Veranstaltungsprogramm
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Session 2g: Symposium: Universitäre Bildung
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Das Spezifische der universitären Bildung und ihre je besondere Verortung Der Ausbau des Hochschulwesens gilt global als zentrale Antwort auf beschleunigende gesellschaftliche Transformationsprozesse. Kaum eine Nation verzichtet darauf, Hochschulen als ein Instrument technologischer, ökonomischer und kultureller Entwicklung zu stärken. Zugleich werden sie als regionale Innovationsmotoren verstanden und in entsprechende Programme eingebunden (OECD 2019). Gemessen an der den Hochschulen zugeschriebenen Bedeutung ist jedoch erstaunlich wenig über das Spezifische der Hochschulausbildung und die universitären Bildungsprozesse bekannt. Parallel zum anhaltenden quantitativen Ausbau hochschulischer Institutionen stellt sich daher die Frage, ob die Transformationen, die im Zuge der Bologna-Reformen, der Virtualisierung und der Kapitalisierung an den Universitäten stattfanden (Breil & Sprenger 2026), noch jene Bildungsform zulassen, die historisch als innovativer „Motor“ gesellschaftlicher und regionaler Entwicklung galt. Die „Frage nach Bildung in einer Zeit der multiplen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, technologischen und ökologischen Herausforderungen“ impliziert deshalb auch diejenige danach, was vom Ausbau tertiärer Bildungseinrichtungen (noch) erwartet werden kann. Vor diesem Hintergrund gehen die Beiträge des Symposiums folgenden Fragen nach: Was unterscheidet universitäre Bildung von der anderer Bildungsinstitutionen? Welche Rolle spielt eine ortsgebundene, konkrete Präsenz von Teilnehmenden? Vollziehen sich nach wie vor ganz eigene, durch konkrete Einbettungsverhältnisse geprägte Bildungsprozesse, dann sind die Wechselwirkungen interessant, in denen ein konkretes Fach, eine konkrete Region und eine konkrete Universität Bildungsprozesse mitformen und diese vice versa auf die Region einwirken. Gerade wenn es um universitäre Bildung geht, gibt es aber eine eigentümliche Leerstelle in der Bildungswissenschaft insgesamt, also auch in derjenigen, die sich einer empirischen, z. B. bildungsbiographischen, Forschung genauso wie einem klassischen Bildungsbegriff verpflichtet sieht. Zweifellos waren die Universitäten mächtige Akteure der Entwicklung von Regionen und zweifellos wirkten diese auch zurück, sodass jede Universität eine individuierte Gestalt entwickelte. Doch während Universitäten in einer makrologischen Perspektive durchaus erforscht wurden (z. B. Hartley & Ruby 2025), bleibt der Niederschlag dieser individuierten Institutionen in den Subjekten in den lokalen Communities unterbestimmt; unterbestimmt bleibt damit auch die Frage, ob und inwiefern sich das dabei Gesehene als ein Bildungsprozess (noch) beschreiben lässt. Im Symposium wird mittels qualitativ-rekonstruktiver Analysen von Transkripten von seminaristischen Interaktionen und von Äußerungen universitärer Erfahrungen, wie sie in Gruppendiskussionen und Interviews berichtet wurden, den Bildungsprozessen detailliert gefolgt. Dies ermöglicht einen Einblick in die immer ganz besonderen Bedingungen eines Bildungsprozesses, etwa in Fachkulturen, in konkrete Studienbedingungen und in lokalpolitische Verhältnisse vor Ort. Diesen konkreten Einbettungen unterliegt das Spezifische der universitären Bildungsgelegenheiten. Durch die Rekonstruktionen wird auch dies der Diskussion zugänglich. Beiträge des Symposiums Inwiefern kann die akademische Lehre (aufgrund ihrer Interaktionsstruktur) bilden? Theoretische Überlegungen und empirische Beobachtungen zur Struktur von Seminarinteraktionen Die Lehre der Universität geht traditionell mit herausgehobenen Ansprüchen einher. Die (freilich umstrittene) Formel einer Einheit von Forschung und Lehre soll diesen Anspruch anzeigen. (Vgl. Humboldt, 1960.) Im Zentrum des Beitrags steht, wie der so markierte Anspruch in einer Theorie sozialisatorischer Interaktion rekonstruiert werden könnte. (Vgl. Oevermann, U., et al. ,1976.) Hierzu wäre in einer wissenschaftstheoretisch fundierten Theorie akademischer Sozialisation präziser zu bestimmen, was die Bildungsprozesse in einem akademischen Studium auszeichnet. In einer interaktionsanalytisch fundierten Theorie akademischer Lehre wären die typischen Interaktionsstrukturen dieser Lehre zu erfassen. Schließlich wäre zu klären, inwiefern diese Interaktionsstrukturen geeignet sind, die für ein akademisches Studium spezifischen Bildungsprozesse in Gang zu setzen. Vor diesem Hintergrund soll ein (schon älteres) Transkript eines klassischen Seminars einer Untersuchung unterzogen werden, die interaktionsanalytische, bildungstheoretische und wissenschaftstheoretische Gesichtspunkte miteinander verknüpft: Im ersten Schritt wird in einer interaktionsanalytischen Handlungsschemaanalyse ein spezifisches Muster von Vortrag, Frage und Antwort rekonstruiert, über das der das Seminar anbietende Dozent eine moderierte Auseinandersetzung mit einem klassischen Text seiner Disziplin in Gang setzt. Im zweiten Schritt wird eine bildungstheoretisch bedeutsame Dynamik des so organisierten Geschehens in den Blick genommen, die sich aus dem asymmetrischen Bildungsstand der Interaktionsbeteiligten in Verbindung mit ihrer Position in einer asymmetrischen Rederechtsorganisation ergibt. Im dritten Schritt wird der so organisierte bildungsbedeutsame Prozess auf der Grundlage wissenschaftstheoretischer Überlegungen mit einer im Kontext akademischer Sozialisation als allgemeinbedeutsam zu vermutenden Entwicklungsaufgabe in Verbindung gebracht. Im Ergebnis soll zweierlei gezeigt werden: Es gibt an der Universität Formen der Lehre, die sich hinsichtlich Bildungsanspruch und Interaktionsstruktur klar vom (gut untersuchten) schulischen Unterricht abgrenzen lassen. (Vgl. Kalthoff, H., 1997). Diese Abgrenzung muss aber nicht – wie oftmals angekommen – darin gesehen werden, dass im Seminar Gelegenheit zur Teilnahme an einem auf symmetrischen Teilnehmerpositionen beruhenden wissenschaftlichen Diskurs geboten würde. Bibliografie
Humboldt, W. v. (1960). Über die innere und äußere Organisation der höheren wissenschaftlichen Anstalten in Berlin [1809 oder 1810]. In W. Weischedel, W. Müller-Lauter, & M. Theunissen (Hrsg.), Idee und Wirklichkeit einer Universität: Dokumente zur Geschichte der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin (S. 193–202). De Gruyter. https://doi.org/10.1515/9783110832112 Oevermann, U., Allert, T., Gripp, H., Konau, E., Krambeck, J., Schröder-Caesar, E. & Schütze, Y. (1976). Beobachtungen zur Struktur der sozialisatorischen Interaktion: Theoretische und methodologische Fragen der Sozialisationsforschung. In R. Lepsius (Hrsg.), Verhandlungen des 17. Deutschen Soziologentages (S. 274–295). Ferdinand Enke. Kalthoff, H. (1997). Wohlerzogenheit: Eine Ethnographie deutscher Internatsschulen. Campus Verlag. Irritationen als Anstöße von Bildungsprozessen in der Hochschule – Eine empirische Spurensuche Fragen zu universitärer Bildung, und was diese im Kontrast zu anderen Institutionen der Bildung kennzeichnet, werden im erziehungswissenschaftlichen Diskurs meist normativ verhandelt. Dabei werden häufig gegebene universitäre Strukturen einem theoretisch fundierten Bildungsverständnis gegenübergestellt und kritisiert (vgl. z. B. Thompson, 2011). Liegt das Interesse auf der empirischen Untersuchung von hochschulischen Bildungsprozessen, so ist das Augenmerk auf jene Akteure zu richten, auf die Hochschulbildung ihrem institutionellen Anspruch nach gerichtet ist: die Studierenden. Die Frage nach Bildungsprozessen von Studierenden scheint in den methodisch und inhaltlich unterschiedlich akzentuierten empirischen Forschungen zu Erfahrungen von Studierenden an Hochschulen immer wieder durch. Sie wurde allerdings – nicht zuletzt aufgrund der methodologisch voraussetzungsvollen Implikationen – bislang nur unzureichend empirisch durchleuchtet. Gerade in Hinblick der Frage nach dem Spezifischen universitärer Bildung ist es wesentlich, den Blick auf die Erfahrungen der Adressant:innen von hochschulischer Bildung zu lenken. Für den vorliegenden Beitrag steht daher die Bearbeitung der Frage nach den Bildungserfahrungen von Studierenden im Mittelpunkt. Ausgehend von dem abgeschlossenen qualitativ-rekonstruktiven Forschungsprojekt „Studieren im Kontext der Ökonomisierung von Hochschulbildung“ (Freudhofmayer, 2024) soll anhand von Gruppendiskussionen mit Studierenden des Bachelorstudiums der Bildungs- und Erziehungswissenschaft empirisch ausgelotet werden, inwiefern sich die darin zur Sprache gebrachten Erfahrungen als Bruchstücke von Bildungsprozessen rekonstruieren lassen. Als Heuristik zur Identifizierung von hochschulischen Bildungsprozessen dient Hans-Christoph Kollers Konzept transformatorischer Bildung (Koller, 2023). Diesem zufolge gehen Bildungsprozesse von krisenhaften Ereignissen aus, die bisherige Verhältnisse des Subjekts zu sich selbst, zu anderen und zur Welt infrage stellen. In diesem Sinne weisen einige der Erzählungen der Studierenden in den Gruppendiskussionen Irritationsmomente auf, die als Hinweise auf mögliche Bildungsprozesse gedeutet werden können. Anhand einer solchen Analyseperspektive soll im Beitrag die Rekonstruktion von vier Ausschnitten aus den Gruppendiskussionen der Studierenden vorgestellt werden. Die sich darin vollziehenden Erzählungen der Studierenden beziehen sich auf folgende Themen: (a) Brisantes Thema im Seminar, (b) Selbstgespräch eines Studierenden nach einer Vorlesung, (c) Kontakt mit einer gehörlosen Person im Rahmen eines Forschungspraktikums, und (d) Begeisterung für den Vortragsstil eines Dozierenden. Die letzte Erzählung fungiert als Kontrastbeispiel. In diesem ist die Begeisterung einer Studierenden für eine Lehrveranstaltung unverkennbar, eine Irritation ihrer bisherigen Selbst- und Weltverhältnisse bleibt allerdings außen vor. Abschließend sollen diese „empirischen Tiefenbohrungen“ zur Frage nach der Besonderheit universitärer Bildung in Beziehung gesetzt und in Hinblick auf ein bildungswissenschaftlich fundiertes Verständnis von hochschulischer Bildung diskutiert werden. Bibliografie
Freudhofmayer, S. (2024). Studieren im Kontext der Ökonomisierung von Hochschulbildung. Rekonstruktionen zum kollektiven Erfahrungsraum der Studierenden der Bildungs- und Erziehungswissenschaft. Dissertation, Universität Wien. Koller, H.-C. (2023). Bildung anders denken. Einführung in die Theorie transformatorischer Bildungsprozesse (3., erweiterte und aktualisierte Aufl.). W. Kohlhammer. https://doi.org/10.17433/978-3-17-042796-9 Thompson, C. (2011). Bildung und Universität. Topologik – International Journal of Philosophy, Educational and Social Sciences, 10, 118–128. Zur Einzigartigkeit universitärer Bildung. Eine Sekundäranalyse von Studierendeninterviews im Kontext von Bildungsaufstieg Forschungen, die sich nicht nur den Erwartungen und Aspirationen, sondern auch vor allem den studienbezogenen Erfahrungen an der Universität widmen, fokussieren im Kontext des Themas ‚Bildungsaufstieg‘ überwiegend auf habituelle Passungen, Zugehörigkeitsgefühle sowie institutionelle und nationalstaatliche Präformierungen des Blicks auf die eigene Hochschulerfahrung (LeBouef & Dworkin, 2021). Indem ungleichheitsbezogene Aspekte, wie z. B. Distanzierung und Entfremdung vom Herkunftsmilieu thematisiert werden, ermöglichen sie wichtige Erkenntnisse für die Ausgestaltung von Bildungsbiographien und Bildungsorientierungen. Interessanterweise ist in bisherigen bildungsbiographischen Untersuchungen fast gänzlich ausgespart eine Motivlage, die in einer bildungstheoretischen Perspektive nahe läge: nämlich, dass es ein genuines Interesse an einem Studiengegenstand gibt oder sich ein gegenstandsbezogenes Interesse durch die Erfahrungen an der Universität entwickeln könnte (siehe jedoch Franzmann 2014). Daran kann sich die Frage anschließen, welche Veränderungen ‚im Inneren‘ aus der Konfrontation mit einem Studiengegenstand resultieren, die nicht notwendigerweise mit dem Sozialstatus in Verbindung stehen und die möglicherweise aber auch Einfluss auf die zuvor genannten Motive ein Studium zu beginnen, haben. An einem aus diesen Überlegungen sich ableitenden Desiderat setzt unsere Untersuchung an: Welche subjektiven Verarbeitungen des Aufeinandertreffens von Bildungsorientierungen des Individuums (geprägt durch Sozialisation) auf der einen Seite und möglicherweise ganz spezifischen institutionellen Bildungsangeboten der Universität auf der anderen Seite lassen sich in bildungsbiographischen Interviews rekonstruieren? Die objektivhermeneutischen Sekundäranalysen von 14 Studierendeninterviews, die im Kontext von Bildungsaufstiegen geführt wurden, operieren unterhalb des bourdieuschen Begriffs der Illusio in der Tiefenstruktur (Patfield et al., 2021), und sie verweisen auf einen Gebrauch der universitären Bildungsgelegenheiten, der sich nicht in einer Dichotomie von instrumentellen versus einer durch die klassische Universitätsidee geprägten Erfahrung erschöpft. Die bildungswissenschaftliche Analyse vermag dabei die Anziehungskraft der Universität aufzuzeigen. Selbst wenn dieses Angebot nicht ergriffen wird, kann, wie in einem analysierten Fall, daraus ein lebensverändernder Bildungsprozess resultieren, der letztlich zu mehr Autonomie verhilft. In einem weiteren Fall zeigt sich ein spezifischer Umgang mit dem Bildungsangebot, der es ermöglicht, die Spezifizität der universitären Bildung zu konturieren bzw. darüber in Bezug auf Fragen der Funktionalität zu diskutieren. Bibliografie
Franzmann, A. (2014). Die Disziplin der Neugierde: zum professionalisierten Habitus in den Erfahrungswissenschaften. Transcript Verlag. https://www.transcript-verlag.de/978-3-8394-2073-7 LeBouef, S., & Dworkin, J. (2021). First-Generation College Students and Family Support: A Critical Review of Empirical Research Literature. Education Sciences, 11(6), 294. https://doi.org/10.3390/educsci11060294 Patfield, S., Gore, J., & Fray, L. (2021). On becoming a university student: Young people and the ‘¬illusio’ of higher education. In R. Brooks & S. O'Shea (Eds.), Reimagining the Higher Education Student: Constructing and Contesting Identities (pp. 10–26). Routledge. https://doi.org/10.4324/9780367854171-2 | ||
