive Prozesse sowie strukturelle Transformationen anzustoßen, die zur nachhaltigen Verankerung globaler Rechtsansprüche auf Inklusion in lokalen Praktiken beitragen? Beiträge des Symposiums Inklusive Bildung und soziale Ungleichheit zwischen Policy und Praxis: Eine ländervergleichende Perspektive auf Österreich und Italien Der erste Beitrag analysiert die Umsetzung inklusiver Bildung im Spannungsfeld globaler Anforderungen, nationaler Rahmenbedingungen und lokaler Umsetzungspraktiken auf der Basis von empirischen Daten aus dem ethnografischen Forschungsprojekt „Inklusive Bildungsräume in Tirol und Südtirol“ (2024–2027). Ausgangspunkt des Beitrags ist die UN-Behindertenrechtskonvention als globaler normativer Referenzrahmen inklusiver Bildung, sowie ein breites Verständnis von Inklusion nach Prengel (2019). Im Mittelpunkt des Projekts steht die Frage, wie die gesetzlichen Rahmenbedingungen inklusiver Bildung in Italien und Österreich ausgestaltet sind und welche Ähnlichkeiten und Unterschiede sich in den Einstellungen, Erklärungsmustern und schulischen Praktiken schulischer Akteur:innen in Tirol und Südtirol zeigen. Im Projekt werden zunächst die historischen Entwicklungslinien inklusiver Bildung der beiden Länder verglichen sowie die Policy-Dokumente in Bezug auf Inklusion analysiert. Im ethnographischen Teil des Projekts stehen teilnehmende Beobachtungen in jeweils zwei Grundschulen in Tirol und Südtirol im Zentrum, um die konkreten inkludierenden und exkludierenden Praktiken zu untersuchen. Dabei werden in vier Schulen teilstrukturierte Interviews mit Schulleitungs-, Lehrpersonen und weiteren Unterstützungspersonen sowie mit den Schüler:innen durchgeführt. Ausgewertet wird das empirische Material anhand der Grounded-Theory (Breuer et al., 2017). Ziel des Projekts ist es, die daraus entstehenden Spannungsfelder zwischen normativen Vorgaben, institutionellen Strukturen und schulischen Praktiken sichtbar zu machen. Im Beitrag werden zunächst die zentralen Ergebnisse der Policy-Analyse vorgestellt. Der Vergleich der beiden kontrastierenden Bildungssysteme macht deutlich, dass die UN-Behindertenrechtskonvention, welche in Italien 2007 und in Österreich 2008 ratifiziert wurde, einen globalen Standard setzt aber in den beiden Nachbarregionen Tirol und Südtirol auf sehr unterschiedliche nationale und regionale Strukturen trifft: Während Italien bereits seit 1977 konsequent die Auflösung von Sonderschulen vollzogen hat, besteht in Österreich weiterhin eine duale Struktur von Sonder- und Regelschulen (Buchner & Proyer, 2020). Mit dem Gesetz 104/1992, welches das Recht der Integration und sozialer Teilhabe von Menschen mit Behinderung vorsieht, wurde eine im internationalen Vergleich sehr frühe Implementation auf nationaler Ebene erreicht (Ferri, 2017). Darauf aufbauend werden die Ergebnisse der Analyse der ethnographischen Daten auf Grundlage der Ebenen sozialer Ungleichheit nach Bronner & Paulus (2021) vorgestellt und Formen und Mechanismen von Benachteiligung differenziert herausgearbeitet. Dabei wird gezeigt wie sich nationale Richtlinien (Systemebene) auf bestehende Vorstellungen und dominante Diskurse zu sozialer Ungleichheit (Symbolebene) sowie auf konkrete Erfahrungen von schulischen Akteur:innen (Subjektebene) auswirken, sich gegenseitig beeinflussen und im schulischen Alltag (re-)produziert oder auch irritiert werden. Abschließend werden zentrale Spannungsfelder und inklusive Bildung als nicht-linearer Prozess diskutiert, in dem Bildungsungleichheiten intersektional als Ergebnis sich überlagernder sozialer Kategorien verstanden werden. Bibliografie
Bronner, K. & Paulus, S. (2021). Soziale Ungleichheiten. In Intersektionalität: Geschichte, Theorie und Praxis. (S. 15-64). UTB Buchner, T. & Proyer, M. (2020). From special to inclusive education policies in Austria – developments and implications for schools and teacher education. European Journal of Teacher Education, 43(1), 83–94. Ferri, D. (2017). Inclusive education in Italy: a legal appraisal 10 year after the signature of the UN convention on the rights of persons with disabilities. Ricerche di Pedagogia e Didattica–Journal of Theories and Research in Education, 12(2), 1-22. Prengel, A. (2019). Pädagogik der Vielfalt. Verschiedenheit und Gleichberechtigung in Interkultureller, Feministischer und Integrativer Pädagogik. VS Springer Transformationsprozess zur inklusiven Schule in einer Gemeinde in der Schweiz – wo bleibt die UN-BRK? In der Schweiz wurde die UN-BRK erst 2014 unterzeichnet. Aus einer historischen Perspektive wurde schulische Integration stärker durch Elterninitiativen als durch internationale Rechtstexte gefordert (Moser Opitz, 2011). Somit lässt sich ein Transformationsverständnis von rechtlich verbriefter Inklusion als top-down-Prozess der sich von internationalen Vorgaben phasenweise auf nationale und schulische Ebenen überträgt, wie es Mejeh (2021) beschreibt, für den Schweizer Kontext nicht bestätigen. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, welche Rolle die UN-BRK in Schulen in der Schweiz spielt. Eine Möglichkeit, der Rolle der UN-BRK nachzugehen, besteht darin, mit möglichst wenigen Voraus-Setzungen und Vorannahmen, lokale Entwicklungsprozesse zu beleuchten. Dabei hilft methodologisch und epistemologisch die Akteur-Netzwerk Theorie (Latour, 2007), die einer symmetrischen Prämisse auf menschliche und nicht-menschliche Wesen folgt – z.B. Schulleitungen, Politiker:innen, Rechtstexte oder Schulhausbauten – , sowie einen sozial flachen Blick ermöglicht: Es gibt keine Ebenen und keine Re-Kontextualisierungen, sondern Übersetzungen und Netzwerkbildungen. In Akteurnetzwerken gibt es Ein- und Ausgeschlossenes – Akteure und Aktanten (ebd., S. 123). Vor diesem Hintergrund wird die blackbox (Latour, 2007) UN-BRK als menschenrechtlich verbrieftes Desiderat aufgebrochen. Dabei stellt sich die Frage: Macht die UN-BRK ,,einen Unterschied im Verlauf der Handlung irgendeines anderen Handlungsträgers oder nicht?” (ebd.). Das Forschungsprojekt ,,Transformation zur tragfähigen integrativen Schule” (2024 – 2028) analysiert in einer Schulgemeinde im Kanton Zürich welche Verflechtungen (Latour, 2007) in welcher Form zur Tragfähigkeit der Schulen beitragen und wie sich diese durch Schulentwicklungsprozesse verändern oder transformieren lassen. Über drei Jahre werden drei Mal Daten erhoben (quantitative Fragebogenerhebung sowie qualitative Interviews). Das Projekt hat zum Ziel, spezifisches Reflexionswissen zu schulischen Transformationsprozessen zu generieren. Im Beitrag wird nachgezeichnet, wie sich dieses kantonale inklusionsorientierte Schulentwicklungsprojekt im Prozessverlauf von der Initiierung bis zur momentanen Umsetzung zusammengesetzt und gewandelt hat. Dazu wird auf Dokumente (z.B. Schulleitbilder und kantonrelevant Dokumente) und Interviewdaten (Gruppendiskussionen mit multiprofessionellen Teams und Interviews mit Schulleitungspersonen) des ersten und zweiten Erhebungszeitpunktes zurückgegriffen und diese mit der Situationsanalyse (Clarke, 2003) ausgewertet. Ein erstes Ergebnis, mittels der Darstellung durch eine “ActorNetwork-Map” macht sichtbar, dass die UN-BRK in den untersuchten Schulen kaum eine Rolle spielt. Es zeigt sich ein Spannungsfeld zwischen Inklusionsbestrebungen, im Sinne tiefgreifender Transformation und dem Wunsch den steigenden sonderpädagogischen Kosten im bestehenden System entgegenzuwirken. Diese Ergebnisse werden vor dem Hintergrund des schweizerischen Umgangs mit der UN-BRK diskutiert. Bibliografie
Clarke, A. E. (2003). Situational Analyses: Grounded Theory mapping after the postmodern turn. Symbolic Interaction, 26(4), 553–576. Latour, B. (2007). Eine neue Soziologie für eine neue Gesellschaft. Frankfurt am Main: Suhrkamp. Mejeh, M. (2021). Inklusive Bildung als Institution am Beispiel Schweiz. In A. Köpfer, J. J. W. Powell, & R. Zahnd (Hrsg.), Handbuch Inklusion international: Globale, nationale und lokale Perspektiven auf Inklusive Bildung. (S. 221 - 238). Springer Schulübergreifende Kooperationsformen und Führungspraktiken. Ein Schlüssel für Inklusion? Professionelle Kooperation ist mit der Umsetzung inklusiver, schulischer Bildung unmittelbar verbunden. Inklusion kann demnach als komplexer Schulentwicklungsprozess verstanden werden (Sonnleitner et al., 2021), der die angestrebte systemische Veränderung und nationalen Vorgaben konkret in den Einzelschulen vollzieht und als gemeinsame Aufgabe unterschiedlicher, professioneller Akteursgruppen zu verstehen ist. Dies bedingt neue bzw. veränderte Anforderungen an die Schulleitungen sowie Lehr- und Fachkräfte (Badstieber et al., 2018). Insbesondere nationale Vorgaben, organisationale, bildungsinstitutionenübergreifende Strukturen sowie individuelle Einstellungen zu Kooperation können die Entwicklung zu einer inklusionsorientierten Schule beeinflussen. Nationale Reformkonzepte wie Schulcluster in Österreich und Schulsprengel in Südtirol ermöglichen den Zusammenschluss mehrerer Standorte zu einer “Verwaltungseinheit” und sind mit der Intension des Gesetzgebers einer unterstützenden regionalen, inklusiven Schulentwicklung verbunden. Im Zuge des Forschungsprojekts „Schulübergreifende Kooperationsformen“ (Dimai & Raggl, 2025) (2022-2026) wurden Herausforderungen und Entwicklungspotentiale schulübergreifender Kooperationsformen analysiert. Dafür wurden Fallstudien in Campusschulen in Wien, Schulsprengel in Südtirol und Schulcluster in der Steiermark und Tirol erstellt sowie eine Fragebogenvollerhebung mit Leitungspersonen von Schulclustern in Österreich (Rücklaufquote 67%, N = 94) und deutschsprachigen Schulsprengel in Südtirol (Rücklaufquote 65%, N =254) durchgeführt. Im Rahmen dieses Beitrags werden die quantitativen und qualitativen Daten, als auch die nationalen rechtlichen Rahmenbedingungen zu Schulsprengel und Schulclustern entlang des zyklischen Wirkmodells von Grosche et al. (2020) analysiert und begrenzende und ermöglichende inklusionsorientierte Handlungsspielräume im jeweiligen nationalen Kontext aufgezeigt. Besondere Bedeutung erlangen Ansätze des shared leaderships, welche durch nationale rechtliche Vorgaben gerahmt und durch lokale Strukturen und Praktiken erweitert werden, zu. Somit können bildungspolitische Reformkonzepte wie Schulcluster oder Schulsprengel ein impulsgebender Akteur sein, wenn sie regional in einem inklusionsorientierten Übersetzungsprozess integriert und nicht als top-down Konzept verstanden und etabliert werden. Bibliografie
Badstieber, B., Köpfer, A. & Amrhein, B. (2018). Schulleitungen im Kontext inklusiver Bildungsreformen. In T. Sturm & M. Wagner-Willi (Hrsg.), Handbuch schulische Inklusion (S. 235–250). Verlag Barbara Budrich. Sonnleitner, M., Frey, A., Rank, A. & Munser-Kiefer, M. (2021). Inklusive Schulentwicklung. In A. Rank, A. Frey & M. Munser-Kiefer (Hrsg.), Professionalisierung für ein inklusives Schulsystem (S. 237–268). Julius Klinkhardt. Grosche, M., Fussangel, K., & Gräsel, C. (2020). Kokonstruktive Kooperation zwischen Lehrkräften. Aktualisierung und Erweiterung der Kokonstruktionstheorie sowie deren Anwendung am Beispiel schulischer Inklusion, Zeitschrift für Pädagogik, 4, S. 461 – 479. DOI: 10.3262/ZP2004461 | ||
