Veranstaltungsprogramm
Eine Übersicht aller Sessions/Sitzungen dieser Veranstaltung.
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Session 4/1b: Symposium: Demokratiebildung
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Sektionssymposium Berufs-/Erwachsenenbildung "Demokratie als Bezugspunkt in der Berufs- und Erwachsenenbildung: Ausgewählte Beispiele und Reflexionen zu Desiderata in der Forschung zur Demokratiebildung" Entwicklungen mit globaler Reichweite (z.B. Kriege, Künstliche Intelligenz, Klimaveränderungen) und deren Konsequenzen (z.B. Fluchtbewegungen, Bubbles, Ressourcenumwertung) prägen politische Diskurse wie auch das alltägliche Zusammenleben in lokalen Gemeinschaften. Rechte werden neu interpretiert, gesellschaftliche Wertvorstellungen sowie die Bereitschaft für Konsens und Kompromiss sind einem Wandel unterworfen. Demokratie als – im deutschsprachigen Raum – etablierte Herrschafts-, Gesellschafts- und Lebensform, ist dabei von einer Erosion betroffen, zeigt aber auch eine Resilienz gegenüber Ein- und Auswirkungen globaler Entwicklungen (Merkel, 2023). Aus bildungswissenschaftlicher Sicht tritt damit Negts (2010) Diktum immer stärker in den Vordergrund: Demokratie ist die einzige Form des Zusammenlebens, an deren Erhaltung konstant gearbeitet und die immer wieder neu gelernt werden muss. Mit diesem Symposium wollen wir Fragen der Demokratiebildung anhand ausgewählter Projekte der österreichischen Berufs- und Erwachsenenbildung diskutieren. Im Fokus steht die Frage, wie die globale Herausforderung der Demokratiestärkung in der Berufs- und Erwachsenenbildung verhandelt und bearbeitet wird. In den Beiträgen wird ein Bogen gespannt von Demokratieverständnissen junger Erwachsener in berufs- und allgemeinbildenden Schulen, über Demokratieverständnisse von Erwachsenenbildner:innen und der damit verbundenen didaktischen Umsetzung hin zu unterrichtsmethodischen Ansätzen zur Vermittlung deliberativer Kompetenzen in der beruflichen Ausbildung. Den Rahmen für die Einordnung der drei Beiträge spannen wir mit einer Trias zur Systematisierung von Demokratiebildung auf (Kenner & Lange, 2025).
In der abschließenden Diskussion werden die Beiträge durch Maria Stimm, Professorin für Erwachsenen- und Weiterbildung an der Universität Graz, auf disziplinspezifische und -übergreifende Forschungsdesiderata hin reflektiert. Insbesondere wird die Frage gestellt, wie Demokratiebildung als kontinuierlicher Lernprozess gestaltet werden kann, der nicht nur auf die Vermittlung von Wissen abzielt, sondern auch auf die Förderung von Handlungskompetenzen und demokratischer Resilienz. Demnach gilt sich darüber zu verständigen, welchen Ansprüche Demokratiebildung genügen sollte und welche Formen des Lernens für und der Bildung zur Demokratie in gesellschaftlichen Spannungslagen zwischen globalen und lokalen Entwicklungen Relevanz entfalten können. Beiträge des Symposiums Wie Jugendliche Demokratie verstehen: Werte, Erfahrungen und Perspektiven Ausgehend von einer in Forschung und öffentlichem Diskurs verbreiteten, häufig defizitorientierten Perspektive auf das Verhältnis von Jugend und Demokratie wird im Vortrag eine Studie vorgestellt, die untersucht, wie Jugendliche in Österreich Demokratie subjektiv verstehen, erleben und gestalten möchten. Während politische Teilnahmslosigkeit, Demokratiedistanz und mangelndes Engagement junger Menschen vielfach konstatiert werden (Küpper & Zick, 2024), relativieren neuere empirische Studien dieses Bild und verweisen auf differenzierte, alltagsnahe und normativ anspruchsvolle Demokratievorstellungen (Danner, 2024). Ergänzend werden Befunde aus der Jugend- und Demokratieforschung herangezogen, die Heterogenität, soziale Ungleichheiten und unterschiedliche Erfahrungshorizonte junger Menschen betonen. Zentrale Forschungsfragen der Studie waren, wie Jugendliche Demokratie subjektiv definieren, welche Werte sie damit verbinden, wie sie demokratische Prinzipien im Alltag wahrnehmen und welche Erwartungen sie an die zukünftige Ausgestaltung demokratischer Prozesse formulieren. Ziele der Studie waren, die Perspektiven Jugendlicher systematisch zu rekonstruieren, pauschale Zuschreibungen kritisch zu hinterfragen und einen empirisch fundierten Beitrag zur Weiterentwicklung politischer Bildung zu leisten. Methodisch basiert die Untersuchung auf einer explorativen qualitativen Studie. Zwischen März und Mai 2025 wurden 157 schriftliche Freitextreflexionen von Jugendlichen im Alter von 14 bis 24 Jahren an Polytechnischen Schulen, Berufsschulen, Berufsbildenden mittleren und höheren Schulen sowie Allgemeinbildenden höheren Schulen in vier österreichischen Bundesländern erhoben. Die Datenerhebung erfolgte anhand offener Impulsfragen. Die Auswertung wurde mittels einer kombinierten induktiv-deduktiven qualitativen Inhaltsanalyse nach Kuckartz und Rädiker (2024) durchgeführt und durch konsensuales Kodieren abgesichert. Die Ergebnisse zeigen, dass Jugendliche Demokratie überwiegend positiv bewerten, sie jedoch nicht als selbstverständlich begreifen. Demokratie wird primär als soziale und ethische Handlungspraxis verstanden, deren Qualität sich an realer Mitbestimmung, Transparenz, Fairness und Inklusion misst. Die Jugendlichen artikulieren ein ausgeprägtes Bewusstsein für die Diskrepanz zwischen demokratischen Idealen und gelebter Realität, etwa im Hinblick auf Machtasymmetrien, mangelnde politische Responsivität, Desinformation oder strukturelle Ungleichheiten. Zugleich betonen sie Werte wie Gerechtigkeit, Solidarität, Gleichberechtigung, Generationengerechtigkeit und ökologische Verantwortung. In der Diskussion zu den Studienergebnissen soll im Vortrag aufgezeigt werden, dass sich die Demokratieverständnisse der Jugendlichen vor allem an weiten, normativ orientierten Konzepten aus der Demokratietheorie orientieren. Institutionell verengte Vorstellungen spielen eine untergeordnete Rolle. Die Ergebnisse unterstreichen die Bedeutung politischer Bildung, die über reine Wissensvermittlung hinausgeht und Räume für kritische Reflexion, Anerkennung und reale Partizipation eröffnet. Jugendliche erweisen sich damit nicht als demokratiefern, sondern als reflektierte Akteur:innen mit klaren Erwartungen an eine gerechte, inklusive und zukunftsfähige Demokratie im Kontext von Familie, Schule und Beruf. Bibliografie
Danner, K. (2024). Demokratieverständnisse Jugendlicher in Wien [Poster]. https://www.demokratiezentrum.org/wp-content/uploads/2024/11/vcce_2024_Poster-Katharina-Danner.pdf (letzter Zugriff: 23.09.2025). Kuckartz, U. & Rädiker, S. (2024). Qualitative Inhaltsanalyse: Methoden, Praxis, Computerunterstützung (6. Aufl.). Beltz Juventa. Küpper, B. & Zick, A. (2024). Demokratiedistanz der Mitte. Aus Politik und Zeitgeschichte, 74(27), 32–40. https://www.bpb.de/system/files/dokument_pdf/APuZ_2024-27_online_DemokratieInGefahr.pdf Verständnisse von Demokratiebildung und deren didaktisch Umsetzung in einem kooperativen Bildungsangebot für junge Erwachsene mit Migrationsbiografie Erwachsenenbildung ist als Handlungsfeld durch globale Diskurse, Themen-, Institutionen- und Anbietervielfalt, durch nicht-lineare Wege des Einstiegs ins Feld sowie durch nicht-formale Professionalisierungsprozesse geprägt ist. Es bestehen „landscapes of practice“, gemeinschaftliche Wissensvorräte, die in „communities of practice“ gepflegt werden, jedoch nicht darauf beschränkt bleiben, sondern sich mit den Wissensvorräten anderer Communities austauschen (Wenger-Trayner & Wenger-Trayner, 2015). Dies begünstigt professionelle Subkulturen, die unterschiedliche Bildungsverständnisse und didaktische Zugänge aufweisen, vertreten durch erwachsenenpädagogisch Tätige wiederum in bestimmten Arenen, wie z.B. Demokratiebildung, zusammenkommen (Steiner, 2018). In unserem Vortrag diskutieren wir Ergebnisse des Forschungsprojektes „Teilhabe durch Sprache und Demokratie“. Gegenstand dieses Projektes war das gleichnamige Bildungsangebot einer steirischen Erwachsenenbildungsinstitution, das zwischen Februar und November 2025 umgesetzt wurde und sich an junge Erwachsene mit Migrationsbiografie richtete. Das Angebot umfasste vier Lernbereiche: Deutsch, Informations- und Kommunikationstechnologien, Berufsorientierung sowie Demokratie. Der Schwerpunkt des Angebots lag auf dem Lernbereich Demokratie, der in 12 von anbieterexternen Demokratie-Expert:innen geleiteten und von Trainer:innen der Anbieterinstitution begleiteten Workshops bearbeitet wurde. Wir stützen uns auf Annahmen zu „landscapes of practice“ (Wenger-Trayner & Wenger-Trayner, 2015) und Subkulturen der Erwachsenenbildung (Steiner, 2016), um einen Rahmen für die Einordnung dreier Forschungsfragen aufzuspannen: Was wird von Trainer:innen und von Demokratie-Expert:innen unter Demokratiebildung verstanden und wie manifestiert sich dieses Verständnis in didaktischen Vorgehensweisen? Worin zeigen sich wesentliche Gemeinsamkeiten und Unterschiede? Welche Schlüsse lassen sich für die kooperative Gestaltung von Demokratiebildungsangeboten ziehen? Um diese Fragen zu beantworten, greifen wir auf Ergebnisse einer Qualitativen Inhaltsanalyse episodischer Interviews (Flick, 2014) mit 6 Trainer:innen und 13 Demokratie-Expert:innen zurück. Die Ergebnisse lassen drei Formate der Demokratiebildung erkennen, die im Vortrag zur Diskussion gestellt werden: 1. Ein vermittlungsbasiertes Lehrgespräch mit dem Ziel, formale demokratische Strukturen, individuelle Rechte und Teilhabemöglichkeiten verständlich zu machen. 2. Ein erfahrungsbasiertes Lernen in seminaristischen und realen Lernkontexten, dass das situative Verstehen von demokratischen Grundprinzipien zum Ziel hat. 3. Selbst-reflexives Lernen in Gruppen- und Lehrgesprächssettings intendiert ein verantwortungsvolles Handeln in Bezug auf das eigene Leben und das gesellschaftliche Zusammenleben. Unterschiede zwischen den Formatstrukturen manifestieren sich durch divergierende Erfahrungen in der Arbeit mit der Zielgruppe, die Einbettung der Expert:innen in akademische bzw. nicht-akademische Kontexte sowie vor allem durch die inhaltliche Ausrichtung der Organisationen, in denen Trainer:innen und Expert:innen hauptsächlich tätig sind. Für die Zusammenarbeit in Bildungsangeboten unterstreichen die Ergebnisse die Bedeutung einer durch Inhalte und Lernziele begründeten Auswahl an Themen und Kooperationspartner:innen sowie einen intensiven Austausch zwischen der Anbieterinstitution, deren Trainer:innen und den externen Expert:innen in der Angebotsplanung, -durchführung und -evaluation. Bibliografie
Flick, U. (2014). Qualitative Sozialforschung. Eine Einführung. Rowohlt. Steiner, P.H. (2018). Soziale Welten der Erwachsenenbildung. Eine professionstheoretische Verortung. Transcript. Wenger-Trayner, E. & Wenger-Trayner, B. (2015). Learning in a landscape of practice: A framework. In E. Wenger-Trayner et al. (eds.), Learning in Landscapes of Practice. Boundaries, Identity, and Knowledgeability in Practice-based Learning (pp. 13–30). Routledge. Values and Knowledge Education (VaKE) als Unterrichtsmethode in der Berufsausbildung – Empirische Befunde zur Qualität der Diskussion zu ethischen Konflikten in Kleingruppen VaKE (Values and Knowledge Education) (Weyringer et al., 2022) ist ein konstruktivistisches Lehrkonzept, das Phasen des Wissenserwerbs und der Kleingruppenarbeit mit Diskussionen zur Entscheidungsfindung und -begründung kombiniert. Somit lässt sich VaKE als Unterrichtsmodell verstehen, dass über die Beschäftigung mit möglichst alltagsnahen ethischen Konfliktsituationen grundlegende demokratische Kompetenzen wie Argumentieren und Kommunizieren in Gruppen fördert. Es wurde bereits in verschiedenen Settings allgemeinbildender Schulen sowie in der Lehrkräftebildung eingesetzt, jedoch wurde VaKE bisher selten im Kontext der beruflichen Ausbildung und zu ethischen Konflikten im beruflichen Alltag eingesetzt. Sollen aber zukünftige Fachkräfte auf den Umgang und die demokratische Aushandlung im Kontext typischer ethischer Konflikte ihres Berufsfelds vorbereitet werden, bleibt zu untersuchen, ob VaKE sich als Unterrichtssetting für diese Zielgruppe eignet. Zudem gibt es bisher kaum empirische Einblicke in die Qualität der Kommunikation und Diskussion in VaKE und deren Bedeutung für den Wissenserwerb. Ziel des Vortrags ist es, VaKE als Lehrkonzept in der beruflichen Bildung vorzustellen, mit Rekurs auf das Happy Victimizer Pattern im Erwachsenenalter (Gutzwiller-Helfenfinger & Heinrichs, 2020) sowie auf die ICAP-Theorie auszuführen (zur Bedeutung von Interaktion, Kooperation, aktiver Informationsverarbeitung und passiver Informationsspeicherung für Lernprozesse) (Chi & Menekse, 2015), sowie theoretisch und empirisch fundierte Impulse für die weitere Entwicklung von VaKE zu formulieren. Für den Vortrag wird zudem auf die Ergebnisse einer Studie zurückgegriffen, die in einer digitalen Umgebung mit N=41 Teilnehmenden einer beruflichen Vollzeitschule im Feld der Sozialbetreuungsberufe in einem Pre-Post-Design durchgeführt wurde. Den Teilnehmenden wurde eine für dieses Berufsfeld realistische ethische Konfliktsituation zum Thema Gewalt von Angehörigen gegenüber den Klient:innen einer sozialen Einrichtung vorgelegt. Dieses Dilemma war von Expert:innen im Feld entwickelt worden. Die Teilnehmenden wurden zu Beginn und am Ende des Settings gefragt, was sie in dieser Konfliktsituation tun würden (als Wahl von zwei vorgegebenen Handlungsalternativen) und welche Emotionen sie i.S. einer Valenz der Handlungsintention attribuieren würden. Die im Lehrkonzept integrierten Phasen der Diskussion in Kleingruppen wurden videographiert. Mittels qualitativer Inhaltsanalyse wurden die Transkripte mit Rekurs auf die ICAP-Theorie sowie Qualitäten moralischen Argumentierens deduktiv-induktiv ausgewertet. Die Ergebnisse zeigen, dass 51,6 % der Teilnehmenden ihre Entscheidung dazu, was sie in diesem Fall tun würden, geändert haben. Diejenigen, die bei ihrer ersten Entscheidung blieben, schrieben dieser rein positive Emotionen zu; diejenigen, die ihre Entscheidung änderten, zeigten geringer positive oder gemischte Emotionen. Die Qualität der Diskussionen blieb insgesamt auf eher geringem Niveau. Bibliografie
Chi, M. T. H. & Menekse, M. (2015). Dialogue patterns that promote learning. In L. B. Resnick, C. Asterhan, & S. N. Clarke (Eds.), Socializing intelligence through academic talk and dialogue (pp. 263-274). AERA. Gutzwiller-Helfenfinger, E. & Heinrichs, K. (Eds.) (2020). Special Issue Happy Victimizer Phenomenon. Frontline Learning Research, 8(5). https://frontlinelearningresearch.org//index.php/journal/issue/view/51 Weyringer, S., Patry, J.-L., Pnevmatikos, D. & Brossard Børhaug, F. (Eds.) (2022). The VaKE Handbook. Theory and Practice of Values and Knowledge Education. Brill | ||