Veranstaltungsprogramm
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Session 4/1h: Symposium: Schulentwicklungsberatung
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Gut beraten!? Zur Rolle der Schulentwicklungsberatung im schulischen Unterstützungssystem Die Diskussion um die Qualität von Schule, gekoppelt mit dem Bedürfnis nach Schulentwicklung, ist nicht neu, hat sich in den letzten Jahrzehnten aber nochmals deutlich intensiviert. Mitverantwortlich dafür sind auch die Ergebnisse der empirischen Schul- und Unterrichtsforschung, die aufgezeigt haben, dass Schulen einerseits signifikanten Einfluss auf den Lernerfolg von Schüler:innen haben, andererseits sehr unterschiedliche Lern- und Arbeitsbedingungen bieten. Schulen sind also dazu angehalten, sich aktiv mit Fragen der Schul- und Unterrichtsqualität auseinanderzusetzen und sich als Organisation weiterzuentwickeln. Bei anspruchsvolleren Entwicklungsaktivitäten merken viele Schulen jedoch, dass sie mit ihren internen Ressourcen an Grenzen stoßen und Unterstützung benötigen (Dedering et al., 2022). In diesem Zusammenhang lässt sich eine steigende Nachfrage an Schulentwicklungsberatung beobachten. Schulentwicklungsberatung ist ein institutionalisierter Bestandteil schulischer Unterstützungssysteme. Als "intermediärer Akteur" der Schulgestaltung nimmt sie eine vermittelnde Position zwischen zentraler Steuerung und der konkreten Unterrichtspraxis ein und agiert typischerweise zwischen Politik, Verwaltung und Schule (Altrichter et al., 2021). Sie umfasst unterschiedliche Leistungen zur Unterstützung von Entwicklungsprozessen an Schulen, meist durch speziell vorqualifizierte Personen. Typischerweise handelt es sich um längerfristige, vorwiegend in Projektform (und daher zeitlich begrenzt) gestaltete Prozesse, die sich thematisch auf verschiedene Inhalte beziehen können, dennoch die ganze Schule in den Blick nehmen. Sofern erforderlich kann die Beratung grundsätzlich auch Schulnetzwerke oder einzelne Personen bzw. Gruppen einer Schule adressieren (Altrichter et al., 2021). In einer umfassenden Analyse zum Status quo der Schulentwicklungsberatung in Österreich konstatieren Altrichter et al. (2021) ein unscharf konturiertes Feld. Einerseits, weil auf konzeptueller Ebene der Beratungsbegriff unterschiedlich verwendet wird, andererseits, weil in Beratungsprozessen unterschiedliche Tätigkeiten anfallen und unterschiedliche Interventionsformen notwendig sein können, aber auch weil die Berater:innen selbst unterschiedliche Tätigkeiten durchführen. Überdies wurde aufgezeigt, dass es bisher kaum Forschung zum Thema gibt und hier klarer Aufholbedarf besteht. An diesem Punkt setzt das geplante Symposium an und widmet sich empirischen Fragestellungen rund um das Thema Schulentwicklungsberatung. Den Ausgangspunkt bildet das im Rahmen der B3-Initiative geförderte Konsortium Gut beraten (Kemethofer et al., 2024). Konkret sollen Befunde aus mehreren Teilstudien präsentiert und das Konzept der Schulentwicklungsberatung aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet werden. Beiträge des Symposiums Prozesse der Schulentwicklungsberatung Ausgangslage und theoretischer Hintergrund Schulen sind in unserer diversen und hochkomplexen Welt immer stärker gefordert, sich zu entwickeln. Idealerweise so, dass sich ihre Schulentwicklungskompetenz (Feldhoff et al., 2016) steigert und sie langfristig zu einer lernenden Organisation werden, um auch künftigen Herausforderungen gewachsen zu sein. Für Kontinuität, Qualitätssicherung und hohe Verbindlichkeit sollen dabei die Vorgaben übergeordneter Behörden und die damit verbundenen verpflichtenden Reflexionsprozesse sorgen. Vor diesem Hintergrund gewinnt Schulentwicklungsberatung zunehmend an Bedeutung. Das zeigt sich einerseits am gestiegenen Interesse seitens Entscheidungsträger*innen, andererseits aber auch daran, dass Schulen immer häufiger Unterstützung brauchen, um mit ihren vielfältigen Herausforderungen produktiv umzugehen. Die entsprechenden Anfragen an den Pädagogischen Hochschulen nehmen stetig zu. Schulentwicklungsberatung ist in Österreich ebendort – an den Pädagogischen Hochschulen – angesiedelt. Auch ein Großteil der Qualifizierungsangebote für die entsprechenden Berater:innen wird dort zur Verfügung gestellt. Für das Vorgehen der Beratungsteams gibt es eine Vielzahl an Leitfäden und Praxishandbüchern (Bernhard & Fede, 2024). Empirische Daten sind hingegen rar (Altrichter et al., 2021). Forschungsfrage Der vorliegende Beitrag widmet sich der Frage, welche Interventionen Berater:innen setzen, welche Ergebnisse von relevanten Akteur:innen am Ende dieser Entwicklungsprozesse wahrgenommen werden und worin sich die Entwicklungsprozesse ähneln bzw. unterscheiden. Ziel ist es, empirische Ergebnisse mit normativen Vorstellungen abzugleichen, um so mögliche Konsequenzen für die Planung zukünftiger, möglichst effektiver Beratungsprozesse an Schulen abzuleiten. Methodisches Vorgehen Im Zuge von fünf Fallstudien im Längsschnitt an Primarschulen eines Bundeslandes wurden an jedem Standort Beobachtungen von Interventionen, semistrukturierte Interviews mit den jeweiligen Schulleitungen bzw. den zuständigen Berater:innen sowie weiteren relevanten Akteur:innen (darunter Schulqualitätsmanger:innen sowie Personen aus den Kollegien , die im Gespräch mit der jeweiligen Schulleitung identifiziert wurden) durchgeführt. Um ein multiperspektivisches Bild zu zeichnen und Methodenartefakte möglichst zu vermeiden, wurden ergänzend Planungsdokumente und Protokolle in die Analyse miteinbezogen. Die Daten wurden qualitativ inhaltsanalytisch – vorrangig induktiv – ausgewertet. Ergebnisse und Diskussion Als Ergebnis wird im Beitrag ein mögliches Wirkmodell von Schulentwicklungsberatung vorgestellt. Dabei wird auch herausgearbeitet, was Schulentwicklungsberatung leisten kann und wo mögliche Grenzen liegen – nicht alle Herausforderungen scheinen auf Ebene der Einzelschule lösbar zu sein. Erste Ergebnisse zeigen aber auch, dass Schulentwicklungsberatung seitens der Schulen als sehr wertvoll und hilfreich wahrgenommen wird. Schulen schätzen die externen Impulse und den Blick von außen und profitieren vor allem durch die von den Berater:innen geschaffenen Strukturen nachhaltig in ihrer alltäglichen Zusammenarbeit. Bibliografie
Altrichter, H., Krainz, U., Kemethofer, D., Jesacher-Rößler, L., Hautz, H. & Brauckmann-Sajkiewicz, S. (2021). Schulentwicklungsberatung und Schulentwicklungsberatungsforschung. In Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung (Hrsg.), Nationaler Bildungsbericht Österreich 2021 (S. 375–421). http://doi.org/10.17888/nbb2021-3-2 Bernhard, R. & Fede, M. (2024). Planung und Evaluierung der Phase der Auftragsklärung eines Schulentwicklungsberatungsprozesses. Schulpraxis entwickeln – Journal für forschungsbasierte Schulentwicklung, 2(1), 81–92. https://doi.org/10.58652/spe.2023.2 Feldhoff, T., Radisch, F. & Bischof, L. M. (2016). Designs and methods in school improvement research: a systematic review. Journal of Educational Administration, 54(2), 209–240. https://doi.org/10.1108/JEA-07-2014-0083 Schulaufsicht und Schulentwicklungsberatung im Spannungsfeld: Zur Neuordnung von Verantwortung in der schulischen Qualitätsentwicklung Ausgangslage und theoretischer Hintergrund Globale gesellschaftliche Umbrüche und zunehmende Ungewissheit erzeugen einen erheblichen Erwartungsdruck auf Bildungssysteme, handlungsfähig, responsiv und zugleich kohärent zu bleiben. In diesem Kontext werden schulische Qualitätsentwicklung und Systemsteuerung verstärkt über evidenzorientierte Instrumente, Zielvereinbarungen und Unterstützungsformate adressiert. Diese Entwicklungen sind Ausdruck eines neuen Steuerungsparadigmas, das Steuerung nicht mehr ausschließlich hierarchisch, sondern als Koordination vielfältiger Akteure begreift (Diedrich, 2020). Im österreichischen Schulsystem manifestiert sich diese Spannung besonders deutlich im veränderten Verhältnis von Schulaufsicht und Schulentwicklungsberatung. Während Schulaufsicht zunehmend beratende Funktionen übernimmt (SQM-VO, 2019), etabliert sich Schulentwicklungsberatung als professionelles, bewusst weisungsungebundenes Unterstützungsformat (Altrichter et al, 2022). Schulische Qualitätsentwicklung wird damit zu einem Feld, in dem widersprüchliche Steuerungslogiken – Kontrolle, Beratung, Selbstverantwortung – zugleich wirksam werden. Forschungsfrage Der Beitrag untersucht, wie sich das Verhältnis zwischen Schulaufsicht und Schulentwicklungsberatung im österreichischen Schulsystem konzeptionell und praktisch darstellt. Im Zentrum stehen die Fragen, wie Aufgabenprofile beider Professionen angelegt sind, wo sich komplementäre und überlappende Zuständigkeiten zeigen und wie Schulqualitätsmanager:innen diese Konstellationen in der Praxis erleben. Ziel ist es, die Spannungen zwischen Steuerungsanspruch und organisationaler Wirklichkeit sichtbar zu machen. Ausgangspunkt ist die Annahme, dass neue Steuerungsinstrumente Systemkohärenz eher behaupten als herstellen und dass Koordination vielfach prekär bleibt. Methodisches Vorgehen Der Beitrag folgt einem zweistufigen, qualitativ-explorativen Forschungsdesign. In einem ersten Schritt werden zentrale normative und konzeptionelle Dokumente analysiert, um die Aufgabenprofile von Schulaufsicht und Schulentwicklungsberatung im Feld schulischer Qualitätsentwicklung zu rekonstruieren. In einem zweiten Schritt werden leitfadengestützte Interviews mit Schulqualitätsmanager:innen (N = 12) inhaltsanalytisch ausgewertet (Kuckartz & Rädiker, 2024). Im Fokus stehen Erfahrungen der SQM mit schulischer Qualitätsentwicklungsberatung, ihre Einbindung in Beratungsprozesse, Formen der Abstimmung mit Schulentwicklungsberater:innen sowie wahrgenommene Auswirkungen externer Beratung auf die eigene Tätigkeit. Ergebnisse und Diskussion Die Ergebnisse zeigen, dass die Schulaufsicht in Beratungsprozessen häufig randständig bleibt und es an institutionalisierten Bezugspraxen, klaren Einbindungslogiken und transparenter Rückkopplung fehlt. Aktuelle Bestrebungen, Beratung stärker über die Schulaufsicht zu koordinieren, erscheinen vor diesem Hintergrund ambivalent, da sie auf fehlende Kooperationskulturen treffen und den Selbstanspruch der Schulentwicklungsberatung, als weisungsungebundenes und vertraulich angelegtes Unterstützungsformat zu operieren, konterkarieren. Aus governance-theoretischer Perspektive verweisen die Ergebnisse auf eine strukturelle Spannung: Instrumente wie Bilanz- und Zielvereinbarungsgespräche, Schulentwicklungspläne oder regionale Bildungsnetzwerke erzeugen Erwartungen an Kohärenz und Steuerbarkeit, während die tatsächlichen Interaktionen zwischen Schulaufsicht, Schulentwicklungsberatung und Schule von Kontingenz, situativer Aushandlung und latenten Konflikten geprägt bleiben. Steuerung erweist sich damit weniger als durchsetzbarer Mechanismus denn als fragiles, relationales Arrangement mit begrenzter Wirksamkeit. Bibliografie
Altrichter, H., Hautz, H. & Krainz, U. (2022). Schulentwicklungsberatung in Österreich: Entfaltung eines Arbeitsfeldes im schulischen Unterstützungssystem. Pädagogische Horizonte, 6(2), 59-84. https://doi.org/10.17883/PA-HO-2022-02-06 Diedrich, M. (2020). Die veränderte Rolle der intermediären Akteure. In E. D. Klein & N. Bremm (Hrsg.), Unterstützung – Kooperation – Kontrolle: Zum Verhältnis von Schulaufsicht und Schulleitung in der Schulentwicklung (S. 45-64). Springer Fachmedien. https://doi.org/10.1007/978-3-658-28177-9 Kuckartz, U. & Rädiker, S. (2024). Qualitative Inhaltsanalyse: Methoden, Praxis, Umsetzung mit Software und künstlicher Intelligenz (6., überarbeitete und erweiterte Auflage). Beltz Juventa. Pädagogische Leitvorstellungen im Spannungsfeld schulischer Selbstregelung und externer Steuerung Ausgangslage und theoretischer Hintergrund In den vergangenen Jahren haben zahlreiche europäische Länder, darunter auch Österreich, versucht, ihre Bildungssysteme durch die Einführung evidenzbasierter Steuerungsansätze zu modernisieren (Altrichter & Maag Merki, 2016). Das mit September 2021 für alle österreichischen Schulen in Kraft getretene Qualitätsmanagementsystem für Schulen (QMS) kann als Teil dieser Entwicklung gesehen werden. QMS stellt Instrumente zur Unterstützung von Reflexion, Evaluation und Ergebnissicherung schulischer Teamarbeit bereit, die sowohl der internen Selbstvergewisserung als auch der externen Rechenschaftslegung dienen (BMBWF, 2022). Schulentwicklungsberater:innen sollen, die operativen Akteur:innen bei der Umsetzung zentral angeordneter Steuerungsinterventionen (z.B. QMS) unterstützen und somit die Handlungskoordination zwischen Schulsystemebenen verbessern. Forschungsfrage In der ersten im QMS vorgesehen Qualitätsentwicklungsperiode ist die Formulierung sowie anschließende Umsetzung der pädagogischen Leitvorstellungen verankert. Ziel meines Projekts war es, die mit diesen Entwicklungen einhergehenden Veränderungen der Handlungskoordination (also der Art und Funktionalität des Zusammenwirkens der verschiedenen Akteur:innen) und insbesondere der Rolle von Schulentwicklungsberater:innen darin zu untersuchen. Es geht „um das ‚Praktischwerden‘ von Bildungspolitik“ (Altrichter & Maag Merki, 2016, S.14) in Schulentwicklungsprozessen und damit einhergehende mikropolitische Auseinandersetzungen. Folgende Forschungsfragen ergeben sich daraus: Wie wird das Strukturangebot der pädagogischen Leitvorstellungen auf Einzelschulebene von unterschiedlichen Akteur:innen aufgegriffen und im schulischen Kontext ausgehandelt? Welche Rolle haben die Schulentwicklungsberater:innen bei der Handlungskoordination gespielt? Methodisches Vorgehen Es wurden leitfadengestützte Interviews (N = 10), mit unterschiedlichen Akteur:innen (Schulleitung, Lehrkräfte, Schulentwicklungsberater:innen) an einem Schulstandort geführt. Die Interviews bezogen sich auf die Neugestaltung der pädagogischen Leitvorstellungen und wurden mit der inhaltlich strukturierenden qualitativen Inhaltsanalyse (Kuckartz & Rädiker, 2022) ausgewertet. Die Interviewaussagen wurden untereinander und dem QMS-Leitfaden für pädagogische Leitvorstellungen gegenübergestellt, um nachzuvollziehen, wie vorformulierte Vorgaben aufgegriffen, umgedeutet und im schulischen Kontext ausgehandelt wurden. Ergebnisse und Diskussion Erste Ergebnisse zeigen, dass Reformimpulse des QMS bestehende Regeln und Strukturen auf Einzelschulebene in Frage stellen. Dabei können insbesondere dort, wo sich Spannungen zwischen unterschiedlichen Interessen, widersprüchlichen Anforderungen sowie bestehenden und neu zu entwickelnden Routinen und Handlungsstrukturen verdichten, Widerstände auftreten. Diese Widerstände verweisen auf Veränderungen in der schulischen Handlungskoordination. Die pädagogischen Leitvorstellungen wurden von Betreiber:innen schulischer Entwicklungsprozesse als wichtiges Instrument gesehen, um die Tradierung und die Identifikation mit schulischen Werten zu fördern. Dabei wurden Reflexionsprozesse und die demokratische Entscheidungsfindung und weniger das Endergebnis hervorgehoben. Die Schulentwicklungsberater:innen wurden abhängig von der innerschulischen Position der interviewten Lehrkräfte als für den Entwicklungsprozess mehr oder weniger relevant betrachtet. Bibliografie
Altrichter, H., & Maag Merki, K. (2016). Steuerung der Entwicklung des Schulwesens. In H. Altrichter & K. Maag Merki (Eds.), Handbuch neue Steuerung im Schulsystem (S. 1–27). Springer. Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung. (2022). QMS im Überblick: Die Gesamtdarstellung des Qualitätsmanagementsystems für Schulen (Version 1.1). https://www.qms.at/images/QMS-im-Ueberblick.pdf Kuckartz, U., & Rädiker, S. (2022). Qualitative Inhaltsanalyse: Methoden, Praxis, Computerunterstützung (5. Aufl.). Beltz Juventa. | ||