Veranstaltungsprogramm
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Session 4/2b: Symposium: Zugänge Kindertagesbetreuung
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Glokalisierung: Wenn aus globalen Dynamiken lokale Barrieren entstehen. Empirische Analysen ungleicher Zugänge zur Kindertagesbetreuung in Deutschland Globale gesellschaftliche Transformationsprozesse wie Migration prägen lokale Bildungsprozesse und -systeme in zunehmendem Maße. Besonders deutlich wird dies im Feld der frühkindlichen Bildung, Betreuung und Erziehung (FBBE), in dem sich soziale Disparitäten früh verfestigen und langfristige Bildungsungleichheiten begünstigen können (Menzel & Scholz, 2022). Das Symposium nimmt diese Entwicklungen aus einer glokalen Perspektive in den Blick und geht der Frage nach, wie lokal organisierte Zugangs-, Organisations- und Steuerungsstrukturen der vorschulischen Kindertagesbetreuung Herausforderungen durch globale, migrationsbedingte Dynamiken begegnen und welche Konsequenzen sich daraus für die Chancengleichheit von Kindern ergeben können. Die drei Beiträge des Symposiums beleuchten auf Basis aktueller Daten aus dem Jahr 2024 ungleiche Zugänge zur Kindertagesbetreuung in Deutschland entlang unterschiedlicher, aber eng miteinander verschränkter Perspektiven. Der erste Beitrag liefert Einblicke in die Frage, inwiefern Bewerbungs- und Anmeldeverfahren für U3-Betreuungsplätze auf individueller Ebene insbesondere für Familien mit nicht-deutscher Familiensprache eine zentrale Hürde für die Teilhabe an Angeboten der FBBE darstellen können. Globale Migrationsprozesse treffen hier auf lokal verankerte Verwaltungspraktiken, die implizite sprachliche und kulturelle Voraussetzungen enthalten und damit selektive Nutzungsstrukturen begünstigen. Der zweite Beitrag thematisiert die lokale Steuerungsebene und analysiert Jugendämter als zentrale, bislang wenig beforschte Akteure der FBBE. Am Beispiel der kommunalen Bedarfsplanung wird aufgezeigt, wie lokale Steuerungslogiken im Spannungsfeld globaler Fragen der Chancengleichheit und übergeordneter politischer, rechtlicher und finanzieller Rahmenbedingungen entstehen. Zudem wird untersucht, wie Unterschiede und Defizite in der Planungspraxis ungleiche Zugangschancen zur Kindertagesbetreuung verstärken oder abbauen können. Der dritte Beitrag richtet schließlich den Blick auf Organisationen und Professionalisierung in der FBBE. Auf Basis aktueller Daten wird, bezugnehmend auf das Konzept des multilingualen Habitus, untersucht, inwiefern sich die migrations- und mehrsprachigkeitsbezogene Diversität der Kinder in den Personalstrukturen von Kindertageseinrichtungen widerspiegelt. Die Ergebnisse verweisen auf eine dominant monolingual geprägte Professionalisierungslogik. Glokalisierung wird hierbei als Verschränkung globaler Mobilitätsprozesse mit lokal organisierten Arbeits- und Organisationsstrukturen sichtbar. In der Zusammenschau verdeutlicht das Symposium, dass Ungleichheiten im Zugang zur FBBE nicht isoliert zu betrachten sind, sondern aus dem Zusammenspiel familialer Ressourcen, institutionellen Praktiken und lokaler Steuerung hervorgehen (Klinkhammer et al., 2021). Auf Basis aktueller Large-Scale-Daten (KiBS, ERiK) können die empirisch-quantitative Ergebnisse einen fundierten Beitrag zur Diskussion von Bildungsgerechtigkeit, Teilhabe und Educational Governance (Abs et al., 2015) in Zeiten der Glokalisierung liefern. Beiträge des Symposiums Bewerbungsverfahren als Zugangsbarriere zur Kindertagesbetreuung für Familien mit nicht-deutscher Familiensprache Trotz des seit 2013 in Deutschland existierenden universellen Rechtsanspruchs auf einen Platz in der Kindertagesbetreuung für Kinder unter 3 Jahren ist die Nutzung frühkindlicher Bildungs-, Betreuungs- und Erziehungsangebote (FBBE) bis heute sozial ungleich verteilt (Jessen et al., 2018). Aus bisherigen Studien ist bekannt, dass die Inanspruchnahme von Kindertagesbetreuung stark von familiären Merkmalen abhängt und unter anderem Familien mit nicht-deutscher Familiensprache Angebote der Kindertagesbetreuung trotz bestehenden Bedarfs seltener nutzen (Kayed et al., 2025). Vor diesem Hintergrund untersucht der Beitrag auf Basis aktueller Daten der DJI-Kinderbetreuungsstudie (KiBS) aus dem Jahr 2024, inwiefern ein als kompliziert wahrgenommenes Bewerbungsverfahren für einen Betreuungsplatz eines unter 3-jährigen Kindes bei Eltern mit nicht-deutschem Sprachgebrauch in Zusammenhang mit einer Nichtinanspruchnahme von Kindertagesbetreuung trotz vorhandenen Betreuungsbedarfs stehen. Ergebnisse auf Basis von deskriptiven Auswertungen und multivariaten logistischen Regressionsanalysen zeigen, dass Eltern, die im Alltag ausschließlich eine nicht-deutsche Familiensprache nutzen das Bewerbungsverfahren im Vergleich zu Eltern, die ausschließlich deutsch sprechen, ca. dreimal so häufig als zu kompliziert wahrnehmen und trotz bestehenden Bedarfs geringere Chancen haben, einen Betreuungsplatz zu erhalten. Auf Individualebene können geringere Kenntnisse in der Sprache des Aufnahmelandes oder fehlendes Wissen zu Anmeldeprozessen als Gründe herangezogen werden. Die Befunde verdeutlichen darüber hinaus, dass globale Migrationsprozesse lokale Strukturen der FBBE nachhaltig prägen können. Der Beitrag ordnet die Befunde theoretisch in glokale Transformationsprozesse frühkindlicher Bildungsinstitutionen ein. Er macht deutlich, dass Zugangsregelungen und Verwaltungspraktiken auf lokaler Ebene, die auf impliziten sprachlichen und administrativen Voraussetzungen beruhen, im Kontext globaler Migrationsdynamiken zu selektiven Nutzungsstrukturen führen können. Dadurch wird Kindern aus Familien mit nicht-deutscher Familiensprache der Zugang zu FBBE trotz vorhandenen Betreuungsbedarfs und eines universellen Rechtsanspruchs erschwert. Da Angebote der Kindertagesbetreuung eine zentrale Rolle für frühe Bildungsprozesse und die Herstellung von Chancengleichheit spielen (Ghirardi et al., 2023), tragen bestehende Zugangsbarrieren dazu bei, Ungleichheiten bereits im frühen Kindesalter zu etablieren. Bibliografie
Ghirardi, G., Baier, T., Kleinert, C. & Triventi, M. (2023). Is early formal childcare an equalizer? How attending childcare and education centres affects children’s cognitive and socio-emotional skills in Germany. European Sociological Review, 39(5), 692–707. https://doi.org/10.1093/esr/jcac048 Jessen, J., Schmitz, S., Spieß, K. C. & Waights, S. (2018). Kita-Besuch hängt trotz ausgeweitetem Rechtsanspruch noch immer vom Familienhintergrund ab. DIW Wochenbericht, 85. Kayed, T., Wieschke, J. & Kuger, S. (2025). FBBE: Elterlicher Bedarf und Ungleichheiten im Zugang: DJI-Kinderbetreuungsreport 2025. Steuerungspotentiale für die Kindertagesbetreuung im Kontext global wachsender Ungleichheit: Empirische Befunde zur lokalen Bedarfsplanung aus Jugendamtsperspektive Global wachsende soziale Ungleichheiten, die sich unter anderem in Migrationsbewegungen und sozioökonomischer Polarisierung manifestieren, wirken sich in besonderer Weise auf lokale Bildungssysteme aus. Frühkindlicher Bildung, Betreuung und Erziehung (FBBE) kommt in diesem Zusammenhang eine zentrale Rolle zu, da sich Bildungsungleichheiten bereits in frühen Lebensphasen verfestigen. Trotz Rechtsanspruch auf Kindertagesbetreuung ab einem Jahr weisen Befunde für Deutschland auf persistente Ungleichheiten im Zugang zu Angeboten der Kindertagesbetreuung hin, insbesondere für Kinder aus sozial benachteiligten oder Familien mit Migrationsgeschichte (z.B. Kayed/Wieschke/Kuger 2025; Huebner et al. 2023). Im dezentral organisierten FBBE-System Deutschlands steht die lokale Steuerungsebene – die Kommunen und Landkreise – damit vor erheblichen Herausforderungen mit Blick auf chancengerechte Bildungsteilhabe (Schlimbach/Scholz 2026). Der Beitrag untersucht die Bedeutung lokaler Steuerung für Chancengleichheit im Zugang zur Kindertagesbetreuung in einer postmigrantischen Gesellschaft, mit Fokus auf Jugendämter als bislang wenig erforschte Steuerungsakteure der FBBE. Auf Basis repräsentativer Daten aus der Studie „Entwicklung von Rahmenbedingungen in der Kindertagesbetreuung (ERiK)“ (2024) analysiert der Beitrag am Beispiel der kommunalen Bedarfsplanung strukturelle Voraussetzungen für mehr Chancengerechtigkeit im Kita-Zugang. Theoretisch an der Schnittstelle von Ungleichheits- und Governanceansätzen verortet, wird Glokalisierung als analytische Perspektive genutzt, um vor dem Hintergrund internationaler Diskurse zu Bildungsgerechtigkeit die lokalen Gestaltungsspielräume in der Kita-Angebotsplanung zu beleuchten sowie deren Implikationen für Ungleichheit im Zugang zu diskutieren. Erste Befunde verdeutlichen, dass lokale Steuerung in Deutschland in mehrfacher Hinsicht zu einem zentralen Hebel für Chancengerechtigkeit und damit dem Abbau von Ungleichheiten werden kann. In der Ausgestaltung von kommunaler Kita-Bedarfsplanung diskutiert der Beitrag regionale und lokale Unterschiede u.a. in der Datenqualität, im Planungsturnus, in den berücksichtigten Datengrundlagen sowie bei den für die Planung genutzten Kooperationen. Sie legen Diskrepanzen im Steuerungsbemühen der Kommunen nahe, die u.a. auf jeweilige Rahmenbedingungen vor Ort zurückgehen können. Bei mangelnder Bedarfsgerechtigkeit der kommunalen Planung entsteht jedoch für Familien ein Risiko lokal ungleicher Zugangschancen zu FBBE, die es zu adressieren gilt. Der Vortrag leistet einen wichtigen Beitrag zur Diskussion darüber, welche Akzente lokale Steuerungsprozesse im Kontext glokaler Diskurse zu Chancengleichheit setzen können und müssen. Er zeigt, wie durch bedarfsgerechte Angebotsplanung Ungleichheitsdynamiken entgegengewirkt und damit internationalen Zielen wie gleicher Bildungsteilhabe vor Ort realisiert werden können kann. Bibliografie
Huebener, M., Schmitz, S., Spieß, K., & Binger, L. (2023). Frühe Ungleichheiten: Zugang zu Kindertagesbetreuung aus bildungs- und gleichstellungspolitischer Perspektive. Friedrich-Ebert-Stiftung. Kayed, T., Wieschke, J., & Kuger, S. (2025). Elterlicher Bedarf und Ungleichheiten im Zugang zu FBBE (DJI-Kinderbetreuungsreport 2025, Studie 1 von 8). Deutsches Jugendinstitut. Schlimbach, T., & Scholz, A. (2026). Steuerung Früher Bildung in der Migrationsgesellschaft: Eine Schnittstellenanalyse im Ländervergleich Deutschland–Schweden. Frühe Bildung, 15(1), 3–10. https://doi.org/10.1026/2191-9186/a000746 Glokale Personalstrukturen in Kindertageseinrichtungen: Pädagogisches Personal und Leitungen mit Zuwanderungsgeschichte Globale Migrationsprozesse betreffen auch lokale Institutionen der frühkindlichen Bildung, Betreuung und Erziehung (FBBE). Diese Entwicklung zeigt sich nicht nur aufseiten der Kinder und ihrer Familien, sondern auch – in unterschiedlichem Ausmaß – beim pädagogischen Personal und bei Leitungen von Kindertageseinrichtungen. Der Beitrag untersucht auf Basis aktueller Daten aus dem Jahr 2024 des ERiK-Projekts (Entwicklung von Rahmenbedingungen in der Kindertagesbetreuung, Gilg et al., 2025), in welchem Umfang Beschäftigte (päd. Personal: N = 6.382 und Leitungen: N = 4.869) mit Zuwanderungsgeschichte in Kindertageseinrichtungen vertreten sind und wie sie sich nach individuellen berufsbiografischen Merkmalen, strukturellen Aspekten wie Einrichtungs- und Trägermerkmalen und lokalen Kontexten verteilen. Theoretisch knüpft der Beitrag an Ingrid Gogolins Konzept des „monolingualen Habitus der multilingualen Schule“ (Gogolin, 2008) an und überträgt diese Denkfigur auf das frühpädagogische Feld. Im Fokus steht die Frage, inwiefern sich die migrations- und mehrsprachigkeitsbezogene Diversität der Kinder beim pädagogischen Personal und bei Leitungen von Kindertageseinrichtungen widerspiegelt oder durch etablierte, monolingual geprägte Professionalisierungsstrukturen strukturell gerahmt wird. Während 29 % der unter-fünfjährigen Kinder in Kindertageseinrichtungen mindestens einen Elternteil ausländischer Herkunft haben und 22 % eine nichtdeutsche Familiensprache sprechen (Autor:innengruppe Fachkräftebarometer, 2025), verdeutlichen die ERiK-Daten 2024, dass sowohl das pädagogische Personal (15 %) als auch Leitungen (12 %) in Kindertageseinrichtungen deutlich seltener eine Zuwanderungsgeschichte haben. Dies verweist auf eine dominante, nichtmigrantisch und monolingual geprägte Professionalisierungslogik, die sich insbesondere in Zugangswegen, Qualifikationsanforderungen und institutionellen Anerkennungsbedingungen der FBBE zeigt. Glokalisierung wird dabei als empirisch fassbare Verschränkung globaler Mobilitätsprozesse und lokal organisierter Arbeits- und Organisationsstrukturen verstanden. Erste Ergebnisse der quantitativen Analysen zu Unterschieden in der Verteilung von Beschäftigten mit und ohne Zuwanderungsgeschichte zeigen lokale Disparitäten sowie institutionelle Unterschiede. Bei Zugewanderten der ersten Generation wird deutlich, dass die Erwerbstätigkeit in der FBBE überwiegend erst nach der Zuwanderung nach Deutschland aufgenommen wurde. Unter den Herkunftsländern sind sowohl bei den Leitungen als auch beim Personal Polen, Russland und Kasachstan besonders stark vertreten. Der Beitrag verdeutlicht damit, wie sich globale Migrationsprozesse in lokal organisierten Professionalisierungsstrukturen der FBBE niederschlagen, und liefert empirische Grundlagen für eine weiterführende Diskussion von Teilhabe, Inklusion und Steuerung in der frühpädagogischen Profession in der Migrationsgesellschaft. Bibliografie
Autor:innengruppe Fachkräftebarometer. (2025). Fachkräftebarometer Frühe Bildung 2025. W. Verlag Bertelsmann GmbH & Co. KG. https://doi.org/10.3278/9783763979578 Gilg, J. J., Classe, F. L., Herrmann, S., Bopp, C., Buchmann, J., Pachner, T., Paulus, A., Preuß, M., Romefort, J., Selmayr, A., Tursun, N. & Kuger, S. (2025). ERiK-Surveys 2024. Deutsches Jugendinstitut (DJI): Datensatz Version 1.0. https://www.doi.org/10.17621/erik2024_v01 Gogolin, I. (2008). Der monolinguale Habitus der multilingualen Schule (2., unveränderte Auflage). Internationale Hochschulschriften: Bd. 101. Waxmann. | ||
