Veranstaltungsprogramm
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Session 2o: Symposium: Bildungsrätzl
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Vom Policy-Narrativ zur lokalen Praxis. Bildungsgrätzl, Whole-School-Ansätze und kollaborative Governance Bildung in Zeiten der Glokalisierung erfordert die produktive Verschränkung globaler Agenden mit lokalen Kontexten. Ausgehend von der Transition hin zu einer sozial-ökologisch nachhaltigen Lebensweise, die von Diskontinuitäten auf gesellschaftlicher, organisationaler und individueller Ebene geprägt ist, fragt das Symposium nach der Rolle von Bildung und Lernen in der Aushandlung dieser Veränderungen. International gerahmte Zielsetzungen – etwa Bildung als „Common Good“, SDG 4 (quality education) und SDG 17 (partnerships), Whole-School-Ansätze und kollaborative Governance – markieren Bildungssysteme als Katalysatoren für systemische Transformation (UNESCO, 2021). Zugleich bleibt unklar, wie diese Ambitionen in konkreten institutionellen Settings umgesetzt, mit lokalen Wissensbeständen verknüpft und nachhaltig verankert werden. Die Zusammenarbeit zwischen Bildungsinstitutionen und anderen Einrichtungen in lokalen Nachbarschaften wird als eine nachhaltige Praxis diskutiert, vielfältige Akteur:innen zu mobilisieren und Lernräume über die Schule hinaus zu erweitern (Armstrong & Ainscow, 2018; Jesacher-Rößler et al., 2026). Bisherige Forschungen zeigen zudem, dass Zusammenarbeit zwischen Schulen und lokalen Nachbarschaften institutionelle Verbesserungen ermöglichen und Teilhabemöglichkeiten an Bildung fördern kann. Die Frage, wie solche Initiativen organisatorische Routinen und professionelle Handlungspraktiken herausfordern und verändern, ist bislang untererforscht. Das Symposium verknüpft empirische und theoretische Perspektiven aus der FWF-Studie „EQoL – Teaching the good life“ (12/2023–11/2026, Universität Wien). Am Beispiel der Wiener Bildungsgrätzl, die seit 2017 im Rahmen der städtischen Nachhaltigkeitsstrategie initiiert wurden, wird aufgezeigt, wie diese Ambitionen lokal operationalisiert werden: als ortsbezogene Netzwerke, die Schulen mit Bibliotheken, Jugendzentren, Erwachsenenbildung und Community-Organisationen verbinden. Als top-down-informierte Bottom-up-Bildungspolitik, die auf lokaler Agency, geteilten Prinzipien und freiwilliger Beteiligung beruht, übersetzen Bildungsgrätzl globale Inklusions- und Nachhaltigkeitsnarrative in lokale Praktiken (Elternarbeit, partizipative Workshops, informelles Lernen), adressieren Übergangsbarrieren und erweitern Teilhaberäume – stoßen jedoch auf strukturelle Grenzen (Ressourcen, Zuständigkeiten). Das Symposium diskutiert, wie glokale Governance, professionelle Kooperation und lokale Wissensmobilität dazu beitragen können, Bildungssysteme systemisch weiterzudenken, und präsentiert theoretische sowie qualitative Ergebnisse, die gesellschaftliche, organisationale und individuelle Dimensionen beleuchten, wenn „Bildung als Common Good“ operationalisiert wird. Beitrag 1 zeichnet Entstehung, Strukturen und Prinzipien der Bildungsgrätzl nach und beleuchtet Praktiken „beyond school walls“. Beitrag 2 präsentiert qualitative Befunde aus 35 Interviews zu Chancen und Herausforderungen lokaler Kooperation im Lichte von SDG 4 und SDG 17. Beitrag 3 entfaltet phänomenologische Überlegungen zum ambivalenten Bildungsversprechen und diskutiert Fallstricke neoliberaler Optimierungslogiken vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Fragilität. Ziel ist, theoretische Annahmen, empirische Evidenz und praktische Implikationen für die systemische Weiterentwicklung von Bildung in glokal vernetzten Kontexten zu bündeln. Beiträge des Symposiums Beyond School Walls: Educational Neighborhoods in Vienna as Glocal Governance The Bildungsgrätzl (BG) in Vienna is an educational neighborhood designed to shape long-term collaboration among schools, kindergartens, and local institutions (e.g., youth work, libraries, adult education). BGs are “more-than-school” learning communities that blend formal and non-formal contexts, with learning occurring both within and outside of the classroom, aiming to broaden access, strengthen community ties, and enact social and cultural values locally (Yemini et al., 2025). BG’s governance combines central coordination with distributed agency, anchoring local collaboration within a city-wide policy framework (City of Vienna, n.d.). This contribution aims to trace the evolution and scale of BGs; analyze organizational structures and principles; examine practices that extend learning beyond the school; and discuss the tensions and limits for system-wide transformation. Research questions: (1) How are BGs organized, especially regarding internal governance structures and activities? (2) What values and core principles underpin BGs? Methodologically, online and in-person semi-structured interviews were conducted and analyzed according to Braun and Clarke (2006). Sixteen individuals from seven different BGs are involved, including eight stakeholders, four school leaders, and four leaders from informal institutions. Key actors from relevant institutions were identified and selected based on their expertise and involvement in BGs using purposive and snowball sampling strategies. Thematic analysis was conducted using MAXQDA software. Findings indicate that, launched in 2017, the BG initiative has drawn from practical work in some neighborhoods and was consequently integrated into a broader urban development strategy, the “Smart City Vienna Framework Strategy 2019–2050”. BGs have expanded to 34 communities with plans for 40 by the end of 2025, engaging approximately 45,000 young people. BGs are guided by seven principles: openness, basic competences, multilingualism, empowerment/participation, inclusion/diversity, gender sensitivity, and social justice. BG initiatives include co-designed activities for students, families, and professionals, e.g., school transitions, intergenerational learning, sustainability, and media education. Participation is voluntary and self-administered, supported by city guidance and micro-funding; activity levels vary with local capacity. Organizationally, each BG is created by a school as initiator/coordinator within a city-supervised network, allowing coherent collaboration with public bodies while maintaining distributed functions. Tensions include limited cross-district formal cooperation, resource/time constraints, and frictions with the selective education system that can hinder the full realization of BG principles. Overall, BGs exemplify a glocal model that scales local agency within a city strategy. They translate the Smart City Vienna strategy into concrete place-based practices, while revealing the need for professional learning, dedicated professional roles, and adaptive governance to sustain systemic impact. Bibliografie
Braun, V. & Clarke, V. (2006). Using thematic analysis in psychology. Qualitative Research in Psychology, 3(2), 77–101. https://doi.org/10.1191/1478088706qp063oa City of Vienna. (n.d.). Wiener Bildungsgrätzl. https://www.wien.gv.at/bildung/schulen/bildungsgraetzl Yemini, M., Engel, L. & Ben Simon, A. (2025). Place-based education – a systematic review of literature. Educational Review, 77(2), 640–660. https://doi.org/10.1080/00131911.2023.2177260 Chancen und Herausforderungen lokaler Kooperation: Das Beispiel der Bildungsgrätzl für nachhaltige Entwicklung Dieser Beitrag untersucht die Wiener Bildungsgrätzl als ortsbezogene Infrastrukturen zur Übersetzung globaler Nachhaltigkeitsambitionen – insbesondere der UN-Nachhaltigkeitsziele SDG 4 (quality education) und SDG 17 (partnerships) (UN, 2017) – in lokal anschlussfähige Bildungspraxis. Im Kontext transnationaler Forderungen nach sozial-ökologischer Nachhaltigkeit und politischer Leitlinien wie der UNESCO-Orientierung zu Bildung als „Common Good“ sowie dem europäischen Whole-School-Ansatz werden kollaborative Bildungsarrangements als Schlüsselfaktoren für systemische Transformation begriffen (UNESCO; Europäische Kommission). Die Wiener Bildungsgrätzl (seit 2017/18) wurden im Rahmen globaler Entwicklungen (SDGs) lokal in der Smart City Wien Rahmenstrategie (2019–2050) eingeführt und setzen stark auf die Agency lokaler Akteur:innen. Methodisch stützt sich die Studie auf 35 leitfadengestützte Interviews mit Stakeholdern, Schulleitungen und informellen Partner:innen in neun Bildungsgrätzln sowie eine thematische Analyse (Braun & Clarke, 2006). Dabei zeigen sich ausbalancierte Dynamiken: drei Chancen (Gemeinschaft und institutionelle Zusammenarbeit; Wissensaustausch und Ressourcenoptimierung; Motivation und Innovation) und drei Herausforderungen (hoher Organisationsaufwand und variable Verbindlichkeit; Ressourcenengpässe und begrenzte institutionelle Unterstützung; divergierende Ziele und Kommunikation). Bildungsgrätzl erweitern Lernen über Schulgrenzen hinaus und stärken geteilte Verantwortung; zugleich werden Fortschritte durch Freiwilligkeit, Koordinationslasten und Personal- und Finanzierungsengpässe begrenzt. Die Ergebnisse verorten Bildungsgrätzl als lokal verankerte Bildungspolitik, die globale Inklusions- und Nachhaltigkeitsnarrative in Praktiken wie Elternarbeit, partizipative Workshops und informelles Lernen übersetzt, Übergänge adressiert und Teilhaberäume öffnet – jedoch auf strukturelle Grenzen stößt (Ressourcen, Zuständigkeiten). Systemische Rahmenbedingungen der österreichischen Bildungslandschaft (frühe Selektion, Differenzierung nach Schulformen, Leistungsgruppen) sowie die Stabilität grundlegender Bildungsstrukturen und die zugewiesene Allokationsfunktion von Schule begrenzen die Reichweite inklusiver Kooperation. Die Studie trägt zum Verständnis bei, wie kollaborative Ambitionen von SDG 17 in lokal responsive Praktiken zur Stärkung von SDG 4 überführt werden können, und beleuchtet, wie ENs institutionelle Handlungsfähigkeit für Inklusion und Innovation stärken – sowie welche Barrieren überwunden werden müssen, um Kooperation vom projektförmigen zum strukturell verankerten Bestandteil von Schulentwicklung zu machen. Bibliografie
Braun, V. & Clarke, V. (2006). Using thematic analysis in psychology. Qualitative Research in Psychology, 3(2), 77–101. https://doi.org/10.1191/1478088706qp063oa UNESCO. (o.D.). Education for sustainable development for 2030 toolbox. Abgerufen am 23.01.2026, unter https://www.unesco.org/en/sustainable-development/education/toolbox United Nations. (2015). Transforming our world: The 2030 agenda for sustainable development. https://sdgs.un.org/2030agenda Das Versprechen der Bildung. Phänomenologische Überlegungen im Anschluss an das Forschungsprojekt „EQoL“ Globale Veränderungen auf der weltpolitischen Bühne haben weitreichende Auswirkungen auf gesellschaftliche Strukturen und individuelle Wahrnehmungen, die sich auch im Lokalen zeigen. Bewaffnete Konflikte, beschleunigte technologische Entwicklungen sowie extremistische und terroristische Bedrohungen tragen zu einer Zunahme von Verunsicherung, Überforderung und Angst bei. Sozialwissenschaftliche Diagnosen umreißen ein Bild brüchiger und fragiler gesellschaftlicher Verhältnisse der Gegenwart (Bauman, 1992). Aktuelle mediale politische Diskurse verdeutlichen ein Demokratiedefizit, welches sich parteipolitisch und gesamtgesellschaftlich in Dichotomien abbildet. Dem gegenüber schwebt das neoliberale Versprechen der Bildung, welches charakteristisch ein „Optimierungsfieber“ entfacht. Durch Bildung und Leistung wird erfahrbare Einheitlichkeit und Souveränität versprochen. Der Imperativ lautet: Nimm dein Leben selbst in die Hand. „Arbeite hart, streng dich an, dann wirst du es zu etwas bringen“ (Hobrack, 2022, S. 11). Auf einer begrifflichen und analytischen Ebene werden in diesem Beitrag Relationen der Phänomenbereiche zwischen Bildung, Fragilität und Glück ausgelotet. Im Anschluss an das FWF-Forschungsprojekt „EQoL – Das gute Leben lehren. Theory, Policy and Practice in Education to Promote Quality of Life in the 21st Century“ wird ein phänomenologisches Bildungsverständnis, dem ein ambivalenter und konflikthafter Subjektivationsprozess zugrunde liegt (Meyer-Drawe, 2015), näher beleuchtet. Daran anschließend werden mithilfe der phänomenologischen Analysen Fallstricke des neoliberalen Bildungsversprechen diskutiert. Der Beitrag wird abgerundet mit der abschließenden Frage, ob Bildung in ihrer Fragilität überhaupt, oder gerade deshalb glücklich machen kann. Bibliografie
Bauman, Z. (1992). Moderne und Ambivalenz. Das Ende der Eindeutigkeit. Hamburger Institut für Sozialforschung im Junius Verlag. Hobrack, M. (2022). Klassenbeste: Wie Herkunft unsere Gesellschaft spaltet. Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG. Meyer-Drawe, K. (2015). Lernen und Bildung als Erfahrung. Zur Rolle der Herkunft in Subjektivationsvollzügen. In E. Christof & E. Ribolits (Hrsg.), Bildung und Macht. Eine kritische Bestandsaufnahme (S. 115–132). Löcker. | ||