Veranstaltungsprogramm

Eine Übersicht aller Sessions/Sitzungen dieser Veranstaltung.
Bitte wählen Sie einen Ort oder ein Datum aus, um nur die betreffenden Sitzungen anzuzeigen. Wählen Sie eine Sitzung aus, um zur Detailanzeige zu gelangen.

Bitte beachten Sie, dass sich alle Zeitangaben auf die Zeitzone des Konferenzortes beziehen. Die momentane Konferenzzeit ist: 25. Sept. 2021 11:24:47 MESZ

 
Nur Sitzungen am Veranstaltungsort 
 
 
Sitzungsübersicht
Datum: Donnerstag, 16.09.2021
10:00 - 10:30Eröffnung: Begrüssung
Virtueller Veranstaltungsort: Leipziger Zoom (1)
Chair der Sitzung: Sonja Ganguin
 
10:30 - 12:00Panel1: Kommunikations- und Lernräume
Virtueller Veranstaltungsort: Leipziger Zoom (1)
Chair der Sitzung: Karsten D. Wolf
Chair der Sitzung: Anneke Elsner

Verbundenheit, Zugehörigkeit und Einbinding in Kommunikations- und Lernräume.

Die Konstruktion sozialer Räume einschliesslich der darin stattfindenen Kommunikation ist Thema dieses Panels. Dabei geht es zum einen um Verbundenheit und Zugehörigkeit der Akteure innerhalb dieser Räume, seien es digitale Lernräume Studierender oder physische Sozialräume von Individuen. Zum anderen geht es um die Herstellung von Einbindung in digitale Lernräume durch Designelemente und der darin implizierten Wissensbestände.

 
 
10:30 - 11:00
ID: 108 / Panel1: 1
Präsentation mit Bezug zum Call
Themen: Präsentation mit Bezug zum Call
Stichworte: digitales forschendes Lernen, interdisziplinäre Kommunikation, kollektive Identifikation, soziale Integration

Ein Teil vom Ganzen – Zugehörigkeit trotz Distanz in Student Crowd Research

Nele Katharina Groß, Daria Paul, Alexa Kristin Brase, Gabi Reinmann

Hamburger Zentrum für Universitäres Lehren und Lernen, Universität Hamburg, Deutschland

Fragestellung und Hintergrund

Interdisziplinäres forschendes Lernen von Studierenden in der Crowd kann, so die Grundannahme des Vortrags, für unterschiedliche Perspektiven sensibilisieren, Verständigung außerhalb der eigenen Fachsprache ermöglichen und ein Zugehörigkeitsgefühl zu einer heterogenen Großgruppe fördern. Doch wie gelingt es, Studierende auf einer Online-Lernplattform trotz Distanz und eingeschränkter Kommunikationswege zum gemeinsamen Forschen zu motivieren?

Die Analyse, die von dieser Frage ausgeht, ist eingebettet in ein laufendes Verbundforschungsprojekt, das mit Design-Based Research (DBR) als methodologischem Rahmen (Design-Based Research Collective, 2003; Reinmann, 2020) zwei Ziele verfolgt: eine Plattform für studentische Forschungsprojekte zu gestalten und bildungswissenschaftliche Erkenntnisse zur Förderung forschenden Lernens zu gewinnen. Auf der Plattform treffen Studierende verschiedener Hochschulen und unterschiedlicher Fachdisziplinen aufeinander, um als Crowd videobasiert zu Themen aus dem Bereich Nachhaltigkeit zu forschen. „Student Crowd Research“ bezeichnet eine kollaborative Form des forschenden Lernens, wobei forschendes Lernen als Lernen durch (Selber-)Forschen definiert wird (vgl. Huber & Reinmann, 2019). Die Studierenden stehen, vor der Herausforderung, ihre eigenen Teiltätigkeiten und die Kooperation beim Forschen selbstständig auszuhandeln, dafür eine gemeinsame Sprache zu finden und dies unter den gegebenen technischen Möglichkeiten zu realisieren. Insgesamt stellt das Forschen auf der Plattform für die Studierenden eine motivational herausfordernde und neue Situation dar, die hypothetisch durch eine vertrauensvolle und wertschätzende Kommunikationsatmosphäre innerhalb der Crowd erleichtert werden kann: Diese soll durch Interventionen entsprechend gefördert werden.

Theoretische Einbettung

Aus der theoretischen Perspektive einer temporären und virtuellen Community of Practice (Wenger, 1998) verfolgen die Studierenden auf der Plattform ein gemeinsames (Forschungs-)Ziel. Mit dem rahmenden Thema „Nachhaltigkeit“ steht ein sinnstiftendes geteiltes Identifikationsmerkmal zur Verfügung, das die Studierenden aus verschiedenen Fächern untereinander potenziell über einen „Sense of Community“ (Sarason, 1974; McMillan & Chavis, 1986) verbindet. Um diesen Gemeinschaftssinn im virtuellen Raum zu entwickeln, müssen Studierende zunächst Zugehörigkeit empfinden und Möglichkeiten der eigenen Einflussnahme wahrnehmen (Koh & Kim, 2003). In Online-Lernumgebungen kann sich ein Zugehörigkeitsgefühl unter den Studierenden positiv auf den Lernerfolg auswirken, indem trotz räumlicher Distanz ein Klima des Vertrauens und gegenseitiger Unterstützung entsteht (Arnold & Putz, 2000; Ragusa & Crampton, 2018). Wie ein solches Klima im Kontext von Crowd Research geschaffen werden kann, ist eine noch offene Frage. Der hier verfolgte Weg nutzt die hohe Relevanz von Forschungsthemen zur Nachhaltigkeit, um Studierenden bewusst zu machen, dass unter den Teilnehmenden geteilte Werte und Ziele existieren und der eigene Beitrag den Erfolg des gemeinsamen Projektes mitbestimmt. Weiterhin soll Studierenden verdeutlicht werden, wie wichtig interdisziplinäre Kooperation für ein gemeinsames Ziel ist; sie sollen in der Folge erkennen, dass es gute Gründe gibt, trotz räumlicher und eventuell fachperspektivischer Distanz zu interagieren. Interaktionen zwischen Studierenden sind allerdings nicht per se förderlich. Der transaktionalen Theorie von Moore (1993) zufolge beeinflussen sich die Bereiche Interaktion (Dialog), Struktur und Autonomie gegenseitig; dies muss beim Design von Online-Lernumgebungen berücksichtigt werden, um die wahrgenommene Distanz zu reduzieren.

Methodisches Vorgehen

Basierend auf diesen Annahmen sollen im Beitrag interaktionsfördernde, strukturierende und autonomieregulierende Gestaltungsentscheidungen für die Forschungsplattform eingeordnet und vorgestellt werden. Der angestrebte Beitrag nimmt vor allem die Kommunikation Studierender in zwei einander ähnlichen didaktischen Settings in den Blick, die sich durch die Gestaltung technischer Kommunikationsmöglichkeiten und didaktischer Unterstützung unterscheiden. Dem DBR-Prinzip folgend, wird die didaktische Gestaltung der Plattform nach einer prototypischen Umsetzung mit Studierenden im Wintersemester 20/21 umfassend evaluiert und nach einem didaktischen Re-Design im Folgesemester erneut erprobt. Dafür werden in einem virtuell-ethnografischen Vorgehen (Hine, 2015) Beobachtungen und Artefakte der Kommunikation und Zusammenarbeit auf der Plattform gesammelt und ausgewertet.

Literatur

Arnold, P. & Putz, P. (2000) Communities of Practice als Orientierungsrahmen für die Gestaltung virtueller Lernumgebungen. In F. Scheuermann (Hrsg.), Medien in der Wissenschaft. Bd. 10: Campus 2000. Lernen in neuen Organisationsformen. Münster: Waxmann. S. 97–109.

Design-Based Research Collective (2003). Design-Based-Research - An Emerging Paradigm for Educational Inquiry. Educational Researcher, 32(1), 5–8.

Hine, C. (2015). Ethnography for the Internet: Embedded, Embodied and Everyday. Bloomsbury Academic.

Huber, L. & Reinmann, G. (2019). Vom forschungsnahen zum forschenden Lernen an Hochschulen. Wege der Bildung durch Wissenschaft. Berlin: Springer VS.

Koh, J., & Kim, Y.-G. (2003). Sense of virtual community: A conceptual framework and empirical validation. International Journal of Electronic Commerce, 8(2), 75.

McMillan, D. W., & Chavis, D. M. (1986). Sense of community: A definition and theory. Journal of community psychology, 14(1), 6-23.

Moore, M. (1993). Theory of transactional distance. In D. Keegan (Ed.), Theoretical principles of distance education (Vol. 1, pp. 22-38). London: Routledge.

Ragusa, A. T. & Crampton, A. (2018). Sense of connection, identity and academic success in distance education: Sociologically exploring online learning environments. Rural Society, 27(2), 125-142.

Reinmann, G. (2020). Ein holistischer Design-Based Research-Modellentwurf für die Hochschuldidaktik. EDeR. Educational Design Research, 4(2).

Sarason, S. B. (1974). The psychological sense of community: Prospects for a community psychology. San Francisco: Jossey-Bass.

Wenger, E. (1998). Communities of practice: Learning, meaning and identity. Cambridge: Cambridge University Press.

Bibliografie
1.Schwippert, K., Lehmann-Wermser, A., Busch, V., Groß, N. & Krupp-Schleußner, V. (2019). Implementierung und langfristige Wirkungen des Projekts ‚Jedem Kind ein Instrument‘. Anlage und Durchführung der Längsschnittstudien SIGrund und WilmA. In K. Schwippert, A. Lehmann-Wermser & V. Busch (Hrsg.), Mit Musik durch die Schulzeit? Chancen des Schulprogramms JeKi – Jedem Kind ein Instrument (S. 17–29). Münster: Waxmann.

2.Groß, N. & Schwippert, K. (2019). Einfluss des Musizierens auf die Alltagsbewältigung und Gesundheit von Schülerinnen und Schülern. In K. Schwippert, A. Lehmann-Wermser & V. Busch (Hrsg.), Mit Musik durch die Schulzeit? Chancen des Schulprogramms JeKi – Jedem Kind ein Instrument (S. 59–77). Münster: Waxmann.

3.Groß, N. (2018). Macht musizieren resilient? Untersuchung von sozialen, familiären und personalen Ressourcen für die psychische Gesundheit von Jugendlichen. Münster: Waxmann.

4.Groß, N. & Schwippert, K. (2016). Untersuchungen von Transfereffekten musikalischer Angebote. Ergebnisse aus der Studie Wirkungen und langfristige Effekte musikalischer Angebote (WilmA-Teilprojekt Transfer). In Koordinierungsstelle des BMBF-Forschungsschwerpunkts 'Musikalische Bildungsverläufe' (Hrsg.), Musikalische Bildungsverläufe nach der Grundschulzeit. Ausgewählte Ergebnisse des BMBF-Forschungsschwerpunkts zu den Aspekten Adaptivität, Teilhabe und Wirkung (S. 83-101). Dortmund: Technische Universität Dortmund, Musikpädagogische Forschungsstelle.


11:00 - 11:30
ID: 125 / Panel1: 2
Präsentation mit Bezug zum Call
Themen: Präsentation mit Bezug zum Call
Stichworte: Digitale Medien, App-Analyse, Ed-Tech-Kulturen, Online-Gemeinschaften, Lern-Technologien

Konstruktionen sozialer Einbindungen in ‚Lern- und Bildungsapps‘ – Diskurse und Praktiken von Lerngemeinschaften in App-Umgebungen

Denise Klinge

Universität der Bundeswehr München, Deutschland

Mit dem Aufkommen digitaler Technologien und deren umfassenden Verschränkungsmöglichkeiten von physischer Welt und digitalen Ebenen – so wird postuliert – würden sich soziale und kulturelle Prozesse und Phänomene grundlegend verändern (Berry 2011; Manovich 2013). In diesem Sinne wird auch die Unterscheidung zwischen digitaler und analoger Sphäre in Frage gestellt, da digitale Artefakte, digitale Datenstrukturen und Praktiken zum alltäglichen Bestandteil des Lebens geworden sind (u. a. Biniok und Hülsmann 2016). Befragungen zeigen eine Durchdringung des Alltags mit Kleintechnologien: Im Jahr 2020 besitzen mindestens 96 % der unter 50-Jährigen ein Smartphone (Arbeitsgemeinschaft Verbrauchs- und Medienanalyse 2020).

In diesem Kontext finden entsprechend auch vielfältige soziale Praktiken mit und durch digitale Technologien statt, die hauptsächlich aus kommerziellem Interesse entwickelt wurden. Diesbezüglich ist festzuhalten, dass Marktforschungsstudien jedes Jahr aufs Neue ein Umsatz-Rekordhoch für Apps ausrufen (BITKOM 2011, 2019, 2020). Für erziehungs- und bildungswissenschaftliche Fragen ist das insofern relevant, als dass die in den Stores deklarierten „Lern- und Bildungsapps“ (welche den drittgrößten Anteil der Apps auf dem Markt ausmachen) auf Anbieterseite umfassende selbstgesteuerte Lernmöglichkeiten und teilweise sogar Selbsterkenntnis (wie dies in Self-Tracking Diskursen und Praktiken bspw. propagiert wird) mittels ihrer kommerziellen Produkte versprechen. Sie werden unter der Kategorie „Lernen“ bzw. „Bildung“ in den Google- oder Apple-Stores angeboten und proklamieren z. B. das Fremdsprachenlernen, das Gedächtnistraining oder den Wissenserwerb über bestimmte Themen. Dabei sind Apps nicht pädagogisch neutral, sondern transportieren sehr spezifische Annahmen über die Nutzer*innen und die Gesellschaft (Decuypere 2019; Autorin1 2019, 2020).

Dabei werden sich in der Entwicklung nicht nur Vermittlungsweisen im Sinne des Behaviorismus, wie konstantes Feedbacketc. bedient, sondern auch – und das ist der Fokus und die Annahme des Beitrags – Gemeinschaften konstruiert, die das gemeinsame Handeln von App und Nutzer*in sozial rahmen. So gibt es u. a. die augenfälligen Modi, Freund*innen einzuladen (wie bei der Sprachlern-App Duolingo) oder in einer nicht näher bestimmten Nutzer*innengruppe zu wetteifern (wie bei der Gehirnjogging-App GEIST). Vor diesem Hintergrund fragt dieser Beitrag, wie 'das Soziale' als Gemeinschaft, Interaktion und Kommunikation in App-Umgebungen konstruiert wird und welche weiteren Modi sich rekonstruieren lassen bzw. wie jene sich vor welchen Orientierungen bezüglich Lernen und Gemeinschaft vollziehen.

Auf diskursiver Ebene lassen sich seit Beginn der Computer-Entwicklung Diskussionen über den epistemischen Status von (Online-)Gemeinschaften als Matrix sozialer Interaktionen (Jones 1998), als „Netzwerkgesellschaft“ (Wittel 2001) oder als Lerngemeinschaften (Wenger 1998) feststellen, welche in Abgrenzung zu sozialer Zugehörigkeit definiert werden. Neben diesen Diskursen bezüglich des Gegenstandes lassen sich aber auch (Entwicklungs-)Praktiken der Konstrukteur*innen von Technologien verorten, (Berry 2011), deren (implizite) Wissensbestände und Weltsichten (bezüglich Lernen und Gemeinschaften) im Produkt gerinnen. In diesem Zusammenhang betont Seaver (2018), dass sich soziale und „Software-Architekturen“ gegenseitig widerspiegeln (S. 376).

Die Rekonstruktion jener (impliziten) Wissensbestände innerhalb von Apps wird mit einer App-Analyse (Decuypere 2019; Dieter et al. 2019; Autorin1 2019) anvisiert. Über die Analyse des Graphical-User-Interface mit seinen visuell-assoziativen, auditiven und haptischen Angeboten (Warnke 2018), werden entsprechend nicht nur die schriftsprachlichen Inhalte, sondern auch Visualisierungen, Sound, Vibrationen, Interaktionen und Konnektivität fokussiert. Dazu wird zunächst ein Beschreibungsprotokoll des Kontextes der App und der App selbst (über Screenshots und Beschreibung der Interaktivität) angefertigt und dieses dann im Sinne einer multiparadigmatischen Analyse (Autorin1 2019) interpretiert. Untersucht werden die (impliziten) diskursiven Wissensbestände mittels der dokumentarischen Diskursanalyse (Nohl 2016), insbesondere das ikonologische Wissen mit Hilfe der Bildanalyse der Dokumentarische Methode (Bohnsack 2020) sowie die Interaktionsweisen gemäß der Konversationsanalyse (Ayaß 2008). Im Beitrag werden exemplarisch Ergebnisse der App-Analyse von der Sprachlern-Apps „Duolingo“ und „Babbel“ und der Sachbuch-App „Blinkist“ vorgestellt, welche auf dem Markt besonders erfolgreich sind. Die Analysen sollen Aufschluss darüber geben, wie Lerngemeinschaften als Sozialitäten in Apps konstruiert werden.

Bibliografie
Arbeitsgemeinschaft Verbrauchs- und Medienanalyse. (2020). Anteil der Smartphone-Nutzer in Deutschland nach Altersgruppe im Jahr 2020. Statista, Stastista GmbH. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/459963/umfrage/anteil-der-smartphone-nutzer-in-deutschland-nach-altersgruppe/. Zugegriffen: 11. Mai 2021.
Ayaß, R. (2008). Konversationsanalyse. In U. Sander, F. von Gross & K.-U. Hugger (Hrsg.), Handbuch Medienpädagogik (1. Aufl., Bd. 52, S. 346–350). Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
Berry, D. M. (2011). The Philosophy of Software. Code and Mediation in the Digital Age. London: Palgrave Macmillan UK.
Biniok, P. & Hülsmann, I. (2016). 21st Century Men and the Digital Amalgamation of Life. A Science and Technology Perspective on Lifelogging. In S. Selke (Hrsg.), Lifelogging. Digital self-tracking and lifelogging - between disruptive technology and cultural transformation (S. 81–108). Wiesbaden: Springer VS.
BITKOM. (2011). Mobile Anwendungen der ITK Branche. Umfrageergebnisse. Zugegriffen: 27. November 2017.
BITKOM. (2019). Deutscher App-Markt auf Umsatz-Rekordhoch. https://www.bitkom.org/Presse/Presseinformation/Deutscher-App-Markt-auf-Umsatz-Rekordhoch.
BITKOM. (2020). App-Boom setzt sich fort. https://www.bitkom-research.de/de/pressemitteilung/app-boom-setzt-sich-fort.
Bohnsack, R. (2020). Iconology and Documentary Method in the Interpretation of Divergent Types of Visual Materials. In L. Pauwels & D. Mannay (Hrsg.), The SAGE handbook of visual research methods (Sage reference, Second edition, S. 396–410). Los Angeles: Sage.
Decuypere, M. (2019). Researching educational apps: Ecologies, technologies, subjectivities and learning regimes. Learning, Media and Technology, 414–429.
Dieter, M., Gerlitz, C., Helmond, A., Tkacz, N., van der Vlist, F. N. & Weltevrede, E. (2019). Multi-Situated App Studies: Methods and Propositions. Social Media + Society 5 (2), 1-15.
Jones, S. G. (1998). Information, Internet, and Community: Notes toward an Understanding of Community in the Information Age. In S. G. Jones (Hrsg.), Cybersociety 2.0. Revisiting computer-mediated communication and community (New media cultures, Bd. 2, [4th. print.], S. 1–34). Thousand Oaks, Calif: Sage Publ. Zugegriffen: 29. Januar 2020.
Autorin1 (2019)
Autorin1 (2020)
Manovich, L. (2013). Software Takes Command. New York [u.a.]: Bloomsbury.
Nohl, A.-M. (2016). Dokumentarische Methode und die Interpretation öffentlicher Diskurse. Zeitschrift für Diskursforschung 4 (2), 115–136.
Warnke, M. (2018). Nicht mehr Zahlen und Figuren. Oder: Die ozeanische Verbundenheit mit dem Smartphone. In O. Ruf (Hrsg.), Smartphone-Ästhetik. Zur Philosophie und Gestaltung mobiler Medien (Medien- und Gestaltungsästhetik, Bd. 1, S. 63–73). Bielefeld: Transcript.
Wenger, E. (1998). Communities of Practice. Learning, Meaning, and Identity. Cambridge: Cambridge University Press.
Wittel, A. (2001). Toward a Network Sociality. Theory, Culture & Society 18 (6), 51–76.


11:30 - 12:00
ID: 130 / Panel1: 3
Präsentation mit Bezug zum Call
Themen: Präsentation mit Bezug zum Call
Stichworte: Mediennutzung, Zugehörigkeit, sozialräumliche Anbindung, Medienrepertoires, Zusammenhalt

Kommunikative Praktiken und Muster sozialräumlicher Anbindung als Bausteine gesellschaftlichen Zusammenhalts

Hannah Immler, Sascha Hölig, Uwe Hasebrink

Leibniz-Institut für Medienforschung | Hans-Bredow-Institut

Soziale Praktiken, durch welche sich Individuen mit anderen in Beziehung setzen, können als essentiell für die Konstruktion von Gesellschaft und ihrem Zusammenhalt betrachtet werden (vgl. Hasebrink et al. 2020). Eine entscheidende Rolle in diesem Kontext nehmen die sozialen Räume ein, zu denen Menschen sich selbst als zugehörig empfinden. Aus einer kommunikationswissenschaftlichen Perspektive erfolgt die Konstruktion dieser Bezugsräume durch die wechselseitige Verflechtung von Akteuren durch ihre kommunikativen Praktiken (vgl. Hepp & Hasebrink 2017). Medial gestützter Kommunikation wird dabei das Potential zugesprochen, konkrete territoriale Räume wie das unmittelbare, ortsgebundene Lebensumfeld zu überwinden und sich mit weiteren sozialen Räumen zu verbinden. Die durch Medien und deren Gebrauch vollzogene Erweiterung und Ausdifferenzierung von persönlichen Bezugsräumen vor allem in der räumlichen und der zeitlichen Dimension (vgl. Lingenberg 2014) wird in der Literatur mit verschiedenen Konzepten wie „mobilisiert mediatisierte Lebenswelten“ (Lingenberg 2014), „mobile Kommunikationsgesellschaft“ (Wallner & Adolf 2014), „Translokalität“ (Hepp 2004) oder „De-Territorialisierung (Wallnder & Adolf 2014) adressiert.

Vor diesem Hintergrund untersuchen wir in dem vorgeschlagenen Tagungsbeitrag, wie individuelle Praktiken der Mediennutzung mit der subjektiv empfundenen Verbundenheit mit verschiedenen sozialen Bezugsräumen zusammenhängen, so etwa der lokalen Umgebung, dem Nationalstaat oder einer bestimmten Weltregion. Dabei werden sowohl Formen der Nutzung traditioneller Massenmedien als auch Aspekte der mediengestützten Individualkommunikation und vielfältige Nutzungsmöglichkeiten von sozialen Medien einbezogen. Die forschungsleitende Fragestellung ist, wie verschiedene sich aus diesen kommunikativen Praktiken ergebende Medienrepertoires mit spezifischen Mustern der Verbundenheit mit den verschiedenen Bezugsräumen zusammenhängen und im oben genannten Sinne zur (De-)Territorialisierung sozialer Räume beitragen.

Die Datenanalyse stützt sich auf Befragungsdaten des Projekts „The Peoples‘ Internet (PIN)“, die repräsentativ für die deutsche Bevölkerung ihm Jahr 2018 erhoben wurden (N= 1517). In diesem Projekt, das primär auf das durch individuelle Kommunikationspraktiken gestaltete Zusammenspiel von Zivilgesellschaft, Markt und Staat ausgerichtet war, wurden neben einem breiten Spektrum an Indikatoren für Mediennutzungs- und Kommunikationsverhalten auch Gefühle der Verbundenheit mit verschiedenen sozialen Räumen erhoben. In unserer Sekundäranalyse untersuchen wir anhand von Korrelations- und Regressionsanalysen den Zusammenhang zwischen Verbundenheitsgefühlen auf verschiedenen Ebenen und den entsprechenden Kommunikations- und Mediennutzungspraktiken.

Erste Ergebnisse zeigen, dass lokal und national orientierte Personen in höherem Maße traditionelle massenmedial vermittelte Kommunikationspraktiken aufweisen, während Menschen, die sich eher mit weiteren Bezugsräumen verbunden fühlen, häufiger asynchrone Kommunikationstechniken wie Streamingangebote oder persönliche Textnachrichten und E-Mails sowie Printmedien nutzen. Zugleich zeigen vor allem global orientierte Befragte eine vielfältige Internetnutzung. Die dazu vorliegenden Indikatoren deuten darauf hin, dass sich Personen vor allem mithilfe des Internets und der sozialen Medien über kulturelle und nachrichten- und berufsbezogene Aspekte zu einer global verstandenen Gesellschaft in Beziehung setzen.

Werden soziodemographische Kontrollvariablen in die Rechnung einbezogen, wird deutlich, dass sowohl jüngere Befragte als auch Personen mit höherer formaler Bildung eine stärker global ausgeprägte Verbundenheit aufweisen, während ältere Befragte sich eher lokal oder national orientieren. Dennoch zeigen sich auch nach Kontrolle von Alter, Geschlecht und Bildung verbundenheitsbezogene Unterschiede in den kommunikativen Praktiken von interpersonaler und (zeitlich souveräner) Massenkommunikation.

Literatur

Hasebrink, U., Schmidt, J.-H., Loosen, W. & Schulz, W. (2020). Medien und gesellschaftlicher Zusammenhalt. In N. Deitelhoff, O. Groh-Samberg & M. Middell (Hrsg.), Gesellschaftlicher Zusammenhalt - Ein interdisziplinärer Dialog (S. 333–348). Frankfurt/New York: Campus Verlag.

Hepp, A. (2004). Netzwerke der Medien. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Hepp, A., & Hasebrink, U. (2017). Kommunikative Figurationen. Ein konzeptioneller Rahmen zur Erforschung kommunikativer Konstruktionsprozesse in Zeiten tiefgreifender Mediatisierung. Medien & Kommunikationswissenschaft, 65(2), 330–347.

Lingenberg, S. (2014). Mobilisiert-mediatisierte Lebenswelten und der Wandel des öffentlichen Raums. In J. Wimmer & M. Hartmann (Hrsg.), Medienkommunikation in Bewegung: Mobilisierung – Mobile Medien – Kommunikative Mobilität (S. 69–86). Wiesbaden: Springer VS.

Wallner, C. & Adolf, M. (2014). Räume und Kontexte öffentlicher Kommunikation. In J. Wimmer & M. Hartmann (Hrsg.), Medienkommunikation in Bewegung: Mobilisierung – Mobile Medien – Kommunikative Mobilität (S. 87–101). Wiesbaden: Springer VS.

Bibliografie
Die aufgeführten Publikationen stellen eine Auswahl thematisch relevanter Texte des Zweit- und Drittautors dar:

Hasebrink, U., Schmidt, J.-H., Loosen, W. & Schulz, W. (2020): Medien und gesellschaftlicher Zusammenhalt. In: N. Deitelhoff, O. Groh-Samberg & M. Middell (Hrsg.), Gesellschaftlicher Zusammenhalt - Ein interdisziplinärer Dialog (S. 333–348). Frankfurt/New York: Campus Verlag.

Hasebrink, U. (2019): Strukturwandel von Öffentlichkeit. Wie tragen Individuen durch ihre Mediennutzung zum Strukturwandel von Öffentlichkeit bei? In: M. Eisenegger, L. Udris und P. Ettinger (Hrsg.): Wandel der Öffentlichkeit und der Gesellschaft. Gedenkschrift für Kurt Imhof (S. 407–417). Wiesbaden: Springer Fachmedien.

Behre, J., Hölig, S. & Hasebrink, U. (2020): Combining Old and New: Patterns of Media Use across Legacy and Online Media in Germany. Comunicazioni Sociali 1 (S. 8–21).
 
10:30 - 12:00Panel2: Medienkompetenz
Virtueller Veranstaltungsort: Münchner Zoom (2)
Chair der Sitzung: Ruth Wendt
Chair der Sitzung: Jessica Kühn

Von Digitalität und Future Skills: Grenzen und Perspektiven des Kompetenzbegriffs.

Der Kompetenzbegriff ist ein zentraler Angelpunkt medienpädagogischer Arbeit und Forschung. Die Beiträge dieses Panels fordern einen Blick auf die Grenzen bestehender theoretischer Verortungen ein und zeigen daran potentielle Anknüpfungspunkte für Medienbildung und Medienforschung auf.

 
 
10:30 - 11:00
ID: 106 / Panel2: 1
Präsentation mit Bezug zum Call
Themen: Präsentation mit Bezug zum Call
Stichworte: Lügenpresse, Medienskepsis, Medienkompetenz, Nachrichtenkompetenz, Lehramtsausbildung

Mit Journalismuskompetenz den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken: Ein Modell und Konzept für die Lehramtsausbildung

Markus Beiler, Uwe Krüger, Juliane Pfeiffer, Sophie Menner

Universität Leipzig, Deutschland

Die Strukturen von Öffentlichkeit befinden sich in einem umfassenden Transformationsprozess: Digitalisierung und Globalisierung haben ein Zeitalter digitaler Netzwerkmedien mit inflationären, teils personalisierten Teilöffentlichkeiten eingeläutet. Berührt davon ist auch das Vertrauen in etablierte Medien. Nutzer*innen hinterfragen verstärkt journalistische Produkte, in denen sie ihre Perspektiven, Bedürfnisse und Werte oft nicht wiederfinden (vgl. Jandura et al. 2018). Die Rede von der „Lügenpresse“ kann als ein Warnzeichen für schwindenden gesellschaftlichen Zusammenhalt gesehen werden, da sie dem Journalismus als Hersteller von Öffentlichkeit und gesellschaftlicher Integrationsagentur gilt. Medienskepsis geht dabei oft mit Misstrauen in Politik und Demokratie, niedrigem interpersonellem Vertrauen und Verschwörungsmentalität einher, aber auch mit geringem Medienwissen und mangelndem Bewusstsein für die Konstruiertheit von Medienrealität (Prochazka & Schweiger 2020: 202; Ziegele et al. 2018: 158).

Zumindest den letzten zwei Prädiktoren von Medienskepsis kann mit Bildungsarbeit direkt begegnet werden. Es gilt, grundlegende Kompetenzen bezüglich der Rolle und Funktion der Institution „Journalismus“ in der gesamten Bevölkerung und den nachwachsenden Generationen zu verankern und eine „Kopernikanische Wende“ von einer naiv-realistischen Abbildtheorie hin zu einer konstruktivistischen Sichtweise auf das Verhältnis von Medien und Realität zu vollziehen, die in der Kommunikationswissenschaft bereits vor Jahrzehnten stattgefunden hat (vgl. Beiler et al. 2020). Mit einem interdisziplinären Ansatz aus Erziehungs- und Kommunikationswissenschaft plädieren wir bezüglich der Schul- und Erwachsenenbildung für ein Konzept von „Journalismuskompetenz“, das folgende Dimensionen umfasst:

1) Kognitive Fähigkeiten: Grundlegendes Wissen und Verständnis, welche Funktionen Journalismus in der demokratischen Gesellschaft hat, wie das Mediensystem strukturiert ist, welche Mediengattungen es gibt, wie die Arbeitsweisen und Handwerkregeln des Journalismus sind (Recherchetechniken, Selektionskriterien, Darstellungsformen) und welchen Normen er unterliegt.

2) Kritisch-reflektorische Fähigkeiten: Auf Basis des kognitiven Wissens sollen journalistische Produkte, Inhalte, Diskurse und Arbeitsweisen vor dem Hintergrund der Funktionen und Normen des Journalismus und eigener Werthaltungen bewerten und beurteilt werden. Auch sollen affektive Einstellungen gegenüber Medien, Journalist*innen und Berichterstattung selbstkritisch reflektiert werden.

3) Praktische Handlungsbereitschaft: Hier geht es um die Bereitschaft, a) journalistische Produkte adäquat auszuwählen, um individuelle Informationsbedürfnisse zu befriedigen und für die eigene politische Meinungs- und Willensbildung zu nutzen, b) Journalist*innen aktiv zu adressieren, um sie auf relevante Themen hinzuweisen und ihnen konstruktives Feedback zu geben sowie c) die eigenen Rechte und Möglichkeiten zu nutzen, um sich ggf. über Berichterstattung zu beschweren (Presserat, Rundfunkräte, Gerichte). Darüber hinaus sollen Bürger*innen kompetent sein, „laienjournalistisch“ etwa über Social-Media-Angebote, Offene Kanäle und Bürgermedien tätig zu werden.

Der Vortrag umfasst drei Teile: Zunächst wird das Journalismuskompetenz-Modell theoretisch hergeleitet, und zwar in Auseinandersetzung mit den übergeordneten Konzepten der „Kommunikativen Kompetenz“ (Habermas 1971; Baake 1973), „Medienkompetenz“ (Baake 1997: 98–99, Schorb 2005, Kübler 1999) und „Demokratiekompetenz“ (Audigier 2000) sowie in Abgrenzung zu ähnlichen Begriffsprägungen wie „Nachrichtenkompetenz“/„News Literacy“ (Hagen et al. 2017), „Digital Media Literacy“ (Zhang & Zhu 2016), „Informationskompetenz“ (Haller 2019) und „journalistische Kompetenz“ aus der Journalist*innenausbildung (Meier 2018: 234). Zweitens werden Ergebnisse einer eigenen (zurzeit in Vorbereitung befindlichen) empirischen Erhebung zum Stand der kognitiven Journalismuskompetenz bei Lehramtsstudierenden präsentiert. Schließlich wird ein Einblick in Lehrveranstaltungen gegeben, denen das Journalismuskompetenz-Konzept zugrunde liegt und in denen Lehramtsstudierende aller Fächer als künftige Multiplikator*innen durch Wissensvermittlung, praktische journalistische Arbeit und die Erarbeitung von Unterrichtskonzepten geschult werden.

Referenzen

Audigier, François (2000). Basic Concepts and Core Competencies for Education for Democratic Citizenship. Straßburg: Council for Cultural Co-Operation (CDCC), http://www.ibe.unesco.org/fileadmin/user_upload/Curriculum/SEEPDFs/audigier.pdf [Zugegriffen: 23.2.2021]

Baacke, Dieter (1973). Kommunikation und Kompetenz. Grundlegung einer Didaktik der Kommunikation und ihrer Medien. München: Juventa.

Baacke, Dieter (1997). Medienpädagogik. Berlin: De Gruyter.

Beiler, Markus, Uwe Krüger, & Juliane Pfeiffer (2020). Journalismusausbildung breiter denken! Journalismuskompetenz in Zeiten von Digitalisierung und Vertrauenserosion. In Tanja Köhler (Hrsg.), Fake News, Framing, Fact-Checking: Nachrichten im digitalen Zeitalter (S. 447–476). Bielefeld: Transcript.

Habermas, Jürgen (1971): Vorbereitende Bemerkungen zu einer Theorie der kommunikativen Kompetenz. In: Jürgen Habermas und Niklas Luhmann: Theorie der Gesellschaft oder Sozialtechnologie. Was leistet die Systemforschung? (S. 101–141). Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Hagen, Lutz, Rebecca Renatus, & Anja Obermüller (2017). Nachrichtenkompetenz durch die Schule. Eine Untersuchung im Auftrag der Stiftervereinigung der Presse. Präsentation der Ergebnisse auf Pressekonferenz in Berlin, 07.09.2017, https://tu-dresden.de/gsw/phil/ifk/ressourcen/dateien/inst/news/2017/PK-Praesentation_Ergebnisse-Projekt-Nachrichtenkompetenz.pdf?lang=de [Zugegriffen: 23.2.2021]

Haller, Michael (2019): Wahrheit und Lügen in der Onlinewelt: Warum Informationskompetenz für Berufsschüler so wichtig ist. Schlossvorlesungen 2019. Medienpädagogischen Zentrum Plus. Torgau, 27.03.2019.

Jandura, Olaf; Kösters, Raphael; Wilms, Lena (2018). Mediales Repräsentationsgefühl in der Bevölkerung: Analyse nach politisch-kommunikativen Milieus. Media Perspektiven, 3, S. 118–127, https://www.ard-werbung.de/fileadmin/user_upload/media-perspektiven/pdf/2018/0318_Jandura_Koesters_Wilms.pdf [Zugegriffen: 23.2.2021]

Kübler, Hans-Dieter (1999). Medienkompetenz – Dimensionen eines Schlagwortes. In Fred Schell, Elke Stolzenburg & Helga Theunert (Hrsg.), Medienkompetenz: Grundlagen und pädagogisches Handeln (S. 25-47). München: KoPäd.

Meier, Klaus (2018): Journalistik. 4. überarbeitete Auflage. Konstanz: UTB.

Prochazka, Fabian; Schweiger, Wolfgang (2020). Vertrauen in Journalismus in Deutschland: Eine Typologie der Skeptiker. Media Perspektiven, 4, S. 196–206, https://www.ard-werbung.de/fileadmin/user_upload/media-perspektiven/pdf/2020/0420_Prochazka_Schweiger.pdf [Zugegriffen: 23.2.2021]

Schorb, Bernd (2017). Medienkompetenz. In Bernd Schorb, Anja Hartung-Griemberg & Christine Dallmann (Hrsg.), Grundbegriffe Medienpädagogik. 6., neu verfasste Auflage (S. 254–262). München: KoPäd.

Zhang, Hui; Zhu, Chang (2016). A Study of Digital Media Literacy of the 5th and 6th Grade Primary Students in Bejing. The Asia-Pacific Education Researcher 25(4), 579-592.

Ziegele, Marc; Schultz, Tanjev; Jackob, Nikolaus; Granow, Viola; Quiring, Oliver; Schemer, Christian (2018). Lügenpresse-Hysterie ebbt ab. Mainzer Langzeitstudie „Medienvertrauen“. Media Perspektiven (4), S. 150-162, https://www.ard-werbung.de/fileadmin/user_upload/media-perspektiven/pdf/2018/0418_Ziegele_Schultz_Jackob_Granow_Quiring_Schemer.pdf [Zugegriffen: 23.2.2021]

Bibliografie
Beiler, M., Krüger, U., & Pfeiffer, J. (2020). Journalismusausbildung breiter denken! Journalismuskompetenz in Zeiten von Digitalisierung und Vertrauenserosion. In T. Köhler (Hrsg.), Fake News, Framing, Fact-Checking. Nachrichten im digitalen Zeitalter (S. 446–476). Bielefeld: transcript.

Beiler, M., Irmer. F., & Breda, A. (2020). Data Journalism at German Newspapers and Public Broadcasters: A Quantitative Survey of Structures, Contents and Perceptions. Journalism Studies, 21 (11), 1571–1589

Beiler, M., Maurer, P., & Gerstner, J. R. (2019). Nähe und Vertrauen als komplexitätsreduzierende Faktoren im Politikjournalismus? Eine Studie der Interaktionsbeziehungen von Journalisten und Politikern. In B. Dernbach, A. Godulla & A. Sehl (Hrsg.), Komplexität im Journalismus (S. 163–170). Wiesbaden: Springer VS.

Beiler, M., & Kiesler, J. (2018). „Lügenpresse! Lying press!” Is the press lying? A Content Analysis Study of the Bias of Journalistic Coverage about ‚Pegida’, the Movement Behind this Accusation. In K. Otto & A. Köhler (Hrsg.), Trust in Media and Journalism: Empirical Perspectives on Ethics, Norms, Impacts and Populism in Europe (S. 155-179). Wiesbaden: Springer VS.

Beiler, M., & Krüger, U. (2018). Mehr Mehrwert durch Konstruktiven Journalismus? Idee des Konzepts und Implikationen zur Steigerung des Public Values von Medien. In N. Gonser (Hrsg.), Der öffentliche (Mehr )Wert von Medien. Public Value aus Publikumssicht (S. 167–191). Wiesbaden: Springer VS.


11:00 - 11:30
ID: 129 / Panel2: 2
Präsentation mit Bezug zum Call
Themen: Präsentation mit Bezug zum Call
Stichworte: Future Skills; Kompetenzen; Medienkompetenz; Hochschule; Demokratie

Future Skills für eine selbstbestimmte Mediennutzung

Ulf-Daniel Ehlers, Laura Eigbrecht

DHBW Karlsruhe, Deutschland

Im Beitrag wird die Vermittlung von Future Skills für Studierende als ein zentraler Begriff thematisiert. Als Future Skills werden jene Fähigkeiten bezeichnet, „die es Hochschulabsolventinnen und -absolventen ermöglichen, die Herausforderungen der Zukunft bestmöglich zu meistern“ (Ehlers 2020, S. 3). Damit einher geht eine zunehmende Kompetenzorientierung der Hochschullehre, beschleunigt durch den Bologna-Prozess, und eine Abkehr von der Wissensvermittlung hin zur Vermittlung von Kompetenzen, mit diesem Wissen kompetent, selbstbestimmt und reflektiert umzugehen.

Die Komplexität der zukünftig zu lösenden Problemstellungen – darunter gesellschaftlicher Zusammenhalt als zentrale Herausforderung – bringt neue Herausforderungen für den Umgang mit Wissen und Informationen mit sich. Es gilt, Informationen aus verschiedenen Quellen zu analysieren, kritisch zu prüfen und einzuordnen, um verschiedene Handlungsoptionen abwägen und auf dieser Informationsgrundlage selbstbestimmt Entscheidungen treffen zu können – und diese anschließend zu kommunizieren und darüber in den Austausch zu treten. Future Skills in diesem Sinne sind damit auch Medienkompetenzen bzw. Mediennutzungskompetenzen sowie damit verknüpfte Kompetenzen, die ein kritisches Urteilsvermögen unterstützen. Denn Medien stehen im Zentrum von Meinungs- und Urteilsbildung, bilden komplexe Diskurse ab, vermitteln Werte und Zugehörigkeit, schaffen Öffentlichkeit und Sichtbarkeit für Themen, erleichtern Austausch und Kommunikation, sind Wissensquellen – ermöglichen jedoch auch Falschinformationen, Skandalisierung und Instrumentalisierung. Ihre bedeutsame Rolle in der öffentlichen Meinungsbildung, zentraler Bestandteil von Demokratie und Grundlage für gesellschaftlichen Zusammenhalt, ist unbestritten – genau wie die damit verbundenen Risiken, diese manipulierend zu beeinflussen. Doch welche Kompetenzen sind notwendig, um Medien selbstbestimmt und demokratisch nutzen zu können und wie können wir diese vermitteln? Studierende als zukünftige Entscheidungsträger*innen sollten hier im Zentrum der Überlegungen stehen. Auch wissenschaftliches Arbeiten – Grundlage jedes Studiums – setzt einen mündigen und kritischen Umgang mit Informationen voraus, um komplexe Fragestellungen zu lösen.

Ehlers (2020) hat auf Grundlage von Expert*innen-Interviews 17 Future Skills-Profile erarbeitet, die als besonders bedeutsam für zukünftige Hochschulabsolvent*innen erachtet werden. Diese sind einzuordnen in drei Dimensionen, in denen sie wirksam werden: Im Bezug des Individuums zu sich selbst, zu Objekten und zur Welt. Im Beitrag wird herausgearbeitet, welche von ihnen besonders als Gestaltungs- und Handlungskompetenzen wichtig für eine mündige und demokratiefördernde Mediennutzung sind. Dabei stehen Reflexionskompetenz und insbesondere Ambiguitätskompetenz und Ethische Kompetenz als individuell-entwicklungsbezogene Kompetenzen im Fokus, Digitalkompetenz als individuell-objektbezogene Kompetenz sowie Sensemaking, Zukunfts- und Gestaltungskompetenz und Kommunikationskompetenz als organisationsbezogene Kompetenzen. Es wird argumentiert, dass diesen Kompetenzen eine partizipative und eine transformative Komponente innewohnen, die für die demokratische Teilhabe zentral sind. Im Beitrag werden die spezifischen Future Skills in ihrem Gehalt auf selbstbestimmte und demokratische Mediennutzung beschrieben und kritisch reflektiert, was dies für die zukünftige Hochschullehre bedeutet.

Literatur

Ehlers, Ulf-Daniel (2020). Future Skills. Lernen der Zukunft - Hochschule der Zukunft. Springer VS, Wiesbaden. https://doi.org/10.1007/978-3-658-29297-3

Bibliografie
- Ehlers, U.-D. (2020): Future Skills: Lernen der Zukunft – Hochschule der Zukunft. Springer: New York, Heidelberg (online open access)
- Ehlers, U.-D., Meertens, S. (2020): Studium der Zukunft – Absolventinnen der Zukunft. Future Skills zwischen Theorie und Praxis. Springer: New York, Heidelberg
- Ehlers, U.-D. (2014): Open Learning Cultures. A Guide to Quality, Evaluation and Assessment for Future Learning. Springer: New York, Heidelberg
- Ehlers, U.-D., Crelman, A., Shamarina-Heidenreich, T., Stracke, C. (Hrsg.) (2014): Changing the trajectory: Quality for opening up education. Logos. Berlin
- Ehlers, U.-D., Schneckenberg, D. (Hrsg.) (2010): Changing Cultures in Higher Education – Moving Ahead to Future Learning. A Handbook for Strategic Change. Springer International. New York
- Ehlers, U.-D. (2004): Qualität im E-Learning aus Lernersicht. Grundlagen, Empirie und Modellkonzeption subjektiver Qualität. Springer: Wiesbaden [1. Auflage vergriffen, 2 Auflage verfügbar]


11:30 - 12:00
ID: 127 / Panel2: 3
Präsentation mit Bezug zum Call
Themen: Präsentation mit Bezug zum Call
Stichworte: Digitalität, Kompetenz-Framework, Digitale Kompetenzen, Digitale Bildung

Brauchen wir ein generalistischeres Kompetenz-Framework in einer Kultur der Digitalität?

Anna Soßdorf

Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Deutschland

Zweifelsfrei wird die breit diskutierte Beobachtung gestützt, dass sich die Mediennutzungsmuster und die Medienlogik entlang der technologischen Entwicklungen verschoben haben: Aufhebung der Symmetrie zwischen Kommunizierenden; Vermischung von Nutzung, Distribution und Produktion sowie Verschiebung der Funktionen der Massenmedien. Aber haben sich im ähnlichen Maße die benötigten medienpädagogischen Kompetenzen verschoben? Anknüpfend an Baackes (1996) Medienkompetenzmodel sind viele Weiterentwicklungen für das digitale Zeitalter erfolgt (u.a. DigiComp, 4 C’s, Dagstuhl Dreieck), die sich auf aktuelle, technologische Entwicklungen sowie deren Chancen und Herausforderungen beziehen (vgl. Brandhofer/Wiesner 2018, Kerres 2017). Doch beschreiben diese Konzepte in einem adäquaten Maße die benötigten Fähigkeiten für ein bewusstes Leben in einer digitalisierten Welt? An dieser Frage setzt der Beitrag an und schlägt vor, die Frage nach den benötigten Kompetenzmodellen an die Idee der Kultur der Digitalität (vgl. Stalder 2016) zu knüpfen.

Dabei wird Digitalität als Erweiterung zum technikfokussierten Begriff der Digitalisierung verstanden und damit als „Vernetzung von digital und analog, Tradition und Innovation“ (Schier 2019). Es geht ferner darum, digitale und analoge Potentiale ergänzend nutzbar zu machen und mithilfe eines Perspektivwechsels „einmal aus der beschleunigten Thematisierung von Trends, Tools und Technologie auszusteigen“ (Broszio 2018). Anknüpfend an diesen vorgeschlagenen Perspektivwechsel wird deutlich, dass die beschriebenen Konzepte der Digitalen Kompetenzen mitsamt ihren Unterkompetenzen erweitert werden sollten. Denn bisher fokussieren sie stark auf den selbstbestimmten und kritischen Umgang mit digitalen Tools und digitalen Inhalten (vgl. Allert et al. 2017, Schier 2018).

Auf Grundlage des Verständnisses von Digitalität braucht es aber ein Kompetenz-Framework, das herauszoomt und die digitale Welt als eine neben der analogen Lebenswelt anerkennt: „Wenn Probleme, Gefahren und Risiken technischer Entwicklungen (als digitale Disruption, Transformation usw.) beschrieben werden, bietet die Perspektive von Digitalität mit der Suche nach digital-analoger Balance einen Ausweg. Mit der lebensweltorientierten Perspektive der Digitalität erscheint es sinnvoll den Lebenskompetenzbegriff zu erweitern.“ (Schier 2019)

Hinweise auf eine benötigte Erweiterung eines Medienkompetenzbegriffes für die Kultur der Digitalität geben erste Erkenntnisse eines aktuellen Beteiligungsprojektes zur Zukunft des öffentlich-rechtlichen Fernsehens (vgl. meinfernsehen2021.de). Danach wünschen sich die beteiligten Zuschauenden neben der stets verfügbaren, schnell selektierbaren und individuell nutzbaren Angebotspalette im Internet noch etwas anderes. Für sie und auch die Gesellschaft sei es wichtig, mit zufälligen Angeboten konfrontiert zu werden, die von Journalist*innen sorgfaltspflichtkonform aufbereitet und eingeordnet werden. Für neue Lernerfahrungen, Horizonterweiterungen sowie eine politische Meinungsbildung sei es zentral, über Angebote zu stolpern, die auf Grundlage des eigenen Suchverhaltens à la Netflix-Algorithmus zunächst nicht ausgewählt wurden. Es gehe also neben der selbstbestimmten digitalen Mediennutzung im Internet auch um eine gesamtgesellschaftliche Orientierung, persönliche Anschlussgespräche und Lagenfeuer-Events. Eine Medienkompetenzdebatte unter Einbezug digitaler und analoger Lebensräume kann so der Frage begegnen, wie Kohäsion in einer Gesellschaft gelingen kann, in der Menschen, Kulturen sowie Meinungen sich begegnen und eine gemeinsame gesellschaftlich-politisch relevante Kultur weiterschreiben.

Der Beitrag besteht aus vier Bausteinen. Zunächst wird die aktuelle Debatte zu Digitalen Kompetenz-Frameworks herausgearbeitet (1.), um daraus Denkanstöße für eine Verknüpfung zur Idee der Kultur der Digitalität vorzuschlagen (2.). Anschließend werden exemplarisch Forschungsdaten des Projektes meinfernsehen2021 präsentiert (3.). Ein Rückbezug auf die Dachfrage zur gesellschaftlichen Kohäsion rundet den Beitrag ab (4.).

Literatur:

Allert, Heidrun; Michael Asmussen, Christoph Richter (2017): Digitalität und Selbst. Interdisziplinäre Perspektiven auf Subjektivierungs- und Bildungsprozesse. Transkript Verlag, Bielefeld.

Baacke, Dieter (1996): Medienkompetenz als Netzwerk. Reichweite und Fokussierung eines Begriffs, der Konjunktur hat.medien praktisch–Zeitschrift für Medienpädagogik, 20 (2), 4-10.

Brandhofer, Gerhard/Wiesner, Christian (2018): Medienbildung im Kontext der Digitalisierung: Ein integratives Modell für digitale Kompetenzen. Online Journal for Research and Education, 10.

Broszio, Andreas (2018): Digitalisierung oder Digitalität? Verfügbar unter: https://andreasbroszio.wordpress.com/2018/03/03/digitalisierung-oder-digitalitaet/, zuletzt geprüft am 26.02.2021.

Kerres, M. (2017). Digitalisierung als Herausforderung für die Medienpädagogik: „Bildung in einer digital geprägten Welt“. In C. Fischer (Hrsg.), Pädagogischer Mehrwert. Digitale Medien in Schule und Unterricht (S. 85-104). Münster: Waxmann.

Schier, André (2018): Identitäten in Digitalität vom „digital lifestyle“ zu „design your life“. Generation und politische Kultur im Zeichen gewandelter Lebenswelten in Deutschland im Digitalitäts-Diskurs in Werbung, Verlag Dr. Kovac, Hamburg 2018.

Schier, André (2019): Kompetenzen und Kompetenzwelten in Digitalität. Digitalität statt Digitalisierung. Verfügbar unter: http://xn--digitalitt-und-identitt-37bn.de/?p=508, zuletzt geprüft am 26.02.2021.

Stalder, Felix (2016): Kultur der Digitalität. Suhrkamp Verlag, Berlin.

Bibliografie
Mucha, Witold, Anna Soßdorf, Laura Ferschinger und Viktor Burgi (2020): "Fridays for Future Meets Citizen Science. Resilience and digital protests in times of Covid-19". In: Voluntaris 8:2.

Soßdorf, Anna (i.E.): Politische Sozialisation. In: Andersen U., Bogumil J., Marschall S., Woyke W. (eds) Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland. Springer VS, Wiesbaden.

Soßdorf, Anna (2016): Zwischen Like-Button und Parteibuch. Die Rolle des Internets in der politischen Partizipation Jugendlicher. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Soßdorf, Anna (2016): „Wir suchen nicht nach Nachrichten, die Nachricht findet uns bei Facebook…“. Empirische Ergebnisse aus qualitativen Gruppendiskussionen mit Jugendlichen zur politischen Offline- und Online-Partizipation. In: Luedtke, Jens/Wiezorek, Christine (Hrsg.): Jugendpolitiken: Wie geht Gesellschaft mit 'ihrer' Jugend um? Weinheim und Basel: Juventa, S. 250-273.

Brüggen, Niels/Soßdorf, Anna (2015): Das neue Spiel nach Snowden. Überwachte Medien als Grundlage von Partizipation?! In: Fries, Rüdiger/Kalwar, Tanja/Pöttinger, Ida (Hrsg.): Doing politics: Politisch agieren in der digitalen Gesellschaft: Konzepte und Strategien der Medienpädagogik und Medienbildung (Schriften zur Medienpädagogik). Kopaed.
 
10:30 - 12:00Panel3: Medienforschung
Virtueller Veranstaltungsort: Zürcher Zoom (3)
Chair der Sitzung: Sonja Ganguin
Chair der Sitzung: Klaus Rummler

Mediendarstellung und Medienwirkung im Kontext schulischer Bildung.

Die Beiträge dieses Panels präsentieren zwei unterschiedliche Perspektiven der Medienforschung auf Kontexte schulischer Bildung: Zum einen wird die Darstellung von Akteuren und ihren Perspektiven im Rahmen medialer Darstellungen diskutiert. Zum anderen thematisiert das Panel die Folgen von Mediennutzung auf die Entwicklung von Bildungsverläufen.

 
 
10:30 - 11:00
ID: 110 / Panel3: 1
Präsentation mit Bezug zum Call
Themen: Präsentation mit Bezug zum Call
Stichworte: Diskurs; Digitalisierung; Soziale Ungleichheit; Vertrauen in Institutionen; sozialer Zusammenhalt

Fällt leider aus: Die zwei Welten sozialer Ungleichheit im Bildungsbereich und ihre mögliche Bedeutung für sozialen Zusammenhalt. Ergebnisse einer Diskursanalyse zur öffentlichen Rezeption von Forschungswissen

Inka Bormann

Freie Universität Berlin, Deutschland

Der Beitrag befasst sich vor dem Hintergrund der pandemiebedingten Schulschließungen und des damit einhergehenden Digitalisierungsschubs mit der potentiellen Verschärfung sozialer Ungleichheit im Bildungsbereich und deren Bedeutung für sozialen Zusammenhalt.

Die Sicherstellung von Chancengerechtigkeit und Bildungsgleichheit sind zentrale Leitprinzipien der Sozialisationsinstanz ‚Schule‘. Bildung leistet einen entscheidenden Beitrag zur Entwicklung von generalisiertem Vertrauen, und dieses wiederum fördert sozialen Zusammenhalt (Niedlich/Kallfaß/Pohle/Bormann 2020), während Ungleichheit diesen Zusammenhang bedroht (Green/Preston 2001; Lancee 2017). Vor diesem Hintergrund befasst sich der Beitrag mit den folgenden Fragen: Wie wird wissenschaftliches Wissen über pandemiebedingt verstärkte soziale Ungleichheit medial rezipiert? Und welche Bedeutung kann eine solche mediale Kommunikation über für institutionelles Vertrauen und sozialen Zusammenhalt haben?

Seit Beginn des ersten Lockdowns im Frühjahr 2020 haben WissenschaftlerInnen überaus deutlich betont, dass das pandemiebedingte selbstorganisierte Lernen zu Hause und die Umstellung auf oftmals digital unterstützten Fernunterricht zu einer erheblichen Verschärfung von ohnehin schon bestehenden sozialen Ungleichheiten im Bildungssystem führen können (z.B. van Ackeren/Endberg/Locker-Grütjen 2020; Burgess/Sievertsen 2020). Diese klare Kommunikation wissenschaftsbasierter Prognosen scheint nicht mit Stellungnahmen weiterer relevanter Akteure im Schul- und Hochschulbereich zu korrespondieren: Eine codierende Diskursanalyse (Truschkat/Bormann 2020) von insgesamt 88 zwischen März und September 2020 online verfügbaren Texten der Kultusministerkonferenz, dem Deutschen Schulportal und dem Bundeselternrat zeigt, dass a) die von WissenschaftlerInnen unterstrichene Gefahr verschärfter sozialer Ungleichheit so gut wie gar nicht aufgegriffen wird, und b) für einen angemessenen Umgang mit der Pandemie entweder eine verstärkte Digitalisierung oder die Festigung pädagogischer Beziehungen zwischen Lehrkräften und SchülerInnen für relevant gehalten wird. Der Analyse dieses Korpus‘ zufolge erfolgt weder eine Verknüpfung dieser beiden Diskursstränge noch wird ein Bezug zu wissenschaftlichem Wissen über die Verschärfung sozialer Ungleichheit hergestellt.

Der Beitrag wird den Befund vorstellen, nach dem zwei kaum miteinander verbundene Welten der Thematisierung einer pandemiebedingten Verschärfung sozialer Ungleichheit zu existieren scheinen – eine Welt des wissenschaftlichen Diskurses und eine Welt des öffentlichen Diskurses, in der wissenschaftliche Befunde eine untergeordnete Rolle zu spielen scheinen. Vor dem Hintergrund, dass Vertrauen in Institutionen auf der Wahrnehmung beruht, dass sie sich an ihren Leitprinzipien orientieren und ihre Funktionen verlässlich, effektiv und effizient und zunehmend wissensbasiert erfüllen (Bachmann 2018), wird der Befund daraufhin diskutiert, inwiefern die mediale Ausblendung wissenschaftlichen Wissens über die Verschärfung sozialer Ungleichheit im Bildungssystem zu einer Beschädigung institutionellen Vertrauens führen und sich in der Folge auf sozialen Zusammenhalt auswirken kann.

Bibliografie
Bachmann, (2018): Institutions and Trust. In: Searle, R.; Nienaber, A.-M., Sitkin, S. B. (Eds.): The Routledge Companion to Trust. London: 218–228.
Burgess, S.; Sievertsen, H.H. (2020): Schools, skills, and learning: The impact of COVID-19 on education. Verfügbar unter: https://voxeu.org/article/impact-covid-19-education.
Green, A.; Preston, J. (2001): Education and Social Cohesion: Recentering the Debate. Peabody Journal of Education 76 (3/4): 247-284.
Lancee, B. (2017): Diversity, trust and social cohesion. In: European Commission (Eds.): Trust at Risk. Implications for EU Policies and Institutions. Brussels: 167-176.
Niedlich, S.; Kallfaß, A.; Pohle, S.; Bormann, I. (2020): A comprehensive view of trust in education: Conclusions from a systematic literature review. Review of Education.
Truschkat, I.; Bormann, I. (2020): Einführung in die erziehungswissenschaftliche Diskursforschung. Forschungshaltung, zentrale Konzepte, Beispiele für die Durchführung. Weinheim.
Van Ackeren, I; Endberg, M.; Locker-Grütjen, O. (2020): Chancenausgleich in der Corona-Krise: Die soziale Bildungsschere wieder schließen. Die Deutsche Schule 112(2): 245-248.


11:00 - 11:30
ID: 113 / Panel3: 2
Unabhängige Präsentation / Projektbericht
Themen: Unabhängige Präsentation / Projektbericht
Stichworte: Akteur-Struktur-Dynamiken, Bildungspolitik, Qualitative Methodik, Thematische Analyse, Presseberichterstattung

Bildung und Schule im Spannungsfeld pandemiebedingter Herausforderungen: Akteur-Struktur-Dynamiken als Erklärungsansatz

Christian Herzog, Alessandro Immanuel Beil

Leuphana University Lüneburg, Deutschland

Die Corona-Pandemie und damit einhergehende Verlagerung vom Präsenz- zum Distanzunterricht stellte im Jahr 2020 viele westliche Bildungssysteme vor Herausforderungen. Wie die vielfältigen und sich teilweise schnell wieder ablösenden Maßnahmen in Deutschland zeigten, versuchten insbesondere drei Akteurgruppen Einfluss auf die Corona-Maßnahmen zu nehmen: Schulen (Schulleiter*innen, Lehrkräfte, Lehrergewerkschaften), Familien (Schüler*innen, Eltern, Elternverbände) sowie Politik (lokale, regionale, Landes- und Bundesebene) (Eickelmann & Gerick, 2020; König, Jäger-Biela & Glutsch, 2020). Die drei Akteurgruppen stehen in einer Konstellation zueinander, die vielfältige Auswirkungen hat. Geleitet von ähnlichen oder divergierenden Interessen, beeinflussen sie sich gegenseitig, teilen Ressourcen, kämpfen für dieselben Dinge oder stehen sich gegenseitig im Weg.

Mit Hilfe von Schimanks (2010) Ansatz der Akteur-Struktur-Dynamiken, welcher es ermöglicht, Veränderungen auf der Makroebene mit dem Handeln von Akteuren auf der Mikroebene zu erklären, gehen wir der Frage nach, wie sich pandemiebedingte Herausforderungen im Zeitverlauf auf die Konstellation zwischen den drei Akteurgruppen ausgewirkt haben. Wie nehmen sich Schulen, Familien und Politik selbst wahr? Wie wird jede Akteurgruppe von den beiden anderen Gruppen angesichts der Herausforderungen, vor welche die Pandemie das hiesige Bildungssystem gestellt hat, wahrgenommen? Zur Beantwortung dieser Fragen wurde die deutsche Presseberichterstattung während zwei Drei-Monats-Zeiträumen untersucht: erstens, vom 12. März 2020, als die 369. Kultusministerkonferenz einheitliche Regeln zum Umgang mit der Corona-Situation festlegte, bis zum 12. Juni 2020, und, zweitens, vom 3. August 2020, als der Schulunterricht nach den Sommerferien (beginnend in Mecklenburg-Vorpommern) wieder aufgenommen wurde, bis zum 3. November 2020.

Basierend auf einer systematischen Suche in der Pressedatenbank LexisNexis wurde ein erster Datenkorpus aus 3.140 Nachrichtenartikeln erstellt. In einem zweiten Schritt haben wir algorithmische LexisNexis-Relevanzkriterien mit erkenntnisinteressegeleiteten Maßgaben kombiniert (Maul, 2018), und so zwei Datensätze erstellt, einen für jeden Erhebungszeitraum. Die Datensätze enthalten 86 bzw. 92 Nachrichtenartikel aus einer Vielzahl von bundesweiten und regionalen Quellen. Beide Datensätze wurden einer qualitativen thematischen Analyse nach Braun und Clarke (2006; 2013) unterzogen. Mithilfe dieser Analysemethode war es möglich, unter Einhaltung methodenspezifischer Gütekriterien (Nowell et al., 2017), einen breiten Überblick über die Daten zu gewinnen und dabei gleichzeitig tiefergehende Nuancen und Details herauszuarbeiten (Xu & Zammit, 2020).

Zunächst wurde Datensatz 1 induktiv codiert und es wurden erste Codes generiert. Dabei dienten einzelne Sätze als Datenelemente (Braun und Clarke, 2012: 62). In den folgenden Schritten wurden die Codes überarbeitet und verfeinert, in Bezug zum gesamten Datensatz gesetzt und in Themen und Unterthemen geordnet. Anschließend, dem Forschungsinteresse an Dynamiken im Zeitverlauf folgend, wurde Datensatz 2 deduktiv codiert. Die herausgearbeiteten Themen – jedes Thema erfasst Daten aus beiden Zeiträumen – wurden systematisch überprüft und mit Namen und Definition versehen. Um die Ergebnisse visuell erfassbar zumachen und die Interkonnektivität zwischen den Themen zu zeigen, wurde eine thematische Karte kreiert (Attride-Stirling, 2001: 389; Braun & Clarke, 2013: 232).

Insgesamt haben wir sechs Themen aus den Daten herausgearbeitet, die tiefgehende Einblicke in die Selbst- und Fremdwahrnehmung jeder Akteurgruppe bieten. Für jedes Thema wird herausgestellt, wie sich die Akteur-Struktur-Dynamiken von Untersuchungszeitraum 1 zu Zeitraum 2 entwickelt haben. Hier lässt sich ein zunehmender Zusammenhalt zwischen den Akteurgruppen Schulen und Familien beobachten. Beide bringen in zunehmendem Maße Verständnis für die Situation und die Handlungen der anderen Gruppe auf. Beide arrangieren sich zunehmend mit der „neuen Realität“ und empfinden angesichts möglicher bevorstehender Schulschließungen weniger Stress. Wenn eine (erneute) Schulschließung kommt, ,,wäre es doof“, aber wenn es passiert, dann ist es halt so. Gleichzeitig stehen Schulen und Familien den politischen Akteuren zunehmend kritisch gegenüber und nehmen deren Handeln als nicht zukunftsorientiert, wenig kohärent und insbesondere abträglich für sozial und wirtschaftlich benachteiligte Haushalte wahr.

Im Beitrag diskutieren wir diese Befunde und deren Aussagekraft für Fragen des gesellschaftlichen Zusammenhalts im Kontext von Schimanks (2010) Ansatz. Natürlich haben die Erkenntnisse der qualitativen Analyse keine Allgemeingültigkeit; dennoch ist die deutsche Fallstudie insofern relevant, als das sie zum besseren Verständnis von Akteurkonstellationen im Bildungssystem und deren Dynamiken während der Corona-Pandemie beiträgt.

Literatur

Attride-Stirling J (2001) Thematic networks: An analytical tool for qualitative research. Qualitative Research 1(3): 385–405.

Braun, V., & Clarke, C. (2006). Using thematic analysis in psychology. Qualitative Research in Psychology, 3(2), 77–101.

Braun V and Clarke C (2012) Thematic analysis. In Cooper H, Camic P M, Long D L, Panter A T, Rindskops D and Sher K J (eds.) APA Handbook of Research Methods in Psychology Vol 2. Washington, DC: American Psychological Association, 57–71.

Braun, C., & Clarke, C. (2013). Successful qualitative research: A practical guide for beginners. London: Sage.

Eickelmann, B., & Gerick, J. (2020). Lernen mit digitalen Medien: Zielsetzungen in Zeiten von Corona und unter besonderer Berücksichtigung von sozialen Ungleichheiten. Die Deutsche Schule, 16: 153–162.

König, J., Jäger-Biela, D. J., & Glutsch, N. (2020). Adapting to online teaching during CODIV-19 school closure: Teacher education and teacher conpetence effects early career teachers in Germany. European Journal of Teacher Education, 43(4): 608–622.

Maul A (2018) Judgment sampling. In Frey B B (ed.) The SAGE Encyclopedia of Educational Research, Measurement, and Evaluation Vol 2. Thousand Oaks, CA: Sage, 913–914.

Nowell, L. S., Norris, J. M., White, D. E., & Moules, N. J. (2017) Thematic analysis: Striving to meet the trustworthiness criteria. International Journal of Qualitative Methods, 16: 1–13.

Schimank, U. (2010). Handeln und Strukturen: Einführung in die akteurtheoretische Soziologie (4th ed.). München: Juventa.

Xu, W., & Zammit, K. (2020). Applying thematic analysis to education: A hybrid approach to interpreting data in practitioner research. International Journal of Qualitative Methods, 19: 1–9.

Bibliografie
Christian Herzog ist Koordinator des Projekts Competencies for Digitally-Enhanced Individualized Practice (CODIP) am Zukunftszentrum Lehrkräftebildung der Leuphana Universität Lüneburg. https://doi.org/10.1007/978-3-030-16065-4_22

Alessandro Immanuel Beil ist studentischer Mitarbeiter bei CODIP.


11:30 - 12:00
ID: 136 / Panel3: 3
Unabhängige Präsentation / Projektbericht
Themen: Unabhängige Präsentation / Projektbericht
Stichworte: Internetnutzung, Bildungsverläufe, Bildungserfolg

Längsschnittliche Zusammenhänge zwischen privater Internetnutzung und formalen Bildungsverläufen der Adoleszenz

Rudolf Kammerl1, Michaela Kramer1, Lutz Wartberg2, Katrin Potzel1

1Friedrich-Alexander-Universtität Erlangen-Nürnberg, Deutschland; 2Medical School Hamburg (Fakultät Humanwissenschaften

Paneluntersuchungen belegen einen Anstieg der Mediennutzung bei Adoleszenten (u.a. Beisch et al. 2019; mpfs 2020). Am häufigsten nutzen sie digitale Medien zur Kommunikation (33%) und zur Unterhaltung (30%), gefolgt vom digitalen Spielen (26%) und der Informationssuche (10%) (vgl. mpfs 2020, S. 25). Dabei umfassen die täglichen Nutzungszeiten dreieinhalb Stunden (vgl. ebd., S. 24). Einerseits berichten Studien negative Auswirkungen einer übermäßigen Internetnutzung auf Noten und Kompetenzen in formalen Bildungskontexten (bspw. Gnambs et al. 2020; Wallner-Paschon et al. 2018). Andererseits wird jedoch auch auf die Potenziale privater Mediennutzung für die Entwicklung schulisch relevanter Kompetenzen hingewiesen (Gnambs/Appel 2016, Nieding et al. 2016). In unserem Beitrag wollen wir anhand von Daten aus der quantitativen Längsschnittstudie VEIF (vgl. Kammerl et al. 2020) aufzeigen, wie die Internetnutzung bei Adoleszenten über einen Zeitraum von drei Jahren mit schulischen Bildungsverläufen zusammenhängt. Im Abstand von einem Jahr wurden zu vier Messzeitpunkten (t1 bis t4) Dyaden von Eltern und Jugendlichen. Zu t1 konnten 1095 Dyaden untersucht werden und zu t4 633 Dyaden erneut befragt werden. In den längsschnittlichen Auswertungen wird der Einfluss verschiedener medienspezifischer und medienunspezifischer Merkmale auf allgemeine Bildungsverläufe und Bildungserfolge bei Jugendlichen untersucht und die empirischen Befunde werden in den aktuellen Forschungsstand eingeordnet.

Bibliografie
Literaturverzeichnis
Beisch, Natalie; Koch, Wolfgang; Schäfer, Carmen (2019): ARD/ZDF-Onlinestudie 2019: Mediale Internet-nutzung und Video-on-Demand gewinnen weiter an Bedeutung. In: Media Perspektiven (9), S. 374–388.
Gnambs, T., Appel, M. (2016). Is Computer Gaming Associated with Cognitive Abilities? A Population Study among German Adolescents. In: Intelligence Volume 61, March–April 2017, Pages 19–28 http://doi.org/10.1016/j.intell.2016.12.004.
Gnambs, Timo; Stasielowicz, Lukasz; Wolter, Ilka; Appel, Markus (2020): Do computer games jeopardize educational outcomes? A prospective study on gaming times and academic achievement. In: Psychology of Popular Media 9 (1), S. 69–82.
Kammerl, Rudolf; Zieglmeier, Matthias; Wartberg, Lutz (2020): Medienerziehung und familiale Aspekte als Prädiktoren für problematischen jugendlichen Internetgebrauch. In: Zeitschrift für Erziehungswissenschaft 23 (1), S. 175–191.
mpfs (Hg.) (2020): JIM-Studie 2019. Jugend - Information - Medien. Basisuntersuchung zum Medienumgang 12- bis 19-Jähriger. Stuttgart.
Nieding, G., Ohler, P.,Diergarten, K., Möckel, T., Rey, G. D., Schneider, W. (2016). The development of media sign literacy – a longitudinal study with 4-year-old children. In: Media Psychology http://dx.doi.org/10.1080/15213269.2016.1202773.
Wallner-Paschon, Christina; Höller, Iris; Hafner, Josef (2018): Extreme Internetnutzung zu Hause und Schülerkompetenzen. In: Zeitschrift für Bildungsforschung 8 (2), S. 189–209. DOI: 10.1007/s35834-018-0213-z.
 
12:00 - 13:001. Mittags: Pause
Virtueller Veranstaltungsort: hubs.moz://a
 
13:00 - 14:00Keynote: Lena Frischlich (Uni Münster): Demokratische Resilienz?! Digitale Gelegenheitstrukturen zwischen Propaganda und Partizipation
Virtueller Veranstaltungsort: Leipziger Zoom (1)
Chair der Sitzung: Ruth Wendt
Chair der Sitzung: Anneke Elsner
 
14:00 - 14:30P1: Pause
Virtueller Veranstaltungsort: hubs.moz://a
 
14:30 - 16:00Panel4: Medienkompetenzförderung
Virtueller Veranstaltungsort: Leipziger Zoom (1)
Chair der Sitzung: Thorsten Naab
Chair der Sitzung: Anneke Elsner

Potenziale der Medienkompetenzförderung. Medienkompetenz als Antwort auf Herausforderungen der mediatisierten Welt.

Neben den vielen neuen Integrations- und Partizipationsmöglichkeiten, die sich in mediatisierten Welten ergeben, begegnen Nutzer:innen auch vielfältige Herausforderungen – Herausforderungen, denen vor allem mit Medienkompetenz entgegengetreten werden soll. Gerade die Medienpädagogik ist an dieser Stelle gefordert, um didaktische Konzepte zu entwickeln und zu diskutieren.

 
 
14:30 - 15:00
ID: 112 / Panel4: 1
Unabhängige Präsentation / Projektbericht
Themen: Präsentation mit Bezug zum Call, Unabhängige Präsentation / Projektbericht
Stichworte: Mediatisierung; Medienkompetenz; Digital Streetwork; Gaming; Videospielsucht

Better together – Plädoyer und Konzeptideen für eine begleitende Medienkompetenzvermittlung in virtuellen (Spiel)Welten

Fabian Wiedel

Universität Passau, Deutschland

Ziel des Beitrags ist es, die fachliche Notwendigkeit und den gesellschaftlichen Mehrwert begleitender Ansätze in der digitalen Medienkompetenzvermittlung zu verdeutlichen. Die theoretische Ausgangssituation wird mit Stalder (2016), Krotz et al. (2012; 2015) und Meyen (2009; 2014) als Kultur der Digitalität in einer mediatisierten Gesellschaft beschrieben. Argumentiert wird dabei zunächst, dass in einer zunehmend computervermittelten Kommunikation und Sozialität neue Regeln gelten. Zum einen findet das soziale Zusammenleben in substanziellem Maße an neuen, digitalen Orten statt. Zum anderen sorgen die Anonymität, Unendlichkeit und Globalität des Internets dafür, dass sich kommunikative Handlungsstrategien und Inhalte verändern.

Die soziale Folgenperspektive zeigt, dass auch digitale Handlungsräume (soziale) Chancen und Risiken mit sich bringen. Digitale Medien sind in der Lage, Integration und Inklusion (Wacker 2018; Internet World Stats 2020; Baecker 2019, 93ff.), Kreativität (Halley 2019; Breiner & Kolibius 2019, 41ff.) sowie die Wissensvermittlung (Werner et al. 2018; Baecker 2019, 74f.; Dörner et al. 2016, 3) zu fördern. Umgekehrt sind auch immer wieder vorrechtliche (Schockbilder, Always Online, Peer Pressure etc.) und rechtliche (Urheberrechtsverletzungen, Stalking, Rassismus etc.) Grenzüberschreitungen zu beobachten (u.a. Walter 2020; Prinzing 2015, 154ff.; Eichenberg & Auersperg 2014; Reinemann et al. 2019; Knieper et al. 2017). Vor allem unerfahrenen Nutzer:innen wird es dadurch erschwert, schadlos die nötigen Nutzungskompetenzen zu entwickeln (Hager & Kern 2017; Janker & Waitz 2017; Rühle 2010) und sich konstruktiv am digitalen Gesellschaftsleben zu beteiligen. Ein Sonderfall unter den sozialen Herausforderungen digitaler Kommunikation sind Internetsüchte. Hier kompensieren Nutzer:innen emotionale Bedürfnisse und Belastungen, indem sie freiwillig immer stärker in mitreißend gestaltete Netzwelten eintauchen. Nach und nach verlieren sie dabei die Kontrolle (Illy & Florack 2018; Rehbein 2014). Die ursprüngliche Nutzungsfreude geht schrittweise verloren, kreative und soziale Aspekte treten ungewollt in den Hintergrund. Vor allem in den Bereichen Gaming, Social Media, Online-Pornografie und Online-Glücksspiel ist eine ernstzunehmende Zahl abhängiger User:innen nachweisbar (te Wildt 2015, 59; Feng et al. 2018).

Die Medienpädagogik als Schlüsseldisziplin (vgl. Friedrichs-Liesenkötter et al. 2020) in einer Kultur der Digitalität setzt sich intensiv und konstruktiv mit digitalen (Spiel)Welten als Gegenstand und Werkzeug der Wissensvermittlung und der sozialen Interaktion auseinander (kürzlich u.a. Schorb & Demmler 2019 & 2021; Filk & Schaumburg 2021; Bettinger et al. 2021; Friedrichs-Liesenkötter et al. 2020; Stix 2020). Dabei zeigt sich - in Zeiten von Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen umso deutlicher -, dass Selbstbestimmung und Sozialität in digitalen Handlungsräumen unter anderem von einem spezifischen Set an digitalen Medienkompetenzen auf Nutzer:innenseite abhängen. Medienkompetenzmodelle wie die von Baacke (1996) und Stodt et al. (2015) veranschaulichen, dass neben einem strukturell-technischen Anwendungs- und Marktwissen gerade auch die Fähigkeiten zur Kritik und Selbstregulierung im Umgang mit virtuellen (Spiel)Welten von großer Bedeutung sind.

Insbesondere Heranwachsende, die bereits in sehr jungen Jahren mit digitalen Medien in Kontakt kommen (mpfs 2016, 2018 & 2020), sind normativ und deskriptiv betrachtet eine der wichtigsten Zielgruppen digitaler Medienkompetenzvermittlung. Am Beispiel der Videospielsucht zeigt sich jedoch, dass dabei wichtige Teile jugendlicher Lebenswelten momentan nur punktuell adressiert werden können. Noch vergleichsweise selten findet das Thema Gaming im Schulunterricht oder in der außerschulischen Jugendarbeit Platz (Schaumburg und Prasse 2019, 105ff.; Geisler 2019; Hoffmann & Wagner 2013). Gleichzeitig schließen Heranwachsende ihre Eltern und Lehrer:innen bewusst von diesen digitalen Zufluchtsorten aus (Kammerl et al. 2015; Weber 2013). Vor allem die tatsächliche Digitalmediennutzung der Kinder und Jugendlichen bleibt für medienpädagogische Akteur:innen aus strukturellen und sozialen Gründen somit eine Black Box. Den größten medienpädagogischen Einfluss haben - Beispiel Sucht - oft Psychotherapeut:innen, die überwiegend allerdings erst dann tätig werden, wenn bereits nachhaltiger Schaden entstanden ist (Dreier et al. 2015; Graf 2017; Lohr 2017; Przybilla 2018).

Zwei Plädoyers schließt dieser Beitrag im Sinne einer lebensweltorientierten, digitalen Medienkompetenzvermittlung, die dadurch auch nachhaltig den mediatisierten gesellschaftlichen Zusammenhalt fördern kann, an: 1) Stärker als bisher sollte die tatsächliche Lebenswelt von Heranwachsenden in (medien)pädagogische Bildungsprozesse und Projektarbeit integriert werden. Gerade im Gaming, aber auch mit Blick auf die Social-Media-Nutzung oder die Nachrichtenrezeption ist es sinnvoll, Ressourcen zu erhöhen, das eigene Fachwissen zu vertiefen und neue Angebote zu schaffen. Eng damit zusammen hängt 2) die medienpädagogische Erschließung der eigentlichen Orte des Geschehens, sodass sich Fachkräfte konstruktiv am Digitalhandeln der Jugendlichen beteiligen können (z.B. auf Game-Servern, in Kommentarspalten oder in Stream-Chats).

Zwei konzeptuelle Vorschläge sollen diesen Zielformulierungen eine konkrete, forschungs- und praxisorientierte Gestalt geben: Zunächst wird ein Modell ganzheitlicher Medienkompetenzvermittlung vorgestellt, in dem acht medienpädagogische Akteursgruppen (Eltern, Lehrer:innen, Psycholog:innen, Unternehmen etc.) auf drei Arten (präventiv, begleitend, rehabilitativ) insgesamt sieben digitale Medienkompetenzen (Bedienung/Nutzung, Marktkenntnis, Wirkungsdynamiken verstehen, Kritikfähigkeit, Selbstregulierung, Kreativität/Genuss, konstruktive soziale Interaktion) vermitteln (auf Basis von Pieschl & Porsch 2014; Hipeli 2014; Baacke 1996; Willemse 2016; te Wildt 2015; Kalbitzer 2016; Stodt et al. 2015). Aus Nutzersicht effizient könnte dieses komplexe Gebilde deshalb funktionieren, weil in einem zweiten Schritt die Methoden aufsuchender Straßensozialarbeit (Streetwork; Gref 1995, 17f.; Wendt 2015, 328ff.) als koordinierendes Schlüsselelement definiert werden. Zentrales Ergebnis dieses Beitrags ist somit die Vorstellung digitaler Streetworker (Pritzens 2011; Dinar & Heyken 2017) als begleitende Akteure und koordinierende Partner ganzheitlicher Medienkompetenzvermittlung in virtuellen Handlungswelten. Beispielhaft und grafisch modelliert werden die Arbeits- und Wirkungsdynamiken zwischen digitalen Streetworkern als begleitendem Moment und weiteren Akteur:innen sowie Projektansätzen digitaler Medienkompetenzvermittlung in diesem Beitrag für das Arbeitsfeld Gaming/Videospielsucht.

Bibliografie
Baacke, D. (1996). Medienkompetenz – Begrifflichkeit und sozialer Wandel. In: Von Rhein, A. (Hg.): Medienkompetenz als Schlüsselbegriff. Bad Heilbrunn: Klinkhardt, 112-124.

Baecker, R.M. (2019). Computers and Society. Oxford: Oxford University Press.

Bettinger, P.; Rummler, K.; Wolf, K.D. (Hg.) (2021). Optimierung in der Medienpädagogik. Forschungsperspektiven im Anschluss an den 27. Kongress der DGfE. Ausgabe 42 der medienpädagogischen Fachzeitschrift MedienPädagogik. Open Access: https://doi.org/10.21240/mpaed/42.X.

Breiner, T.C.; Kolibius, L. (2019). Computerspiele. Grundlagen, Psychologie und Anwendungen. https://doi.org/10.1007/978-3-662-57895-7.

Dinar, C.; Heyken, C. (2017). Digital Streetwork. Pädagogische Interventionen im Web 2.0. Bericht der Amadeu-Antonio-Stiftung zum Projekt „//Debate“. Abrufbar unter: https://www.amadeu-antonio-stiftung.de/wp-content/uploads/2018/08/digital_streetwork_web-1.pdf. Letzter Zugriff: 29.10.2020.

Dörner, R.; Göbel, S.; Effelsberg, W.; Wiemeyer, J. (2016). Serious Games. Foundations, Concepts and Practice. Springer International.

Dreier, M.; Wölfling, K.; Beutel; M.E.; Müller, K.W. (2015). Prävention der Internetsucht. Workshops für Kinder und Jugendliche mit Digitalen Methodenkoffern. In: Pädiatrie & Pädologie, 50(5), 200-205.

Eichenberg, C.; Auersperg, F. (2014). Sexuelle Belästigung im Internet In: Pieschl, S.; Porsch, T. (Hg.): Neue Medien und deren Schatten. Mediennutzung, Medienwirkung und Medienkompetenz. Göttingen: Hogrefe, 159-190.

Feng, W.; Ramo, D.; Chan, S.; Burgeois, J. (2018). Internet Gaming Disorder: Trends in Prevalence 1998–2016. In: Addictive Behaviors, 75, 17-24.

Filk, C.; Schaumburg, H. (Hg.) (2021). Inklusiv-mediale Bildung in schulischen Kontexten. Eine interdisziplinäre Bestandsaufnahme. Ausgabe 41 der medienpädagogischen Fachzeitschrift MedienPädagogik. Open Access: https://doi.org/10.21240/mpaed/41.X.

Friedrichs-Liesenkötter, H.; Gerhardts, L.; Kamin, A.-M.; Kröger, S. (Hg.) (2020). Medienpädagogik als Schlüsseldisziplin in einer mediatisierten Welt. Perspektiven aus Theorie, Empirie und Praxis. Ausgabe 37 der medienpädagogischen Fachzeitschrift MedienPädagogik. Open Access: https://doi.org/10.21240/mpaed/37.X.

Geisler, M. (2019). Digitale Spiele in der Medienpädagogik. Einstellungen, Erfahrungen und Haltungen von Spielleitenden. In: merz – medien+erziehung, 63(2), 11-18.

Graf, M.; Kogel, D. (2017). Videospielabhängigkeit - Teil 2: Machen Lootboxen süchtig? Online-Artikel für gamestar.de. Abrufbar unter: https://www.gamestar.de/artikel/videospielabhaengigkeit-teil-2-machen-lootboxen-suechtig,3320891,seite1.html. Letzter Zugriff: 24.11.2020.

Gref, K. (1995). Was macht Streetwork aus? Inhalte - Methoden - Kompetenzen. In: Becker, G.; Simon, T. (Hg.): Handbuch Aufsuchende Jugend- und Sozialarbeit. Theoretische Grundlagen, Arbeitsfelder, Praxishilfen. Weinheim und München, 13-20.

Hager, S.; Kern, S. (2017). Always online – Permanente Erreichbarkeit und die psychische Gesundheit. In: Seidel, M. (Hg.): Banking & Innovation 2017, FOM-Edition. Wiesbaden: Springer, 137-157.

Halley, D. (2019). 10 Psycho-Tricks der Spiele-Industrie, die uns beeinflussen. Redaktionelles Video für gamestar.de. Abrufbar unter: https://www.gamestar.de/videos/10-psycho-tricks-der-spiele-industrie-die-uns-beeinflussen,99981.html. Letzter Zugriff: 29.05.2020.

Hepp, A. (2015). Kommunikative Figurationen: Zur Beschreibung der Transformation mediatisierter Gesellschaften und Kulturen. In: Kinnebrock, S.; Schwarzenegger, C.;

Birkner, T. (Hg.): Theorien des Medienwandels. Köln: Halem, 161-188.

Hipeli, E. (2014). Medien-Kids. Bewusst umgehen mit allen Medien - von Anfang an. Beobachter edition.

Hoffman, D.; Wagner, U. (2013). Editorial. Aufwachsen in komplexen Medienwelten. Neue Medientechnologien und erweiterte Medienensembles in der Sozialisation von Kindern und Jugendlichen. In: merz – medien+erziehung, 57(6), 3-8.

Illy, D.; Florack, J. (2018). Ratgeber Videospiel- und Internetabhängigkeit. Hilfe für den Alltag. München: Elsevier.

Internet World Stats (2020). Schätzung zum Anteil der Internetnutzer weltweit nach Regionen im Jahr 2020. Abrufbar unter: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/162074/umfrage/ penetrationsrate-des-internets-nach-regionen-im-jahr-2010/. Letzter Zugriff: 22.09.2020.

Janker, B.; Waitz, M. (2017). Was ist das Burnout-Syndrom? Beitrag der Techniker Krankenkasse. Abrufbar unter: https://www.tk.de/techniker/service/gesundheit-und-medizin/behandlungen-und-medizin/psychische-erkrankungen/burnout-syndrom-2016416. Letzter Zugriff: 23.09.2020.

Kalbitzer, J. (2016). Digitale Paranoia: Online bleiben, ohne den Verstand zu verlieren. München: C.H. Beck.

Kammerl, R.; Hauenschild, M.; Schwedler, A. (2015). Online-Spiele in der Adoleszenz. Entgrenzungsphänomene als Prüfstein für die moralische Urteilfähigkeit. In: merz – medien+erziehung, 59(3), 37-42.

Knieper, T.; Wiedel, F.; Weigand, C.; Cabanas, G.; Koscielny, N. (2017). Bildberichterstattung über Kriege, Katastrophen, Krisen. Eine qualitative Studie zum angemessenen Bildumgang aus Rezipientensicht. In: Communicatio Socialis, 50(1), 97-112.

Krotz, F.; Hepp, A. (Hg.) (2012). Mediatisierte Welten: Beschreibungssätze und Forschungsfelder. Wiesbaden: Springer VS.

Lohr, B. (2017). Auf der Suche nach der Escape-Taste. Online-Artikel für sueddeutsche.de. Abrufbar unter: http://www.sueddeutsche.de/muenchen/landkreismuenchen /internetsucht-auf-der-suche-nach-der-escape-taste-1.3798655. Letzter Zugriff am 04.06.2020

Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (mpfs) (2020). JIM-Studie 2020. Abrufbar unter: https://www.mpfs.de/studien/jim-studie/2020/. Letzter Zugriff: 05.05.2021.

Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (mpfs) (2018). KIM-Studie 2018. Abrufbar unter: https://www.mpfs.de/fileadmin/files/Studien/KIM/2018/KIM-Studie_2018_web.pdf. Letzter Zugriff: 20.10.2020.

Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (mpfs) (2016). FIM-Studie 2016. Abrufbar unter: https://www.mpfs.de/fileadmin/files/Studien/FIM/2016/FIM_2016_Charts_Broschuere_Bilddateien.pdf. Letzter Zugriff: 22.09.2020.

Meyen, M. (2014). Medialisierung des deutschen Spitzenfußballs: Eine Fallstudie zur Anpassung von sozialen Funktionssystemen an die Handlungslogik der Massenmedien. In: Medien & Kommunikationswissenschaft, 63(3), 377-394.

Meyen, M. (2009). Medialisierung. In: Medien & Kommunikationswissenschaft, 57(1), 23-38.

Pieschl, S.; Porsch, T. (2014). Neue Medien und deren Schatten. Mediennutzung, Medienwirkung und Medienkompetenz. Göttingen: Hogrefe.

Prinzing, M. (2015). Shitstorms. Nur Wutstürme oder begründete demokratische Proteste? In: Imhof, K.; Blum, R.; Bonfadelli, H.; Jarren, O.; Wyss, V. (Hg.): Demokratisierung durch Social Media? Wiesbaden: Springer Fachmedien.

Pritzens, T. (2011). Webwork als nützliche Ergänzung zur mobilen Jugendarbeit/Streetwork. In: merz – medien+erziehung, 55(3), 29-33.

Przybilla, S. (2018). Zu Besuch in einer Therapie für Computerspielsüchtige. Online-Artikel für nzz.ch. Abrufbar unter: https://www.nzz.ch/international/zu-besuch-in-einer-therapie-fuer-computerspielsuechtige-ld.1412171. Letzter Zugriff: 28.05.2020

Rehbein, F. (2014). Computerspiel- und Internetabhängigkeit. In: Pieschl, S.; Porsch, T. (Hg.): Neue Medien und deren Schatten. Mediennutzung, Medienwirkung und Medienkompetenz. Göttingen: Hogrefe, 219-243.

Reinemann, C.; Nienierza, A.; Fawzi, N.; Riesmeyer, C.; Neumann, K. (2019). Jugend – Medien – Extremismus. Wo Jugendliche mit Extremismus in Kontakt kommen und wie sie ihn erkennen. Wiesbaden: Springer VS.

Rühle, A. (2010). Reizüberflutung: Verblöden wir? Online-Artikel für süddeutsche.de. Abrufbar unter: https://www.sueddeutsche.de/kultur/reizueberflutung-verbloeden-wir-1.591325. Letzter Zugriff: 23.09.2020.

Schaumburg, H.; Prasse, D. (2019). Medien und Schule. Bad Heilbrunn: Julius Klinkhardt.

Schorb, B.; Demmler, K. (Hg.) (2021). Flucht nach vorne. Digitale Medien in der Bildung. Ausgabe 01/2021 der medienpädagogischen Fachzeitschrift merz – medien+erziehung. München: kopaed.

Schorb, B.; Demmler, K. (Hg.) (2019). Computerspiele in der Jugendarbeit. Ausgabe 02/2019 der medienpädagogischen Fachzeitschrift merz – medien+erziehung. München: kopaed.

Stalder, F. (2016). Kultur der Digitalität. Berlin: Suhrkamp.

Stix, D.C. (2020). Social Media in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit. Dissertation. Open Access: https://doi.org/10.21240/diss.ds.X.

Stodt, B.; Wegmann, E.; Brand, M. (2015). Geschickt geklickt?! Zum Zusammenhang von Internetnutzungskompetenzen, Internetsucht und Cybermobbing bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Düsseldorf: Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM), VISTAS.

Te Wildt, B. (2015). Digital Junkies. Internetabhängigkeit und ihre Folgen für uns und unsere Kinder. München: Droemer.

Wacker, E. (2018). Von Normalitätsidealen zur inklusiven Gesellschaft. In: Quenzel, G.; Hurrelmann, K. (Hg.): Handbuch Bildungsarmut. Wiesbaden: Springer, 717-742.

Walter, M. (2020). Twitch verbietet Musik in Streams. Copyright Beschwerden führten zum strengeren Handeln. Online-Artikel für bonedo.de. Abrufbar unter: https://www.bonedo.de/artikel/einzelansicht/twitch-verbietet-musik-in-streams.html. Letzter Zugriff: 22.09.2020.

Weber, M. (2013). Medien – Freunde – Identität. Gemeinsame Nutzung audiovisueller Unterhaltungsangebote in konvergenten Medienumgebungen. In: merz – medien+erziehung, 57(6), 71-83.

Wendt, P.-U. (2015). Lehrbuch Methoden der Sozialen Arbeit. Weinheim/Basel: Beltz Juventa.

Werner, J.; Ebel, C.; Spannagl, C.; Bayer, S. (2018). Flipped Classroom – Zeit für deinen Unterricht. Praxisbeispiele, Erfahrungen und Handlungsempfehlungen. Gütersloh: Verlag Bertelsmann Stiftung.

Willemse, I. (2016). Ein Ratgeber für Eltern, Betroffene und ihr Umfeld. Bern: Hogrefe.


15:00 - 15:30
ID: 128 / Panel4: 2
Präsentation mit Bezug zum Call
Themen: Präsentation mit Bezug zum Call
Stichworte: Medienkritik, Medienkompetenz, Gegenbotschaften, Hate Speech

Zwischen Kritik und Reaktanz – Überlegungen zu didaktischen Potenzialen digitaler Gegenbotschaften in der Förderung der Medienkritikfähigkeit Jugendlicher

Julian Ernst

Universität zu Köln, Deutschland

Hasskommentare, extremistische Propagandavideos, herabwürdigende Memes oder auch sogenannte „Fake News“ sind Alltag gerade für jugendliche Mediennutzer*innen (mpfs 2020; Reinemann et al. 2019; DIVSI 2018; LFM 2016). Aus demokratietheoretischer wie medienpädagogischer Perspektive ist bei diesen Kommunikationsformen besonders bedenklich: Sie vermögen gesellschaftliche Diskurse zu polarisieren, Meinungsbildungsprozesse zu manipulieren und antidemokratische Denk- und Handlungsweisen zu katalysieren (vgl. z.B. Leineweber 2020; Hohlfeld et al. 2020; Welzenbach-Vogel & Knop 2019). Das Auftreten derartiger Phänomene ist nicht ohne Widerhall geblieben: Staatliche und zivilgesellschaftliche Institutionen wollen die digitale Bühne nicht einfach antidemokratischen Gruppen überlassen. Mittels verschiedener Artikulationen zielen Akteur*innen darauf ab, Menschenverachtung und Desinformation etwas entgegenzusetzen. Sogenannte „Gegenbotschaften“ – Videos, Memes oder auch Kommentare – beanspruchen, ideologische Argumentationsweisen zu dekonstruieren, vielfältige Standpunkte zu kontrovers diskutierten Themen zu eröffnen und nicht zuletzt die freiheitlich-demokratische Verfasstheit der Gesellschaft zu verteidigen (Rieger et al. 2017; Tuck & Silverman 2016; Briggs & Feve 2013). Längst haben digitale Gegenbotschaften ihren Weg in die politisch-bildnerische und medienpädagogische Praxis gefunden (z.B. Asisi et al. 2019; turn 2019; bpb & Schmitt 2019; ZIT Münster 2018). Gemeinsam haben die Ansätze, dass sie auf die Förderung von Medienkritikfähigkeit, verstanden als eine zentrale Dimension von Medienkompetenz (z.B. Baacke 2007; Ganguin & Sander 2015), abzielen. Zum Einsatz kommen Gegenbotschaften dabei primär in zwei Varianten: als Impuls zur Diskussion über und analytischen Betrachtung von Hate Speech, „Fake News“ u.ä. oder als mögliches Zielprodukt, d.h. als geprobte Erwiderung im Rahmen handlungsorientierter Lerngelegenheiten.

Rezeption und Wirkung von sowie das Lernen zu Gegenbotschaften sind auch Gegenstand medienpsychologischer (Frischlich et al. 2017), kommunikations- und sprachwissenschaftlicher (Reinemann et al. 2019; Qasem 2020; Schmitt et al. 2018; Ernst et al. 2017) und nicht zuletzt auch medienpädagogischer Untersuchungen (Braun 2021; Seyphert-Zapf & Grafe 2020; Ernst & Schmitt 2020; Braun et al. 2020; Schmitt et al. 2020; Materna 2019). Mit Blick auf die Gestaltung medienpädagogischer Lernarrangements lassen sich als zentrale Befunde herausstellen, dass Gegenbotschaften zwar mit dem Erwerb von Wissen um die ideologische Verfasstheit entsprechender Artikulationen, antidemokratische Argumente etc. einhergehen (vgl. u.a. Schmitt et al. 2020; Materna 2019) sowie in handlungsorientierten Lernkontexten auch kritische, gar empowernde Diskurse bei Jugendlichen anstoßen können (vgl. Braun et al. 2020; Materna 2019). Zugleich zeigen Lerner*innen aber immer wieder Reaktanzen, affektive Abwehrreaktionen, gegenüber Gegenbotschaften bzw. den hinter diesen stehenden Akteur*innen (vgl. Ernst et al. 2020; Frischlich et al. 2017).

Vor dem Hintergrund der skizzierten Befundlage möchte der Vortrag didaktische Potenziale des Einsatzes digitaler Gegenbotschaften zur Förderung der Medienkritikfähigkeit Jugendlicher weiter diskutieren, wobei eine am lernenden Subjekt orientierte Perspektive eingenommen wird, die gerade im Widerstand gegen Lernanforderungen Potenziale für den Erwerb von (Medien)Kritikfähigkeit ausmacht (Holzkamp 1995). Aus dieser Perspektive soll u.a. argumentiert werden, dass Widerstandsreaktionen gegenüber Gegenbotschaften ein besonderes Moment für die (kritische) medienbildnerische Arbeit darstellen und den Blick auf politische Auseinandersetzungen in digitalen Medien erweitern können. Reaktanzen bieten die Gelegenheit, Gegenbotschaften selbst zum Gegenstand medienkritischer Auseinandersetzung werden zu lassen: als digitale Artikulationen im Kampf um Deutungshoheit zu gesellschaftlichen Themen, deren Botschaften u.U. ihrerseits ideologisch verfasst und im Widerspruch zur erfahrenen Wirklichkeit verschiedener Rezipient*innengruppen stehen können.

Bibliografie
Asisi, P. et al. & JFF - Institut für Medienpädagogik (2019): bildmachen. Mit Memes gegen Islamismus? Materialien für die politische Medienbildung mit Jugendlichen. Hrsg. v. ufuq.de. Berlin. Online abrufbar unter https://www.bildmachen.net/wp-content/uploads/2019/11/bildmachen_Mit-Memes-gegen-Islamismus_Materialien-f%C3%BCr-die-politische-Medienbil-dung-mit-Jugendlichen.pdf, zuletzt geprüft am 25.02.2021.
Baacke, D. (2007): Medienpädagogik. Tübingen: Max Niemeyer.
Braun, L. (2021) Zur Herstellung von Öffentlichkeit in der Migrationsgesellschaft. Digitale Handlungsstrategien Jugendlicher und junger Erwachsener. Wiesbaden: Springer VS.
Braun, L. et al. (2020): Empowerment, Gegenbotschaften und politische Partizipation: Gegenbotschaften als Mittel zur Förderung von Empowerment gegenüber extremistischer Online-Propaganda. In: Schmitt et al. (Hrsg.): Propaganda und Prävention. Forschungsergebnisse, didaktische Ansätze, interdisziplinäre Perspektiven zur pädagogischen Arbeit zu extremistischer Internetpropaganda. Wiesbaden: Springer VS (Interkulturelle Stu-dien), 317–330.
Briggs R. & Feve, S. (2013): Review of Programs to Counter Narratives of Violent Extremism. What works and what are the implications for government? Hg. v. Institute for Strategic Dialogue.
Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) & Schmitt, J.B. (Hrsg.) (2019): Begriffswelten Islam. Deutungsvielfalt wichtiger Begriffe aktueller Islamdiskurse: Unterrichtsmaterialien zur Webvideoreihe "Begriffswelten Islam". Bonn: Bundeszentrale für Politische Bildung.
Deutsches Institut für Vertrauen und Sicherheit im Internet (DIVSI) (2018): Euphorie war gestern. DIVSI U25-Studie. Die "Generation Internet" zwischen Glück und Abhängigkeit. Bonn.
Ernst, J. & Schmitt, J. B. (2020): Politische Bildung in oder mit digitalen Medien? Medienpädagogische Reflexionen entlang Strukturbedingungen der Plattform YouTube. MedienPädagogik: Zeitschrift für Theorie und Praxis der Medienbildung, 38(Aneignung politischer Information), 21-42. https://doi.org/10.21240/mpaed/38/2020.10.02.X
Ernst, J. et al. (2020): Wenn es plötzlich um etwas anderes geht. Rekonstruktion eines Beispiels didaktisch-kommunikativer Praxis der Gegenstandsorientierung im Rahmen schulischer Radikalisierungsprävention. In: Schmitt et al. (Hrsg.): Propaganda und Prävention. Forschungsergebnisse, didaktische Ansätze, interdisziplinäre Perspektiven zur pädagogischen Arbeit zu extremistischer Internetpropaganda. Wiesbaden: Springer VS (Interkulturelle Studien), 197–215.
Ernst, J. et al. (2017): Hate Beneath the Counter Speech? A Qualitative Content Analysis of User Comments on YouTube Related to Counter Speech Videos. Journal for Deradicalization. Spring Issue. http://journals.sfu.ca/jd/index.php/jd/article/view/91
Frischlich, L. et al. (Hrsg.) (2017): Videos gegen Extremismus? Counter-Narrative auf dem Prüfstand. Deutschland; Deutschland. Wiesbaden: Bundeskriminalamt (Polizei + Forschung, Band 51).
Ganguin, S. & Sander, U. (2015): Zur Entwicklung von Medienkritik. In: von Gross, F. et al. (Hrsg.): Medienpädagogik - ein Überblick. Weinheim: Beltz Juventa. 229–246.
Hohlfeld et al. (2020) (Hrsg.): Fake News und Desinformation. Herausforderungen für die vernetzte Gesellschaft und die empirische Forschung. Baden-Baden: Nomos.
Holzkamp. K. (1995): Lernen. Subjektwissenschaftliche Grundlegung. Frankfurt a.M.: Campus.
Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (2016): Hate Speech. Hass im Netz. Informationen für Fachkräfte und Eltern. Online abrufbar unter https://publikationen.medienanstalt-nrw.de/index.php?view=product_detail&product_id=442, zuletzt geprüft am 25.2.2021.
Leineweber, C. (2020): Das (Un-)Wahre der Bildung. Zum Verhältnis von Autonomie, Fake News und Wahrheit. MedienPädagogik: Zeitschrift für Theorie und Praxis der Medienbildung, 38(Aneignung politischer Information), 1-20. https://doi.org/10.21240/mpaed/38/2020.10.01.X.
Materna, G. (2019): Ist das noch kritisch oder schon extrem? Meinungsbildung Jugendlicher in Sozialen Medien im Kontext von islamistischen Ansprachen und Islamfeindlichkeit. merz wissenschaft, 63 (6), 53-64
Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (2021): JIM-Studie 2020. Jugend, Information, Medien. Basisuntersuchung zum Medienumgang 12- bis 19-Jähriger. Stuttgart.
Qasem, S. (2020): Narrative gegen Islamismus in einer kritischen politischen Bildungsarbeit. In: Schmitt et al. (Hrsg.): Propaganda und Prävention. Forschungsergebnisse, didaktische Ansätze, interdisziplinäre Perspektiven zur pädagogischen Arbeit zu extremistischer Internetpropaganda. Wiesbaden: Springer VS (Interkulturelle Studien), 591-599.
Reinemann, C. et al. (2019): Jugend - Medien - Extremismus. Wo Jugendliche mit Extremismus in Kontakt kommen und wie sie ihn erkennen. Wiesbaden: Springer VS.
Rieger, D. et al. (2017): Verbreitung und Inszenierung. In: Frischlich, L. et al. (Hrsg.): Videos gegen Extremismus? Counter-Narrative auf dem Prüfstand. Wiesbaden: Bundeskrimi-nalamt (Polizei + Forschung, Band 51), 47–80.
Schmitt, J. B (Hrsg.) (2020): Propaganda und Prävention. Forschungsergebnisse, didaktische Ansätze, interdisziplinäre Perspektiven zur pädagogischen Arbeit zu extremistischer Internetpropaganda. Wiesbaden: Springer VS (Interkulturelle Studien).
Seyphert-Zapf, C. & Grafe, S. (2020): Die Gestaltung von Counter-Narrativen aus Perspektive der Medienkritikfähigkeit. Medienimpulse. 58 (3). https://doi.org/10.21243/mi-03-20-14
Tuck, H. & Silverman, T. (2016): The Counter-Narrative Handbook. Hrsg. v. Institute for Strategic Dialogue
turn - Verein für Gewalt- und Extremismusprävention (Hrsg.) (2019): Jamal al-Khatib. Das pädagogische Paket #2. Wien. Online verfügbar unter https://www.turnpreven-tion.com/materialien.
Welzenbach-Vogel, I. & Knop, K. (2019): Machen wir uns die Welt, wie sie uns gefällt? Ein Forschungsüberblick zur Verbreitung, Rezeption und Aneignung von Fake News und daraus abgeleiteten Implikationen für medienpädagogische Maßnahmen. merz wissenschaft, 63 (6), 65-75.
Zentrum für Islamische Theologie Münster (ZIT) (Hrsg.) (2018): digital-salam.de. Online abrufbar unter https://digital-salam.uni-muenster.de/, zuletzt geprüft am 25.02.2021


15:30 - 16:00
ID: 137 / Panel4: 3
Präsentation mit Bezug zum Call
Themen: Präsentation mit Bezug zum Call
Stichworte: Medienkritikfähigkeit; Propaganda; gestaltungsorientierte Bildungsforschung; Schule und Unterricht

Förderung von Medienkritikfähigkeit unter besonderer Berücksichtigung zeitgenössischer Propaganda. Praxis- und theorieorientierte Entwicklung und Evaluation eines fächerübergreifenden und fachspezifischen Unterrichtskonzepts für die Sekundarstufe I.

Christian Seyferth-Zapf

Universität Bayreuth, Deutschland

Soziale Medien bieten zahlreiche niederschwellige Möglichkeiten für Kommunikation und Partizipation (vgl. z.B. Schneekloth, 2015). Darüber hinaus gewinnen sie als Informationsquellen zunehmend an Bedeutung (vgl. mpfs, 2020, S. 46f.; Vodafone Stiftung Deutschland, 2019, S. 16). Dadurch geraten Heranwachsende verstärkt in Kontakt mit zielgerichteten Fehlinformationen oder werden durch irreführende Meldungen unbewusst auf extremisitische Propagandabeiträge weitergeleitet (vgl. Rack, Kimmel, Yavuz & Ipsen, 2019, S. 33). Für einen adäquaten Umgang mit derart zweifelfhaften und manipulierenden Botschaften, ist die Förderung von Medienkritikfähigkeit aus normativer Sicht von hoher Bedeutung und gehört zu den wichtigen Aufgaben von Schule und Unterricht.

Vor diesem Hintergrund widmet sich die nachfolgenden Ausführungen der praxis- und theorieorientierten Entwicklung und Evaluation von Unterrichtskonzepten zur Förderung von Medienkritikfähigkeit bei Jugendlichen unter besonderer Berücksichtigung verschiedener Formen zeitgenössischer Propaganda. Im Zentrum des zu Grunde liegenden kumulativen Dissertationsprojektes stehen drei Studien, die sich auf die Entwicklung, Durchführung und Evaluation unterschiedlicher Aspekte zweier Unterrichtskonzepte zur Förderung von Medienkritikfähigkeit konzentrieren.

Hierfür wurde zunächst ein theoretischer Rahmen konstruiert, in welchem grundlegende medienkritische Teilfähigkeiten aus Ansätzen des kritischen Denkens (vgl. z.B. Facione, 2020), der Medienkompetenz (vgl. z.B. Groeben, 2020) und media literacy (vgl. z.B. Hobbs, 2011) herausgearbeitet wurden. Weiterhin wurden zentrale Charakteristika des Inhaltsbereichs Propaganda aus seinem historischen Begriffskontext abgeleitet (vgl. z.B. Bussemer, 2008), die als Basis dafür dienten, um die aktuelle Vielfalt irreführender und gezielt desinformierender Beiträge auf der Grundlage dieser Merkmale als Propaganda einordnen zu können (vgl. Hobbs, Seyferth-Zapf & Grafe, 2018).

Studie 1 widmet sich der praxis- und theorieorientierten Entwicklung und Evaluation eines fächerübergreifenden Unterrichtskonzepts für die zehnte Jahrgangsstufe an Gymnasien zur Förderung propagandaspezifischer Medienkritik- und Analysefähigkeit beinhaltet (vgl. Seyferth-Zapf & Grafe, 2020b). Die auf Basis des Konzepts entwickelte unterrichtliche Handlungslinie konzentriert sich auf Inhaltsbereiche aus dem extremistischen Propagandaspektrum und wurde im Sozialkunde- und Englischunterricht durchgeführt. Die Überprüfung der Zielerreichung des Konzepts wurde durch eine quasi-experimentelle Evaluationsstudie im Pre-Post-Test-Design mit Kontrollgruppe (nIG=19; nKG=19) unter Verwendung eines Mixed Method-Designs nach Creswell und Plano Clark (2018) umgesetzt. Als Hauptmessinstrumente kamen auf quantitativer Ebene eine selbstentwickelte Kurzskala zur Propagandaanalyse und ein Testinstrument zur Medienkritikfähigkeit (vgl. Klimmt et al., 2014) zum Einsatz. Auf qualitativer Ebene wurden Lernprodukte der Schüler*innen inhaltsanalytisch ausgewertet (vgl. Mayring, 2015). Die Ergebnisse belegen die Wirksamkeit des Unterrichtskonzepts mit z.T. hohen Effektstärken.

Studie 2 resultiert aus einem iterativen Überarbeitungsprozesses von Studie 1 und behandelt die Entwicklung und Evaluation eines fachspezifischen Unterrichtskonzepts zur Förderung einer allgemeinen Medienkritikfähigkeit von Schüler*innen der zehnten Jahrgangsstufe eines Gymnasiums (vgl. Seyferth-Zapf & Grafe, 2019). Die Umsetzung des Unterrichtskonzepts im Englischunterricht ermöglichte eine stärkere Akzentsetzung auf Propagandaformen der gezielten Desinformation aus internationaler Perspektive. Das Evaluationsdesign bestand ebenfalls aus einer quasi-experimentellen Untersuchung im Pre-Post-Test-Design mit Kontrollgruppe (nIG=23; nKG=18) und wurde in ein Mixed Method-Design nach Creswell und Plano Clark (2018) überführt. Mit Ausnahme der selbstentwickelten Kurzskala zur Propagandaanalyse kamen die identischen quantitativen und qualitativen Untersuchungsinstrumente und Auswertungsmethoden wie in Studie 1 zum Einsatz und zeigen eine hohe Wirksamkeit des Konzepts.

Studie 3 widmet sich der differenzierten Darstellung und Evaluation der Gestaltung von Counter-Narrativen, die einen elementaren Bestandteil beider Unterrichtskonzepte ausmachte (vgl. Seyferth-Zapf & Grafe, 2020a). Die vor dem Hintergrund theoretischer Grundlagen zu (Counter-)Narrativen (vgl. z.B. Tuck & Silverman, 2016) und zur Gestaltung eigener Medienbeiträge aus Perspektive der Medienkritikfähigkeit entwickelten medialen Produkte wurden mithilfe verschiedener Techniken der qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring (2015) untersucht. Die Ergebnisse verdeutlichen unter anderem, dass medienkritische Fähigkeiten im Rahmen der Gestaltung der Counter-Narrative angewandt wurden und unabhängig vom jeweiligen Grad der Narrativität der einzelnen Beiträge identifiziert werden konnten.

Im Rahmen des Vortrags sollen die praxis- und theorieorientierte Konzeptentwicklung, die konzeptbezogenen Unterrichtseinheiten sowie die Ergebnisse der Studien vorgestellt und vor dem Hintergrund zukünftiger Perspektiven gestaltungsorientierter Bildungsforschung in den Bereichen Medienkritikfähigkeit und Propaganda diskutiert werden.

Literatur

Bussemer, T. (2008). Propaganda. Konzepte und Theorien (2. Aufl.). Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Creswell, J. W. & Plano Clark, V. L. (2018). Designing and conducting mixed methods research (3rd ed.). Thousand Oaks, CA: SAGE.

Klimmt, C., Sowka, A., Hefner, D., Mergel, F. & Possler, D. (2014). Testinstrument zur Messung von Medienkritikfähigkeit: Dokumentation der Testentwicklung und der Testaufgaben. Hannover. Verfügbar unter: https://www.ijk.hmtm-hannover.de/fileadmin/ www.ijk/pdf/Forschung/Testdokumentation_Die_Messung_von_Medienkompetenz.pdf

Facione, P. A. (2020). Critical thinking: What it is and why it counts. Hermosa Beach, CA. Verfügbar unter: https://www.insightassessment.com/wp-content/uploads/ia/pdf/ whatwhy.pdf

Groeben, N. (2002). Dimensionen der Medienkompetenz. In N. Groeben & B. Hurrelmann (Hrsg.), Medienkompetenz. Voraussetzungen, Dimensionen, Funktionen (Lesesozialisation und Medien, S. 160-197). Weinheim: Juventa.

Hobbs, R. (2011). Digital and media literacy. Connecting culture and classroom. Thousand Oaks, CA: Corwin.

Hobbs, R., Seyferth-Zapf, C. & Grafe, S. (2018). Using virtual exchange to advance media literacy competencies through analysis of contemporary propaganda. Journal of Media Literacy Education, 10 (2), 152-168. https://doi.org/10.23860/JMLE-2018-10-2-9

Mayring, P. (2015). Qualitative Inhaltsanalyse. Grundlagen und Techniken (12. überarbeitete Aufl.). Weinheim: Beltz.

Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (2020). JIM-Studie 2020. Jugend, Information, Medien. Basisuntersuchung zum Medienumgang 12- bis 19-Jähriger. Stuttgart. Verfügbar unter: https://www.mpfs.de/fileadmin/files/Studien/JIM/2020/JIM-Studie-2020_Web_final.pdf

Rack, S. & Woldemichael, D. (2020). Fakt oder Fake? Wie man Falschmeldungen im Internet entlarven kann (2. Aufl.). Ludwigshafen: Klicksafe. Verfügbar unter: https://www.klicksafe.de/fileadmin/media/documents/pdf/klicksafe_Materialien/Lehrer_Allgemein/ks_to_go_Fakt_oder_Fake.pdf

Schneekloth, U. (2015). Jugend und Politik: Zwischen positivem Gesellschaftsbild und anhaltender Politikverdrossenheit. In Shell Deutschland Holding (Hrsg.), Jugend 2015. Eine pragmatische Generation im Aufbruch (S. 153–200). Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch.

Seyferth-Zapf, C. & Grafe, S. (2019). Förderung von Medienkritikfähigkeit im Kontext zeitgenössischer Propaganda. Praxis- und theorieorientierte Entwicklung und Evaluation eines medienpädagogischen Unterrichtskonzepts für die Sekundarstufe I. Medienimpulse, 57 (3), 1-51. https://doi.org/10.21243/mi-03-19-10

Seyferth-Zapf, C. & Grafe, S. (2020a). Die Gestaltung von Counter-Narrativen aus Perspektive der Medienkritikfähigkeit. Medienimpulse, 58 (3), 1-72. https://doi.org/ 10.21243/mi-03-20-14

Seyferth-Zapf, C. & Grafe, S. (2020b). Förderung propagandaspezifischer Medienkritik- und Analysefähigkeit. Entwicklung und Evaluation eines praxis- und theorieorientierten fächerübergreifenden Unterrichtskonzept. MedienPädagogik: Zeitschrift für Theorie und Praxis der Medienbildung, 38, 43-68. https://doi.org/10.21240/mpaed/38/2020.10.03.X

Tuck, H. & Silverman, T. (2016) The Counter-Narrative Handbook. London: Institute for Strategic Dialogue. Verfügbar unter: https://www.isdglobal.org/wp-content/uploads/2016/06/Counter-narrative-Handbook_1.pdf

Vodafone Stiftung Deutschland (2019). Alles auf dem Schirm? Wie sich junge Menschen in Deutschland zu politischen Themen informieren. Düsseldorf. Verfügbar unter: https://www.vodafone-stiftung.de/wp-content/uploads/2019/11/Vodafone-Stiftung- Deutschland_Studie_Politisches_Informationsverhalten.pdf

 
14:30 - 16:00Panel5: Medienkritik
Virtueller Veranstaltungsort: Münchner Zoom (2)
Chair der Sitzung: Ruth Wendt
Chair der Sitzung: Jessica Kühn

Medienkritik als Kernkompetenz in der Mediengesellschaft. Was macht digitale Souveränität aus?

Unsere Welt erfährt durch die digitale Transformation eine gewaltige Veränderung, die alle Lebensbereiche weitreichend durchdringt. Das gilt gleichermaßen für das Privatleben des Einzelnen wie auch für das öffentliche Leben. In der individuellen Lebensführung, in gesellschaftlichen Prozessen, in der Wirtschaft – jeder Einzelne ist kontinuierlich über den gesamten Bildungsverlauf gefordert, digitale Kompetenzen zu entwickeln. Ein kompetenter und verantwortungsvoller Umgang mit den durch die Digitalisierung entstehenden Veränderungen ist Voraussetzung, um an der digitalen Gesellschaft teilzuhaben: Evaluative Medienkompetenz gilt hier als Schlüsselqualifikation.

 
 
14:30 - 15:00
ID: 107 / Panel5: 1
Präsentation mit Bezug zum Call
Themen: Präsentation mit Bezug zum Call
Stichworte: Nachrichtenkompetenz, Fehler in Nachrichten, Publikumswahrnehmung, experimentelle Onlinebefragung

Je kompetenter desto kritischer? Zum Einfluss von Nachrichtenkompetenz auf Wahrnehmung und Bewertung von Fehlern in Nachrichten

Stefanie Holtrup, Jakob Henke, Wiebke Möhring

TU Dortmund, Deutschland

Je kompetenter desto kritischer? Zum Einfluss von Nachrichtenkompetenz auf Wahrnehmung und Bewertung von Fehlern in Nachrichten

Forschungshintergrund

Medien spielen im öffentlichen Diskurs für einen gesellschaftlichen Zusammenhalt eine tragende Rolle. Durch ihre Informations- und Integrationsfunktion befähigen sie Bürger*innen, selbstbestimmt und demokratisch zu handeln und Medien auf diese Weise zu nutzen (Hasebrink et al., 2020; Ruß-Mohl, 2016). Voraussetzungen dafür sind zum einen, dass journalistische Medien objektiv berichten, reliable Informationen liefern und vollständig alle Interessen in der Gesellschaft abbilden (Burkhart, 2019). Zum anderen benötigen Rezipient*innen die Kompetenz, selbstbestimmte und demokratisch mit Medien umgehen zu können. Nachrichtenkompetenz – definiert als Teilaspekt von Medienkompetenz und als notwendiges Wissen und Motivation, um Journalismus zu erkennen und sich damit auseinanderzusetzen (Maksl et al., 2015) – beeinflusst sowohl die Wahrnehmung von Medieninhalten als auch das allgemeine Medienvertrauen (Vraga & Tully, 2015; Vraga et al., 2012) und ist im Rahmen der Medienpädagogik relevant für die kindliche als auch Erwachsenenbildung (von Hippel, 2010).

Durch Veränderungen in den journalistischen Produktionsbedingungen und -prozessen aufgrund neuer Technologien ist es, etwa angesichts steigenden Aktualitätsdrucks, wahrscheinlicher, dass Fehler in Nachrichten vorkommen. Deshalb gewinnen die Anforderungen, korrekte Informationen zu liefern oder zumindest Fehler zu korrigieren, an Bedeutung (Karlsson & Clerwall, 2018; Karlsson et al., 2017). Bisherige Forschung zeigt, dass Fehler in Nachrichten vom Publikum eher als negativ bewertet werden, wobei sowohl die objektive Stärke der Fehler als auch die Präsenz einer Korrektur Wahrnehmung und Bewertung durch die Rezipient*innen beeinflussen (Karlsson et al., 2017; Wilner et al, 2021). Zudem haben Fehler und Korrekturen Auswirkungen auf die Glaubwürdigkeit und das Vertrauen in Nachrichten (Karlsson & Clerwall, 2018). Bisher ist noch nicht untersucht, welchen Einfluss die Nachrichtenkompetenz auf die Fehlerwahrnehmung des Publikums hat und welche Rolle das Vorhandensein von Korrekturen hat. Mit der hier vorgestellten Studie möchten wir die Frage adressieren, ob Initiativen zur Förderung von Nachrichtenkompetenz hilfreich sein können, um die Rezipient*innen zum eigenständigen Umgang mit Medien zu befähigen.

Methode

Im Kontext einer größer angelegten Untersuchung wurden zwei quoten-repräsentative experimentelle Onlinebefragungen durchgeführt, wobei das Nachrichtengenre (Politik vs. Sport) der Befragungen variiert wurde, um die Robustheit der Ergebnisse zu testen. Die Auswertung wurde getrennt für beide Genres durchgeführt (Politik: N=856, MAlter=51,07, SDALter=17,86, 49 % weiblich, 34% hoch gebildet; Sport: N=839, MAlter=52,12, SDALter=17,9, 51% weiblich, 34% hoch gebildet). In den Experimenten wurden den Teilnehmer*innen verschiedene Vignetten mit unterschiedlichen Fehlern präsentiert, die sowohl hinsichtlich des Vorhandenseins einer Korrektur (keine Korrektur/ Korrektur/ Korrektur mit Entschuldigung) als auch des Zeitungstyps (lokal/ überregional) variierten. Nachrichtenkompetenz (modifiziert in Anlehnung an Ashley et al., 2013) wurde vor den Vignetten abgefragt. Die Wahrnehmung und Bewertung von Fehlern wurde jeweils nach den Vignetten anhand des wahrgenommenen Stärkegrades, der Häufigkeit und der Tragweite des Fehlers erfasst.

Ergebnisse

Die Ergebnisse zeigen, dass Fehlermeldungen mit Korrekturen (und Entschuldigungen) als signifikant kleiner und schwächer wahrgenommen werden als ohne Korrekturen. Auf die wahrgenommene Häufigkeit hatte die Existenz einer Korrektur keinen Einfluss. Nachrichtenkompetenz hingegen führt bei politischen Nachrichten zu einer signifikant höheren wahrgenommenen Fehlerstärke, -tragweite und -häufigkeit, während diese keinen Einfluss auf Sportnachrichten hat.

Die Ergebnisse werden im Vortrag detaillierter ausgeführt und im Hinblick auf deren Bedeutung für medienpädagogische Maßnahmen, öffentliche Diskurse und den sozialen Zusammenhalt diskutiert.

Referenzen

Ashley, S., Maksl, A., & Craft, S. (2013). Developing a News Media Literacy Scale. Journalism & Mass Communication Educator, 68(1), 7–21. https://doi.org/10.1177/1077695812469802

Burkart, R. (2019). Kommunikationswissenschaft: Grundlagen und Problemfelder. Umrisse einer interdisziplinären Sozialwissenschaft (5. Aufl.). UTB. Böhlau.

Hasebrink, U., Schmidt, J.-H., Loosen, W. & Schulz, W. (2020). Medien und gesellschaftlicher Zusammenhalt. In N. Deitelhoff, O. Groh-Samberg & M. Middell (Hg.), Gesellschaftlicher Zusammenhalt. Ein interdisziplinärer Dialog (S. 333–348). Campus Verlag.

Karlsson, M., & Clerwall, C. (2018). Transparency to the Rescue? Evaluating citizens’ views on transparency tools in journalism. Journalism Studies, 19(13), 1923–1933. https://doi.org/10.1080/1461670X.2018.1492882

Karlsson, M., Clerwall, C., & Nord, L. (2017). Do Not Stand Corrected: Transparency and Users’ Attitudes to Inaccurate News and Corrections in Online Journalism. Journalism & Mass Communication Quarterly, 94(1), 148–167. https://doi.org/10.1177/1077699016654680Maksl, A., Ashley, S., & Craft, S. (2015). Measuring News Media Literacy. Journal of Media Literacy Education, 6(3), 29-45. Retrieved from https://digitalcommons.uri.edu/jmle/vol6/iss3/3

Ruß-Mohl, S. (2016). Journalismus: Das Lehr- und Handbuch (1. Aufl.). Frankfurter Allgemeine Buch. http://gbv.eblib.com/patron/FullRecord.aspx?p=4625196

von Hippel A. (2010). Vermittlung von Medienkompetenz in der Erwachsenenbildung – eine Analyse der Angebots- und Nachfrageseite. In Herzig B., Meister D.M., Moser H., Niesyto H. (eds) Jahrbuch Medienpädagogik 8. VS Verlag für Sozialwissenschaften. https://doi.org/10.1007/978-3-531-92135-8_19

Vraga, E. K. & Tully, M. (2015). Media Literacy Messages and Hostile Media Perceptions: Processing of Nonpartisan Versus Partisan Political Information. Mass Communication and Society, 18(4), 422–448. https://doi.org/10.1080/15205436.2014.1001910

Vraga, E. K., Tully, M., Akin, H., & Rojas, H. (2012). Modifying perceptions of hostility and credibility of news coverage of an environmental controversy through media literacy. Journalism, 13(7), 942–959. https://doi.org/10.1177/1464884912455906

Wilner, T., Wallace, R., Lacasa-Mas, I., & Goldstein, E. (2021). The Tragedy of Errors: Political Ideology, Perceived Journalistic Quality, and Media Trust. Journalism Practice, 1–22. https://doi.org/10.1080/17512786.2021.1873167



15:00 - 15:30
ID: 126 / Panel5: 2
Unabhängige Präsentation / Projektbericht
Themen: Unabhängige Präsentation / Projektbericht
Stichworte: Digitale Souveränität, Datenkompetenz, Jugendliche

Datenkompetenz Jugendlicher als Beispiel zur Notwendigkeit individueller Digitaler Souveränität

Jane Müller, Mareike Thumel

Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Deutschland

Wie junge Menschen den Umgang mit digitalen Medien erlernen, wird vielfach auf den formalen Bildungskontext bezogen. Zwar sollen in Deutschland schulische Akteur*innen Medienbildung umfassend aufgreifen (KMK, 2016, 2012; BMBF, 2016), jedoch wird diese nach wie vor hauptsächlich informell erworben (Schelhowe 2019; Bastian 2017). So sind Jugendliche “permanently online, permanently connected” (Vorderer, 2015) und setzen ganz selbstverständlich digitale Medien ein, um Schulaufgaben zu bearbeiten, ihren Alltag zu gestalten und ihre eigene Entwicklung zu unterstützen (u.a. JIM, 2019). Empirische Arbeiten zum Medienumgang von Kindern und Jugendlichen beziehen sich oft auf deren persönliche Kompetenzen im Umgang mit Medien. Externe Faktoren werden als gegebene Bedingungen gesetzt. Ihr Einfluss auf den Erfolg mit digitalen Medien selbst gesetzte Ziele zu erreichen, wird kaum reflektiert. Vor dem Hintergrund einer tiefgreifenden Mediatisierung (Hepp 2018) „ist eine souveräne Lebensführung […] zunehmend davon geprägt […] mit und über Medien das eigene Leben zu gestalten.“ (Schorb & Wagner, 2013, S. 18). Dem steht die Beobachtung gegenüber, dass Heranwachsende in ihren mediatisierten Beziehungen in der Familie, zwischen Gleichaltrigen und in der Schule zunehmend unweigerlich und von klein auf zu Datenlieferanten gemacht werden – vielfach ohne eigenes Mitspracherecht. Zur souveränen Lebensführung bedarf es seitens der jungen Menschen dementsprechend einer umfassenden Datenkompetenz. Souveränität reicht also über Medienbildung hinaus. Als Digitale Souveränität hilft sie individuelle Potenziale zu entfalten und ermöglicht so gesellschaftliche Teilhabe (Jörissen, 2019; ARB, 2018).

Der Ansatz Digitaler Souveränität erfreut sich in den letzten Jahren vor allem in politischen und wirtschaftsorientierten Strategiepapieren, aber zunehmend auch in wissenschaftlichen Auseinandersetzungen großer Beliebtheit. Betont wird ihre zentrale Bedeutung: für Deutschland, für Europa, für Unternehmen, aber auch für Individuen. Es wird deutlich, dass die verschiedenen Ebenen untereinander verbunden sind und jeweils in engem Zusammenhang zu technischen und rechtlichen Rahmenbedingungen stehen (etwa Schicha, 2019). Stubbe (2017) betont zudem den sozialen Zusammenhang Digitaler Souveränität (vgl. auch Groebel, 2016). Eine systematische Ausarbeitung einer individuellen Digitalen Souveränität und ihrer Relationen steht bisher jedoch noch aus.

Verschiedene Autor*innen setzen sich im Kontext Digitaler Souveränität mit Aspekten der (Medien‑)Bildung, aber auch der Nutzung digitaler Technologien auseinander (u.a. Brüggen, 2015; Mertz et al., 2016; Stubbe, 2017; ARB, 2018). Nutzende digitaler Technologien geraten dabei auch immer wieder als Verbraucher*innen in den Blick (Goldacker, 2017; Palmetshofer et al., 2017). Bisher wurde insbesondere eine Reihe von Anforderungen an digital souveräne Individuen definiert. Die Perspektive der Nutzenden selbst wurde bislang nicht erfasst.

Der vorliegende Beitrag greift den Ansatz individueller Digitaler Souveränität auf. Er stellt theoretische Vorüberlegungen und Ausgangspunkte des Forschungsprojektes „Digitale Souveränität Jugendlicher“ (DiSoJu; Nachwuchsforschungsgruppe gefördert durch das BMBF) vor. Hierfür entwickelt er eine erste Systematisierung des Konzeptes und stellt diese zur Diskussion. Er verdeutlicht die Überlegungen am Beispiel der Datenkompetenz Jugendlicher. Dabei definiert er Digitale Souveränität als Fähigkeit eigene Handlungsentwürfe im Umgang mit digitalen Medien kompetent, selbstbestimmt und sicher zu realisieren. Er verweist auf ihre Relationalität und unterstreicht so die Abhängigkeit dieser Fähigkeit von individuellen, sozialen aber auch technischen und rechtlichen Aspekten (Müller et al. 2020).

Bibliografie
Aktionsrat Bildung (ARB) (2018): Digitale Souveränität und Bildung. Gutachten. Unter Mitarbeit von Hans-Peter Blossfeld, Wilfried Bos, Hans-Dieter Daniel, Bettina Hannover, Olaf Köller, Dieter Lenzen et al. 1. Auflage. Münster: Waxmann. Online verfügbar unter https://www.aktionsrat-bildung.de/fileadmin/Dokumente/Gutachten_pdfs/ARB_Gutachten_Digitale_Souveraenitaet.pdf, zuletzt geprüft am 11.12.2019.
Bastian, Jasmin (2017): Lernen mit Medien – Lernen über Medien? Eine Bestandsaufnahme zu aktuellen Schwerpunktsetzungen. In: DDS - Die Deutsche Schule 109 (2), S. 146–162. Online verfügbar unter https://www.waxmann.com/index.php?eID=download&id_artikel=ART102179&uid=frei.
Brüggen, Niels; Dreyer, Stephan; Gebel, Christa; Lauber, Achim; Müller, Raphaela; Stecher, Sina (2019): Gefährdungsatlas. Digitales Aufwachsen. Vom Kind aus denken. Zukunftssicher handeln. Hg. v. Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM). Online verfügbar unter https://www.bundespruefstelle.de/blob/142084/2c81e8af0ea7cff94d1b688f360ba1d2/gefaehrdungsatlas-data.pdf, zuletzt geprüft am 05.08.2020.
Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) (Hg.) (2016): Bildungsoffensive für die digitale Wissensgesellschaft. Strategie des Bundesministeriums für Bildung und Forschung. Online verfügbar unter https://www.bmbf.de/files/Bildungsoffensive_fuer_die_digitale_Wissensgesellschaft.pdf, zuletzt geprüft am 12.01.2020.
Goldacker, Gabriele (2017): Digitale Souveränität. 1. Aufl. Online verfügbar unter https://www.oeffentliche-it.de/documents/10181/14412/Digitale+Souver%C3%A4nit%C3%A4t.
Groebel, Jo (2016): Zur Psychologie der digitalen Souveränität: Bedürfnis, Gewöhnung, Engagement. In: Mike Friechsen und Peter-J. Bisa (Hg.): Digitale Souveränität. Vertrauen in der Netzwerkgesellschaft. Fachmedien: Springer VS, S. 399–413.
Hepp, Andreas (2018): Von der Mediatisierung zur tiefgreifenden Mediatisierung. In: Jo Reichertz und Richard Bettmann (Hg.): Kommunikation – Medien – Konstruktion. Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden, S. 27–45. Online verfügbar unter http://link.springer.com/10.1007/978-3-658-21204-9_2.
Jörissen, Benjamin (2019): Die Digitalisierung und ihr Einfluss auf die Gesellschaft. In: Deutsche Telekom Stiftung (Hg.): Digitale Kompetenzen in der Jugendarbeit, S. 7–17.
Kultusministerkonferenz (KMK) (Hg.) (2012): Medienbildung in der Schule. Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 8. März 2012. Online verfügbar unter https://www.kmk.org/fileadmin/veroeffentlichungen_beschluesse/2012/2012_03_08_Medienbildung.pdf.
Kultusministerkonferenz (KMK) (Hg.) (2016): Bildung in der digitalen Welt. Strategie der Kultusministerkonferenz. Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 08.12.2016. Online verfügbar unter https://www.kmk.org/fileadmin/Dateien/pdf/PresseUndAktuelles/2017/Strategie_neu_2017_datum_1.pdf, zuletzt geprüft am 12.01.2020.
Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (MPFS) (2020): JIM-Studie 2019. Jugend, Information, Medien. Basisuntersuchung zum Medienumgang 12- bis 19-Jähriger. Online verfügbar unter https://www.mpfs.de/fileadmin/files/Studien/JIM/2019/JIM_2019.pdf, zuletzt geprüft am 03.08.2020.
Mertz, Marcel; Jannes, Marc; Schlomann, Anna; Manderscheid, Enza; Rietz, Christian; Woopem, Christiane (2016): Digitale Selbstbestimmung. Hg. v. Cologne Center for Ethics, Rights, Economics, and Social Sciences of Health (ceres). Köln. Online verfügbar unter https://ceres.uni-koeln.de/fileadmin/user_upload/Bilder/Dokumente/ceres-Digitale_Selbstbestimmung_2.pdf.
Müller, Jane; Thumel, Ina Mareike; Potzel, Katrin; Kammerl, Rudolf (2020): Digital Sovereignty of Adolescents. In: Medien Journal. Zeitschrift für Kommunikationskultur (Special Issue 02/2020 “Digital Culture, New Media and Youth”), 30-40.
Palmetshofer, Walter; Semsrott, Arne; Alberts, Anna (2016): Der Wert persönlicher Daten. Ist Datenhandel der bessere Datenschutz? Hg. v. Sachverständigenrat für Verbraucherfragen beim Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz. Open Knowledge Foundation Deutschland. Berlin. Online verfügbar unter http://www.svr-verbraucherfragen.de/wp-content/uploads/Open_Knowledge_Foundation_Studie.pdf.
Schelhowe, Heidi (2019): Handeln zwischen Virtualität und Stofflichkeit. In: Deutsche Telekom Stiftung (Hg.): Digitale Kompetenzen in der Jugendarbeit, S. 22–23.
Schicha, Christian (2019): Medienethik. Grundlagen - Anwendungen - Ressourcen (utb Medien- und Kommunikationswissenschaft).
Schorb, Bernd; Wagner, Ulrike (2013): Medienkompetenz – Befähigung zur souveränen Lebensführung in einer mediatisierten Gesellschaft. In: Hoffmann, Bernward, Dagmar, Hugger, Kai-Uwe, Kammerl et al. (Hg.): Medienkompetenzförderung für Kinder und Jugendliche. Eine Bestandsaufnahme. Berlin, S. 18–23.
Stubbe, Julian (2017): Von digitaler zu soziodigitaler Souveränität. In: Volker Wittpahl (Hg.): Digitale Souveränität. Bürger | Unternehmen | Staat. Berlin, Heidelberg: Springer, S. 43–59.
Vorderer, P., Hefner, D., Reinecke, L., & Klimmt, C. (Eds.) (2018). Permanently online, permanently connected: Living and communicating in a POPC world. New York, London: Routledge. Online verfügbar unter https://www.taylorfrancis.com/books/9781315276472


15:30 - 16:00
ID: 131 / Panel5: 3
Präsentation mit Bezug zum Call
Themen: Präsentation mit Bezug zum Call
Stichworte: Social Media, Populismus, Praxeologie, Medienpraktiken, Kompetenzen

Populismus als Social Media-Praktik. Ein Weg zu medienkritischen Kompetenzen

Johannes Gemkow

Universität Leipzig, Deutschland

Der idealistischen Assoziation, Social Media könne zu einer noch einzulösenden deliberativen Öffentlichkeit führen, indem unterschiedliche Akteure zu Wort kommen können, stehen problematische Erscheinungen gegenüber, die eine Fragmentierung der Gesellschaft begünstigen.
Zu diesen Erscheinungen gehören populistische Kommunikationspraktiken, die vermehrt über Social Media (teil-)öffentlich kommuniziert werden. Die Aktivitäten populistischer Akteure auf Social Media hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen (vgl. Reinemann et al. 2019). Populistische Bewegungen profitieren vor allem von ihrer Kommunikation in sozialen Medien und durch deren verstärkte Darstellung in klassischen Medien (vgl. Schemer et al. 2018).

Die Online-Plattformen, wie Facebook, Twitter und YouTube als ein Werkzeug, welches Populisten nutzen, abzutun, verhindert eine Diskussion über deren Medienspezifik. Unter der Medienspezifik des Digitalen können figurative und medientechnologische Prädisposition von Kommunikation gefasst werden, die populistische Kommunikationspraktiken begünstigen. Hierzu gehören Praktiken, wie die selektive Informationssuche, das Verschwinden journalistischer Gatekeeper, Skandalisierung der Narrative durch Fake News und Empörung sowie technologische Aspekte wie die Instrumentalisierung Algorithmen-basierter Anzeigemechanismen und das Schaffen von Meinungstendenzen und alternative Realitäten durch Social Bots.

Populismus wurde bisher vor allem als akteurszentrierten Ansatz diskutiert (Mudde 2004; Aalberg et al. 2017). Der akteurszentrierte Ansatz untersucht Populismus als inkorporierte Ideologie von Parteien, Organisationen oder Individuen vor allem in Verbindung mit zusätzlichen Ideologien wir Rassismus oder Sozialismus. DeVreese et al. (2018) nuancierten den akteurszentrierten Ansatz durch den kommunikationszentrierten Zugang. Der kommunikationszentrierte Ansatz inkorporiert Populismus nicht, sondern zielt auf den kommunikativen Stil und nicht die dahinterliegende Ideologie ab. Beide Ansätze lassen aber bislang die medienspezifischen Praktiken von Social Media-Plattformen außer Acht.

Dieser Beitrag stellt mit dem Fokus auf Medienpraktiken einen praxeologischen Zugang zu Populismus vor. Der praxeologische Zugang analysiert Populismus weder in einem Sender-Empfänger Verhältnis noch zielt er allein auf die Infrastruktur der Social Media-Plattformen ab. Die Praxeologie ermöglicht es, Populismus als durch die Medienhandelnden ständig hervorgebrachte Erscheinung zu analysieren. Hierbei geraten nicht nur Routinen im alltäglichen Umgang mit populistischen Botschaften auf Social Media in den Fokus, sondern ebenfalls die Rolle praktischen Wissens, sozio-kulturellen Normen und der Beziehung von Körper und Code.
Über das Verständnis von alltäglicher Hervorbringung und Auseinandersetzung mit Populismus kann es gelingen, medienkritische Kompetenzen konkret auszuformulieren, die sich nicht allein auf einer kritischen Dekodierung von Populismus berufen, sondern eine Reflexion über das eigene Medienhandeln anstoßen.

Der Beitrag speist sich inhaltlich aus dem Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt (FGZ). Zum Zeitpunkt der Tagung sollten planungsgemäß erste empirische Ergebnis vorliegen.

Bibliografie
Gemkow, J. (2021). Die Mediatisierung des Wissens. Eine Dispositivanalyse zur Rolle der Medienkompetenz. Wiesbaden: Springer VS.

Gemkow, J. (2019). Die Macht am Wissen und die Rolle der Medienkompetenz. Formen der Meinungsbildung in der Wikipedia. merzWissenschaft 2019, ‚Meinungsbildung in sich wandelnden Öffentlichkeiten‘, Jg. 15., S. 29–39.

Gemkow, J. (2017). Medienkompetenz und die Mediatisierung des Wissens. Zum Potential der Dispositivanalyse am Beispiel mediatisierter Wissensbestände. merzWissenschaft 2017, ‚Medienpädagogik zwischen Digital Humanities und Subjektorientierung‘, Jg. 13., S. 19–30.
 
14:30 - 16:00Panel6: Institutionelle Bildung und Partizipation
Virtueller Veranstaltungsort: Zürcher Zoom (3)
Chair der Sitzung: Sonja Ganguin
Chair der Sitzung: Klaus Rummler

Partizipation für alle? Mediale Partizipation im Spannungsfeld zwischen Exklusion und Integration.

Mit der zunehmenden Verbreitung digitaler Medien erschließen sich neue Möglichkeiten für die gesellschaftliche Teilhabe – anscheinend aber nicht für alle Bevölkerungsgruppen. Das Panel diskutiert Konfliktfelder, die sich hieraus ergeben und zeigt gleichzeitig Potenziale digitaler Medien auf, diese Herausforderungen anzugehen.

 
 
14:30 - 15:00
ID: 109 / Panel6: 1
Präsentation mit Bezug zum Call
Themen: Präsentation mit Bezug zum Call
Stichworte: Teilhabe, Partizipation, Inklusion, Digitale Barrierefreiheit, Universal Design

Zwischen Teilhabe und Ausschluss: Digitale Medien als Gatekeeper für gesellschaftliche Partizipation

Claudia Mertens, Franziska Schaper, Nele Sonnenschein, Melanie Wilde

Universität Bielefeld, Deutschland

Weltweit hat die Corona-Pandemie das gesamtgesellschaftliche Leben in der Art und Weise wie wir arbeiten, lernen und mit anderen Menschen interagieren grundlegend verändert. Dabei haben vielfach Verschiebungen in den digitalen Raum stattgefunden, die verdeutlichen, in welchem Ausmaß sich unser gesellschaftliches Miteinander auf mediale und insbesondere digitale Infrastrukturen stützt (vgl. Dickel 2020). Digitalen Medien kommt jedoch nicht nur in der Corona-Pandemie eine Schlüsselrolle bei der Aufrechterhaltung der Gesellschaft und ihrer zentralen Systeme zu. Sie nehmen heutzutage jederzeit maßgeblich Einfluss auf die Ausgestaltung des öffentlichen, politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Lebens und insbesondere die Möglichkeiten, hieran teilzuhaben. Gesellschaftliche Teilhabe für alle Bürgerinnen und Bürger muss daher immer zusammen mit Teilhabe in, an und durch digitale Medien gedacht werden (vgl. Bosse, Kamin & Schluchter 2019; Zorn, Schluchter & Bosse 2019; Bosse 2016).

Mit Blick auf die Heterogenität der Gesellschaft, die sich über unterschiedliche Lebenslagen wie auch individuelle Voraussetzungen auf persönlicher Ebene manifestiert, wird jedoch deutlich, dass digitale Medien hierbei durchaus eine ambivalente Position einnehmen. Durch ihre Vielfalt können sie einerseits neue Erfahrungsräume eröffnen, indem unterschiedlichste Themen, Zugänge (interaktiv, visuell, auditiv u.a.) und Komplexitätsgrade geboten oder Einschränkungen in der Alltagsbewältigung durch ihren Einsatz kompensiert werden (z.B. assistive Technologien). Andererseits ergeben sich auf medialer Ebene häufig auch neue oder sogar zusätzliche Barrieren, welche die gleichberechtigte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben erschweren können (vgl. ebd.).

Die Chancenungleichheit, die angesichts dessen entsteht, wird in der Literatur als Digital Divide diskutiert (vgl. etwa Zillien & Haufs-Brusberg 2014; Niesyto 2009) und zeigt sich auf verschiedenen Ebenen (Makro-, Meso- und Mikroebene) von Gesellschaft. In einer gesamtheitlichen Betrachtung werden intersektionale Verflechtungen (vgl. Crenshaw 1989) deutlich, die Interdependenzen von Geschlecht, Sexualität, sozialer Klasse, nationaler und ethnischer Zugehörigkeit, Staatsbürgerschaft und Alter im Kontext digitaler Teilhabe implizieren. Die „intersektionale“ Perspektive, die die Wechselwirkungen verschiedener (Un-)Gleichheitsverhältnisse beleuchtet, gilt es daher auch im Hinblick auf digitale Medien einzunehmen und Privilegien sowie gesellschaftliche Verhältnisse kritisch mit Bezug auf Digitalisierung und Digitalität zu hinterfragen. Es hat sich gezeigt, dass digitale Ungleichheiten vielfach mit allgemeinen Diskriminierungstendenzen innerhalb der Gesellschaft einhergehen und bestehende Benachteiligungen auf medialer Ebene reproduziert oder sogar noch verstärkt werden können (vgl. Kutscher & Iske 2020; Allert 2020).

Unter Berücksichtigung verschiedener, aktueller Untersuchungen aus dem Bereich der medienbezogenen Ungleichheitsforschung (z.B. Rudolph 2019; Paus-Hasebrink 2020; ICILS 2018) beleuchtet der Beitrag aus theoretischer Perspektive zunächst die Chancen und Grenzen der Teilhabe an und durch digitale Medien mit Blick auf die nach Luhmann (vgl. etwa 1984) auf Mesoebene unterschiedenen gesellschaftlichen Teilsysteme "Wirtschaft/Arbeit", "Kunst/Kultur" sowie "Erziehung/Bildung". Dabei soll im Hinblick auf den partizipativen Gedanken des gesellschaftlichen Zusammenhalts eine systematisierende intersektionale Analyse der Zugänglichkeit digitaler Medienangebote erfolgen und die Notwendigkeit, den Digital Divide zu schließen und alle Menschen einzubeziehen, offengelegt werden. Der Beitrag fragt entlang der o.g. gesellschaftlichen Teilsysteme nach verschiedenen Voraussetzungen für gesellschaftliche Partizipation auf Ebene der medialen Gestaltung und Zugänglichkeit.

In einer Zuspitzung auf die Mikroebene wird am Beispiel von Barrierefreiheit und Universal Design diskutiert, wie digitale Medienangebote und -inhalte auf operativer Ebene für eine möglichst breite Teilhabe an der Gesellschaft gestaltet werden können (z.B. Informationsangebote, Webinhalte, Lehr-/Lernmaterialien etc.). Neben technischen Aspekten sollen hierbei vor allem auch inhaltliche und pädagogisch-didaktische Gesichtspunkte betrachtet werden. Aus den drei o.g. gesellschaftlichen Teilsystemen wird exemplarisch der Bereich "Erziehung/Bildung" herausgegriffen und pointiert in den Blick genommen werden. Anhand von ausgewählten Beispielen aus eigenen Forschungsprojekten (1. Inklusive Gestaltung des beruflichen Lernens mit digitalen Lernplattformen, 2. Gestaltung digitaler Lehr-Lern-Arrangements im schulischen Kontext, 3. Förderung von inklusions- und digitalisierungsbezogenen Kompetenzen in der Lehrkräftebildung) werden zuletzt auch konkrete Gestaltungsmöglichkeiten und Handlungsperspektiven aufgezeigt und kritisch diskutiert.

Literatur:

Allert, Heidrun (2020): Algorithmen und Ungleichheit. In: merz medien + erziehung, 64. Jg., Heft Nr. 3 (Soziale Ungleichheit), S. 26-32.

Bosse, Ingo (2016): Teilhabe in einer digitalen Gesellschaft - Wie Medien Inklusionsprozesse befördern können. Online verfügbar unter www.bpb.de/gesellschaft/medien/medienpolitik/172759/medien-und-inklusion, zuletzt geprüft am 24.02.2021.

Bosse, Ingo; Kamin, Anna-Maria; Schluchter, Jan-René (2019): Inklusive Medienbildung. Zugehörigkeit und Teilhabe in gegenwärtigen Gemeinschaften. In: Marion Brüggemann, Sabine Eder und Angela Tillmann (Hrsg.): Medienbildung für alle. Digitalisierung. Teilhabe. Vielfalt. München: kopaed (Schriften zur Medienpädagogik), S. 35-52.

Crenshaw, Kimberle (1989): Demarginalizing the Intersection of Race and Sex: A Black Feminist Critique of Antidiscrimination: Doctrine, Feminist Theory and Antiracist Politics. In: University of Chicago Legal Forum (1), S. 139-167. Online verfügbar unter https://chicagounbound.uchicago.edu/cgi/viewcontent.cgi?article=1052&context=uclf, zuletzt geprüft am 25.02.2021.

Dickel, Sascha (2020): Gesellschaft funktioniert auch ohne anwesende Körper. Die Krise der Interaktion und die Routinen mediatisierter Sozialität. In: Michael Volkmer und Karin Werner (Hrsg.): Die Corona-Gesellschaft. Analysen zur Lage und Perspektiven für die Zukunft. Bielefeld: transcript Verlag.

Eickelmann, Birgit; Bos, Wilfried; Gerick, Julia; Goldhammer, Frank; Schaumburg, Heike; Schwippert, Knut; Senkbeil, Martin und Vahrenhold, Jan (Hrsg.) (2019): ICILS 2018 #Deutschland. Computer- und informationsbezogene Kompetenzen von Schülerinnen und Schülern im zweiten internationalen Vergleich und Kompetenzen im Bereich Computational Thinking. Münster; New York: Waxmann.

Iske, Stefan; Kutscher, Nadia (2020): Digitale Ungleichheiten im Kontext Sozialer Arbeit. In: Nadia Kutscher, Thomas Ley, Udo Seelmeyer, Friederike Siller, Angela Tillmann und Isabel Zorn (Hrsg.): Handbuch Soziale Arbeit und Digitalisierung. Weinheim, Basel: Beltz Juventa, S. 115-128.

Luhmann, Niklas (1984): Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Niesyto, Horst (2009): Digitale Medien, soziale Benachteiligung und soziale Distinktion. In: Medienpädagogik - Zeitschrift für Theorie und Praxis der Medienbildung (17). Online verfügbar unter https://www.medienpaed.com/article/view/115/115, zuletzt geprüft am 25.02.2021.

Paus-Hasebrink, Ingrid (2020): Mediengebrauch und Ungleichheit. Von Klüften und Spaltungen in Kindheit und Jugend. In: merz medien + erziehung, 64. Jg., Heft Nr. 3 (Soziale Ungleichheit), S.19-25.

Rudolph, Steffen (2019): Digitale Medien, Partizipation und Ungleichheit. Eine Studie zum sozialen Gebrauch des Internets. Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden.

Zillien, Nicole; Haufs-Brusberg, Maren (2014): Wissenskluft und Digital Divide. Baden-Baden: Nomos (Konzepte, Band 12).

Zorn, Isabel; Schluchter, Jan-René; Bosse, Ingo (2019): Theoretische Grundlagen inklusiver Medienbildung. In: Ingo Bosse, Jan-René Schluchter und Isabel Zorn (Hrsg.): Handbuch Inklusion und Medienbildung. Weinheim, Basel: BeltzJuventa, S. 16-33.



15:00 - 15:30
ID: 115 / Panel6: 2
Präsentation mit Bezug zum Call
Themen: Präsentation mit Bezug zum Call
Stichworte: partizipative Mediendidaktik, Self-Determination Theory, persönliche Lernumgebung, medialer Habitus, Medienkompetenz

Partizipative Mediendidaktik als Einfallstor für ziviles Engagement

Daniela Schlütz1, Ada Fehr1, Malin Fecke1, Christin Tellisch2

1Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF, Deutschland; 2Hochschule für angewandte Pädagogik Berlin

Der CfP geht davon aus, dass gesellschaftlicher Zusammenhalt durch soziale Praktiken konstruiert wird. Ein maßgeblicher Faktor dafür ist „das Handeln von Bürger*innen mit verschiedenen Kommunikationsmedien“. Diesen Zusammenhang zwischen partizipativen Praktiken in digitalen Medienumgebungen und zivilem Engagement modellieren Gotlieb und Sarge (2021). Sie verbinden nachvollziehbar die Attribute partizipativer Medienangebote – Expressivität, Performanz und Kollaboration – mit motivationalen Prozessen der Selbstbestimmung (Deci & Ryan, 1985; Deci, Vallerand, Pelletier & Ryan, 1991) sowie der Ausbildung bürgerlicher Fähigkeiten. Die Autorinnen zeigen, dass die Einübung partizipativen Verhaltens sich positiv auf ziviles Engagement auswirkt, welches wiederum förderlich für den gesellschaftlichen Zusammenhalt ist – Online-Partizipation als „gateway“ zu zivilem Engagement (Gotlieb & Sarge, 2021, S. 129).

In unserem Vortrag argumentieren wir, dass dieses Einfallstor auch im schulischen Kontext genutzt werden kann. Dazu verbinden wir die kommunikationswissenschaftliche Konzeption von Gotlieb und Sarge mit der pädagogischen Modellvorstellung einer teilhabenden Mediendidaktik, die soziale Beziehungen fokussiert, konkret mit dem heuristische Strukturmodell einer partizipativen Mediendidaktik von Mayrberger (2019, 2020). Partizipatives Lernen, so die Grundidee, ist erfolgreich, wenn Erfahrungsräume bereitgestellt, die Selbstbestimmung authentisch erfahrbar machen. Das knüpft an die bildungswissenschaftlichen Ideen von Himmelmann (2016) an, der Demokratie-Lernen – und damit Partizipation – als Herrschafts-, aber eben auch als Gesellschafts- und Lebensform versteht. Damit greift er den demokratischen Lernansatz von Dewey auf, nach dem kooperatives Lernen Demokratiekompetenzen stärkt (vgl. Dewey in Oelkers, 2011, Lange & Himmelmann, 2007). In einem übergeordneten Sinn geht es daher darum, die Akteur*innen, „darin zu bestärken, in demokratischen Prozessen und unterschiedlichen Bildungskontexten als mündige Bürgerinnen und Bürger zu agieren“ (Mayrberger, 2020, S. 61; vgl. auch Wettstein & Raufelder, 2020).

Selbstbestimmtes Lernen gelingt besonders gut, wenn die Akteur*innen eine aktive Rolle in der Ausgestaltung der Räume spielen wie z.B. bei der Nutzung sozialer mobiler Anwendungen in persönlichen Lernumgebungen (vgl. Bernhardt, 2017; Mayrberger & Bettinger, 2014). Wenn diese Umgebungen die o.g. Attribute aufweisen, kann die Nutzung Autonomie, Kompetenz und Verbundenheit und damit eine intrinsische Motivation begünstigen (Gotlieb & Sarge, 2021, S. 136) bzw. eine Motivation von außen (z.B. durch Lehrkräfte) internalisieren. Diese positive Erfahrung von Partizipation kann ziviles Engagement und damit gesellschaftlichen Zusammenhalt fördern (Gotlieb & Sarge, 2021, S. 137).

Wir argumentieren, dass digitale Partizipationsräume zur Erfahrung von Selbstbestimmung beitragen können, wenn ihre technische und soziale Ausgestaltung Agency und die kommunikativen Regeln bzw. sozialen Rollen Inklusion ermöglichen. Zudem spielt das Selbstverständnis der Beteiligten eine Rolle, welches als medialer Habitus gefasst werden kann. Das Habitus-Konzept (Bourdieu, 1983, 1987) bezeichnet die individuelle Position im sozialen Raum, die von der Ausstattung mit Kapitalressourcen abhängt und diese gleichzeitig bedingt. Es wurde von Kommer und Biermann (2012) auf Medien im schulischen Kontext bezogen. Sowohl der (mediale) Habitus im Allgemeinen als auch einzelne Kapitalarten im Speziellen (vgl. Domahidi, 2018; Williams, 2019) beeinflussen die Partizipations-Kluft z.B. indirekt über Medienkompetenz, aber auch über die Wertschätzung von digitalen Medienangeboten (Gotlieb & Sarge, 2021, S. 140).

Der Vortrag wird diese theoretischen Überlegungen ausführen und einen Ausblick auf deren empirische Umsetzung im Rahmen eines laufenden BMBF-geförderten Projektes geben.

Referenzen

Bernhardt, Thomas (2017). Einsatz internetbasierter Werkzeuge zur Unterstützung selbstorganisierten Lernens in einer persönlichen Lernumgebung (unveröffentlichte Dissertation an der Universität Bremen) Universität Bremen]. https://elib.suub.uni-bremen.de/edocs/00106268-1.pdf

Bourdieu, Pierre (1983). Ökonomisches Kapital, kulturelles Kapital, soziales Kapital. In R. Kreckel (Ed.), Soziale Ungleichheiten. Soziale Welt (S. 183-198). Göttingen, Germany: Verlag Otto Schwartz & Co.

Bourdieu, Pierre (1987). Die feinen Unterschiede: Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. Frankfurt/Main, Germany: Suhrkamp Wissenschaft.

Deci, Edward, & Ryan, Richard M. (1985). Intrinsic motivation and self-determination in human behavior. New York: Plenum Press.

Deci, Edward L., Vallerand, Robert J., Pelletier, Luc G., & Ryan, Richard M. (1991). Motivation and education: The self-determination perspective. Educational Psychologist, 26, 325–346. https://doi.org/10.1080/00461520.1991.9653137

Domahidi, Emese (2018). The Associations Between Online Media Use and Users’ Perceived Social Resources: A Meta-Analysis. Journal of Computer-Mediated Communication, 23(4), 181-200. https://doi.org/10.1093/jcmc/zmy007

Gotlieb, Melissa R. & Sarge, Melanie A. (2021). Civic Learning and Self-Determination: A Model of User-Generated Content and Civic Readiness Among Actualizing Citizens. Communication Theory, 31(1), 127-149. https://doi.org/10.1093/ct/qtaa032

Himmelmann, Gerhard (2016). Demokratie Lernen als Lebens-, Gesellschafts- und Herrschaftsform. Schwalbach/Ts: Wochenschau-Verlag.

Kommer, Sven & Biermann, Ralf (2012). Der mediale Habitus von (angehenden) LehrerInnen. Medienbezogene Dispositionen und Medienhandeln von Lehramtsstudierenden. In Renate Schulz-Zander, Birgit Eickelmann, Heinz Moser, Horst Niesyto & Petra Grell (Hrsg.), Jahrbuch Medienpädagogik 9 (S. 81-108). Springer VS.

Lange, Dirk & Himmelmann, Gerhard (2007). Demokratiebewusstsein: Interdisziplinäre Annäherungen an ein zentrales Thema der Politischen Bildung. Wiesbaden: Springer.

Mayrberger, Kerstin (2019). Partizipative Mediendidaktik. Beltz. Verfügbar unter http://www.content-select.com/index.php?id=bib_view&ean=9783779946991

Mayrberger, Kerstin (2020). Partizipative Mediendidaktik: Darstellung von Eckpunkten und Vertiefung des Partizipationsraums als konstituierendes Strukturelement. MedienPädagogik 17 (Jahrbuch Medienpädagogik), 59-92. https://doi.org/https://doi.org/10.21240/mpaed/jb17/2020.04.26.X

Mayrberger, Kerstin & Bettinger, Patrick (2014). Entgrenzung akademischen Lernens mit mobilen Endgeräten Nutzungspraktiken Studierender in ihrer persönlichen Lernumgebung. In Rudolf Kammerl, Alexander Unger, Petra Grell & Theo Hug (Hrsg.), Handbuch Medienpädagogik 11: Diskursive und produktive Praktiken in der digitalen Kultur (S. 155-172). Springer VS.

Oelkers, Jürgen (Hrsg.), (2011). John Dewey. Demokratie und Erziehung: Eine Einleitung in die philosophische Pädagogik. Weinheim: Beltz.

Wettstein, Alexander & Raufelder, Diana (2020). Beziehungs- und Interaktionsqualität im Unterricht: Theoretische Grundlagen und empirische Erfassbarkeit. In Gerda Hagenauer & Diana Raufelder (Hrsg.), Soziale Eingebundenheit: Sozialbeziehungen im Fokus von Schule und Lehrer*innenbildung (S. 17-31). Waxmann. Verfügbar unter https://www.waxmann.com/index.php?eID=download&buchnr=4266

Williams, Joshua R. (2019). The use of online social networking sites to nurture and cultivate bonding social capital: A systematic review of the literature from 1997 to 2018. New Media & Society, 21(11-12), 2710-2729. https://doi.org/10.1177/1461444819858749



15:30 - 16:00
ID: 122 / Panel6: 3
Präsentation mit Bezug zum Call
Themen: Präsentation mit Bezug zum Call
Stichworte: Online-Kommunikation; POPC; Partizipative Mediendidaktik; WhatsApp-Gruppen, Qualitative Leitfadeninterviews

Der Einfluss der Online-Gruppenkommunikation von Schüler*innen auf ihre partizipativen Fähigkeiten als Bürger*innen von morgen

Malin Fecke, Ada Fehr, Daniela Schlütz

Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF, Deutschland

Einen maßgeblichen Faktor für den gesellschaftlichen Zusammenhalt – so heißt es im CfP – „stellt [...] die Eingebundenheit in sozio-mediale Gefüge und die damit verbundene Möglichkeit dar, sich mit verschiedenen Individuen, Gruppen und Öffentlichkeiten in Beziehung zu setzen.“ Diese Eingebundenheit erfahren Schüler*innen heutzutage auf verschiedenen Ebenen: im Freundeskreis, in den sozialen Medien, aber auch – und für die Medienpädagogik von besonderem Interesse – im Kontext Schule: (Fast) jede Schulklasse hat heutzutage eine WhatsApp-Gruppe, die ihren Kommunikationsraum um eine Online-Ebene erweitert und so die Art, wie Schulklassen miteinander kommunizieren, verändert (Grabensteiner, 2021). Sie sind damit als Schulklasse ‚permanently online, permanently connected’ (Vorderer et al., 2018).

Weiter heißt es im CfP, dass sich mit dem „Aufkommen kommunikativer Online-Netzwerke für die meisten Menschen der Zugang zur Öffentlichkeit enorm vereinfacht hat“. Dieses Phänomen verdeutlicht die Notwendigkeit, dass bereits Schüler*innen Fähigkeiten zur Teilhabe an der Öffentlichkeit ausformen sollten. Auch bei Mayrberger (2020) heißt es: „Es geht übergeordnet und mit Blick auf derzeitige Bewegungen im gesamtpolitischen Gefüge darum, besonders die nächste Generation [...] darin zu bestärken, in demokratischen Prozessen und unterschiedlichen Bildungskontexten als mündige Bürgerinnen und Bürger zu agieren.“ (Mayrberger, 2020, S.61)

Daran möchten wir anknüpfen und die Gruppenchats von Schulkassen in den Blick nehmen, um zu ergründen, welche Chancen und Risiken diese Chats für die Ausformung partizipativer Fähigkeiten bergen. Die Klassenchats von Schüler*innen eignen sich für dieses Vorhaben besonders, da sie auf drei für die Ausformung partizipativer Fähigkeiten relevanten Ebenen Anknüpfungspunkte bieten: (1) Es ist die Kommunikation von Jugendlichen, denen als Bürger*innen von Morgen eine zentrale Rolle für den (zukünftigen) gesellschaftlichen Zusammenhalt zukommt. (2) Die Kommunikation findet innerhalb einer Online-Umgebung statt, die – wie auch im CfP postuliert wird – der Grund dafür ist, dass Bürger*innen überall und jederzeit Konnektivität erfahren – und damit Partizipation ausüben können. (3) Es wird die private Kommunikation einer Personengruppe untersucht, die aufgrund ihrer nicht-öffentlichen Struktur aufschlussreich für das Verständnis der Ausformung von Online-Privatheitskompetenz sein kann. Damit wird zur Ergründung der Rolle von Privatheit auf gesellschaftlicher Ebene für die Veränderung sozialer Beziehungen und Strukturen beigetragen (Masur et al., 2017).

Unsere Studie hat sich u.A. zum Ziel gesetzt, Chancen und Herausforderungen, die die Gruppenchats von Schulklassen für die Ausformung partizipativer Fähigkeiten bergen, zu ermitteln. Dafür werden fächer- und schulformübergreifend (angehende) Lehrer*innen in qualitativen leitfadengestützten Interviews zu ihren Einschätzungen im Hinblick auf Potentiale und Risiken von Gruppenchats auf den drei oben thematisierten Ebenen befragt. Lehrende als Interview-Partner*innen eignen sich in diesem Zusammenhang besonders gut, weil mit ihnen darüber hinaus – und für die Medienpädagogik besonders interessant – Perspektiven eruiert werden können, wie die Vermittlung und Ausformung partizipativer (Online-)Fähigkeiten in formelle und informelle Lernumgebungen integriert werden können.

Diese geplante qualitative Studie wird im Rahmen eines BMBF-geförderten Drittmittelprojektes durchgeführt und die Ergebnisse in dem Vortrag vorgestellt.

Die Leitfadeninterviews erfolgen entlang der Prinzipien Gerechtigkeit, Selbstbestimmungund Schadensvermeidung (Prinzing et al., 2020). So können mithilfe des von Meyen et al. (2019) vorgeschlagenen Vorgehens Ergebnisse aus den Interviews extrahiert werden, die einen Beitrag zur Frage leisten, welche Kompetenzen Bürger*innen benötigen, um selbstbestimmt und demokratisch Medien nutzen zu können – eine der zentralen Fragestellungen des CfP.

Bibliografie
Grabensteiner, C. (2021). Die vernetzte Schulklasse: Exploration zu Konstruktionen individueller und kollektiver Lernaktivitäten am Beispiel von WhatsApp-Gruppenchats. MedienPädagogik: Zeitschrift für Theorie und Praxis der Medienbildung, 16(Jahrbuch Medienpädagogik), 79–107. https://doi.org/10.21240/mpaed/jb16/2021.01.13.X

Masur, P. K., Teutsch, D., Dienlin, T., & Trepte, S. (2017). Online-Privatheitskompetenz und deren Bedeutung für demokratische Gesellschaften. Forschungsjournal Soziale Bewegungen, 30(2), 180–189. https://doi.org/10.1515/fjsb-2017-0039

Mayrberger, K. (2020). Partizipative Mediendidaktik: Darstellung von Eckpunkten und Vertiefung des Partizipationsraums als konstituierendes Strukturelement. MedienPädagogik: Zeitschrift für Theorie und Praxis der Medienbildung, 17(Jahrbuch Medienpädagogik), 59–92. https://doi.org/10.21240/mpaed/jb17/2020.04.26.X

Meyen, M., Löblich, M., Pfaff-Rüdiger, S., & Riesmeyer, C. (2019). Qualitative Forschung in der Kommunikationswissenschaft: Eine praxisorientierte Einführung. VS Verlag für Sozialwissenschaften. https://doi.org/10.1007/978-3-658-23530-7

Prinzing, M., Schlütz, D., Kaufmann, K., Kreissl, J., & Rakebrand, T. (2020). Ethikkompetenz als Querschnittsaufgabe: Herausforderungen für die kommunikations- und medienwissenschaftliche Forschung und Lehre. Publizistik, 65. https://doi.org/10.1007/s11616-020-00578-4

Vorderer, P., Hefner, D., Reinecke, L., & Klimmt, C. (2018). Permanently Online, Permanently Connected: Living and Communicating in a POPC World. Routledge.
 
16:00 - 16:30P2: Pause
Virtueller Veranstaltungsort: hubs.moz://a
 
16:30 - 18:00MV_Sektion: Versammlung der Mitglieder und Gäste der Sektion Medienpädagogik (DGfE) einschl. Verleihung des Dissertationspreises
Virtueller Veranstaltungsort: Zürcher Zoom (3)
Chair der Sitzung: Klaus Rummler
Chair der Sitzung: Patrick Bettinger
Chair der Sitzung: Mandy Schiefner-Rohs
Chair der Sitzung: Karsten D. Wolf
 
Datum: Freitag, 17.09.2021
9:00 - 10:30Panel7: Migration - Repräsentation - Integration
Virtueller Veranstaltungsort: Leipziger Zoom (1)
Chair der Sitzung: Kefajatullah Hamidi
Chair der Sitzung: Anneke Elsner

Flucht und Migration in der Perspektive von Repräsentation, persönlicher Wahrnehmung und digitaler Medienpraktiken.

Die Berichterstattung über Flucht und Migration in den Medien ist auch eine Frage nach der Repräsentation und Anerkennung dieser innerhalb einer Gesellschaft. Diese Repräsentation verweist auch auf Intergration, Partizipation und damit auf gesellschaftlichen Zusammenhalt. Drei Beiträge werfen den Blick auf die aktuelle Repräsentation, die Wahrnehmung dieser durch die Betroffenen und auf digitale Medienpraktiken geflüchteter Jugendlicher.

 
 
9:00 - 9:30
ID: 101 / Panel7: 1
Präsentation mit Bezug zum Call
Themen: Präsentation mit Bezug zum Call
Stichworte: Medienberichterstattung, Flucht, Migration, gesellschaftlicher Zusammenhalt, Heranwachsende

Vermitteln Medien ein Bild des gesellschaftlichen Zusammenhalts? Eine Inhaltsanalyse der Berichterstattung über Flucht und Migration

Marco Dohle, Ole Kelm, Marike Bormann

Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Deutschland

Der Themenkomplex Flucht und Migration prägt seit Jahren die öffentliche Debatte in Deutschland. Ein Großteil dieser Debatte findet medial statt – in traditionellen wie in Online-Medien. Diese Medienangebote werden von Erwachsenen und Heranwachsenden genutzt, zum Teil richten sie sich dezidiert an Heranwachsende. Die vermittelten Inhalte können gesellschaftsbezogenes Denken und Handeln der Rezipierenden prägen, wodurch der gesellschaftliche Zusammenhalt beeinflusst wird. Daher wurde untersucht, wie On- und Offlineangebote für Erwachsene und Heranwachsende über Flucht und Migration berichten und welche Aspekte, die Implikationen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt haben, dabei wie aufgegriffen werden.

Die Untersuchung schließt an die seit Jahrzehnten betriebene Forschung zur Medienberichterstattung über Migration und Migrant:innen an (im Überblick z. B. Eberl et. al., 2018; Ruhrmann, 2017), die sich nach den starken Migrationsbewegungen der Jahre 2015/2016 intensivierte (z. B. Berry et al. 2015; Greck, 2018; Maurer et al., 2019). Die Studien zeigen, dass Migrationsbewegungen mit Blick auf den Zusammenhalt einer Gesellschaft eher als problematischer Prozess dargestellt werden. Der Forschungsstand weist allerdings Lücken auf: Medieninhalte, die nach dem Höhepunkt der Berichterstattung in den Jahren 2015/2016 erschienen sind, wurden bislang kaum analysiert, ebenso wie einige intensiv genutzte Mediengattungen, insbesondere Online-Medien. Zudem gibt es kaum Analysen von Medienangeboten für Heranwachsende, obwohl diese Altersgruppe die Gesellschaft langfristig prägen wird.

Um diese Lücken zu schließen, wurde eine standardisierte Inhaltsanalyse der Berichterstattung von über 40 deutschen Medienangeboten durchgeführt. Das Sample umfasst Printangebote, TV- und Radio-Nachrichtensendungen, Online-Nachrichtenseiten, Nachrichtenaggregatoren und Videos von YouTuber:innen. Berücksichtigt wurden Medienangebote für Erwachsene (z. B. tagesschau, Süddeutsche Zeitung) und Heranwachsende (z. B. logo, jetzt.de). Die Grundgesamtheit bildeten alle Beiträge dieser Medienangebote zum Thema Flucht und Migration im Jahr 2018. Für die meisten Mediengattungen wurden Zufallsstichproben gezogen, teilweise wurden Vollerhebungen durchgeführt. Es wurden 458 Medienbeiträge für Heranwachsende und 2.626 Medienbeiträge für Erwachsene codiert. Das Codebuch entstand in Anlehnung an bestehende Codebücher (z. B. Maurer et al., 2019; Merten, 1986), wobei viele Kategorien modifiziert oder ergänzt wurden. Die Codierungen begannen nach zweimonatigen Schulungen der Codierenden und drei Reliabilitätstests.

Die Auswertungen zeigen, dass Flucht und Migration auch 2018 eine zentrale Rolle in der Berichterstattung einnahmen. Dabei wurden häufig Konsequenzen angesprochen, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt betreffen: So wurde der Zuzug von Flüchtlingen größtenteils als problematisch für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft dargestellt, seltener dagegen als Chance. In vielen Beiträgen wurden Flüchtlinge mit Kriminalität in Verbindung gebracht. Zusätzlich thematisierte Konsequenzen waren mögliche Wahlerfolge rechtspopulistischer/-extremer Parteien und eine politische wie gesellschaftliche Destabilisierung. So wurde in Beiträgen auch nahegelegt, dass Zuwanderung die einheimische Bevölkerung überfordern würde. Maßnahmen zur verbesserten Integration wurden deutlich seltener als Maßnahmen zur Kriminalitätsbekämpfung und zur Begrenzung des Flüchtlingszuzugs diskutiert. Flüchtlinge selbst wurden oft als Masse dargestellt und kamen in der Berichterstattung nur selten zu Wort. Die Berichterstattung unterschied sich allerdings zwischen Medienangeboten für Heranwachsende und Erwachsene: Erstere berichteten beispielsweise häufiger über Ursachen möglicher Probleme. Zudem wurden Flüchtlinge in Medienangeboten für Heranwachsende weniger stark als Gefahr geframt und kamen häufiger zu Wort.

Die Ergebnisse verdeutlichen, dass Flucht und Migration in der Berichterstattung nicht selten mit einer Gefährdung des gesellschaftlichen Zusammenhalts in Verbindung gebracht werden. Zudem werden Stereotype vermittelt und es wird selten aus der Perspektive von Flüchtlingen berichtet – all dies könnte primär desintegrierend wirken. In Angeboten für Heranwachsende werden mögliche gesellschaftliche Herausforderungen allerdings weniger als direkte Folge eines Flüchtlingszuzugs präsentiert, sondern als Herausforderungen, die sich durch eine unzureichend geführte gesellschaftliche Debatte einstellen. Dies bietet für Rezipierende möglicherweise eine bessere Basis, um sich konstruktiv mit Aspekten des gesellschaftlichen Zusammenhalts und der Integration auseinanderzusetzen. Über weitere potenzielle Folgen der Berichterstattung in Bezug auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt sowie über die Rolle onlinevermittelter Inhalte soll im Vortrag berichtet werden.

Bibliografie
Berry, M., Garcia-Blanco, I. & Moore, K. (2015). Press coverage of the refugee and migrant crisis in the EU: A content analysis of five European countries. Report prepared for the United Nations High Commission for Refugees.Cardiff: Cardiff School of Journalism. [Verfügbar unter: http://www.unhcr.org/56bb369c9.html]
Eberl, J.-M., Meltzer, C., Heidenreich, T., Herrero, B., Theorin, N., Lind, F., Berganza, R., Boomgaarden, H. G., Schemer, C. & Strömbäck, J. (2018). The European media discourse on immigration and its effects: A literature review. Annals of the International Communication Association, 42(3), 207–223.
Greck, R. (2018). Schaffen wir das? Frames im medialen Diskurs zur Flüchtlingskrise in der deutschen Regionalpresse des Jahres 2015 und ihre Lösungsorientierung. Publizistik, 63(3), 359–382.
Maurer, M., Jost, P., Haßler, J. & Kruschinski, S. (2019). Auf den Spuren der Lügenpresse. Publizistik, 64(1), 15–35.
Merten, K. (1986). Das Bild der Ausländer in der deutschen Presse. Ergebnisse einer systematischen Inhaltsanalyse. Frankfurt am Main: Dağyeli.
Ruhrmann, G. (2017). Diskriminierung in den Medien. In A. Scherr, A. El-Mafaalani & G. Yüksel (Hrsg.), Handbuch Diskriminierung (S. 367–385). Wiesbaden: Springer.


9:30 - 10:00
ID: 104 / Panel7: 2
Präsentation mit Bezug zum Call
Themen: Präsentation mit Bezug zum Call
Stichworte: Medienrezeption, Islamberichterstattung, Gesellschaftlicher Zusammenhalt, Qualitative Interviews, Medien und Religion

Rezeption muslimischer Repräsentationen und gesellschaftlicher Zusammenhalt. Wie sich Angehörige der muslimischen Diaspora zu Medienbildern des Islam positionieren

Stephan Niemand

WWU Münster, Deutschland

1. Einleitung

Über Muslim*innen und den Islam wird im professionellen deutschen Informationsjournalismus überwiegend in einem gewalt- und konflikthaften Kontext berichtet und zumeist kommen diese dabei nicht selbst zu Wort (vgl. u.a. Ahmed/Matthes 2017; Hafez/Richter 2007). Zudem sind in Sozialen Medien religiöse Minderheiten und besonders Muslim*innen häufig Ziel von Hate Speech (vgl. Geschke et. al. 2019). Versteht man gesellschaftlichen Zusammenhalt als „wechselseitig gut und gern ertragene Heterogenität“ (Patzelt 2020: 16), dann lassen sich die in Medien veröffentlichten Inhalte mit Islambezug weitgehend als dysfunktional für diesen Zusammenhalt deuten. Im Kontrast zu den inhaltlichen Darstellungen, die in der Kommunikationswissenschaft recht gut erforscht sind, ist bislang wenig darüber bekannt, wie Muslim*innen Repräsentationen des Islams selbst empfinden und ob sie diese als Gefährdung für den gesellschaftlichen Zusammenhalt wahrnehmen. Diese Leerstelle in der Rezeptionsforschung aufgreifend standen in der Studie die folgenden Fragestellungen im Fokus:

1) Wie deuten Angehörige der muslimischen Diaspora die deutsche journalistische Islamberichterstattung?

a) Inwieweit ist diese aus ihrer Sicht relevant für gesellschaftlichen Zusammenhalt?

b) Wo sehen sie Anknüpfungspunkte zur Optimierung der Berichterstattung?

2) Welche Bedeutung schreiben sie Sozialen Medien für den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu?

2. Theoretischer Hintergrund

Aufbauend auf Einsichten aus den Cultural Studies werden mediale Darstellungsweisen von Muslim*innen im Sinne eines Othering als Muster der Markierung der Anderen verstanden, die oftmals homogenisierend und stereotypisierend ausfallen (vgl. Richter 2015). Insofern ist es von besonderem Interesse, wie sich Angehörige der muslimischen Diaspora selbst gegenüber diesen medialen Konstruktionen positionieren. Rezeptionsprozesse werden in Anlehnung an das Encoding-Decoding-Modell von Stuart Hall (1980) als Bedeutungsproduktion im Kontext von Gesellschaft, Alltag und Kultur konzeptualisiert. Inwiefern Angehörige der muslimischen Diaspora islamische Medieninhalte rezipieren, steht also in Verbindung mit ihren lebensweltlichen Erfahrungen und mit ihrer sozialen Positionierung in der Gesellschaft. Empirische Analysen wie diese hier erlauben demnach immer auch Aussagen über gesellschaftliche Machtverhältnisse.

3. Methodisches Vorgehen

Zur Beantwortung der Forschungsfragen wurden 12 problemzentrierte Leitfadeninterviews (vgl. Keuneke 2017) mit Angehörigen der muslimischen Diaspora geführt. Das Sample umfasste dabei Personen, die sich mehr oder weniger stark mit dem Islam identifizieren, d.h. der Islam spielte bei allen Personen eine Rolle in ihrer Alltagsgestaltung, der Grad ihrer religiösen Identität variierte aber leicht. Ausgewertet wurden die Daten mittels ethnografisch-orientierten Porträts, einem Verfahren, das eine besonders kontextsensitive Analyse erlaubt (vgl. Röser et. al. 2018).

4. Ausgewählte Befunde

Den Interviewten wird aus ihrer Sicht medial nur wenig Identifikationspotenzial zur Entwicklung eines eigenen Selbstverständnisses in der muslimischen Diaspora bereitgestellt. Die deutsche Islamberichterstattung in journalistischen Medienformaten nehmen sie wenig verwunderlich als negativ, undifferenziert und stereotypisierend wahr und äußern – obwohl explizit erfragt – nur vereinzelt positive Aspekte der Berichterstattung. Das Urteil zu Sozialen Medien fällt hingegen ambivalenter aus. Sie sehen hier zwar einen Kommunikationsraum für hasserfüllte Anfeindungen, aber auch für anerkennende Sichtbarkeit.

Persönliche Diskriminierungserfahrung bringen sie teils mit muslimischen Medienbildern in Verbindung, u.a. weil sie sich im Alltag zu bestimmten Mediendarstellungen rechtfertigen müssen. Hinsichtlich der Relevanz der Medienbilder für den gesellschaftlichen Zusammenhalt richtet etwas überraschend ein Großteil den Fokus auf die Berichterstattung im (überregionalen) Informationsjournalismus und weniger auf die (hasserfüllten) Inhalte in Sozialen Medien. Polarisierungstendenzen sowie negative und islamophobe Einstellungen würden – so die Argumentation – durch die journalistische Berichterstattung besonders verstärkt, weil diese eine höhere Glaubwürdigkeit und eine höhere Reichweite genießt. Hate Speech in Sozialen Medien lässt sich folglich auch als Ausdruck einer journalistischen Islamberichterstattung deuten, in der Muslim*innen im Sinne einer homogenen Masse als Andere konstruiert und durch Hervorhebung negativer Attribute von der Mehrheitsgesellschaft abgegrenzt werden. Insofern ist neben dem Wunsch einer alltagsnahen und differenzierten Berichterstattung (auch durch Muslime selbst) ebenfalls keine markierende Berichterstattung eine relevante Handlungsempfehlung, um die Medienbilder zu relativieren und um Otheringprozesse zu vermeiden. Im Kontext medienpädagogischer Forschung wird deutlich, dass transkulturelle Kommunikation in Online-Netzwerken nicht losgelöst von professioneller journalistischer Medienkommunikation eingeordnet werden kann.

Literatur

Ahmed, Saifuddin/Matthes, Jörg (2017). Media representation of Muslims and Islam from 2000 to 2015: A meta-analysis. International Communication Gazette, 79, 219–244.

Hafez, Kai/Richter, Carola (2007): Das Islambild bei ARD und ZDF. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, 26-27/2007, S. 40-46.

Hall, Stuart (1980): Encoding/decoding. In: Hall, S./Hobson, D./Lowe, A./Willis, P. (Hrsg.): Culture, media, language. London/New York: Routledge, S. 128 – 138.

Geschke, Daniel/Klaßen, Anja/Quent, Matthias/Richter, Christoph (2019): #Hass im Netz. Der schleichende Angriff auf unsere Demokratie. Eine bundesweit repräsentative Untersuchung. Forschungsbericht herausgegeben vom Institut für Demokratie und Gesellschaft (IDZ).

Keuneke, Susanne (2017): Qualitatives Interview. In: Mikos, L./Wegner, C. (Hrsg.): Qualitative Medienforschung. Ein Handbuch, 2., völlig überarbeitete und erweiterte Auflage. Konstanz: UVK, S.302-312.

Patzelt, Werner J. (2020): Ressourcen gesellschaftlichen Zusammenhalts. In: Bochmann, Cathleen/Döring, Helge (Hrsg.): Gesellschaftlichen Zusammenhalt gestalten. Wiesbaden: Springer, S. 11-26.

Richter, Carola (2015): Orientalismus und das Andere. In: Hepp, A./Krotz, F./Lingenberg, S./Wimmer, J. (Hrsg.): Handbuch Cultural Studies und Medienanalyse. Wiesbaden: Springer VS, S. 313-321.

Röser, Jutta/Müller, Kathrin F./Niemand, Stephan/Peil, Corinna/Roth, Ulrike (2018): Medienethnografische Porträts als Auswertungsinstrument: Techniken der kontextsensiblen Rezeptionsanalyse. In: Scheu A. (Hrsg.), Auswertung qualitativer Daten in der Kommunikationswissenschaft. Wiesbaden: Springer VS, S. 193-207.

Bibliografie
Monografien:

Niemand Stephan. (2020). Alltagsumbrüche und Medienhandeln. Eine qualitative Panelstudie zum Wandel der Mediennutzung in Übergangsphasen. Wiesbaden: Springer VS. doi: https://doi.org/10.1007/978-3-658-30738-7.

Röser Jutta, Müller Kathrin Friederike, Niemand Stephan, Roth Ulrike. (2019). Das mediatisierte Zuhause im Wandel. Eine qualitative Panelstudie zur Verhäuslichung des Internets. 1. Aufl. Wiesbaden: Springer VS. doi: https://doi.org/10.1007/978-3-658-26073-6.

Artikel:

Peil C, Müller K, Drüeke R, Niemand S, Roth R. (2020). Technik – Medien – Geschlecht revisited. Gender im Kontext von Datafizierung, Algorithmen und digitalen Medientechnologien – eine kritische Bestandsaufnahme. Medien & Kommunikationswissenschaft, 68(3), 211-238. doi: 10.5771/1615-634X-2020-3.

Röser Jutta, Müller Kathrin Friederike, Niemand Stephan, Peil Corinna, Roth Ulrike. (2018). Medienethnografische Porträts als Auswertungsinstrument: Techniken der kontextsensiblen Rezeptionsanalyse. In Scheu Andreas (Hrsg.), Auswertung qualitativer Daten. Strategien, Verfahren und Methoden der Interpretation nicht-standardisierter Daten in der Kommunikationswissenschaft (S. 193-207). Wiesbaden: Springer VS. doi: 10.1007/978-3-658-18405-6_13.


10:00 - 10:30
ID: 114 / Panel7: 3
Präsentation mit Bezug zum Call
Themen: Präsentation mit Bezug zum Call
Stichworte: Medienbildung, Digitale Ungleichheit, Flucht, Teilhabe, Digitalisierung

Bildungsteilhabe geflüchteter Jugendlicher in digitalisierten Bildungsarrangements

Henrike Friedrichs-Liesenkötter1, Nadia Kutscher2, Felix Lemke1, Michi Fujii2, Jana Hüttmann1

1Leuphana Universität Lüneburg, Deutschland; 2Universität zu Köln, Deutschland

Vorgestellt und diskutiert werden erste Befunde des transdisziplinären ethnografischen Verbundprojekts „Bildungsteilhabe Geflüchteter im Kontext digitalisierter Bildungsarrangements“ (BIGEDIB) der Universitäten zu Köln und der Leuphana Universität Lüneburg, gefördert durch das BMBF (Laufzeit 2019-2022). Ziel des Forschungsprojekts ist die Rekonstruktion von Gelingens- und auch hemmenden Bedingungen für die (Bildungs-)Teilhabe geflüchteter Jugendlicher im Kontext digitaler Medien im formalen Bildungskontext Schule, im non-formalen Bildungskontext der Kinder- und Jugendhilfe sowie in informellen Bildungskontexten.

Der gesellschaftliche Zusammenhalt setzt auf Seiten des Individuums die soziale, kulturelle, politische wie auch ökonomische Teilhabe an ebendieser Gesellschaft voraus. Bildung erweist sich als vielfach mit Teilhabe verschränkt und soll unter anderem Heranwachsende zu einer umfassenden gesellschaftlichen Teilhabe (z.B. am Arbeitsmarkt) befähigen (vgl. Dietrich 2017: 29 f). Digitalen Medien und ihrer fortschreitenden Durchdringung der Gesellschaft wird vor diesem Hintergrund das Potenzial zugeschrieben, Inklusion zu fördern und damit zusätzliche Teilhabeoptionen zu öffnen (vgl. GMK Fachgruppe inklusive Medienbildung o.J.). Dies gilt insbesondere für vulnerable Personengruppen wie etwa geflüchtete Jugendliche.

Digitale Medien spielen im Alltag geflüchteter Jugendlicher eine zentrale Rolle. Insbesondere Smartphones haben eine Orientierungsfunktion für Jugendliche inne, stellen Mittel transnationaler (Selbst-) Verortung dar (Kutscher/Kreß 2018) und sind bedeutsam für das Erleben eigener Handlungsoptionen (Friedrichs-Liesenkötter/Müller 2018). Gleichzeitig droht der verstärkte Einsatz digitaler Medien jedoch, bereits bestehende (digitale) Ungleichheiten zu verschärfen (Iske/Kutscher 2020; Alam/Imran 2015), wenngleich entsprechende Phänomene gerade mit Blick auf die Rolle verschiedener Bildungskontexte bislang wenig beforscht wurden (u.a. Livingstone et al. 2017). Dieses Forschungsdesiderat fokussiert das Forschungsprojekt BIGEDIB mittels einer transorganisationalen (Eßer/Schröer 2019) und praxeologischen Perspektive (Schatzki 2002), indem die Relevanz digitaler Medien für geflüchtete Jugendliche aufgegriffen wird, Bildungspraktiken im Zug der Digitalisierung über einzelne Bildungskontexte hinweg betrachtet und mit Fragen um Teilhabe verschränkt werden.

Ausgehend von den institutionellen Orten der Schule und der Kinder- und Jugendhilfe wird in drei Feldphasen an den beiden Standorten jeweils zehn geflüchteten Jugendlichen im Alter von 13 bis 21 Jahren im Sinne einer multi-sited ethnography in ihre verschiedenen Bildungs- und Alltagskontexte gefolgt (Falzon 2009) und teilnehmende Beobachtungen, Feldgespräche, Interviews und Artefaktanalysen (Lueger/Froschauer, 2018; zur Ethnografie: Breidenstein et al., 2015) umgesetzt. Die Erhebung und Auswertung der Daten erfolgt mittels der Grounded Theory (Strauß/Corbin, 1990).

Vorläufige Analysen zeigen, dass die Jugendlichen mit Fluchterfahrung im Zuge digitalisierter Lernangebote (u.a. Distance Learning) während des ersten Lockdowns aufgrund der Covid19-Pandemie verstärkt exkludiert wurden: So zeichnet sich eine Verschärfung bestehender digitaler Ungleichheiten aufseiten der geflüchteten Jugendlichen ab (vgl. Fujii et al. 2020). Mit Blick auf das Lernen mit Medien zeigen die Befunde des Projekts zudem auf, dass Lehrkräfte häufig als Gatekeeper von Digitalität auftreten und digitale Medien auf ihre Funktion als Werkzeug einer asymmetrischen pädagogischen Praxis reduziert werden. Informelle Bezüge zur außerschulischen Lebenswelt der Schüler*innen sowie kreative und produktive Medienbildungsprozesse werden hingegen nur vereinzelt und wenig systematisch zugelassen oder ermöglicht (vgl. Friedrich-Liesenkötter et al. 2021). Andererseits verweisen mangelnde Medienbildungsstrukturen auf schulischer Seite auf die nicht nur kompensierende, sondern sogar elementare Bedeutung non-formaler Bezüge für Alltagsbewältigung und Qualifikationsunterstützung in Ausbildung und Schule. Gleichzeitig bleibt die grundlegende Frage, inwiefern erst über Anerkennung und Handlungsbefähigung als entscheidende Elemente digitaler Bildungsangebote im Kontext ungleicher gesellschaftlicher Verhältnisse Teilhabe möglich wird (vgl. Peters et al. 2021).

Im Vortrag werden erste Spuren der Analyse sowie Implikationen zu Teilhabe- und Bildungsfragen im Kontext digitaler Medienpraktiken von geflüchteten Jugendlichen vorgestellt. Chancen digitaler Medien zur Erhöhung von Teilhabe und damit auch zur Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts sowie Risiken der Verschärfung digitaler Ungleichheiten sollen diskutiert werden.

Literaturverzeichnis

Alam, Khorshed/Imran, Sophia (2015): The digital divide and social inclusion among refugee migrants. A case in regional Australia. Information Technology & People, Vol. 28 Iss 2, pp. 344–365.

Breidenstein, Georg/Hirschauer, Stefan/Kalthoff, Herbert/Nieswand, Boris (2015): Ethnografie. Die Praxis der Feldforschung. 2. revised edition. Konstanz, München: UVK.

Dietrich, Cornelie (2017): Teil haben – Teil sein – Anteil nehmen. Anthropologische Argumente der Zugehörigkeit. In: Miethe, Ingrid/Tervooren, Anja/Ricken, Norbert (Hrsg.): Bildung und Teilhabe. Zwischen Inklusionsforderung und Exklusionsdrohung. Wiesbaden: Springer VS, pp. 29–46.

Eßer, Florian/Schröer, Wolfgang (2019): Infrastrukturen der Kindheiten – Ein transorganisationaler Zugang. Zeitschrift für Soziologie der Erziehung und Sozialisation, 39 (2019) 2, S. 119–132.

Falzon, Mark-Anthony (2009): Multi-Sited Ethnography. Theory, Praxis and Locality in Contemporary Research. London: Ashdate Publishing.

Friedrichs-Liesenkötter, Henrike/Lemke, Felix/Hüttmann, Jana (2021): Teilhabe durch Digitalität? – Potenziale und Limitierungen digitalisierter Bildungsarrangements für die (Bildungs-)Teilhabe geflüchteter Jugendlicher. In: Damberger, Thomas/Schell-Kiehl, Ines/Wahl, Johannes (Hrsg.): Pädagogik, Soziale Arbeit und Digitalität. Beltz Juventa. Im Erscheinen.

Friedrichs-Liesenkötter, Henrike/Müller, Freya-Maria (2018): Die Bedeutung digitaler Medien für Jugendliche mit Fluchterfahrung. Zwischen jugendtypischen und migrationsbasierten Nutzungsformen und -bedarfen. Migration und Soziale Arbeit, H. 04/2018, pp. 316–325.

Fujii, Michi Sebastian/Hüttmann, Jana/Kutscher, Nadia/Friedrichs-Liesenkötter, Henrike (2020): Participation?! Educational Challenges for Young Refugees in Times of the COVID-19 Pandemic. Media Education, Vol. 11 No. 2, pp. 37–47.

Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur e.V. (GMK), Fachgruppe Inklusive Medienbildung. o.J.: Medienbildung für alle: Medienbildung inklusiv gestalten! Positionspapier der Fachgruppe Inklusive Medienbildung. Online verfügbar unter: https://www.gmk-net.de/wp-content/uploads/2018/10/positionspapier_medienbildung_fuer_alle_20092018.pdf (Abruf am 24.02.2021).)

Iske, Stefan/Kutscher, Nadia (2020): Digitale Ungleichheiten im Kontext Sozialer Arbeit. In: Kutscher, Nadia/Ley, Thomas/Seelmeyer, Udo/Siller, Friederike/Tillmann, Angela/Zorn, Isabel (Hrsg.): Handbuch Soziale Arbeit und Digitalisierung. Beltz/Juventa: Weinheim, S. 115–128.

Kutscher, Nadia/Kreß, Lisa-Marie (2018): The Ambivalent Potentials of Social Media Use by Unaccompanied Minor Refugees. Social Media + Society, Vol. 4 Issue 1: Special Issue "Forced Migrants and Digital Connectivity" (eds. Koen Leurs/Kevin Smets), S. 1–10.

Livingstone, Sonia/Lemish, Dafna/Lim, Sun Sun/Bulger, Monica/Cabello, Patricio/Claro, Magdalena et al. (2017): Global Perspectives on Children's Digital Opportunities. Pediatrics 140 (2), pp. 137–141.

Lueger, Manfred/Froschauer, Ulrike (2018): Artefaktanalyse: Grundlagen und Verfahren. Wiesbaden: Springer VS.

Peters, Klara-Marie/Kutscher, Nadia/Fujii, Michi (2021): Kergel, D., Heidkamp, B., Arnett, R., & Macino, S. (Hrsg.): Digital Transformation of Education and Communication in the digital Age. London: Routledge. Im Erscheinen.

Schatzki, Theodore R. (2002): The site of the social. A philosophical account of the constitution of social life and change. Pennsylvania State University.

Strauss, Anselm/Corbin, Juliete (1990): Basic of Grounded Theory Methods. Beverly Hills, CA.: Sage.

 
9:00 - 10:30DokForum (R1): Forum der Doktorierenden
Virtueller Veranstaltungsort: Münchner Zoom (2)
Chair der Sitzung: Jessica Kühn
Chair der Sitzung: Andreas Dertinger
 
 
ID: 146 / DokForum (R1): 1
Doktorand*innen-Forum
Stichworte: POPC, Klassenchats, Online-Kommunikation, Wohlbefinden, Schüler*innen

Permanently Online and Permanently Connected mit der Schulklasse: Zum Zusammenhang zwischen den Gruppenchats von Schulklassen und dem Wohlbefinden der involvierten Schüler*innen.

Malin Fecke

Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF, Deutschland

(Fast) jede Schulklasse hat heutzutage eine WhatsApp-Gruppe, die ihren Kommunikationsraum um eine Online-Ebene erweitert und so die Art, wie Schulklassen miteinander kommunizieren, verändert (Grabensteiner, 2021). Anders als zuvor sind Schulklassen heutzutage „permanently online, permanently connected (POPC)“ (Vorderer, 2015, S. 260). Bisherige Forschung zur Auswirkung von POPC auf Heranwachsende suggeriert, dass die permanente Verbundenheit von Schulklassen sowohl positive als auch negative Auswirkungen auf die einzelnen Schüler*innen haben kann (Hefner et al., 2018). Ob die Auswirkungen positiv oder negativ ausfallen, hängt dabei einschlägigen Studien zufolge sowohl von der Konstitution der Chat-Gruppe(n) ((Knop-Hülß et al., 2018) als auch von bestimmten Charaktereigenschaften, wie dem Grad der Selbstbestimmung (Meier, 2018) oder dem Online-Verhalten der Schüler*innen ab (Reinecke, 2018). Diese Dissertation hat sich zum Ziel gesetzt, die Auswirkungen der Gruppenchats von Schulklassen auf das Wohlbefinden von Schüler*innen zu untersuchen. Das Promotionsvorhaben geht deshalb folgender (vorläufiger) Fragestellung nach: Welcher Zusammenhang besteht zwischen den Gruppenchats von Schulklassen und dem Wohlbefinden der involvierten Schüler*innen?

Methodisch besteht die geplante Arbeit aus zwei Teilstudien: In einer Vorstudie werden Lehrer*innen in qualitativen leitfadengestützten Interviews zu ihren Einschätzungen und Erfahrungen bezüglich der Online-Gruppenkommunikation von Schüler*innen befragt. In einer anschließenden quantitativen MESM-Studie (Karnowski, 2013) wird ein Teil des zuvor theoretisch hergeleiteten Modells empirisch überprüft. Dafür besteht die Möglichkeit, an die MESM-Studie des BMBF-Projektes „Pädagogische Beziehungen in digital unterstützten Bildungsprozessen“, anzuknüpfen.



ID: 152 / DokForum (R1): 2
Doktorand*innen-Forum
Stichworte: Belastende Online-Erfahrungen, Jugendliche, Coping

Coping mit belastenden Online-Erfahrungen im Jugendalter. Eine prozessorientierte Untersuchung belastender Online-Erfahrungen, Ressourcen und Bewältigungsstrategien 12- bis 17-Jähriger

Kira Thiel

Leibniz-Institut für Medienforschung I Hans-Bredow-Institut (HBI), Deutschland

Das Internet bietet Jugendlichen nicht nur vielfältige Gestaltungs- und Teilhabemöglichkeiten, sondern birgt je nach Nutzungskontext auch verschiedenartige Risiken. Dazu zählen u. a. Cybermobbing und -grooming, die Konfrontation mit problematischen nutzergenerierten Inhalten (z. B. Gewalt, Pornografie, Extremismus), Hate Speech und Fake News sowie datenschutzbezogene Risiken (Brüggen et al., 2019; Smahel et al., 2020). Dementsprechend kommt es vor, dass junge Menschen im Rahmen ihrer Online-Nutzung Erfahrungen machen, die sie mitunter stark belasten können (Hasebrink et al., 2019; Smahel et al., 2020). Neben einer Befähigung zum (Selbst-)Risikomanagement (Croll & Gräter, 2016) brauchen sie daher auch Fähigkeiten, um entsprechende Erlebnisse reaktiv bewältigen zu können.

Eine effektive Belastungsbewältigung, auch Coping genannt, ist vor allem deshalb von zentraler Bedeutung, da sie als adaptiver Prozess zwischen einem Stressor und seinen potentiell negativen Langzeitfolgen für die psychische sowie körperliche Gesundheit vermittelt (Skinner et al., 2003). Coping wird in diesem Zusammenhang verstanden als „the constantly changing cognitive and behavioral efforts to manage specific external and/or internal demands that are appraised as taxing or exceeding the resources of the person“ (Lazarus & Folkman, 1984, S. 141). Demzufolge sind Menschen nicht auf die Verwendung einzelner, voneinander unabhängiger Strategien beschränkt. Vielmehr handelt es sich bei Coping um einen dynamischen Prozess, innerhalb dessen – auch in Abhängigkeit von Personenmerkmalen, situativen Faktoren und persönlichen Ressourcen – verschiedene Strategien eingesetzt und ggf. kombiniert werden. Welche Strategien letztendlich für eine funktionale Bewältigung sorgen, ist dabei nicht pauschal zu sagen, sondern abhängig vom jeweiligen Stressor: „The key to successful coping may involve implementing coping responses that match the demands of a given stressful situation“ (Stepehnson et al., 2016, S. 359).

Übertragen auf die eingangs skizzierte Problematik, ergibt sich die Frage, welche Coping-Strategien Jugendlichen bei der Bewältigung verschiedener belastender Online-Erfahrungen helfen. Trotz der hohen Relevanz des Themas sind einschlägige Forschungsergebnisse bisher lückenhaft. Zwar liegen vereinzelt Studien zu Coping im Kontext ausgewählter risikobehafteter Online-Phänomene, insbesondere zum Thema Cybermobbing, vor (Perren et al., 2012; Wachs et al., 2020; Wachs et al., 2012). Diese lassen allerdings häufig den dynamisch-prozesshaften Charakter des Konzepts außer Acht oder greifen auf standardisierte (kontextunabhängige) Erhebungsinstrumente zurück, sodass sie ein eher unvollständiges Bild jugendlicher Bewältigungsbemühungen zeichnen und nur begrenzt Rückschlüsse darauf erlauben, welche Strategien zu einer funktionalen Bewältigung beitragen.

Hier setzt das Promotionsprojekt an. Mittels qualitativer Interviews mit Jugendlichen im Alter von 12 bis 17 Jahren werden belastende Online-Erfahrungen und die individuellen Coping-Bemühungen in ihrem prozessualen Gesamtzusammenhang beleuchtet – von den situativen Gegebenheiten (Dauer, subjektiv wahrgenommene Kontrollierbarkeit, Beteiligte, Ressourcen) über emotionale Reaktionen bis hin zu den eingesetzten Coping-Strategien. Ziel ist es, den Bewältigungsprozess Jugendlicher im Umgang mit verschiedenen online-basierten Stressoren besser zu verstehen und auf diese Weise zur Beantwortung der Frage beizutragen, wie es gelingen kann, Jugendliche so zu stärken, dass sie belastende Online-Erfahrungen möglichst unbeschadet bewältigen können.



ID: 143 / DokForum (R1): 3
Doktorand*innen-Forum
Stichworte: Hate Speech, Mixed-Methods

Was beeinflusst unseren Umgang mit Online Hate Speech? Eine Studie zur Erklärung unterschiedlicher Reaktionen auf Online Hate Speech in Abhängigkeit von situativen und personenbezogenen Faktoren

Christina Josupeit

Universität Duisburg-Essen, Deutschland

Sobald Internetnutzer*innen innerhalb eines digitalen Kommunikationsraums Hate Speech wahrnehmen, stellt sich die Frage, ob und wie sie darauf reagieren. Theorien computervermittelter Kommunikation legen nahe, dass eine solche Entscheidung u.a. vom jeweiligen Kommunikationssetting abhängig ist. Das Promotionsprojekt verfolgt das Ziel, die Stärke des Einflusses situativer Merkmale kritisch prüfen und Interaktionseffekte mit personenbezogenen Faktoren aufzudecken. Zu diesem Zweck wird im Sinne eines Mixed-Methods-Designs zunächst eine reale Hate-Speech-Situation retrospektiv untersucht, um darauf aufbauend ein quasi-experimentelles faktorielles Survey zu planen und durchzuführen. Die Ergebnisse des Projekts können dazu genutzt werden, medienpädagogische Präventions- und Interventionsprojekte effizient auszugestalten.



ID: 154 / DokForum (R1): 4
Doktorand*innen-Forum
Stichworte: Media Literacy; Pragmatismus; Transformation; Critical Media Literacy; radikaldemokratische Theorien; soziale Inklusion

Die Welt im Wandel – Zukünftige Herausforderungen meistern mit Media Literacy? (Arbeitstitel)

Katharina Biringer

Österreichische Akademie der Wissenschaften, Österreich

Makrophänomene wie Globalisierung, Mediatisierung und letztlich auch ein Wandel in der Politik hin zur Postdemokratie (Crouch, 2004) beschäftigen Menschen in Europa. Media Literacy wird dabei häufig als Teil der Lösung mancher dadurch auftretender Problemlagen angesehen, wie beispielsweise im „European Democracy Action Plan“, in dem die Umsetzung zahlreicher politischer Instrumente zur stärkeren Implementierung von Media Literacy in Aussicht gestellt wird, um so zum Empowerment der BürgerInnen beizutragen (vgl. Europäische Kommission, 2020). Auch weitere supranationale Organisationen, wie die United Nations und die UNESCO, blasen ins selbe Horn (vgl. United Nations, 2021, Grizzle et al., 2013, UNESCO, o.J). Ihnen haftet jedoch häufig der Beigeschmack einer Idealisierung des Konzepts an. Soziale Unterschiede werden, wenn, dann ausschließlich in Form von Ungleichheiten, aber nicht aus Perspektive von Ungerechtigkeitsverhältnissen behandelt. Das greift jedoch zu kurz (vgl. Kreide, 2019: 641). Wer ein- und ausgeschlossen wird und warum jemand sozial inkludiert bzw. exkludiert wird bzw. welche Hindernisse und strukturelle Blockaden es gibt, sind radikaldemokratische Fragestellungen (vgl. Kreide, 2019: 642) (das Politische). Mitgedacht werden muss, dass soziale und politische Prozesse kontingent sind (vgl. Marchart, 2019). Die Wurzel von Media Literacy im US-amerikanischen Pragmatismus macht es möglich gemachte Erfahrungen in einer Mediengesellschaft „and their consequences for individuals, social life, and democratic culture“ (Mason, 2018: 2) über das Media Literacy Konzept zu betrachten, was im Zuge der bereits weit fortgeschrittenen Mediatisierung relevant ist. Ebenso ist dem Pragmatismus das Prozesshafte inhärent.

Die daraus resultierende (vorläufige) forschungsleitende Fragestellung lautet:

Inwiefern kann Media Literacy vor dem Hintergrund von sozialen Ungerechtigkeitsverhältnissen zur Lösung gesellschaftlicher Problemlagen in einer sich stetig wandelnden Mediengesellschaft beitragen?

Auf dieser Basis möchte ich die erwähnten Theorien und Konzepte theoretisch auf ihre Kompatibilität überprüfen und sie verbinden. Ausgehend von der Annahme der radikalen Demokratietheorien, dass Erfahrungen des Unrechts bzw. der Ungerechtigkeit Ausgangspunkt der Untersuchung sein sollten und dem Ansatz des Pragmatismus, dass es Bedürfnisse geben muss, um Lernen anzustoßen, möchte ich zusätzlich medienbiographische Interviews führen (Auswertung mglw. mittels Grounded Theory). Ziel ist die Entwicklung eines Media Literacy-Modells, das soziale Ungerechtigkeitsverhältnisse und individuelle Erfahrungen damit mitdenkt und so möglicherweise umfangreicher auf Problemlagen wie Fake News oder Hate Speech reagieren kann. In einem Folgeprojekte könnten damit möglicherweise Dokumente bzw. konkrete Politikinstrumente politischer Akteure analysiert werden.

 
9:00 - 10:30DokForum (R2): Forum der Doktorierenden
Virtueller Veranstaltungsort: Münchner Zoom (2)
Chair der Sitzung: Markus Meschik
Chair der Sitzung: Matthias Zieglmeier
 
 
ID: 150 / DokForum (R2): 1
Doktorand*innen-Forum
Stichworte: Medienerziehung; medienbezogene Aushanhdlungsprozesse; Familie; Kommunikative Figuration; Mixed Methods

Medienerziehung in der Familie. Qualitative und quantitative Befunde zum Wandel der kommunikativen Figuration Familie im Kontext einer tiefgreifenden Mediatisierung

Katrin Potzel

FAU Erlangen-Nürnberg, Deutschland

Die Dissertation befasst sich mit dem Heranwachsen von Kindern und Jugendlichen in einer tiefgreifend mediatisierten Gesellschaft (Hepp 2020). Die soziale Domäne Familie nimmt im mediatisierten Sozialisationsprozess eine zentrale Stellung ein (vgl. Dertinger et al. in Vorbereitung; Paus-Hasebrink 2019; Livingstone 2008). Dabei bilden insbesondere medienerzieherische Praktiken einen wichtigen Teil der alltäglichen Aushandlungsprozesse innerhalb der Familie und können als in den Sozialisationsprozess eingebettet betrachtet werden (Kamin und Meister 2020). Eltern versuchen mithilfe medienerzieherischer Praktiken, wie unterschiedlichen Vorgaben und Begrenzungen kindlicher Medienpraktiken, aber auch gemeinsamer Nutzung und Aneignung neuer Anwendungen, die Mediennutzung der Heranwachsenden zu strukturieren und sie beim Aufwachsen in einer tiefgreifend mediatisierten Gesellschaft bestmöglich zu unterstützen (Hajok 2019; Dedkova und Smahel 2020).

Um Medienerziehung in der Familie empirisch beleuchten zu können, werden methodisch qualitative und quantitative Befunde aus zwei Forschungsprojekten in einem Mixed Methods-Ansatz zusammengebracht. Einerseits dienen quantitative Ergebnisse der Längsschnittstudie VEIF[1], die bisher über sechs Erhebungswellen (2015-2021) Daten zu exzessiver Internetnutzung erheben konnte, als Datenquelle für das Dissertationsvorhaben. Hier wurden unter anderem medienerzieherische Praktiken über Skalen zur Parental Mediation, ebenso wie die (In-)Konsistenz elterlicher Medienerziehung in einem dyadischen Ansatz erhoben, bei dem sowohl Jugendliche (zum ersten Erhebungszeitpunkt zwischen 12 und 14 Jahren), als auch jeweils ein Haupterziehender interviewt wurde (u. a. Kammerl, Zieglmeier und Wartberg 2020). Die qualitative Panelstudie ConKids[2] widmet sich hingegen aus sozialisationstheoretischer Perspektive dem Aufwachsen von Kindern in einer tiefgreifend mediatisierten Lebenswelt. Auch hier wurde ein dyadischer Ansatz gewählt bei dem jeweils ein Kind und ein Elternteil in qualitativen leitfadengestützten Interviews befragt wurden. Das Projekt umfasste dabei in zwei Kohorten (jüngere Kohorte zum ersten Erhebungszeitpunkt sechs bis sieben Jahre; ältere Kohorte zehn bis elf Jahre) bisher zwei Erhebungszeitpunkte (2018 und 2019), wobei die Kinder sich zum Zeitpunkt des ersten Interviews kurz nach der Einschulung bzw. dem Übergang auf die weiterführende Schule befanden (u. a. Dertinger et al. in Vorbereitung). Auch hier wurden im Gespräch mit Kindern und Eltern medienerzieherische Praktiken als Teil alltäglicher Aushandlungsprozesse thematisiert. Aus der bestehenden Schnittstelle dieser Studien können empirische Befunde zur Medienerziehung, sowohl aus qualitativer, als auch quantitativer Sicht gewonnen werden. Die unterschiedlichen Altersgruppen bieten die Möglichkeit, einen Einblick in die Phase der Kindheit ab Schulbeginn bis hin zum jungen Erwachsenenalter zu erhalten. Eine zusätzliche, für Herbst 2021 geplante Erhebung innerhalb des qualitativen Samples bietet die Chance, auch hier Befunde über einen längeren Zeitraum hinweg zu generieren und gezielte Interviewschwerpunkte zu setzen.

Das Projekt ConKids folgt auf theoretischer Basis dem Ansatz kommunikativer Figurationen (Hepp 2020; Hepp und Hasebrink 2017), einer Erweiterung des Figurationsansatzes nach Elias (1971). Dieser ermöglicht es die Familie als Analyseeinheit mit individuellen Akteur*innen zu betrachten. Konstituierend für diese ist eine spezifische Akteurskonstellation, das Teilen kommunikativer Praktiken, ein gemeinsamer Relevanzrahmen und das damit verbundene Medienensemble der Figuration. Zudem rahmen affektive Bindungen (Valenzen) und dynamische Machtbalancen das Zusammenleben innerhalb der kommunikativen Figuration (Hepp und Hasebrink 2017). Da medienerzieherische Praktiken als alltägliche Aushandlungsprozesse verstanden werden sollen, verfolgt die Dissertation das Ziel Medienerziehung theoretisch als Teil des kommunikativen Figurationsgeschehens zu betrachten.

Aktuelle Fragestellungen:

Welche medienbezogenen Praktiken und Aushandlungsprozesse kommen in einer tiefgreifend mediatisierten Gesellschaft innerhalb der Familie vor und können somit als relevant für medienerzieherische Praktiken gesehen werden?

Wie kann auf Basis dieser Phänomene der Medienerziehungsbegriff und dessen Gegenstandsbereich neu gefasst werden?

Wie können die aufkommenden Praktiken und Aushandlungsprozesse innerhalb der kommunikativen Figuration Familie entsprechend theoretisch gerahmt werden?

Literaturverzeichnis

Dedkova, Lenka und David Smahel. 2020. „Online Parental Mediation: Associations of Family Members’ Characteristics to Individual Engagement in Active Mediation and Monitoring.“ Journal of Family Issues 41 (8): 1112–36. https://doi.org/10.1177/0192513X19888255.

Dertinger, Andreas, Marcel Rechlitz, Claudia Lampert, Katrin Potzel und Jane Müller. in Vorbereitung. „Medienbezogene Aushandlungsprozesse in der Familie aus einer figurationstheoretischen Perspektive.“ In Sozialisation 4.0 oder Mediatisierung und Medialisierung als Spätmoderne Matrix des Heranwachsens. 39 (4), hrsg. von Andreas Lange und Rudolf Kammerl. 39(4): ZSE: Zeitschrift Für Soziologie der Erziehung und Sozialisation.

Elias, Norbert. 1971. Was ist Soziologie? 2. Aufl. Grundfragen der Soziologie. Weinheim, München: Juventa Verlag.

Hajok, Daniel. 2019. „Heranwachsen in der zunehmend mediatisierten Gesellschaft: Kinder und Jugendliche im Spannungsfeld digitaler Medien.“ In Medienerziehung in der digitalen Welt: Grundlagen und Konzepte für Familie, Kita, Schule und Soziale Arbeit, hrsg. von Daniel Hajok und Sandra Fleischer, 35–59: Kohlhammer Verlag.

Hepp, Andreas. 2020. Deep mediatization. Londen: Routledge.

Hepp, Andreas und Uwe Hasebrink. 2017. „Kommunikative Figurationen. Ein konzeptioneller Rahmen zur Erforschung kommunikativer Konstruktionsprozesse in Zeiten tiefgreifender Mediatisierung.“ M&K Medien & Kommunikationswissenschaft 65 (2): 330–47. https://doi.org/10.5771/1615-634X-2017-2-330.

Kamin, Anna-Maria und Dorothee M. Meister. 2020. „Familie und Medien.“ In Handbuch Familie, hrsg. von Jutta Ecarius und Anja Schierbaum, 1–19. Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden.

Kammerl, Rudolf, Matthias Zieglmeier und Lutz Wartberg. 2020. „Medienerziehung und familiale Aspekte als Prädiktoren für problematischen jugendlichen Internetgebrauch.“ Z Erziehungswiss 23 (1): 175–91. https://doi.org/10.1007/s11618-019-00920-1.

Livingstone, Sonia M. 2008. Young People and New Media: Childhood and the changing media environment. Reprinted. London: SAGE Publ.

[1] Das Forschungsprojekt „Verläufe exzessiver Internetnutzung in Familien (VEIF)“ wird von Rudolf Kammerl (Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg) und Lutz Wartberg (MSH Medical School Hamburg University of Applied Sciences and Medical University) geleitet und von der DFG gefördert.

[2] Das Forschungsprojekt „Sozialisation in einer sich wandelnden Medienumgebung” wird von Rudolf Kammerl (Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg) und Claudia Lampert (Leibniz-Institut für Medienforschung, Hans-Bredow-Institut) geleitet und von der DFG gefördert (KA 1611/7-1 und LA 2728/1-1).

Kurz-Vita

Katrin Potzel (M.A.) ist seit 10/2018 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Pädagogik mit Schwerpunkt Medienpädagogik der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, aktuell in den DFG-Projekten “Sozialisation in einer sich wandelnden Medienumgebung” (ConKids) und „Verläufe exzessiver Mediennutzung in Familien“ (VEIF) beschäftigt. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Sozialisationsprozesse in einer mediatisierten Gesellschaft und Medienerziehung in Familien.



ID: 148 / DokForum (R2): 2
Doktorand*innen-Forum
Stichworte: Berufliche Qualifizierung, Digitale Medien, Inklusive Medienbildung, Gesellschaftliche Teilhabe

Gesellschaftliche Teilhabe durch eine digital unterstützte berufliche Qualifizierung – Theoretische Perspektiven und konzeptionelle Gestaltungsansätze

Nele Sonnenschein

Universität Bielefeld, Deutschland

Der im pädagogischen Diskurs kontrovers verhandelte Begriff der Inklusion betont den Anspruch und die Aufgabe von Gesellschaft, allen Menschen die Teilhabe an sämtlichen Bereichen des Lebens zu ermöglichen, indem ausgrenzende Verhältnisse überwunden werden (vgl. Kronauer 2013). Mit Bezug auf medienpädagogische Forschungen der letzten Jahre wird deutlich, dass digitale Medien in diesem Entwicklungsprozess eine entscheidende Rolle als „Weichensteller“ einnehmen, da sie die Chancen für eine gleichberechtigte gesellschaftliche Teilhabe auf verschiedenen Ebenen beeinflussen. So zeigen sich mit Blick auf Zugangsmöglichkeiten und Nutzungsformen über verschiedene Personengruppen hinweg deutliche Differenzen, die sich auf Partizipationschancen z.B. im Hinblick auf Kommunikation, Bildung oder Arbeit auswirken können (vgl. Niesyto 2009; Iske & Kutscher 2020; Paus-Hasebrink 2020). Insbesondere für marginalisierte Gruppen, wie etwa Menschen mit Behinderungen, entstehen auf medialer Ebene häufig neue Barrieren und infolgedessen zusätzliche Benachteiligungen hinsichtlich gesellschaftlicher Teilhabe. Andererseits bieten digitale Medien aufgrund flexibler Einsatz-, Bedien- und Rezeptionsmöglichkeiten aber auch Potenziale zur Förderung von Inklusion, indem beispielswiese neue Erfahrungsräume eröffnet oder Einschränkungen kompensiert werden (vgl. Dirks & Linke 2019; Bosse 2016; Bosse & Hasebrink 2016; Miesenberger et al. 2012).

In Anbetracht dessen erscheint es erforderlich, Inklusion konsequent unter Berücksichtigung digitaler Medien zu denken. Erste theoretische Ansätze in dieser Hinsicht liegen aus dem medienpädagogischen Diskurs um inklusive Medienbildung (z.B. Bosse, Schluchter & Zorn 2019) bereits vor, wobei sich die bisherigen Überlegungen in erster Linie auf schulische Zusammenhänge (z.B. Kamin 2020) oder die außerschulische Kinder- und Jugendarbeit (z.B. Gross & Röllecke 2017) konzentrieren. Der Bereich der beruflichen Bildung ist in diesem Kontext bislang jedoch kaum berücksichtigt worden, obwohl sich gerade hier mit Blick auf den Zugang zum Arbeitsmarkt eine entscheidende Schnittstelle für eine gesamtheitliche gesellschaftliche Teilhabe befindet (vgl. Oehme 2016). Auch aus berufs- und wirtschaftspädagogischer Perspektive wird Inklusion in der beruflichen Bildung zumeist ohne Bezug zu medienpädagogischen oder -theoretischen Überlegungen verhandelt. In diesem Kontext liegen lediglich einige konzeptionelle Ansätze aus entwicklungs- und praxisorientierten Projekten (z.B. Bach et al. 2019; Materna, Söffgen & Wuttke 2019) vor, zum jetzigen Zeitpunkt findet jedoch keine umfängliche theoretische Auseinandersetzung statt, die berufliche Bildung und Qualifizierung gleichermaßen unter der Perspektive von Inklusion und Digitalisierung in den Blick nimmt.

An diesem Desiderat setzt das Dissertationsprojekt an und unternimmt den Versuch, den Diskurs um Inklusion in der beruflichen Bildung mit dem zur inklusiven Medienbildung zusammenzuführen. Dabei wird der Frage nachgegangen, wie die gesellschaftliche Teilhabe von marginalisierten Gruppen, insbesondere Menschen mit Behinderungen, durch die Einbindung digitaler Medien im Rahmen von beruflichen Qualifizierungsmaßnahmen gefördert werden kann. Mit Referenz auf bestehende Ansätze aus den Bereichen der inklusiven Pädagogik und Didaktik, der beruflichen Bildung, der inklusiven Medienbildung sowie der Mediendidaktik wird ein gesamtheitliches Konzept für eine inklusionsfördernde und mediengestützte berufliche Qualifizierung erarbeitet. Der Fokus liegt hierbei insbesondere auf der Förderung überfachlicher Schlüsselkompetenzen, die nicht nur im Rahmen des Erwerbs von beruflicher Handlungsfähigkeit relevant sind (vgl. Dehnbostel 2018), sondern – anknüpfend an sozialpädagogische Ansätze wie Empowerment und Agency – ebenfalls in enger Verbindung zu Inklusion und gesellschaftlicher Teilhabe zu betrachten sind.

Im Vortrag werden erste Zwischenergebnisse der theoretisch-konzeptionellen Arbeit vorgestellt. Hierbei sollen vor allem theoretische Verknüpfungen von Inklusion, gesellschaftlicher Teilhabe, Medienbildung und beruflicher Bildung und Arbeit fokussiert sowie erste konzeptionelle Überlegungen zur Gestaltung einer inklusionsorientierten beruflichen Qualifizierung mit digitalen Medien diskutiert werden.

Literatur

Bach, Alexandra; Rexing, Volker; Korth, Susanne; Lange, Christina: Potenziale digitaler Medien. Inklusive Lernumgebungen in Überbetrieblichen Berufsbildungsstätten der Bauwirtschaft. In: Werner Kuhlmeier, Johannes Meyser und Marcel Schweder, Marcel (Hg.): Bezugspunkte beruflicher Bildung - Tradition, Innovation, Transformation. Ergebnisse der Fachtagung Bau, Holz, Farbe und Raumgestaltung 2019. Norderstedt: PubliQation 2019, S. 164-181.

Bosse, Ingo (2016): Teilhabe in einer digitalen Gesellschaft - Wie Medien Inklusionsprozesse befördern können. Online verfügbar unter www.bpb.de/gesellschaft/medien/medienpolitik/172759/medien-und-inklusion, zuletzt geprüft am 21.05.2021.

Bosse, Ingo; Hasebrink, Uwe (2016): Mediennutzung von Menschen mit Behinderungen. Unter Mitarbeit von Anne Haage, Sascha Hölig, Sebastian Adrian und Gudrun Kellermann. Hg. v. Aktion Mensch e.V. und Die Medienanstalten. Berlin. Online verfügbar unter https://gmk-net.de/wp-content/uploads/2018/09/aktion-mensch-studie-mediennutzung-langfassung-2017-03-1.pdf, zuletzt geprüft am 21.05.2021.

Bosse, Ingo; Schluchter, Jan-René; Zorn, Isabel (Hg.) (2019): Handbuch Inklusion und Medienbildung. Weinheim, Basel: BeltzJuventa.

Dehnbostel, Peter (2018): Lernen im Prozess der Arbeit als Kompetenzentwicklung. In: Felix Rauner und Philipp Grollmann (Hg.): Handbuch Berufsbildungsforschung. Bielefeld: wbv Media, S. 392-399.

Dirks, Susanne; Linke, Hanna (2019): Assistive Technologien. In: Ingo Bosse, Jan-René Schluchter und Isabel Zorn (Hg.): Handbuch Inklusion und Medienbildung. Weinheim, Basel: BeltzJuventa, S. 241-251.

Gross, Friederike von; Röllecke, Renate (Hg.) (2017): Medienpädagogik der Vielfalt. Integration und Inklusion. Medienpädagogische Konzepte und Perspektiven. Beiträge aus Forschung und Praxis. Prämierte Medienprojekte. München: kopaed (Dieter Baacke Preis Handbuch, 12).

Iske, Stefan; Kutscher, Nadia (2020): Digitale Ungleichheiten im Kontext Sozialer Arbeit. In: Nadia Kutscher, Thomas Ley, Udo Seelmeyer, Friederike Siller, Angela Tillmann und Isabel Zorn (Hg.): Handbuch Soziale Arbeit und Digitalisierung. Weinheim, Basel: Beltz Juventa, S. 115-128.

Kamin, Anna-Maria (2020): connect.cooperate.collaborate@school – Herausforderungen einer transdisziplinären inklusiven Mediendidaktik. In: Sabine Doff und Joanna Pfingsthorn (Hg.): Media Meets Diversity @ School. Wie kann Lernen und Lehren in der digitalen Welt unter den Vorzeichen von Diversität gelingen? Trier: WVT Wissenschaftlicher Verlag, S. 93-107.

Kronauer, Martin (2013): Soziologische Anmerkungen zu zwei Debatten über Inklusion und Exklusion. In: Reinhard Burtscher, Eduard Jan Ditschek, Karl-Ernst Ackermann, Monika Kil und Martin Kronauer (Hg.): Zugänge zu Inklusion. Erwachsenenbildung, Behindertenpädagogik und Soziologie im Dialog. Bielefeld: W. Bertelsmann Verlag (Theorie und Praxis der Erwachsenenbildung), S. 17-25.

Materna, Denise; Söffgen, Yvonne; Wuttke, Laura (2019): Einsatz digitaler Medien für Menschen mit Lernschwierigkeiten in hauswirtschaftlichen Ausbildungsberufen. Ansätze und Ziele im Projekt LernBAR. In: BWP - Berufsausbildung in Wissenschaft und Praxis (3) (Digitalisierung und Künstliche Intelligenz), S. 53-54.

Miesenberger, Klaus; Bühler, Christian; Niesyto, Horst; Schluchter, Jan-René; Bosse, Ingo (2012): Sieben Fragen zur inklusiven Medienbildung. In: Ingo Bosse (Hg.): Medienbildung im Zeitalter der Inklusion. Düsseldorf (LfM-Dokumentation, 45), S. 27-57.

Niesyto, Horst (2009): Digitale Medien, soziale Benachteiligung und soziale Distinktion. In: Medienpädagogik - Zeitschrift für Theorie und Praxis der Medienbildung (17). Online verfügbar unter https://www.medienpaed.com/article/view/115/115, zuletzt geprüft am 21.05.2021.

Oehme, Andreas (2016): Der sozialpädagogische Blick auf (mehr) Inklusion in der beruflichen Bildung. In: Ursula Bylinski und Josef Rützel (Hg.): Inklusion als Chance und Gewinn für eine differenzierte Berufsbildung. Bielefeld: W. Bertelsmann Verlag (Berichte zur beruflichen Bildung), S. 43-56.

Paus-Hasebrink, Ingrid (2020): Mediengebrauch und Ungleichheit. Von Klüften und Spaltungen in Kindheit und Jugend. In: merz | medien + erziehung 64 (3) (Soziale Ungleichheit), S. 19-25.



ID: 153 / DokForum (R2): 3
Doktorand*innen-Forum
Stichworte: FabLabs, non-formale Bildung, Postdigitalität, Design, Praktiken

Gonna be Fabulous? FabLabs, Design und Partizipation in postdigitalen Bildungskontexten

Katharina Poltze

Georg-Eckert-Institut - Leibniz-Institut für internationale Schulbuchforschung, Deutschland

FabLabs, Makerspaces oder DigiLabs, die insb. von der ‚Maker Culture‘ geprägt wurden, sind ‘offene Werkstätten‘, in denen das ‚Do it yourself (DIY)‘ und das ‚Making‘ zentral sind. Solche Labs ermöglichen kreative, praktische Produktionen mit analogen und digitalen Technologien und können als (non-formale) Bildungsorte auch Kindern und Jugendlichen spielerisch Zugang zu modernen Technologien eröffnen (vgl. Schelhowe 2013). Seit einiger Zeit werden solche Labs auch in medienpädagogischen Forschungen aufgegriffen (vgl. Aufenanger et al. 2017; Barberi et al. 2020), bspw. im Hinblick auf kritische Praktiken in Makerspaces (vgl. Bettinger et al. 2020b), die Entstehung einer ‚Maker-Literacy‘ (vgl. Meißner 2020) oder auch Lernprozesse und Subjektivierungsformen in Zusammenhang mit Medien in Makerspaces (vgl. Bettinger et al. 2020a). Trotz einiger (qualitativer) Studien liegen bis jetzt wenig langfristige und kaum designorientierte Untersuchungen in diesem Forschungsfeld vor, die sich mit der Gestaltung von Bildungsprozessen und (pädagogischen) Praktiken, Rollen und Beziehungen innerhalb von Labs als non-formalen Bildungsorten und im Zusammenhang mit ‚Schule‘ auseinandersetzen.

Hier setzt das Promotionsvorhaben ‚Gonna be Fabulous? FabLabs, Partizipation und Design in postdigitalen Bildungskontexten‘ an, dass sich am Beispiel des außerschulischen Bildungsorts ‚FabLab Bremen‘ mit pädagogischen Rollen und Beziehungen in (Fab-)Labs auseinandersetzt, insb. an der Schnittstelle FabLab/Schule und fokussiert auf den gesellschaftswissenschaftlichen Bereich. Labs werden dafür als postdigitale Bildungskontexte und sozio-technische Konfigurationen konzeptualisiert. Das Promotionsvorhaben möchte so u.a. zu aktuellen Debatten um Labs, (Post-)Digitalität und (schulische) Bildung beitragen. Die forschungsleitende Frage lautet: Wie sind pädagogische Rollen und Beziehungen in (Fab)Labs als postdigitalen Bildungskontexten konstituiert und welche Transformationen ergeben sich aus der Perspektive der Beteiligten? Dabei soll auch herausgearbeitet werden, durch welche Praktiken (Fab-) Labs als postdigitale Bildungskontexte konstituiert sind und welche Lernprozesse und Praktiken sich, bspw. im Vergleich zu ‚klassischen‘ Schulkontexten, vor allem in gesellschaftswissenschaftlichen Fächern, aus der Perspektive der Beteiligten, ergeben. Ein zu lösendes Problem besteht darin, dass bis jetzt kaum Erkenntnisse darüber vorliegen, wie Bildungsformate und -prozesse für den gesellschaftswissenschaftlichen Bereich in und mit Labs gestaltet werden können. Eine Aufgabe innerhalb dieses Promotionsvorhabens besteht also darin, selbst (iterativ und partizipativ) Bildungsformate zu gestalten, die dann im FabLab Bremen mit schulischen Akteur*innen umgesetzt, forschend begleitet und reflektiert werden.

Methodisch wird dieses Vorhaben deshalb durch ein qualitatives Design-Based Research (DBR) Format (vgl. Bakker 2019; Reinmann 2017; Richter und Allert 2017) realisiert, an dem sich die Forschungs- und Entwicklungsprozesse orientieren. In drei Design-Zyklen, aus Design, Implementation, Reflexion und Analyse, werden unterschiedliche qualitative Daten erhoben und analysiert. Es werden partizipative und beobachtende Verfahren und Methoden (z.B. Co-Design und -Reflexionen, Teilnehmende Beobachtungen, Interviews, Gruppendiskussionen) mit ‚ethnographischen Sensibilität‘ integriert, um in Kooperation mit Bremer Lehrkräften und Schüler*innen bzw. Schulklassen der Sek I Bildungsformate für den gesellschaftswissenschaftlichen Bereich in und mit Labs zu gestalten und Erkenntnisse über die forschungsleitende Frage zu generieren.



ID: 147 / DokForum (R2): 4
Doktorand*innen-Forum
Stichworte: Strukturale Medienbildung, Transmedia Storytelling, Games Studies, Comic Studies, Biographieforschung

Die Darstellung von Biographie in Computerspielen und Comics

Josefa Much

Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, Deutschland

Die Einreichung beschäftigt sich mit Transmedia Storytelling, Convergence Culture und wie diese in Einklang mit der Medienpädagogik und weiteren erziehungswissenschaftlichen Fragen gebracht werden können. Das Ziel der Forschungsarbeit ist es zu untersuchen, wie einzelne Medien miteinander verzahnt sind und wie über mehrere Medien hinweg eine komplexe (Lebens-) Geschichte erzählt werden kann. Fokus der Analyse bildet das Tomb Raider Franchise. Hier werden konkret die Computerspiele und Comics in den Mittelpunkt gerückt. Methodisch wird in dem Forschungsprojekt mit der (Visual) Grounded Theory, der Computerspielanalyse nach Fromme / Könitz (2014) und der Comicanalyse nach Dittmar (2011) gearbeitet.

In der Einreichung finden sich weitere Informationen wie Abstract, Kurz-Vita, offene und weitere Fragen und Literaturangaben.

 
9:00 - 10:30DokForum (R3): Forum der Doktorierenden
Virtueller Veranstaltungsort: Münchner Zoom (2)
Chair der Sitzung: Stefka Weber
Chair der Sitzung: Maria Seyferth-Zapf
 
 
ID: 144 / DokForum (R3): 1
Doktorand*innen-Forum
Stichworte: Privatheit, Jugendliche, Milieu, Habitus, soziale Ungleichheit

Privatheit von Jugendlichen in sozialen Netzwerken

Selina Irnleitner

TU Dresden, Deutschland

Jugendliche wachsen im Zeitalter der Digitalisierung mit den Angeboten und Möglichkeiten der digitalen Sphäre auf, und erleben diese als Gegenstand des alltäglichen Lebens. Während Informations- und Kommunikationstechnologien einerseits Chancen für Vernetzung, Austausch und neue Wege der individuellen Identitätsbildung darstellen, bürgen sie andererseits u. a. Gefahren für die persönliche Privatheit.

Das vorliegende Promotionsprojekt untersucht, wie Heranwachsende zwischen 16 und 19 Jahren ihre Privatheit in sozialen Netzwerken verstehen und wie diese von ihnen konkret ausgestaltet wird. Dabei werden Differenzen der sozialen Hintergründe betrachtet und individuelle Formen der Mediensozialisation unterscheidet. Als Ausgangslage werden bereits bestehende Erkenntnisse zum Nutzungsverhalten unterschiedlicher Plattformen von Jugendlichen betrachtet und Studien diesbezüglich vorgestellt. Da sich die individuelle Konstruktion von Jugendlichen auf die Ausgestaltung des eigenen Wertesystems auswirkt, ist es unerlässlich, das Verhalten Heranwachsender in sozialen Netzwerken und die Konsequenzen für die Privatheit und deren tangierenden Bereichen in den Blick zu nehmen. Anhand der Habitus- und Milieutheorie können somit Rückzüge auf unterschiedliche soziale Ungleichheiten festgestellt werden und Erkenntnisse zur Privatheitskonstruktion Jugendlicher gezogen werden. Methodisch soll das Forschungsvorhaben durch Gruppendiskussionen, Einzelinterviews und der Tagebuchmethode gestützt werden. Es wird ein partizipatorischer Ansatz verfolgt, welche den Heranwachsenden zum einen die Möglichkeit zur Mitgestaltung gibt und zum anderen Jugendliche als Expert*innen der betrachteten Lebensphase anerkennt. Ziel der Dissertation ist es, Unterschiede des Nutzungsverhaltens in sozialen Netzwerken zu untersuchen und im Ergebnis das Verständnis der digitalen Privatheit von Heranwachsenden darzulegen.

Die Einordnung von Privatheit geht von der gesellschaftlichen Ordnung der egalitär-liberalen, westlich-europäischen Welt aus und umschreibt den Standpunkt der darin lebenden Menschen und ihrer sozial konstruierten Welt. Damit das gesellschaftliche Konzept von Privatheit erfasst werden kann, sollen relevante Theorien beschrieben werden. Zudem werden individuelle Einstellungen und Verhaltensweisen von Jugendlichen in sozialen Netzwerken dargestellt und bereits bestehende Studien, welche diese darlegen, vorgestellt. Um soziale Ungleichheiten sichtbar zu machen, bedient sich die Forschungsarbeit der Milieu- und Habitus-Theorie. Durch die Konstitution sozialer Milieus als sozialräumliche Felder, in welche Menschen hineinwachsen, eignen sie sich unbewusst einen Habitus an, der für ihre alltägliche Lebensführung und Biografie funktional ist (Braun, 2020). Anhand dieser Ansätze wird die theoretische Rahmung der Forschungsarbeit eingebettet.

Methodisch wird ein dreistufiges Verfahren gewählt, welches aus einer Gruppendiskussion, narrativen Einzelinterviews sowie der Tagebuchmethode besteht. Die Forschungsarbeit erfolgt nach dem Prinzip ethischer Symmetrie, welches besagt, dass in methodologischer Hinsicht ein reflexiver Umgang mit generationaler Differenz zu praktizieren sei, der gewährleistet, dass sich für Heranwachsende aus ihrem sozialen Status als Jugendliche keine Nachteile ergeben (Eßer und Sitter, 2018). Die Auswertung der Daten wird in Form einer qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring ausgewertet, da sich hier Differenzen von soziokulturellen Hintergründen besonders deutlich zeigen. Zudem stellt die Auswertungsmethode eine transparente und regelgeleitete Form dar und gewährleistet die Reliabilität der Forschung (Mayring, 2016).

Literatur

Braun, K.-H. Entwicklungspädagogische Theorien, Konzepte und Methoden 2. Jugendliche und Jugend. Wiesbaden: Springer-Verlag, 2020.

Eßer, F. und Sitter, M. Ethische Symmetrie in der partizipativen Forschung mit Kindern. In: Forum Qualitative Sozialforschung. 19 (3), 2018. DOI: https://doi.org/10.17169/fqs-19.3.3120.

Mayring, P. Einführung in die qualitative Sozialforschung. Eine Anleitung zu qualitativem Denken. Weinheim: Beltz Verlag, 2016.

Fragen

(1) Verständlichkeit?

(2) Adäquate Methodenwahl?

(3) Empfehlungen zu Medienpädagogischen Konzepten?



ID: 155 / DokForum (R3): 2
Doktorand*innen-Forum
Stichworte: Mediatisierung, Digitalität, Kompetenzmodell, kommunikatives Handeln, Lehrkräftebildung

Mediatisierung kommunikativen Handelns von Lehrkräften. Entwicklung eines integrativen Kompetenzmodells im Kontext von Digitalität

Ann-Kathrin Watolla

Technische Universität Hamburg, Deutschland

Name des Betreuers: Prof. Dr. Sönke Knutzen

Gewünschtes Format: 10 minütiger Vortrag

Seit vielen Jahren wird der Begriff der Digitalisierung verwendet, um die durch den technologischen Wandel bedingten Veränderungsprozesse unserer Lebenswelten in allen gesellschaftlichen Bereichen zu beschreiben (Ladel et al., 2018). Diese Wandlungsprozesse werden aus kultur-, kommunikations-, und medienwissenschaftlicher Perspektive auch als Medienwandel bezeichnet, bei denen Medien neue Formen von Kommunikation und Kultur ermöglichen (Krotz, 2017). Solche Medienwandel sind per se nicht neu, sondern stehen in einer langen Tradition sich verändernder Medienwelten, die grundlegend Einfluss nehmen auf die Art und Weise, wie wir mit der Welt interagieren. Da alle gesellschaftlichen Bereiche als vielfältige und vielschichtige Medienumgebungen gedacht werden müssen, wird der aktuelle Mediatisierungsprozess auch als tiefgreifende Mediatisierung bezeichnet (Hepp, 2018). Der aktuell mit dem Medienwandel einhergehende Wandel von Kommunikation und Kultur versetzt uns dabei in einen Zustand der Digitalität (Stalder, 2016), in dem digitaler und nicht- digitaler Raum untrennbar miteinander verschränkt sind. In bildungstheoretischen und bildungspolitischen Diskursen ist das Narrativ einer Trennung von digital und nicht-digital jedoch immer noch vorherrschend, was sich unter anderem in aktuellen Kompetenzrahmen „für eine digitale Welt“ (z.B. Kultusministerkonferenz, 2017) zeigt. Diese Fokussierung auf das Digitale missachtet dabei die tiefe Verwobenheit zwischen realen und medialen Räumen (Theunert & Schorb, 2010) und die damit verbundenen Implikationen für das kommunikative Handeln (Krotz, 2012). Wenn menschliche Wirklichkeit und die Art, wie wir die Welt verstehen, in einem Prozess sozialer Konstruktion stattfindet, bei dem Kommunikation eine zentrale Rolle einnimmt (Keller et al., 2013), muss kommunikatives Handeln einen zentralen Stellenwert in der Formulierung von Kompetenzanforderungen für Lebenswelten der Digitalität einnehmen. Dies gilt insbesondere für das kommunikative Handeln von Lehrkräften, die bei ihren Schüler:innen eben jene Prozesse der Wirklichkeitskonstruktion initiieren.

An diesem Punkt setzt das vorliegende Dissertationsvorhaben an und verfolgt das Ziel, ein integratives Kompetenzmodell für Lehrkräfte allgemeinbildender Schulen zu entwickeln, das den digitalen sowie den nicht-digitalen kommunikativen Handlungsraum gleichermaßen berücksichtigt. Zur Beantwortung der Forschungsfrage, welche Kompetenzen kommunikativen Handelns Lehrkräfte brauchen, um ihrem Bildungsauftrag in einer durch Mediatisierung geprägten Welt der Digitalität gerecht werden zu können, wird ein exploratives Mixed-Methods-Design verwendet, bei dem das integrative Kompetenzmodell deduktiv-theoretisch erarbeitet und induktiv-empirisch erweitert wird. Aufbauend auf der Theorie des kommunikativen Handelns von Jürgen Habermas und der Mediatisierung des kommunikativen Handelns (Krotz, 2001) werden die Veränderungen für das kommunikative Handeln durch Mediatisierung im Kontext von Digitalität herausgestellt und auf Basis etablierter medienpädagogischer Konzepte (Blömeke, 2000; Baacke, 2007; Jörissen & Marotzki, 2009) mit einer Dokumentenanalyse bestehender Kompetenzbeschreibungen kommunikativen Handelns zusammengeführt. Die sich ergebenden Leerstellen von Kompetenzen kommunikativen Handelns in der Schnittstelle von digitalem und nicht-digitalem Raum werden durch problemzentrierte Interviews im Rahmen einer rekonstruktiven Textanalyse geschlossen. In einem iterativen Forschungsprozess erfolgt so die Entwicklung eines erweiterten Kompetenzmodells kommunikativen Handelns von Lehrkräften im Kontext von Digitalität.
Literatur:

Baacke, D. (2007). Medienpädagogik. Tübingen: Niemeyer.

Blömeke, S. (2000). Medienpädagogische Kompetenz. Theoretische und empirische Fundierung eines zentralen Elements der Lehrerausbildung. kopaed.

Hepp, A. (2018). Von der Mediatisierung zur tiefgreifenden Mediatisierung. In J. Reichertz & R. Bettmann (Eds.), Kommunikation Medien Konstruktion: Braucht die Mediatisie­ rungsforschung den Kommunikativen Konstruktivismus? (pp. 27–45). Springer Fachmedien. https://doi.org/10.1007/978­3­658­21204­9_2

Keller, R., Reichertz, J., & Knoblauch, H. (Eds.). (2013). Kommunikativer Konstruktivismus. Springer Fachmedien Wiesbaden. https://doi.org/10.1007/978­3­531­19797­5

Krotz, F. (2001). Die Mediatisierung kommunikativen Handelns. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. https://doi.org/10.1007/978-3-322-90411-9

Krotz, F. (2012). Von der Entdeckung der Zentralperspektive zur Augmented Reality: Wie Mediatisie­ rung funktioniert. In F. Krotz & A. Hepp (Eds.), Mediatisierte Welten (pp. 27–55). VS Verlag für Sozialwissenschaften. https://doi.org/10.1007/978­3­531­94332­9_2

Krotz, F. (2017). Sozialisation in mediatisierten Welten. In D. Hoffmann, F. Krotz, & W. Reißmann (Eds.), Mediatisierung und Mediensozialisation: Prozesse ­ Räume ­ Praktiken (pp. 21–40). Springer Fachmedien. https://doi.org/10.1007/978­3­658­14937­6_2

Kultusministerkonferenz. (2017). Bildung in der digitalen Welt. Strategie der Kultusministerkonferenz.

Ladel, S., Knopf, J., & Weinberger, A. (Eds.). (2018). Digitalisierung und Bildung. Springer VS.

Stalder, F. (2016). Kultur der Digitalität. Suhrkamp Verlag.

Theunert, H., & Schorb, B. (2010). Sozialisation, Medienaneignung und Medienkompetenz in der me­ diatisierten Gesellschaft. In M. Hartmann & A. Hepp (Eds.), Die Mediatisierung der Alltagswelt (pp. 243–254). VS Verlag für Sozialwissenschaften. https://doi.org/10.1007/978­3­531­92014­6_16

Fragen:

  • Sind die gewählten Forschungsmethoden angemessen und passend gewählt für das Forschungsvorhaben?
  • Wie kann die Verzahnung mit bestehenden Kompetenzmodeeln für Lehrkräfte für eine digital geprägte Welt bestmöglich erfolgen?

Kurzvita:

Ann-Kathrin Watolla arbeitet seit fast 10 Jahren im Themenfeld Digitalisierung und Bildung und hat dabei sowohl eigene digital durchgeführte Bildungsangebote konzizipiert und umgesetzt als auch Hochschulen in der Entwicklung von Digitalisierungsstrategien für Lehre beim Hochschulforum Digitalisierung unterstützt. Seit 2018 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Technische Bildung und Hochschuldidaktik an der Technischen Universität Hamburg. Dort ist sie als wissenschaftliche Beraterin für mediendidaktische Analyse, Anerkennung und Weiterbildung sowie als Koordinatorin der Öffentlichkeitsarbeit in der Hamburg Open Online University tätig.



ID: 151 / DokForum (R3): 3
Doktorand*innen-Forum
Stichworte: Datafizierung, Bildungspraxis, Lernplattformen, sozialsemiotische Diskursanalyse

Präfigurierungen von Nutzer:innenpraktiken durch Lernplattformen

Jasmin Troeger

Georg-Eckert-Institut - Leibniz-Institut für internationale Schulbuchforschung, Deutschland

Digitale Plattformen sind zu neuen Räumen des sozialen Handelns und Daten zu einem eigenen Wertesystem geworden (vgl. Hagendorff 2017; Houben & Prietl, 2018). Vor dem Hintergrund der Digitalisierung von Schule und der zunehmenden Nutzung von adaptiven (Lern-)Plattformen stelle ich die Frage, wie diese Lernplattformen Nutzer:innenpraktiken (Schatzki, 2012) damit verbunden Lehr-/Lernszenarien präfigurieren.



ID: 142 / DokForum (R3): 4
Doktorand*innen-Forum
Stichworte: Medienkompetenz, Volkshochschule, Programmforschung, Gesellschaftliche Teilhabe

Volkshochschulen & Medienkompetenz - Teilhabe in einer durch Digitalisierung geprägten Gesellschaft

Jan Hellriegel

JGU Mainz, Deutschland

Zielsetzung
Ausgehend von der Annahme, dass unsere Gesellschaft in zunehmendem Maße von Digitalisierung und Mediatisierung geprägt ist, lässt sich Medienkompetenz für eine Teilhabe an der Gesellschaft als notwendig erachten. Volkshochschulen haben gesellschaftliche Teilhabe zum Ziel (vgl. DVV 2019, S. 3). Um dieses Ziel zu verwirklichen ist es zunehmendem Maße erforderlich auch die Medienkompetenz der Kursteilnehmenden zu fördern. Aufbauend auf dieser Annahme lässt sich folgende Leitfrage für das Dissertationsprojekt formulieren: Inwiefern werden Volkshochschulen dem Anspruch gerecht, Medienkompetenz in den Kursprogrammen zu verankern? Die Forschungsfrage lässt sich in folgende Teilfragen untergliedern, welche im Zentrum des Dissertationsvorhabens stehen:

Welche Anforderungen an Medienkompetenz lassen sich aus dem wissenschaftlichen Diskurs sowie aus VHS-Verbandsstrategien ableiten? In welchen Kursen der untersuchten Volkshochschulen wird Medienkompetenz adressiert? Inwiefern wird die Verortung von Medienkompetenz in den Kursprogrammen dem Anspruch gerecht? Welche Einflussfaktoren wirken auf die Verortung von Medienkompetenz in den VHS-Kursprogrammen ein?

Theorie- und Forschungsstand

Zur Frage, wie Interaktionen und (Planungs-)Entscheidungen in Volkshochschulen zustande kommen, werden insbesondere Bezüge zur Strukturationstheorie nach Anthony Giddens (1997) hergestellt, da diese Handeln und Regeln in Bezug zueinander setzt. Zur Kontextualisierung dieser Theorie sind insbesondere Bezüge zur Systemtheorie nach Luhmann (2006) sowie zu praxistheoretischen Ansätzen relevant (vgl. Elven/Schwarz 2018, S. 250). Theoretische Vorannahmen zur Medienkompetenz bauen insbesondere auf deutschsprachige Diskurse, z.B. Baacke (1996) u.a. sowie auf internationale Diskurse, insbesondere zu media- und digital literacy auf. Im Kontext des eigenen Vorhabens sind insbesondere die jüngeren DigComp-Modelle relevant (insb. Ferrari 2013; Vuorikari et al. 2016; Carretero/Vuorikari/Punie 2017; BMDW 2018; EU Science Hub 2018).

Empirische Bezüge lassen sich insbesondere zur Forschung im Feld der Kursprogrammanalysen sowie zur Forschung zu Einflussfaktoren auf das Programmplanungshandeln herstellen. Bzgl. der Programmanalysen sind bspw. die Arbeiten von Knaller (1993), Mader (1998), Treumann et. al. (2002), Stang (2003) sowie Hippel (2007) für das eigene Vorhaben relevant, da diese Arbeiten sich ebenfalls mit Kursprogrammen im Feld der Erwachsenenbildung sowie thematisch mit Medien auseinandersetzten. Im Unterschied zur eigenen Arbeit wurden dabei aber zumeist nicht explizit Volkshochschulen beforscht, zudem blieb das DigComp-Modell (vgl. BMDW 2018) bislang unberücksichtigt. Bzgl. der Einflussfaktoren auf das Programmplanungshandeln lassen sich bspw. Bezüge zu Höffer-Mehlmer (1999), Gieseke (2000), Heuer (2003), Stang (2003) und Dollhausen (2008) herstellen.

Methodik und Arbeitsstand

Im Rahmen einer Kursprogrammanalyse wurden mit der qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring Kursprogrammangebote von einem VHS-Sample dem operationalisierten DigComp 2.2 AT-Modell zugeordnet. Ergänzend wurden Telefoninterviews durchgeführt, um Kontextbedingungen zu erfassen. Zuletzt wurden offene Leitfadeninterviews mit Mitarbeitenden an den im Sample enthaltenen Volkshochschulen geführt. Diese dienen dazu, die deduktiv gewonnenen Einflussfaktoren induktiv zu koppeln. Geplant ist es die Dissertationsschrift im Frühjahr 2022 fertigzustellen.

Aktuelle Fragen, an denen gearbeitet wird und wozu Feedback gewünscht wird:

Zum Zeitpunkt des Doktorand*innen-Forums werden voraussichtlich alle Daten bereits erhoben und ausgewertet sein. Die Dissertationsschrift wird zur Tagungszeitpunkt noch nicht fertiggestellt sein. Daher werden insbesondere Fragen im Vordergrund stehen, die das Gesamtvorhaben betreffen, bei der Fertigstellung der Dissertationsschrift behilflich sein können und die auf einen noch ausstehenden Disputationsvortrag vorbereiten, z.B.:

  • Welche Kritikpunkte könnten sich aus der Argumentationsgrundlage bzgl. des eigenen Vorhabens ergeben?
  • Was sind Stärken, was sind Schwächen der gewählten Bezüge (Theorie, Empirie)?
  • Welche Hinweise sollten bei der Fertigstellung der Arbeit noch beachtet werden bzw. noch mit in die Arbeit einfließen?

Literaturnachweise

Baacke, D. (1996): Medienkompetenz – Begrifflichkeit und sozialer Wandel. In: Rhein, A. v. (Hrsg): Medienkompetenz als Schlüsselbegriff. Klinkhardt. Bad Heilbrunn, S. 112 – 124.

BMDW (Österreichisches Bundesministerium für Digitalisierung und Wirtschaftsstandort) (Hsrg.) (2018): Digitales Kompetenzmodell für Österreich. DigComp 2.2 AT. Wien. Verfügbar unter: https://www.bmdw.gv.at/dam/jcr:54bbe103-7164-494e-bb30-cd152d9e9b33/DigComp2.2_V33-barrierefrei.pdf. Abgerufen am: 05.05.2021.

Carretero, S.; Vuorikari, R. & Y. Punie (2017): DigComp 2.1. The Digital Competence Framework for Citizens. With eight proficiency levels and examples of use. Publications Office of the European Union. Luxembourg. Verfügbar unter: http://svwo.be/sites/default/files/DigComp%202.1.pdf. Abgerufen am: 05.05.2021.

DVV (Hrsg.) (2019c): Volkshochschule – Bildung in öffentlicher Verantwortung. Bonn.

Dollhausen, K., & Deutsches Institut für Erwachsenenbildung. (2008). Planungskulturen in der Weiterbildung: Angebotsplanungen zwischen wirtschaftlichen Erfordernissen und pädagogischem Anspruch. Bielefeld. Bertelsmann.

Elven, J. & Schwarz, J. (2018): Praxistheoretische Grundlagen der Organisationspädagogik. In: Göhlich, M.; Schröer, A. & Weber, S.M. (Hrsg.): Handbuch Organisationspädagogik. Springer VS. Wiesbaden, S. 249 – 260.

EU Science Hub (Hrsg.) (2018): DigComp Edu. Framework. Verfügbar unter: https://ec.europa.eu/jrc/en/digcompedu/framework . Abgerufen am: 05.05.2021.

Ferrari, A. (2013): DIGCOMP: A framework for developing and understanding digital competence in Europe. Verfügbar unter: http://digcomp.org.pl/wp-content/uploads/2016/07/DIGCOMP-1.0-2013.pdf. Abgerufen am: 05.05.2021.

Giddens, A. (1997): Die Konstitution der Gesellschaft. Grundzüge einer Theorie der Strukturierung. Campus Verlag. Frankfurt und New York.

Gieseke, W. (2000): Programmplanung und Bildungsmanagement. In: Gieseke, W. (Hrsg.): Programmplanung als Bildungsmanagement? Qualitative Studie in Perspektivverschränkung. Bitter. Recklinghausen, S. 30 – 58.

Heuer, U. (2003): Programmplanungshandeln zwischen Bildungsmanagement und neuen Lernkulturen.“ In: Gieseke, W. (Hrsg.): Institutionelle Innensichten der Weiterbildung. Bertelsmann. Bielefeld, S. 161 – 188.

Hippel, A. v. (2007): Medienpädagogische Erwachsenenbildung. Eine Analyse von pädagogischem Auftrag, gesellschaftlichem Bedarf und Teilnehmendeninteressen. Schriftenreihe der Landesmedienanstalt Saarland. Band 14.

Höffer-Mehlmer, M. (1999): Programmplanung- und organisation. In: Tippelt, Rudolf (Hrsg.): Handbuch Erwachsenenbildung/Weiterbildung. 2. Überarbeitete und aktualisierte Auflage. Leske + Budrich. Opladen, S. 691 – 703.

Knaller, H. (1993): Programmangebote zum Thema Medien an österreichischen Volkshochschulen oder: Nachdenken über ihre Abwesenheit. In: Aufderklamm, K.; Filla, W. & Leichtenmüller, E. (Hrsg.): No sex, no crime. Volkshochschule und Medien. Promedia. Wien. S. 143 – 152.

Luhmann, N. (2006): Organisation und Entscheidung. 2. Auflage. Springer VS. Wiesbaden.

Mader, A. (1998): Multimedia als Angebot – Programmanalyse ausgewählter Einrichtungen. In: Nispel, A.; Stang, R. & Hagedorn, F. (Hrsg.): Pädagogische Innovation mit Multimedia. Frankfurt am Main: DIE. Reihe Perspektive Praxis. Bd. 1: Analysen und Lernorte. S. 51 – 76.

Treumann, K.P.; Baacke, D.; Haacke, K.; Hugger, K.U. & Vollbrecht, R. (2002): Medienkompetenz im digitalen Zeitalter – Wie die neuen Medien das Leben und Lernen Erwachsener verändern. Opladen.

Vuorikari, R.; Punie, Y.; Carretero, S. & L.V.d. Brande (2016): DigComp 2.0: The Digital Competence Framework for Citizens. Update Phase 1: The Conceptual Reference Model. Publication Office oft he European Union. Luxembourg. Verfügbar unter: http://publications.jrc.ec.europa.eu/repository/bitstream/JRC101254/lfna27948ene.epub. Abgerufen am: 05.05.2021.



ID: 149 / DokForum (R3): 5
Doktorand*innen-Forum
Stichworte: digitale Lernumwelt, ethnografische Exploration, Ethnographische Collage, Homeschooling

Digital Homea Learning Environment - digitale Lernumwelten von Schüler*innen der 5. und 6. KLasse entlang der häuslichen Bearbeitung schulischer Aufgaben (Arbeitstitel)

Lea Richter

Universität Bielefeld, Deutschland

Digitale Medien prägen nicht nur das Aufwachsen im Allgemeinen, sondern auch die häusliche Lernumgebung von Heranwachsenden. Besonders mit Beginn der pandemiebedingten Schulschließungen hat sich eine kompetenzorientierte und bildungschanceneröffnende Nutzung digitaler Medien für das schulische Lernen in der Häuslichkeit als bedeutsam erwiesen. Dabei erweist sich die ungleiche Ausstattung kindlicher Lernumwelten im Hinblick auf materielle und soziale Ressourcen für Heranwachsende entscheidend (Paus-Hasebrink 2019). Insbesondere die elterliche Unterstützung scheint einen essenziellen Einfluss im Hinblick auf eine entwicklungsförderliche kindliche Mediennutzung zu nehmen (Richter & Kamin under review).
Zwar deuten Untersuchungen – bereits vor Beginn der Covid-19-Pandemie – daraufhin, dass Eltern und Kinder digitale Medien zur Bearbeitung der Hausaufgaben gemeinsam nutzen (vgl. u. a. Buhl & Bonanati 2020), allerdings ist unklar, in welcher Form eine elterliche Unterstützung erfolgt und inwieweit sich diese als hilfreich erweist. Diesem Forschungsdesiderat widmet sich das Promotionsvorhaben der Autorin, indem die Gestaltungsbedingungen der häuslichen digitalen Lernumwelt von Schüler*innen der fünften und sechsten Klasse detailliert in den Blick genommen werden. Von Interesse ist dabei einerseits, wie die Kinder Medien für schulische Lernprozesse einsetzen und andererseits wie sie von ihren Eltern oder weiteren Bezugspersonen dabei unterstützt werden. Dazu erfolgte eine ethnografische Exploration der häuslichen Lernumgebung von 16 Familien, die mit dem Ziel einer größtmöglichen Kontrastierung (u. a. Alter, Bildung, Beruf, Herkunft, Familiengröße) ausgewählt wurden. Konkret wurde an einem Nachmittag eine teilnehmende Beobachtung während der Hausaufgabenbearbeitung in den Familien durchgeführt. Diese wurde ergänzt durch eine Dokumentation des häuslichen Umfeldes sowie die Kombination aus einem strukturierten Beobachtungsbogen und einer von den Schüler*innen selbst angefertigten Fotodokumentation. Im Anschluss wurden leitfadengestützte Einzelinterviews (Hopf 2013) mit den Eltern sowie Kindern durchgeführt. Die Daten der 16 beobachten Familien werden derzeit zu einem Gesamtbild in Form einer Ethnographischen Collage verdichtet (vgl. Friebertshäuser, Richter & Boller 2013, 387 ff.), sodass ein detailliertes und komplexes Bild der digitalen häuslichen Lernumwelt entsteht.
Im Zuge der pandemiebedingten Schulschließungen im Jahr 2020 wurden darüber hinaus 7 der bereits besuchten Familien von März 2020 bis Juli 2020 begleitet. Die Schüler*innen wurden dabei aufgefordert, ein vorstrukturiertes Lerntagebuch über einen Zeitraum von ca. 2 Wochen zu führen. Im Anschluss daran wurden Telefoninterviews mit den Eltern durchgeführt.
Die vorläufigen Ergebnisse deuten darauf hin, dass der Einsatz digitaler Medien während der Bearbeitung der Hausaufgaben durch die Anlässe für die Mediennutzung, die Zielstellung des Medieneinsatzes, allgemeine Nutzungsgewohnheiten, die genutzten Geräte, die Eltern-Kind-Interaktion sowie die grundsätzliche Einstellung der Eltern gegenüber digitalen Medien beeinflusst ist (Richter & Kamin under review). Darüber hinaus erweist sich bei der Bewältigung des pandemiebedingten Distanzlernens als besonders bedeutsam, inwiefern Kinder über wechselseitig ausgeprägte Selbstlern- und Medienkompetenzen verfügen (Gerhardts et al. 2020).

Hinsichtlich des Promotionsvorhabens ergeben sich folgende Fragen/Bedarfe an Feedback:
- Die bisherige Forschungsarbeit erfolgte, wenngleich die Forschungsinstrumente theorie- und empiriegeleitet erarbeitet wurden, weitestgehend induktiv. Es ergibt sich nun die Frage nach geeigneten theoretischen Ansätzen, in deren Kontext die empirischen Erkenntnisse gesetzt werden könnten.
- Derzeit werden weitere Interpretationsideen erarbeitet, die hinsichtlich ihrer Kohärenz zur Diskussion gestellt werden sollen.
- Ziel der Arbeit ist unter anderem die Auswertungsstrategie der Ethnographischen Collage weiterzuentwickeln, indem sie mit dem Verfahren der Grounded Theory Methodologie stärker verzahnt wird. Das methodische Vorgehen soll daher im Vortrag erläutert und zur Diskussion gestellt werden.

 
9:00 - 10:30Panel8: Partizipation
Virtueller Veranstaltungsort: Zürcher Zoom (3)
Chair der Sitzung: Sonja Ganguin
Chair der Sitzung: Christian Pieter Hoffmann
Chair der Sitzung: Julian Ernst

Medien gestalten - Gesellschaft gestalten. Zu den partizipativen Potenzialen digitaler Medien.

Nutzer:innen sozialer Medien nehmen nicht nur eine rezipierende, sondern auch eine aktive Rolle in der Gestaltung der Plattformen ein. Diese Partizipationsmöglichkeiten und ihr pädagogisches Potenzial werden als entscheidende Komponenten in der Diskussion um die Rolle der Medien für den gesellschaftlichen Zusammenhalt angesehen.

 
 
9:00 - 9:30
ID: 116 / Panel8: 1
Präsentation mit Bezug zum Call
Themen: Präsentation mit Bezug zum Call
Stichworte: digitale Teilhabe, digitale Exklusion, Lernwerkstatt, Theorie des geplanten Verhaltens, ältere Menschen

Wahrgenommene Exklusion und Determinanten der Nutzung digitaler Medien durch ältere Menschen auf der Basis der Theorie des geplanten Verhaltens. Eine qualitative und quantitative Studie im Rahmen des Forschungsprojekts DigiKomS

Heike Hausmann, Erko Martins

Fachhochschule des Mittelstands (FHM) Rostock und Schwerin, Deutschland

Fragestellung

Inwieweit hängt wahrgenommene Exklusion von älteren Menschen mit der (Nicht-)Nutzung digitaler Medien zusammen? Welche Variablen beeinflussen die Nutzung digitaler Medien durch Ältere? Wie kann daraus ein Lernwerkstatt-Konzept entwickelt werden, das Ältere befähigt, digitale Medien (verstärkt) zu nutzen und daraufhin vermittelt über diesen Weg am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben.

Beitrag/Relevanz

Wenn gesellschaftlicher Zusammenhalt etwas „grundsätzlich Gutes und Erstrebenswertes“ ist, muss gefragt werden, ob es gesellschaftlichen Zusammenhalt geben kann, wenn z.B. ältere Menschen als Bevölkerungsgruppe vom Prozess der Digitalisierung systematisch ausgeschlossen sind? Kann es gesellschaftliche Teilhabe – als Voraussetzung für gesellschaftlichen Zusammenhalt – ohne digitale Teilhabe geben? Einen Beitrag zur Beantwortung dieser Fragen will das Forschungsprojekt „DigiKomS“ (Sicherung der Inklusion von älteren Menschen durch Programme zum Erhalt und zur Förderung digitaler Kompetenzen; gefördert vom BMBF, Förderkennzeichen: 13FH027SX8) liefern. Dabei wird neben dem grundsätzlichen Zugang zu digitalen Medien (z.B. Internetanschluss) das kompetente und alltagsrelevante Handeln mit digitalen Medien als Grundlage für digitale Teilhabe aufgefasst. Einer (wahrgenommenen) Exklusion Älterer soll durch eine verstärkte Nutzung digitaler Medien entgegengewirkt werden, indem sowohl digitale Kompetenzen als auch die Einstellung gegenüber der Nutzung digitaler Medien und die Nutzungsmotivation durch die geplante Lernwerkstatt für Ältere gefördert werden.

Theoretische Grundlage

Damit eine zielgerichtete Gestaltung der Lernwerkstatt möglich ist, sind Nutzungsverhalten, Nutzungsabsichten und deren Determinanten zu analysieren. Die theoretische Basis dafür liefert Ajzens vielfältig adaptierbare Theorie des geplanten Verhaltens (Theory of planned Behavior, TPB; Ajzen, 1991), die in diesem Falle auf die Medienwahl und das Medienverhalten angewendet wird. Neben dem Ziel der Steigerung digitaler Medienkompetenzen sind hiernach die Einstellung gegenüber digitalen Medien und die normativen Überzeugungen des persönlichen und gesellschaftlichen Umfeldes – Stichwort: Altersbilder (z. B. Suden, 2020) – sowie weitere Determinanten (Doh, 2020) zu betrachten. Für die spätere Gestaltung der digitalen Lernwerkstatt wird daraus eine Theorie der geplanten Medienwahl und des geplanten Medienverhaltens im Kontext digitaler Medien erarbeitet.

Methode

In einem stufenweisen Design aus qualitativen Interviewstudien mit Älteren (N=25) und einer darauf aufbauenden standardisierten Querschnittbefragung (N=100) sollen Determinanten der Medienwahl und des Medienverhaltens exploriert, zudem ihre Stärke und Bedeutung quantitativ bestimmt und in den Zusammenhang zum wahrgenommenen sozialen und gesellschaftlichen Exklusionsempfinden (Wenzel, 2013) gestellt werden.

Ergebnisse

Ein empirisch fundiertes Modell der Determinanten der digitalen Mediennutzung im Zusammenhang mit wahrgenommener Exklusion wird daraus entstehen, welches als Basis für die Gestaltung und (längsschnittliche) Evaluation einer Lernwerkstatt für Ältere dient.

Limitationen

Die empirischen Untersuchungen werden sich auf Personen aus Mecklenburg-Vorpommern beschränken. Einschränkungen in der externen Validität sind möglich aufgrund des erschwerten Zugangs zu Älteren angesichts der Corona-Pandemie.

Theoretische/ praktische Implikationen

Die erwarteten Erkenntnisse zur spezifischen Struktur von Verhaltensabsichten hinsichtlich der Nutzung digitaler Medien können zum einen Aufschluss darüber geben, welche digitalen Aktivitäten einen alltagspraktischen Nutzen für ältere Menschen haben und zum anderen, welche Faktoren (Einstellung, subjektive Norm, Verhaltenskontrolle) besonders beachtet werden müssen, um älteren Menschen den Einstieg und den kompetenten Umgang mit digitalen Medien zu erleichtern. Bei erfolgreicher Evaluation der Lernwerkstatt kann der Forschungsablauf auf die Erarbeitung von Lernwerkstätten für andere Bereiche oder Zielgruppen übertragen werden. Im Rahmen der Evaluation kann zudem die angestrebte Theorie der geplanten Medienwahl geprüft werden.

Literatur

Ajzen, I. (1991). The theory of planned behavior. Organizational Behavior and Human Decision Processes, 50(2), 179–211. (http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/074959789190020T [19.01.2021])

Doh, M. (2020). Auswertung von empirischen Studien zur Nutzung von Internet, digitalen Medien und Informations-und Kommunikations-Technologien bei älteren Menschen. (Expertisen zum Achten Altersbericht der Bundesregierung). Deutsches Zentrum für Altersfragen.(https://www.researchgate.net/publication/344044707_Auswertung_von_empirischen_Studien_zur_Nutzung_von_Internet_digitalen_Medien_und_Informations-_und_Kommunikations-Technologien_bei_alteren_Menschen_Expertisen_zum_Achten_Altersbericht_der_Bundesregier/link/5f4f9744458515e96d22fea4/download [07.01.2021])

Suden, W. (2020). Digitale Teilhabe im Alter: Aktivierung oder Diskriminierung? In S. Stadelbacher & W. Schneider (Hrsg.), Lebenswirklichkeiten des Alter(n)s: Vielfalt, Heterogenität, Ungleichheit (S. 267–289). Springer Fachmedien. https://doi.org/10.1007/978-3-658-29073-3_9

Wenzel, K. (2013). „Wenn die Welt keinen Wert auf einen legt“—Entstehung und Auswirkungen subjektiv empfundener Exklusion [Universität Kassel]. (https://kobra.uni-kassel.de/bitstream/handle/123456789/2014060245464/DissertationKristinWenzel.pdf;jsessionid=0C48152F5BAEF85F9513A3359A54DCC1?sequence=9 [11.02.2021])



9:30 - 10:00
ID: 117 / Panel8: 2
Unabhängige Präsentation / Projektbericht
Themen: Präsentation mit Bezug zum Call, Unabhängige Präsentation / Projektbericht
Stichworte: Bildungsraum YouTube, Autor*innenschaft auf YouTube, Deutungsmacht des formalen Bildungssystems

Die Rezeption von Erklärvideos durch Schüler*innen auf YouTube: Prävalenz curricularer Deutungsmacht oder ein Riss im Wissensmonopol formaler Bildungssysteme?

Verena Honkomp-Wilkens1,2, Karsten D. Wolf1,2, Patrick Jung1,2

1Universität Bremen, Deutschland; 2ZeMKI, Zentrum für Medien- Kommunikations- & Informationsforschung

Abstract

In einer tiefgreifend mediatisierten Welt eröffnen digitale Medien Zugänge zu Bildungsressourcen jenseits formaler Bildungsangebote. Insbesondere die Videoplattform YouTube prägt durch die Bereitstellung von Tutorials und Erklärvideos die alltäglichen Lernerfahrungen von Jugendlichen in hohem Maße. Ca. 90% der Jugendlichen nutzen YouTube regelmäßig, mehr als 50% zur Informationsrecherche im Internet, nur Suchmaschinen wie z. B. Google werden bei der Suche nach Informationen häufiger als YouTube genannt (vgl. MPFS 2019). YouTube-Kanäle wie der simpleclub werden von Schüler*innen regelmäßig genutzt, um sich auf Klassenarbeiten vorzubereiten oder um sich Nicht-Verstandenes erklären zu lassen (vgl. Wolf et al im Erscheinen). Droht dem Bildungssystem Schule dadurch der Verlust seines hegemonialen Wissens- und Erklärmonopols?

Das Forschungsprojekt „Digitale außerschulische lern- und bildungsbezogene Handlungspraxen von Jugendlichen“ (Dab-J) untersucht das Spannungsfeld zwischen digitalen, informellen Angeboten, sich verändernden Lern- und Rezeptionsverhalten der Jugendlichen und daraus resultierenden Veränderungsbedarfen für formale Bildungssysteme.

In diesem Rahmen werden mindestens 30 qualitative leitfadengestützte Interviews per Videoanruf mit Jugendlichen zwischen 15 und 18 Jahren aus Deutschland geführt. Die Interviews werden inhaltsanalytisch ausgewertet. Im Sinne einer Multi-Site Studie wurden zusätzlich schulische und nicht-schulische Erklärvideos ebenfalls inhaltsanalytisch ausgewertet. Für die Rekonstruktion der Medienrepertoires der Teilnehmenden werden außerdem von diesen erstellte Netzwerkkarten analysiert.

Erste Ergebnisse zeigen in Bezug auf schulbezogene Themen, dass das formale Bildungssystem auch im digitalen Raum auf YouTube durchaus Durchsetzungsmacht besitzt. Jugendliche nutzen bei schulbezogenen Themen besonders jene Erklärvideos und Tutorials, welche ihre Inhalte den Curricula der schulischen Bildungspläne möglichst deckungsgleich anpassen. Die Kanäle fokussieren dabei insbesondere auf das in Schulen tatsächlich geprüfte bzw. prüfbare Wissen. Aber auch die Akteur*innen der am meisten geschauten Kanäle entsprechen im Bereich schulbezogener Erklärvideos und Tutorials den stereotypen Vorstellungen von Lehrenden: weiße, überwiegend männliche Bildungsbürger.

Dagegen beschreiben die Interviewpartner*innen für den außerschulischen Bereich nicht nur eine Fülle an Themen, die sie auf YouTube rezipieren, sondern nennen zahlreiche Kanäle mit einer diversen Autor*innenschaft von YouTuber*innen.

Die Unterschiede in der Diversität sowohl von Themen als auch Autor*innenschaft sollen zunächst detailliert vorgestellt werden. Anschließend soll auf Basis einer Situationsanalyse nach Adele Clarke (vgl. Clarke/Friese/Washburn 2018) erörtert werden, warum die produzierende Beteiligung im Themenfeld schulischer Erklärvideos weniger divers ist und die Inhalte stärker normiert sind als im außerschulischen Bereich. Ebenfalls soll diskutiert werden, ob und wie YouTube Jugendlichen unabhängig von ihrem sozialen Status einen neuen, niedrigschwelligen Zugang zu Wissen und Information bietet (vgl. Wolf 2015), gleichzeitig aber hegemoniale Verteilungsstrukturen von Wissen erhält.

Literatur

Clarke, Adele E., Carrie Friese, und Rachel S. Washburn. 2018. Situational Analysis: Grounded Theory After the Interpretive Turn. 2. Aufl. Thousand Oaks, CA et al.: Sage.

Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (MPFS) (2019): JIM-Studie 2019. Jugend, Information, Medien. Basisuntersuchung zum Medienumgang 12- bis 19-Jähriger: https://www.mpfs.de/fileadmin/files/Studien/JIM/2019/JIM_2019.pdf, Stand 24.02.2021.

Wolf, K. D./Cwielong, I./Kommer, S./Klieme, K. (im Druck): Selbstoptimierung von Schüler/innen durch schulbezogene Erklärvideonutzung: Entschulungsstrategie oder Selbsthilfe? In Bettinger, P./Rummler, K./Wolf, K. D. (Hrsg.), Optimierung in der Medienpädagogik. Forschungsperspek- tiven im Anschluss an den 27. Kongress der DGfE, medienpädagogik.

Wolf, K.D. (2015): Bildungspotenziale von Erklärvideos und Tutorials auf YouTube: Audio-Visuelle Enzyklopädie, adressatengerechtes Bildungsfernsehen, Lehr-Lern-Strategie oder partizipative Peer Education? merz, 59(1), 30-36.



10:00 - 10:30
ID: 138 / Panel8: 3
Präsentation mit Bezug zum Call
Themen: Präsentation mit Bezug zum Call
Stichworte: Co-Creation, Lokaljournalismus, Partizipation, Mediennutzungsverhalten; Nutzer

Co-Creation von Apps für den Lokaljournalismus. Eine Blaupause für die nutzer*innen-zentrierte Entwicklung zur Förderung des gesellschaftlichen Zusammenhalts

Adrian Roeske, Hoch Hendrik

Institut für Informationsmanagement Bremen, Deutschland

Lokaljournalismus befindet sich in einer komplexen Situation: Einerseits sinkt seit Jahren die durchschnittliche Auflage von lokalen und regionalen Abonnementzeitungen, was sich mit einer sinkenden Reichweite überschneidet (BDZV 2020; IfD Allensbach 2020). Andererseits ist ein konstantes Interesse an regionalen und lokalen Ereignissen bei Rezipient*innen auszumachen (Oehmichen/Schröter 2011): Lokale Medien und Berichterstattung gelten als zentral, um „Vertrauen in alle Medien“ zu ermöglichen und gleichzeitig Zivilgesellschaft auf lokaler Ebene sicherzustellen (Snyder 2020). Lokaljournalismus leistet einen Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt, indem beispielsweise lokalpolitische Geschehnisse aufarbeitet und somit Einfluss auf Vertrauen in öffentliche Institutionen stattfindet (Leupold et al. 2018, Yamamoto 2011).

In Zeiten tiefgreifender Mediatisierung konkurrieren Medienproduzenten jedoch zunehmend um die Aufmerksamkeit von Nutzer*innen (Lobigs 2016). Traditionelle lokale Medienhäuser versuchen ihr Angebot im Internet zu etablieren, obgleich die Einnahmen aus Onlineanzeigen häufig nicht ausreichen, um die Produktion zu finanzieren (Möhring/Keldenich 2018). Zudem können Netzwerk- und Skaleneffekte eine Zentralisierung oder gar Monopolisierung von digitalen Angeboten begünstigen (Haucap 2015). Mit Blick auf den Journalismus sind Tendenzen einer zunehmenden Monopolisierung des Zeitungsmarktes zu beobachten, die gleichzeitig Auswirkungen auf den Lokaljournalismus hat, indem sich dort Qualitätsverluste bemerkbar machen (Formatt-Institut 2012) und Informationsdefizite sowie abnehmende Leserzahlen die Folge sind (vgl. Harte et al. 2019; Tang/Lai 2018; Ytry-Arne/Moes 2018).

Wie kann Lokaljournalismus sowohl seiner zugeschriebenen Rolle gerecht werden als auch einen Umgang mit diesen Tendenzen finden? Um ein Szenario zu entwickeln, dass sich dieser Fragestellung annähert, ist im Projekt “Tinder die Stadt” der partizipative Ansatz Co-Creation gewählt worden, in dem gesellschaftliche Akteur*innen als "Co-Forschende" verstanden werden. "Ziel ist es soziale Wirklichkeit zu verstehen und zu verändern” (vgl. Von Unger 2014: 1). Mit den Möglichkeiten zur aktiven Partizipation an Forschung soll gesellschaftliche Teilhabe gefördert (ebd.) und damit gesellschaftlicher Zusammenhalt gestärkt werden. Durch die Bezugspunkte zu partizipativer Softwareentwicklung und zu Service Design kann die Bereitstellung passender Angebote und die Verbesserung von Partizipation erreicht werden (vgl. Aichholzer/Strauß 2015; Nambisan/Nambisan 2013). Verstanden als Werkzeug bietet Co-Creation die Möglichkeit, die Diversität von Ideen zu steigern, zu einer verbesserten Artikulation und gleichzeitig zu einem verbesserten Verständnis der Nutzenden zu kommen (Roeske; Heitmann 2019). Im Projekt wurden Nutzer*innen in sämtliche Phasen der Entwickung und Verwertung einbezogen (vgl. Voorberg/Bekkers/Tummers 2015), um ein Medienangebot zu konzipieren, über welches lokale Nachrichten und Events aggregiert, aufbereitet und bereitgestellt werden. Dabei decken sich die Erkenntnisse der methodischen Herangehensweise im Projekt mit vielen Ansprüchen, die aus Nutzer*innensicht wünschenswert sind (Buschow/Wellbrock 2020).

Co-Creation greift als partizipative Methode soziale Beziehungen als ein Element gesellschaftlichen Zusammenhalts auf, agiert z.B. im Kontext bestimmter Alterskohorten und zieht das Mediennutzungsverhalten als Basis für die Schaffung eines Angebots für den gemeinsamen Erlebnisraum der lokalen Öffentlichkeit heran, um wiederum das Interesse am Lokalen zu fördern. Daraus entstanden ist in der Folge die Plattform „molo.news“, welche partizipativ entlang von Nutzer*innen entwickelt wurde, sich somit gleichzeitig in ein zentrales Diskussionsfeld der Medienpädagogik einordnen lässt (Rössler 2021) und damit über lokaljournalistische Zusammenhänge hinaus zur Geltung kommen kann.

Bibliografie
Roeske, A. (2021, in Druck): Datafizierung, Daten(quellen) und die (Re)produktion digitaler Ungleichheiten in Schule und Schulsozialarbeit. In: Freier, C., König, J., Manzeschke, A., Städtler-Mach, B. (Hrsg.) (2021): Gegenwart und Zukunft sozialer Dienstleistungsarbeit. Chancen und Risiken der Digitalisierung in der Sozialwirtschaft, Wiesbaden: VS.
Helbig, C.; Roeske, A: (2020): Konsequenzen der Digitalisierung für Studium/Ausbildung, Fort- und Weiterbildung von Fachkräften. In: Kutscher, N. et al. (Hrsg.): Handbuch Soziale Arbeit und Digitalisierung. Weinheim: Beltz Juventa
Roeske, A.; Heitmann, K. (2019): Nutzerwünsche an eine alternative Nachrichtenplattform: Co-Creation als Methode partizipativer Sozialforschung. In: Brüggemann, M.; Eder, S.; Tillmann, A. (Hrsg.): Medienbildung für alle. München: Kopaed.
 
10:30 - 11:00P3: Pause
Virtueller Veranstaltungsort: hubs.moz://a
 
11:00 - 12:30Workshop 1: Die Vermittlung von Journalismus- und Demokratiekompetenz: Erfahrungen aus Lehramtsausbildung und Schule
Virtueller Veranstaltungsort: Leipziger Zoom (1)
Chair der Sitzung: Markus Beiler
Chair der Sitzung: Anneke Elsner

Fundamentales Misstrauen in Journalismus und Politik stellt eine Gefahr für das demokratische Gemeinwesen einer Mediengesellschaft dar. Bürgerinnen und Bürgern müssen daher die nötigen Kompetenzen bekommen, um Medien und Politik sachkundig zu kritisieren und sich in demokratische Prozesse und die Produktion von journalistischer Berichterstattung selbstwirksam einzubringen. Für Lehramtsstudierende als künftige Multiplikatorinnen und Multiplikatoren bietet das Zentrum Journalismus und Demokratie der Universität Leipzig seit dem Sommersemester 2020 entsprechende Seminare an. In drei Show-and-Tell-Vorträgen werden die Konzepte und die Effekte dieser Lehrveranstaltungen sowie Erfahrungen aus dem Besuch von Schulen in Sachsen schlaglichtartig vorgestellt.

Fundamentales Misstrauen in Journalismus und Politik stellt eine Gefahr für das demokratische Gemeinwesen einer Mediengesellschaft dar. Bürgerinnen und Bürgern müssen daher die nötigen Kompetenzen bekommen, um Medien und Politik sachkundig zu kritisieren und sich in demokratische Prozesse und die Produktion von journalistischer Berichterstattung selbstwirksam einzubringen. Für Lehramtsstudierende als künftige Multiplikatorinnen und Multiplikatoren bietet das Zentrum Journalismus und Demokratie der Universität Leipzig seit dem Sommersemester 2020 entsprechende Seminare an. In drei Show-and-Tell-Vorträgen werden die Konzepte und die Effekte dieser Lehrveranstaltungen sowie Erfahrungen aus dem Besuch von Schulen in Sachsen schlaglichtartig vorgestellt.

Inhaltlich reicht die Spanne der Lehrveranstaltungen zur Journalismuskompetenz vom eigenständigen Blatt- und Radiomachen für die "Leipziger Volkszeitung" und "Radio Mephisto 97.6" über die Auseinandersetzung mit den Aktivitäten von Journalist*innen auf TikTok, Instagram & Youtube und mit der Macht audiovisueller Medien bis hin zum Erproben von Unterrichtskonzepten zur Entlarvung von Fake News. Demokratiekompetenz wird sowohl in Theoriearbeit über die normativen Grundlagen dieser Lebens-, Gesellschafts- und Herrschaftsform sowie den Arbeitsauftrag der Demokratieerziehung in der Schule vermittelt als auch erfahrungs- und erlebnisorientiert mithilfe der Demokratie-Trainingsmethode "Betzavta".

  • Vom Blattmachen bis zu "Fake News für den Unterricht": Journalismuskompetenz für Lehramtsstudierende (Robert Benjamin Biskop, Judith Kretzschmar, Uwe Krüger, Markus Lücker, Juliane Pfeiffer)
  • Als MDR-Journalist in der 11. Klasse: Erfahrungen mit Dresdner Schüler*innen und Lehrer*innen am Projekttag "Medien und Manipulation" (Ben Hänchen)
  • In den Kopf und unter die Haut: Wie wir Demokratie als Lebens-, Gesellschafts- und Herrschaftsform lehren (Frederik Damerau, Christopher Pollak, Nadine Renkel)
 
11:00 - 12:30Workshop 2: Erlebbare Demokratie: Kommunikation, Konflikt und Konsens im erfahrungsorientierten "Betzavta"-Training
Virtueller Veranstaltungsort: Münchner Zoom (2)
Chair der Sitzung: Anna-Maria Kümritz
Chair der Sitzung: Nadine Renkel
Chair der Sitzung: Jessica Kühn

Die aus Israel stammende Demokratie-Trainingsmethode "Betzavta" ("Miteinander") richtet sich an alle Menschen, die ihre eigene Konfliktkompetenz stärken wollen und die als Multiplikator*innen "Demokratie als Lebensform" in ihrem Alltag und in Institutionen fördern wollen. Im Sommersemester 2021 hat das Zentrum Journalismus und Demokratie erstmals in Deutschland ein dreitägiges "Betzavta"-Blockseminar für Lehramtsstudierende angeboten. In Theorie-Inputs, Kleingruppen-Übungen und Feedback-Runden wird die Auseinandersetzung mit Themen wie Minderheit und Mehrheit, Mitbestimmung und Gleichberechtigung sowie Rechtsstaatlichkeit gefördert und die Fähigkeit vermittelt, das eigene Verhalten in Hinblick auf demokratischen Prinzipien zu hinterfragen und zu überprüfen.

Die aus Israel stammende Demokratie-Trainingsmethode "Betzavta" ("Miteinander") richtet sich an alle Menschen, die ihre eigene Konfliktkompetenz stärken wollen und die als Multiplikator*innen "Demokratie als Lebensform" in ihrem Alltag und in Institutionen fördern wollen. Im Sommersemester 2021 hat das Zentrum Journalismus und Demokratie erstmals in Deutschland ein dreitägiges "Betzavta"-Blockseminar für Lehramtsstudierende angeboten. In Theorie-Inputs, Kleingruppen-Übungen und Feedback-Runden wird die Auseinandersetzung mit Themen wie Minderheit und Mehrheit, Mitbestimmung und Gleichberechtigung sowie Rechtsstaatlichkeit gefördert und die Fähigkeit vermittelt, das eigene Verhalten in Hinblick auf demokratischen Prinzipien zu hinterfragen und zu überprüfen.

In diesem Panel stellen die Betzavta-Trainerinnen Mihaela Raguž-Osterloh und Nadine Renkel Elemente aus diesem Blockseminar vor – allerdings nicht theoretisch, sondern zum Mitmachen und Erleben. Um einen hautnahen Eindruck des Trainingsprogramms zu vermitteln, wird mit 20 Konferenzteilnehmer*innen die Übung "Drei Freiwillige" durchgeführt. In dieser Übung werden die Teilnehmenden dazu aufgefordert, die Positionen von Mehrheiten und Minderheiten einzunehmen und Entscheidungen zu treffen. Anschließend werden sie eingeladen, ihre Positionen und ihr Verhalten in der Gruppe zu reflektieren. In der Auseinandersetzung werden Themen wie Integration, unterschiedliche Einstellungen zu Mehr- und Minderheiten und die Bedeutung von Mehrheitsbeschlüssen thematisiert. Die Wahrnehmung der eigenen Rolle und Wirkung in Gruppen und der Mechanismen von Konfliktaustragung und Konsensfindung durch Kommunikation wird dabei geschärft.

 
11:00 - 12:30Workshop 3: Wie Sie Ihre Schüler*innen zu Lügendetektiv*innen machen
Virtueller Veranstaltungsort: Zürcher Zoom (3)
Chair der Sitzung: Margit Langenbein
Chair der Sitzung: Sven Knobloch
Chair der Sitzung: Klaus Rummler

Wie Sie Ihre Schüler*innen zu Lügendetektiv*innen machen

Ein interaktiver Online-Workshop mit Lie Detectors https://lie-detectors.org/

In diesem Workshop lernen Sie:

  1. Wie Sie Nachrichtenkompetenz im Unterricht bzw. an Jugendliche vermitteln
  2. Welche praktischen  Werkzeuge es zum Umgang mit Fake News gibt

In diesem 90-minütigen Online-Workshop erhalten Sie konkrete Beispiele und Werkzeuge, wie Sie die Themen Desinformation, Fakten-Check und Nachrichtenkompetenz in Ihren Unterricht integrieren können und worauf es ankommt, wenn man mit Schüler*innen über Desinformation und Qualitätsjournalismus sprechen will.

Dazu stellen Margit Langenbein, Projektkoordinatorin bei Lie Detectors sowie Sven Knobloch, MDR Journalist und Netzwerkkoordinator bei Lie Detectors,  ihr Konzept der Nachrichtenkompetenz-Vermittlung vor und führen Sie Schritt für Schritt und interaktiv in die Thematik ein.

Lie Detectors ist ein europäisches Projekt, das sich für mehr Nachrichtenkompetenz an Schulen einsetzt. Dazu vermitteln sie unter anderem qualifizierte Journalist*innen an interessierte Schulklassen für eine - momentan online durchgeführte- Unterrichtsstunde rund um die Themen Fakten-Checken und Falschmeldungen entlarven.

 
12:30 - 13:302. Mittags: Pause
Virtueller Veranstaltungsort: hubs.moz://a
 
13:30 - 15:00Panel9: Populismus & Polarisierung
Virtueller Veranstaltungsort: Leipziger Zoom (1)
Chair der Sitzung: Patrick Bettinger
Chair der Sitzung: Anneke Elsner

Populismus, Polarisierung & Desinformation im Netz. Gefahren für den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Online-Plattformen scheinen für populistische und extremistische Kommunikationsstrategien und -stile, welche zur Polarisierung der Gesellschaft und damit zu einer Schwächung des gesellschaftlichen Zusammenhaltes beitragen, einen Nährboden zu bereiten. Zugleich sind Suchmaschinen, Netzwerk- oder Videoplattformen mittlerweile unverzichtbare Werkzeuge, um sich in der verfügbaren Vielfalt des Internets zu orientieren und neue Formen der Vergemeinschaftung zu initiieren. Was in vielen Situationen dabei helfen kann, einen Einblick in das Meinungsklima des sozialen Umfelds und die Vielfalt denkbarer Haltungen zu gewinnen, kann im Extremfall in populistischen «Echokammern» münden, in denen sich Menschen nur noch in ihrer vorgefassten Meinung bestätigen oder gar radikalisieren, was sich etwa in der Zunahme von «hate speech» ausdrückt.

 
 
13:30 - 14:00
ID: 121 / Panel9: 1
Präsentation mit Bezug zum Call
Themen: Präsentation mit Bezug zum Call
Stichworte: Gesellschaftlicher Zusammenhalt, Integration, Medienvertrauen, Meinungspolarisierung, Mediennutzung

Die desintegrative Spirale eindämmen: Nutzung traditioneller und digitaler Medien als Kanalisierungsmechanismen zwischen Misstrauen gegenüber Medien und Meinungspolarisierung

Daniel Stegmann1, Christina Viehmann1, Oliver Quiring1, Nikolaus Jackob1, Marc Ziegele2

1Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Deutschland; 2Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf

Eine normative Forderung an die Medien lautet, dass sie Gesellschaften integrieren sollen, indem sie einen „common meeting ground“ mittels gemeinsamer Themen, Informationen und Wissen schaffen (Imhof, 2013; Katz, 1996; Vlašić, 2004). Dies ermöglicht den Bürger*innen einerseits die aktive Deliberation und Partizipation am politischen Prozess. Andererseits produziert Integration durch Medien gesellschaftlichen Zusammenhalt, indem sie zur Selbstwahrnehmung der Bürger*innen als Teil einer Gemeinschaft beiträgt (Imhof, 2013). Wenn die Medien die Integrationsfunktion nicht (mehr) erfüllen, indem sie z. B. zur Polarisierung der Bürger*innen beitragen, ist der Zusammenhalt gefährdet.

Kommunikationswissenschaftliche Befunde verdeutlichen in diesem Kontext, dass die Nutzung unterschiedlicher Medienkanäle und Plattformen zu Polarisierung beitragen kann (Tewksbury & Riles, 2015, Tucker et al., 2018). Diese Effekte haben ihren Ursprung in der Art und Weise, wie gesellschaftliche Debatten in den verschiedenen Medienkanälen dargestellt werden – vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk (Ö-R), der eine integrative Funktion in der Gesellschaft erfüllen soll (BVerfG, 1971; Helberger, 2015; Mahrt, 2019), bis hin zu alternativen Medien, die darauf abzielen, Anti-Establishment-Narrative zu verbreiten (Boberg et al, 2020; Holt et al., 2019). Die Nutzung verschiedener Informationsquellen (d.h. die Zusammensetzung des eigenen Medienrepertoires) hängt wiederum entscheidend vom Vertrauen in die Medien ab – misstrauische Rezipienten wenden sich z.B. von Mainstream-Medien ab (Fletcher & Park, 2017). Wir schlagen daher vor, die Nutzung verschiedener Medienquellen für aktuelle Informationen als integrative vs. desintegrative Mechanismen zu verstehen. Diese helfen dabei zu erklären, wie sich die Meinungsbildung bei Menschen mit unterschiedlichem Medienvertrauen vollzieht – wann also (Themen-)Polarisierung über die Nutzung verschiedener Informationskanäle entsteht. Konkret wird angenommen, dass z.B. die Berichterstattungsmaxime im öffentlich-rechtlichen Rundfunk und Qualitätszeitungen zu einer integrativen Wirkung beitragen, wohingegen bspw. übermäßiger Negativismus in alternativen Medien desintegrativ wirkt.

Um unsere Annahmen zu testen, stützen wir uns auf mehrere Wellen einer repräsentativen Querschnittsbefragung in Deutschland, die die politischen und medienbezogenen Einstellungen der Bevölkerung untersucht. Im Zentrum unseres Kernmodells steht der Zusammenhang zwischen Vertrauen in Medien und der Extremität individueller Einstellungen zu einem aktuellen politischen Thema (Flüchtlingspolitik). Dazwischen betrachten wir sieben verschiedene Medienkanäle und -plattformen als vermittelnde Mechanismen. Um die Robustheit der Ergebnisse zu gewährleisten, wurde dieses Kernmodell in verschiedenen Jahren (2016, 2017, 2018, 2020) und mit verschiedenen Themen (z.B. Diesel-Abgasskandal, Corona-Maßnahmen) repliziert. Anhand eines Pfadmodells (R-Paket Lavaan) mit Alter, Geschlecht, Region, Bildung und wirtschaftlichen Zukunftsaussichten als Kontrollvariablen zeigen unsere Ergebnisse, dass das Vertrauen in Medien konsistent mit der Nutzung verschiedener Medienkanäle für aktuelle Informationen zusammenhängt: Mehr Vertrauen führt zu einer intensiveren Nutzung von Ö-R, Zeitungen und traditionellen Medien auf ihren Websites und Apps. Hohes Vertrauen führt außerdem zu weniger Nutzung von alternativen Medien und SNS. Beziehen Menschen aktuelle Informationen über den Ö-R und Zeitungen, so weisen sie unabhängig vom Thema (außer 2018) weniger extreme Einstellungen auf. Auch der indirekte Pfad ist signifikant, sodass gefolgert werden kann, dass die Nutzung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und von Zeitungen als Kanalisierungsmechanismen für den integrativen Einfluss von Vertrauen in Medien auf ein niedrigeres Niveau extremer Meinungen in einer Gesellschaft dienen. Der Kanal über alternative Medien und SNS scheint nicht einheitlich eine Negativspirale auszulösen, sondern war zeit- und themenabhängig (für differenzierte Befunde zur Nutzung alternativer Medien, s. auch Schwarzenegger, 2021). Die Ergebnisse sollen im Lichte einer differenzierteren Rezeptionsperspektive diskutiert werden.

Literatur

Boberg, S., Quandt, T., Schatto-Eckrodt, T., & Frischlich, L. (2020). Pandemic Populism: Facebook Pages of Alternative News Media and the Corona Crisis -- A Computational Content Analysis (Muenster Online Research (MOR) Working Paper 1/2020). Abgerufen von: https://arxiv.org/abs/2004.02566

BVerfGE (1971). BVerfGE 31, 314. 2. Rundfunkentscheidung. Abgerufen von: https://www.servat.unibe.ch/dfr/bv031314.html

Fletcher, R., & Park, S. (2017). The impact of trust in the news media on online news consumption and participation. Digital Journalism, 5(10), 1281–1299. https://doi.org/10.1080/21670811.2017.1279979

Helberger, N. (2015). Merely facilitating or actively stimulating diverse media choices? Public service media at the crossroad. International Journal of Communication, 9, 1324-1340. https://ijoc.org/index.php/ijoc/article/view/2875

Holt, K., Figenschou, T. U., & Frischlich, L. (2019). Key dimensions of alternative news media. Digital Journalism, 7(7), 860–869. https://doi.org/10.1080/21670811.2019.1625715

Imhof, K. (2013). Austritt aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit: Wie differenzieren wir das Soziale?. In K. Imhof, R. Blum, H. Bonfadelli, & O. Jarren (Hrsg.), Stratifizierte und segmentierte Öffentlichkeit (S. 79–90). Springer VS.

Katz, E. (1996). And deliver us from segmentation. Annals of the American Academy of Political and Social Science, 546, 22–33.

Mahrt, M. (2019). Beyond filter bubbles and echo chambers: The integrative potential of the Internet. Digital Communication Research.

Schwarzenegger, C. (2021). Communities of Darkness? Users and Uses of Anti-System Alternative Media between Audience and Community. Media and Communication, 9(1), 99-109. http://dx.doi.org/10.17645/mac.v9i1.3418

Tewksbury, D. & Riles, J. (2015). Political polarization as a function of citizen predispositions and exposure to news on the Internet. Journal of Broadcasting & Electronic Media, 59(3), 381–398. https://doi.org/10.1080/08838151.2015.1054996

Tucker, J., Guess, A., Barberá, P., Vaccari, C., Siegel, A., Sanovich, S. Stukal, D., & Nyhan, B. (2018). Social Media, Political Polarization and Political Disinfor­mation: A Review of the Scientific Literature. Report prepared for the Hewlett Foundation. Abgerufen von: https://papers.ssrn.com/sol3/papers.cfm?abstract_id=3144139

Vlašić, A. (2004). Die Integrationsfunktion der Massenmedien. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.



14:00 - 14:30
ID: 124 / Panel9: 2
Präsentation mit Bezug zum Call
Themen: Präsentation mit Bezug zum Call
Stichworte: Medienökologie, Medienbildung, Medienpädagogik

Digitale Fragmentierung - Verhindern digitale Plattformen gesellschaftlichen Konsens?

Jens Holze

Otto-von-Guericke-Universität, Deutschland

Wenn die 1990er Jahre als der Aufstieg der digitalen Netzmedien mit dem Internet als grundlegender Infrastruktur und dem World Wide Web als dominanter Applikation betrachtet werden können und wenn die 2000er und frühen 2010er Jahre als deren Transformation zu einem Social Web interpretiert werden können, während der einige wenige global agierende Player wie Google, Facebook, Microsoft, Apple oder Amazon ihre Dominanz im Netz haben verfestigen können und mittels ihrer großen Plattformen sich im Alltag von Milliarden von Menschen verewigt haben, dann sind die letzten 10 Jahre womöglich der Zeitraum in dem die sich daraus ergebenden Konsequenzen für Individuum und Gesellschaft anhand vieler Phänomene erfahrbar, verstehbar und empirisch erfassbar geworden sind. Ein aktuelles Phänomen scheint dabei die Fragmentierung des World Wide Webs durch kommerzielle Anbieter und ihre auf massenhafte Nutzung ausgelegten Plattformen zu sein, die entegegen der frühen Webanwendungen immer weniger auf den Austausch untereinander setzen, sondern die Nutzenden vielmehr in ihrem Ökosystem halten wollen. Das widerspricht insbesondere der Idee des Internet, welches als Netz zwischen Netzen eigentlich universalen Austausch fördern sollte, sich nun aber scheinbar mit kommerziellen Anwendungen eher in das Gegenteil entwickelt. Dies ist insbesondere eine Herausforderung für Prozesse von Medienbildung, die dem Subjekt gegenüber komplexer werdenden Medienwelten zu Autonomie verhelfen sollen (vgl. Holze 2017, Jörissen & Marotzki 2009).

Theoretisch werden in diesem Beitrag mit einer medienökologischen Perspektive nach Harold Innis, Marshall McLuhan und Robert K Logan zunächst eine Beschreibung und auch erste Begründungsfiguren für diese digitale Fragmentierung entwickelt, wobei im Kern der Aspekt der Retribalisierung, den McLuhan für elektrische Medien als dominant beschrieben hat, relevant scheint. Er versteht darunter eine Rückkehr zur Sinneswelt der Stammeskulturen, bei denen ein Gleichgewicht der Sinne noch ausgeprägt war, bevor das geschriebene und dann das gedruckte Wort die Macht übernahmen und damit andere Vergemeinschaftungsformen wie Imperien und Nationalstaaten ermöglichten. Durch die elektronischen Medien entstehe aber wieder das, was McLuhan als Globales Dorf (im Orig. Global Village) beschreibt (vgl. McLuhan 1962: 31, McLuhan 1992: 113). Es wird dann überblickshaft diskutiert, welche Konsequenzen dies für moderne Gesellschaften haben kann und bereits hat. McLuhans durchaus kritische Position zu den Post-Gutenberg-Medien hebt insbesondere auf den Effekt von Medien als Hersteller medialer Umwelten ab. Dies betrachtet er als eine meist nur schwer wahrnehmbare Konsequenz, die allen Medien innewohnt: „Because all media, from the phonetic alphabet to the computer, are extensions of man that cause deep and lasting changes in him and transform his environment. Such an extension is an intensification, an amplification of an organ, sense or function, and whenever it takes place, the central nervous system appears to institute a self-protective numbing of the affected area, insulating and anesthetizing it from conscious awareness of what’s happening to it.“ (McLuhan und Zingrone 2005: 226). Wir Menschen seien diesen Entwicklungen gegenüber also folglich taub.

Viele aktuelle Beobachter*innen greifen diese Phänomene in unterschiedlichen Perspektiven auf, unter anderem Felix Stalder in seiner Kultur der Digitalität oder Andreas Reckwitz in seiner Gesellschaft der Singularitäten. Meist werden digitale Medien hier aber lediglich als Symptom (spät-)moderner Transformationsprozesse untersucht, nicht aber als deren Voraussetzung. Eine medienökologische Perspektive ist in der Lage, diese konzeptionelle Lücke zu schließen.

Im Ausblick sollen Ideen vorgestellt werden, die gegebenenfalls zur Immunisierung gegen die beschriebenen Fragmentierungstendenzen beitragen können. Dabei wird sowohl die Subjektebene und damit eine Perspektive Strukturaler Medienbildung als auch die breitere gesellschaftliche Ebene in den Blick genommen. Beide Perspektiven scheinen für einen Umgang mit dem Phänomen notwendig, gleichzeitig zeigt sich daran auch, dass von einem komplexen Spannungsfeld unterschiedlicher Einflüsse auszugehen ist. Insofern wird auch für einen breiten interdisziplinären Ansatz geworben, da keine wissenschaftliche Disziplin allein in der Lage ist, das Phänomen adäquat zu beschreiben oder ihm zu begegnen. Gleichzeitig wird die Rolle der Bildungswissenschaft betont, die bei aktuellen gesellschaftlichen Diskussionen unbegründet ins Hintertreffen zu geraten scheint, obwohl ihr vielmehr eine zentrale Rolle in der Analyse und der Findung von individuellen und kollektiven Bewältigungsstrategien zukommt.

Bibliografie
Holze, Jens (2020) Digitale Fragmentierung - die Implosion diskursiver Räume. In Zukunft: die Diskussionszeitschrift für Politik, Gesellschaft und Kultur / Wien: VA Verl., Ausgabe 9, S. 18-23

Holze, Jens (2020) (Wie) Medien umwelten: Medienbildung und der Blick unter die Haube. In MedienPädagogik: Zeitschrift für Theorie und Praxis der Medienbildung, 39, S. 70-85.

Holze, Jens (2017) Digitales Wissen : bildungsrelevante Relationen zwischen Strukturen digitaler Medien und Konzepten von Wissen. Dissertation zur Erlangung des Dr. phil. thesis, Otto-von-Guericke-Universität. http://dx.doi.org/10.25673/4666

Marotzki, Winfried, Holze, Jens & Verständig, Dan (2013) Analyzing Virtual Data. In The Sage handbook of qualitative data analysis, Hrsg. Flick, U.) Sage Publications, London, S. 250-264.


14:30 - 15:00
ID: 141 / Panel9: 3
Präsentation mit Bezug zum Call
Themen: Präsentation mit Bezug zum Call
Stichworte: Desinformation, Socialbots, Digitale Öffentlichkeit, Macht, Software

Zwischen Deliberation und Desinformation: Über die Herstellung von Orientierung in digitalen Öffentlichkeiten und medienpädagogische Handlungsstrategien

Dan Verständig

Otto-von-Guericke-Universität, Deutschland

In einer Zeit, in der Fakten verhandelbar erscheinen, Fake News, Hate Speech und soziale Entgrenzung die medialen Diskurse bestimmen und populistische Gehalte gleichzeitig zu lebensweltlichen Alltagsproblemen von ganzen sozialen Gruppierungen werden, scheinen deliberative Demokratietheorien ebenso an die Grenzen ihrer Erklärungskraft zu stoßen, wie gesellschaftstheoretische Beschreibungen, die sich den pluralisierenden Tendenzen verwehren und damit die Symptome eines postfaktischen Zeitalters ausblenden. Soziale Medien und die dadurch konstituierten Sozialen Medien sind von einer hohen Ambivalenz geprägt (Verständig, 2020). Einerseits machen sie es den Menschen erstaunlich leicht, sich mitzuteilen, persönliche Eindrücke sowie Erfahrungen mit anderen zu teilen. Andererseits zeichnen sie ein komplexes Bild von Prozessen der sozialen Aushandlung, Konfrontation durch Gegen- oder sogar Hass Rede und beeinflussen damit die individuelle Positionierung der Einzelnen in der Welt. Dies führt zu einer Rekonfiguration von bestehenden Machtverhältnissen (Brunton & Coleman, 2014; Galloway & Thacker, 2007; Wessler, 2018).

Diese komplexe und komplizierte Verflechtung sozialer Aushandlungsprozesse, digitaler Technologien und sozialer Medien verweist auf eine gesellschaftstheoretische Grundproblematik, die nicht nur politik- und kommunikationswissenschaftlich oder philosophisch aufgeladen ist, sondern auch die Fragen der Bildung im digitalen Zeitalter im Kern betreffen. Denn wenn Postfaktizität kritiklos hingenommen wird, verlieren Rationalität und die Kraft des besseren Arguments ihren Wert, was zwangsläufig die tragenden Säulen demokratisch verfasster Gesellschaften berührt und zu einer Emergenz von Herrschaftsformen führt, die geprägt sind durch Informationsmanipulation, Mobilisierung von Gefühlen und subjektiven Stimmungen. In der Konsequenz wird gesellschaftlicher Zusammenhalt an den Stellen erschüttert, an denen digitale Technologien in die intimsten Bereiche der einzelnen Gesellschaftsmitglieder über ihre persönlichen Smartphones eindringen (Chun, 2016).

Im Beitrag sollen Praktiken im Umgang mit Desinformationen und der Herstellung von individueller Orientierung untersucht werden. Dies geschieht in zwei Schritten. Erstens erfolgt eine theoretisch-begriffliche Einordnung einschlägiger internationaler Studien zur Segregation in sozialen Arenen (Bruns, 2019; Gillespie, 2016; Hui Kyong Chun, 2011; Marwick & boyd, 2011; Nechushtai & Lewis, 2019), die insbesondere durch Programmier- und Kommunikationspraktiken über Social Bots (Gehl & Bakardjieva, 2017; Graham & Auckland, 2017) beeinflusst werden, um so auf die Strukturiertheit von machtförmigen Figurationen und Prozesse der Aushandlung und politisch-ästhetischen Expression hinzudeuten. Im Anschluss daran soll eine konzeptionelle Einordnung hinsichtlich der kollaborativen und gemeinschaftlichen „Entzauberung“ von Desinformation vorgenommen werden. Die Grundlage hierfür bilden ausgewählte Case Studies aus dem Mikroblogging-Netzwerk Twitter. Hierbei wird theoretische Framework zur Resilienz gegenüber Online Desinformation von Humprecht et al. (2020) diskutiert und mit Blick auf den Gegenstandsbereich eingeordnet werden. Der Beitrag will damit auf die Komplexität der Aushandlungen, die auf unterschiedlichen technologischen Ebenen stattfinden hinweisen. Damit kann eine Grundlage für die Ableitung weitergehender medienpädagogischer Handlungsstrategien gegeben werden, denn wenn sich eine Rekonfiguration von bestehenden Machtverhältnissen diskutieren lassen kann, die das Subjekt nicht ausklammert, sondern im Sinne der Befähigung und demokratischen Teilhabe als Akteur einbezieht, bieten sich verschiedene Praktiken und Methoden der Aufklärung über die komplexen Zusammenhänge an.

Bibliografie
Bruns, A. (2019). Are Filter Bubbles Real? POLITY PRESS.

Brunton, F., & Coleman, G. (2014). Closer to the Metal. In T. Gillespie, P. J. Boczkowski, & K. A. Foot (Hrsg.), Media Technologies (S. 77–98). The MIT Press. https://doi.org/10.7551/mitpress/9780262525374.003.0004

Chun, W. H. K. (2016). Updating to remain the same: Habitual new media. The MIT Press.

Galloway, A. R., & Thacker, E. (2007). The exploit: A theory of networks (Bd. 21). ebrary, Inc.

Gehl, R. W., & Bakardjieva, M. (Hrsg.). (2017). Socialbots and Their Friends: Digital Media and the Automation of Sociality (1. Aufl.). Routledge. https://doi.org/10.4324/9781315637228

Gillespie, T. (2016). #trendingistrending: When algorithms become culture. In R. Seyfert & J. Roberge (Hrsg.), Algorithmic Cultures: Essays on Meaning, Performance and New Technologies. Routledge.

Graham, T., & Auckland, R. (2017). Do Socialbots Dream of Popping the Filter Bubble? The Role of Socialbots in Promoting Deliberative Democracy in Social Media. In R. W. Gehl & M. Bakardjieva (Hrsg.), Socialbots and Their Friends: Digital Media and the Automation of Sociality (S. 186–206). Routledge.

Hui Kyong Chun, W. (2011). Crisis, Crisis, Crisis, or Sovereignty and Networks. Theory, Culture & Society, 28(6), 91–112. https://doi.org/10.1177/0263276411418490

Humprecht, E., Esser, F., & Van Aelst, P. (2020). Resilience to Online Disinformation: A Framework for Cross-National Comparative Research. The International Journal of Press/Politics, 25(3), 493–516. https://doi.org/10.1177/1940161219900126

Marwick, A. E., & boyd, danah. (2011). I tweet honestly, I tweet passionately: Twitter users, context collapse, and the imagined audience. New Media & Society, 13(1), 114–133. https://doi.org/10.1177/1461444810365313

Nechushtai, E., & Lewis, S. C. (2019). What kind of news gatekeepers do we want machines to be? Filter bubbles, fragmentation, and the normative dimensions of algorithmic recommendations. Computers in Human Behavior, 90, 298–307. https://doi.org/10.1016/j.chb.2018.07.043

Verständig, D. (2020). Soziale Medien zwischen Disruption und Synthese—Eine bildungstheoretische Perspektive auf Praktiken des Codings zur Herstellung von digitalen Öffentlichkeiten. In P. Klimczak, C. Petersen, & S. Breidenbach (Hrsg.), Die Gesellschaft im Spiegellabyrinth sozialer Medien. Kultur-, Sozial- und Computerwissenschaftliche Zugänge zur Onlinekommunikation (S. 26–43). Springer Fachmedien.

Wessler, H. (2018). Habermas and the media. Polity.
 
13:30 - 15:00Panel10: Lehrende & Lernumgebung
Virtueller Veranstaltungsort: Münchner Zoom (2)
Chair der Sitzung: Mandy Schiefner-Rohs
Chair der Sitzung: Jessica Kühn

Diskurs lehren: Die Bedeutung von Lehrpersonen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Im Rahmen einer umfangreichen Betrachtung von Bildungsinstitutionen, welche als entscheidende Instanzen für gesellschaftlichen Zusammenhalt angesehen werden, müssen auch Lehrkräfte als zentrale Bezugspersonen für lernende Individuen in den Fokus genommen werden. Innerhalb des Panels werden sowohl die Ausbildung als auch die didaktische Praxis von Lehrenden betrachtet und in Kontext mit gesellschaftlichem Zusammenhalt diskutiert.

 
 
13:30 - 14:00
ID: 123 / Panel10: 1
Präsentation mit Bezug zum Call
Themen: Präsentation mit Bezug zum Call
Stichworte: Köhäsion, Kommunikation, Informationsbeschaffung, Kooperation, universitäte Lehre, Bibliothek

Kohäsion und Kommunikation im universitären Kontext: Anmerkungen zur digitalen Transformation von Informationsbeschaffung und -nutzung in der Lehrerbildung

Ulrike Stadler-Altmann, Gerda Winkler, Eva-Elisabeth Moser

Free University of Bozen-Bolzano, Italien

Gesellschaftlicher Zusammenhalt wird in Bildungseinrichtungen (Eckert, 2007) als Teil eines individuellen aber gesellschaftlich verantworteten Sozialisationsprozesses in den entsprechenden Lebensphasen (Abels & Honig, 2008) erlebt und erlernt. Dabei sind die kommunikativen Prozesse und das geteilte Erleben einer Gemeinschaft von entscheidender Bedeutung und diese finden in Räumen statt, sei es physisch, virtuell, analog, digital oder hybrid. Typischer Weise ist das Lehren und Lernen in Bildungsinstitutionen in spezifizierte Räume, wie z.B. Klassen- und Fachräume an einer Schule, Vorlesungssäle, Seminarräume und Bibliotheken an einer Universität, eingebettet. Aktuell tragen digitale Innovationen in der Bildung dazu bei, die Lehr- und Lernräume einer Universität zu verschmelzen und die klaren strukturellen Raumzuordnungen aufzulösen bzw. weiter zu entwickeln (Stadler-Altmann et al., 2020). Die Forderungen, dass sich das Lehr- und Lernangebot an einer Universität den gesellschaftlichen Veränderungen anpassen muss, ist so alt wie die Universität selbst und der Ruf nach angepassten, digitalen Lehrformaten und Lernangeboten wird durch die internationalen Untersuchungen wie TRENDS 2015 (Sursock, 2015) und den NMC Horizon Report (Adams Becker et al., 2017) lauter. Dadurch entsteht der Eindruck, dass eine Universität, die diesen Forderungen nicht nachkommt, vormodern, traditionell und nicht den Entwicklungen einer demokratischen, zukunftsfähigen Gesellschaft (Mayrberger, 2018) angepasst sei. Aber die Digitalisierung hat die Lehre und das Lernen an Hochschulen längst verändert, im Präsenzunterricht, beim Selbst- und Fernstudium der Studierenden, in den Rahmenbedingungen und durch die Nutzung von Lehr- und Lernmedien, deren Formate sich zwar immer weiter, aber noch nicht in allen Fachbereichen vollständig von herkömmlichen Print- auf digitale Versionen verlagern. Diese Veränderungen beeinflussen auch die Kommunikationsprozesse und die Prozesse der Informationsbeschaffung, sowie deren Einfluss auf den Lehr- und Forschungsbetrieb. Insbesondere wenn Kommunikationssituationen zwischen Präsenz-, Hybrid- und Online-Modus schwanken. Deutlich wurde dieser Zusammenhang im Zuge der Pandemiemaßnahmen, als zeitweilig weder die Universität an sich noch die Bibliothek zu betreten waren und alle Lehr- und Forschungsanstrengungen in die digitale Welt verlegt wurde (Breitenbach, 2021). Dabei wurde sichtbar, dass sich der Zugriff auf Informationen und die Kommunikation der Universitätsgemeinschaft stark verändern (Mayrberger, 2020) und Bibliotheken, sowie die Nutzung der Bibliotheksbestände im Rahmen der Forschung und der Lehre hier eine zentrale Rolle spielen. So wurde der Ausbau digitaler Bestände vorangetrieben, um eine digitale Lehre in der Pandemie und darüber hinaus zu ermöglichen. Nur wie verändert sich das wissenschaftliche, gesellschaftlich geteilte Wissen, wenn nur mehr digitale Bestände genutzt werden können? Am Beispiel der Lehre im Rahmen der Lehrerbildung an der Freien Universität Bozen-Bolzano werden im geplanten Beitrag diese Veränderungen dargestellt. Ausgehend vom Modul „Forschungsmethoden und wissenschaftliches Arbeiten in Bildungskontexten“ und dem informationstechnologischen Kurs der Bibliothek werden zum einen die nötigen kooperativen Abstimmungen sichtbar und zum anderen reflektiert, inwieweit Kommunikation und Information einen gesellschaftlichen Zusammenhalt erzeugen, wenn Lehrerbildung als Ausdruck eines gesellschaftlichen Willens betrachtet wird.

Bibliografie
Abels, H.; Honig, M.-S. (2008), Lebensphasen – eine Einführung, Wiesbaden: VS Verl. Für Sozialwissenschaften.
Adams Becker, S., Cummins, M., Davis, A., Freeman, A., Hall Giesinger, C., & Ananthanarayanan, V. (2017). NMC Horizon Report 2017. Higher Education Edition. Austin, Texas: The New Media Consortium. https://library.educause.edu/-/media/files/library/2017/2/2017 horizonreporthe.pdf
Breitenbach, A. (2021), Digitale Lehre in Zeiten von Covid-19: Risiken und Chancen, Marburg
Eckert, R., Der Beitrag des Bildungssystems zum Zusammenhalt der Gesellschaft, in: Molt, P. & Dickow, H. (Hrsg.), Kulturen und Konflitke im Vergleich. Festschrift für Theodor Hanf, Baden-Baden: Nomos Verl.-Ges., S. 894-904.
Mayrberger, K. (2020), Digitalisierung und Digitalität in der Hochschulbildung, in: Bildung und Erziehung, 73, S. 136-154.
Mayrberger, K. ((2018), Zukunftsfähigkeit Studierender für die digitale Transformation stärken! https://hochschulforumdigitalisierung.de/de/blog/zukunftsfaehigkeit-studierender-staerken [27.02.2021]
Sursock, A. (2015). Trends 2015. Learning and Teaching in European Universities. European University Assoziation. https://eua.eu/downloads/publications/trends%202015%20learning% 20and%20teaching%20in%20european%20universities.pdf [27.02.2021]
Stadler-Altmann, U.; Schumacher, S.; Emili, E.A.; Winkler, G.; Dalla Torre, E. (2020), Hochschullernwerkstätten als Spielball der Bildungspolitik? Die EduSpace Lernwerkstatt in der Südtiroler Lehrerbildung zwischen nationalen und regionalen Bildungsinteressen, in: Kramer, K.; Rumpf, D.; Schöps, M. & Winter, St. (Hrsg.), Hochschullernwerkstätten – Elemente von Hochschulentwicklung? Ein Rückblick auf 15 Jahre Hochschullernwerkstatt in Halle und andernorts, Bad Heilbrunn: Klinkhardt, S. 55-67.


14:00 - 14:30
ID: 133 / Panel10: 2
Unabhängige Präsentation / Projektbericht
Themen: Unabhängige Präsentation / Projektbericht
Stichworte: Medienpädagogische Professionalisierung, Habitus, Praxeologische Wissenssoziologie

Medienpädagogische Professionalität von Lehrer*innen zwischen habitueller Handlungspraxis und normativen Erwartungen

Andreas Dertinger

Friedrich Alexander Universität Erlangen-Nürnberg, Deutschland

Zusammenfassung

In dem Vortrag wird eine Studie vorgestellt, die eine strukturtheoretische Perspektive auf die medienpädagogische Professionalität von Lehrkräften einnimmt. Es wird gezeigt, dass medienpädagogisches Handeln von einem Strukturverhältnis zwischen normativen Erwartungen und habitueller Handlungspraxis beeinflusst wird. Diese Sichtweise stellt eine Ergänzung zur kompetenztheoretischen Beschreibungen der medienpädagogischen Professionalität dar, die anhand der Ergebnisdarstellung diskutiert wird.

Abstract:

Medienbildung ist fester Bestandteil des Aufgabenprofils von Lehrkräften in einer mediatisierten und digitalisierten Gesellschaft. Im medienpädagogischen Diskurs wird die Professionalisierung von Lehrpersonen primär kompetenztheoretisch begründet (Blömeke 2000; Knaus et al. 2018). In der Erziehungswissenschaft weisen strukturtheoretische Professionsansätze allerdings auf die Notwendigkeit hin, auch strukturelle Bedingungen und daraus resultierende Ambivalenzen in der Professionalisierung zu berücksichtigen (Helsper 2014).
In dem vorgestellten Dissertationsprojekt wird dieser Anforderung nachgegangen, indem zwölf Interviews mit Lehrkräften (Experten/Novizen) zum Einsatz digitaler Medien im Unterricht geführt und mit der Dokumentarischen Methode ausgewertet werden. Die Metatheorie der Praxeologischen Wissenssoziologie ermöglicht es, das Verhältnis zwischen Normen und Habitus empirisch zu erfassen (Bohnsack 2017). In den Ergebnissen zeigt sich, dass dieses Verhältnis zwischen normativen Rollenerwartungen an die Lehrkräfte und deren Habitus für deren medienpädagogische Handlungspraxis bedeutsam ist. Die Verhältnisse können auf einem Kontinuum von Spannung und Passung zwischen Norm und Habitus typisiert werden. Innerhalb des Kontinuums wurden vier Typen medienpädagogischen Handelns rekonstruiert, die je spezifische Strukturen von Norm und Habitus besitzen. Die Ergebnisse verweisen auf die Relevanz einer strukturtheoretischen Ergänzung medienpädagogischer Professionsansätze.

Bibliografie
Bohnsack, Ralf (2017): Praxeologische Wissenssoziologie. Opladen: Barbara Budrich.
Blömeke, Sigrid (2000): Medienpädagogischen Kompetenz. Theoretische und empirische Fundierung eines zentralen Elements der Lehrerausbildung. München: kopaed.
Helsper, Werner (2014): Lehrerprofessionalität. Der strukturtheoretische Professionsansatz zum Lehr-beruf. In: Terhart, Ewald; Bennewitz, Hedda; Rothland, Martin (Hrsg.): Handbuch der For-schung zum Lehrerberuf (2. überarb. und erw. Aufl.) (S.216-241). Münster: Waxmann.
Knaus, Thomas; Meister, Dorothee M.; Tulodziecki, Gerhard (2018): Qualitätsentwicklung – Professi-onalisierung – Standards. Thesen aus medienpädagogischer Sicht. In: Knaus, Thomas; Meis-ter, Dorothee M. & Narr, Kristin (Hrsg.): Futurelab Medienpädagogik. Qualitätsentwicklung – Professionalisierung – Standards (S. 23-48). München: kopaed.


14:30 - 15:00
ID: 139 / Panel10: 3
Unabhängige Präsentation / Projektbericht
Themen: Unabhängige Präsentation / Projektbericht
Stichworte: Alphabetisierung, Datafizierung, Dashboard, Diagnostik, Usability

Individuelle Förderung von Lernenden durch Lehrende in der Alphabetisierung durch die automatisierte Auswertung und Visualisierung von diagnostischen Datensätzen

Imke A. M. Meyer, Karsten D. Wolf, Jan Küster

Universität Bremen, Deutschland

In Deutschland leben 6,2 Millionen deutschsprechende Erwachsene mit geringer Literalität (Grotlüschen et al. 2019). Ausreichend lesen und schreiben zu können ist ein wichtiger Aspekt für gesellschaftliche Teilhabe. 2017 besuchten etwa 41.000 Personen Alphabetisierungskurse an Volkshochschulen (Reichart et al. 2018, 47). Die Diagnose und Betreuung der Betroffenen ist jedoch oft zeit- und personalintensiv. Für die Anwendung im Kurskontext wurde die Online-Diagnostik otu.lea im Projekt lea. (Laufzeit: 2008-2010, BMBF) entwickelt und wird im Rahmen des lea.online-Projekts (Laufzeit 2019-2021, BMBF) an die aktuellen technischen und didaktischen Anforderungen angepasst. Darüber hinaus wird im lea.online-Projekt mittels des Design Based Research-Ansatzes (Koppel 2017) ein Dashboard für Lehrende entwickelt, welches durch eine nutzerfreundliche Visualisierung von Diagnoseergebnissen und Lernstandverläufen (teilnehmer*innen- und gruppenbezogen) die individuelle Förderung von Lernenden unterstützt.

Die Auswirkungen der Datafizierung (Cukier & Mayer-Schönberger 2013) sind aus dem beruflichen und privaten Alltag nicht mehr wegzudenken und Auswertungen und Visualisierungen von komplexen Datensätzen bieten auch für den Bildungsbereich großes Potenzial. Im Kursleitenden Dashboard werden durch Datenvisualisierungen Testergebnisse von Lernenden, basierend auf der otu.lea-Kompetenzdiagnostik, visualisiert sowie Strukturen und Prozesse aufgedeckt und dem/der Nutzer*in niedrigschwellig vermittelt. Die zentrale Frage für die Entwicklung des Dashboards ist, wie Lernende von Lehrkräften in Alphabetisierungskursen, basierend auf automatisierten Testauswertungen, individuell unterstützt werden können. Dem Design-Based Research Ansatz folgend wird das Dashboard kleinschrittig und iterativ in mehreren Zyklen entwickelt. Zuerst wurden das Konzept sowie Designentwürfe erstellt und auf Basis von Experteninterviews überarbeitet. Darauf aufbauend wurde ein interaktiver Prototyp entwickelt und mit der Zielgruppe im Rahmen von Usability Testungen getestet. Die folgenden Punkte wurden bei der Konzept- und Designentwicklung besonders berücksichtigt: (a) Die Auswertung der Kompetenzdiagnostik jedes Lernenden sollte differenziert und detailliert dargestellt werden. Gleichzeitig sollten die Lehrkräfte in der Lage sein, komplexe Zusammenhänge und individuelle Fördermöglichkeiten einfach und intuitiv aus den Visualisierungen erkennen zu können. (b) Das Dashboard bietet eine Vielzahl von Informationen. Um die Funktionen des Dashboards für den/die Benutzer*in so einfach wie möglich erlebbar zu machen, wurde besonderes Augenmerk auf die Übersichtlichkeit der Benutzeroberfläche gelegt. In Kombination mit dem User Interface Design sollen die Datenvisualisierungen einen Informationstransport ermöglichen und auch Nicht-Experten in die Lage versetzen, komplexe diagnostische Zusammenhänge zu erkunden und zu verstehen. Die konkreten Ausarbeitsschritte in jedem Entwicklungszyklus basieren auf Erkenntnissen über Potenziale von Datenvisualisierungen (Schuhmann & Müller 2000; Fischer-Stabel 2018), der zielgruppengerechten Umsetzung von Design- und Interaktionsprinzipien (Goodwin 2009; Cooper et al. 2007) sowie den tatsächlichen Bedarfen der Lehrenden in der Alphabetisierungspraxis.

In dem Vortrag werden das Forschungsdesign, der Prototyp des Dashboards sowie die Ergebnisse der Usability-Testungen vorgestellt. Es soll der Diskussionsraum eröffnet werden, inwieweit der Aufbau des Dashboards, die Datenvisualisierungen der Testergebnisse sowie die Gestaltung des Interfaces Lehrende in der Alphabetisierungspraxis bei der kompetenzorientierten Förderung von Menschen mit geringen literalen Kompetenzen unterstützen können.

Bibliografie
Cooper, Alan, Robert Reimann und David Cronin. 2007. About Face – The Essentials of Interaction Design. Indianapolis: Wiley Publishing.

Cukier, Kenneth, and Viktor Mayer-Schoenberger. The Rise of Big Data: How It's Changing the Way We Think About the World. Foreign Affairs, vol. 92, no. 3, 2013, pp. 28–40.

Fischer-Stabel, Peter 2018: Datenvisualisierungen - Vom Diagramm zur Virtual Reality. München: UVK Verlag.

Goodwin, Kim. 2009. Designing for the Digital Age: How to Create Human‑Centered Products and Services. Indianapolis: Wiley Publishing.

Grotlüschen, Anke und Wibke Riekmann (Herausgeber) 2012. Funktionaler Analphabetismus in Deutschland: Ergebnisse der ersten leo. – Level-One Studie. Münster: Waxmann.

Koppel, I. (2017). Entwicklung einer Online-Diagnostik für die Alphabetisierung - Eine Design-Based Research-Studie. Wiesbaden: Springer VS.

Reichart, Elisabeth, Thomas Lux und Hella Huntemann. 2019. Volkshochschul-Statistik. 56. Folge, Arbeitsjahr 2017. (DIE survey). Bielefeld: wbv.

Schuhmann H. & W. Müller (2000): Visualisierung. Grundlagen und allgemeine Methoden. Berlin, Heidelberg: Springer Verlag.
 
13:30 - 15:00Panel11: Werte
Virtueller Veranstaltungsort: Zürcher Zoom (3)
Chair der Sitzung: Julia Nickel
Chair der Sitzung: Klaus Rummler

Medien und Wertevorstellungen. Welchen Stellenwert haben Werte in der digitalen Gesellschaft und wie werden sie gebildet?

Medien- und Wertekompetenz müssen in einer digitalisierten Gesellschaft zusammengedacht werden, da sie Voraussetzung für eine kompetente und partizipatorische Teilhabe am gesellschaftlichen Leben darstellen. Der Wandel stellt aus vielerlei Hinsicht verschiedene Akteur*innen vor Herausforderungen: Das betrifft aus einer Mikroperspektive sowohl die Sozialisationsinstanzen, denen die Aufgabe der Wertevermittlung zugeschrieben wird, als auch aus einer Makroperspektive gesellschaftliche Teilsysteme und deren Zusammenwirken.

 
 
13:30 - 14:00
ID: 120 / Panel11: 1
Präsentation mit Bezug zum Call
Themen: Präsentation mit Bezug zum Call
Stichworte: Funktion der Schule, Werte, Kommunikation, Demokratie, Medienkompetenz

Fällt leider aus: Öffentlich-mediale Kommunikation und Demokratie. Ein Review medienpädagogischer Zuschreibungen an die Funktion der Schule.

Carlo Schmidt

Pädagogische Hochschule Ludwigsburg, Deutschland

Der Begriff „Herausforderung“ ist im Zusammenhang von „Bildung und Digitalisierung“ (bspw. in Aufenanger et al. 2020, Hähn & Rattermann-Busse 2020, Busch 2020) häufiger zu verzeichnen. Die jüngsten sozio-politischen Ereignisse („Sturm“ auf Regierungsgebäude, Querdenker, Hoemschooling, etc.) verdeutlichen dabei die Brisanz und die damit einhergehende Signifikanz des Themas in Bezug auf die Demokratie-Ordnung in unserer Gesellschaft (vgl. Waldmann 2020, S. 97 ff.).

Über die Notwendigkeit, dass Kinder und Jugendliche Medienkompetenz [i.S.v. Baacke 1973] brauchen, besteht grundsätzliche Einigkeit. Dabei ist die Frage, was Lehrende können müssen, um eine solche zu vermitteln, Gegenstand [nationaler und] internationaler Forschung (vgl. Delere 2020, S. 3), wobei Lehrer*innen eine starke Heterogenität in Nutzung und Umgang mit digitalen Medien in den Schulen aufweisen (Prasse et al. 2017, Engel 2020). Im Zuge dessen fragt Irion (2020) wohl dann zurecht, welche Medienbildung Kinder brauchen.

Aus diesen Überlegungen resultiert die Frage nach der Zuschreibung an die Funktion der Schule in diesen Prozessen. Dieser übergeordneten Frage soll im Beitrag mithilfe der nachfolgenden drei Teilfragen nachgegangen werden. Es interessiert demnach erstens, welche Funktionen der Schule im Rahmen des digitalen Technologiefortschritts bei der Realisierung und damit auch der Vermittlung der Fähigkeit zur Mitbestimmung und Selbstbestimmung (vgl. Verständig & Biermann 2017, S. 2), also dem Umgang mit durch die Massenmedien verursachten Irritationen (vgl. Luhmann 2017, S. 119), zugeschrieben werden (können). Zweitens ist relevant, welche Werte sich als „zentrale Werte“ im untersuchten Diskursstrang konstituieren, inwiefern diese Werte eine konfligierende Wertkonstellation bilden und wie sie dort zum Verhältnis von „der Schule“ und „der Gesellschaft“ fungieren. Im Beitrag wird dann drittens die Frage erörtert, was sich aus diesem Diskursstrang analytisch für die Kommunikationsprozesse in der Gesellschaft und die Demokratie-Ordnung ableiten lässt – immer in Bezug darauf, welche Funktion „der Schule“ zugeschrieben wird.

Der geplante Beitrag beschäftigt sich somit mit der im Call aufgeworfenen Frage, „[w]elche Kompetenzen Bürger*innen [(zukünftig) benötigen], um selbstbestimmt und demokratisch Medien nutzen zu können“ (CFP 2020, S. 4) und reflektiert, welche Funktionen „die Medienpädagogik“ diesbezüglich „der Schule“ zuschreibt. Die Literaturauswahl orientiert sich dabei an Grant & Booth (2009), die anschließend folgende Analyse wird sich zum einen der Grounded Theory (Breuer et al. 2019) sowie der diskursanalytisch informierten Methodologie und Methodik bedienen. Als Grundlage der Untersuchung fungieren diejenigen im deutschen Sprachraum veröffentlichten Publikationen (Zeitschriften, Sammelbände und Monographien) der letzten fünf Jahre (2016-2021)[1], die dem Spannungsfeld „Medien-Schule-Politik-Öffentlichkeit“ zugeordnet werden können.

Der Beitrag geht davon aus, dass Diskurse Subjekte zwar formieren, jedoch auch durch sie formiert werden – so also eine gleichzeitige Hervorbringung und Unterwerfung stattfindet (vgl. Foucault 2016, S. 37) – und dies allgemeinhin durch die den Subjekten und damit auch dem Diskurs inhärenten Werte geschieht. So sind Gemeinschaften gleichzeitig Voraussetzung und Grenze für anschlussfähige Kommunikation, z.B. in Form von Werteorientierungen (vgl. Jörissen 2016, S. 232). Damit geht auch einher, dass die Akteure in den Schulen gleichzeitig Akteure in der Gesellschaft sind, was die strukturelle Kopplung zwischen Bildungssystem und Gesellschaft (vgl. Drieschner & Gaus 2014) hervorhebt.

Durch das Analysieren öffentlich geführter Diskurse kann extrahiert werden, wie erwartbar und typisch das Verhalten der Beteiligten ist (vgl. Nassehi 2019, S. 51). Der Beitrag verdeutlicht so die medienpädagogischen Zuschreibungen an die Funktion der Schule im diskursiven Spannungsfeld „Medien-Schule-Politik-Öffentlichkeit“.

[1] Der Zeitraum wurde gewählt, da bspw. in Baden-Württemberg Medienbildung im Bildungsplan als Leitperspektive seit 2016 verankert ist (vgl. BP-BaWü 2016).

Bibliografie
Aufenanger A., Daum, T.; Diethelm, I. (2020): Gesellschaft digital? Herausforderungen der Digitalisierung für Gesellschaft, Bildung und Unterricht. In: Bildung in der digitalen Welt, GEW digital.

Baacke, D. (1973): Kommunikation und Kompetenz. Grundlegung einer Didaktik der Kommunikation und ihrer Medien. München: Juventa.

Bettinger, P. (2016): Mediale Diskurse und biographische Transformationen. Entwurf einer methodologischen Rahmung zur Untersuchung von diskursiven und biographischen Verschränkungen in Medienbildungsprozessen. In: Fromme, H.; Kiefer, F.; Holze, J. (Hg.): Mediale Diskurse, Kampagnen, Öffentlichkeiten. Wiesbaden: Sprin-ger VS, S. 9-34.

Biermann, R.; Verständig, D. (2017) (Hg.): Das Netz im Spannungsfeld von Freiheit und Kontrolle. In: (dies.): Das umkämpfte Netz. Macht- und medienbildungstheoretische Analysen zum Digitalen. Wieseaden: Springer VS, S. 1-15.

BP-BaWü (2016): Medienbildung (MB).
URL: http://www.bildungsplaene-bw.de/,Lde/LS/BP2016BW/ALLG/LP/MB - aufgerufen am 26.2.21.

Bostelmann, A. (2018) Die Verantwortung des Kindergartens für die Zukunft. Der Einsatz von digitalen Gerä-ten im pädagogischen Alltag. In: Ladel, S.; Knopf, J.; Weinberger, A. (Hg.): Digitalisierung und Bildung. Wies-baden: Springer VS, S. 179-190.

Breuer, F., Muckel, P., Dieris, B., & Allmers, A. (2019): Reflexive Grounded Theory. Eine Ein
führung für die Forschungspraxis (4. durchgesehene und aktualisierte Auflage). Wiesbaden: Springer
VS.

Busch, M. (2020): Demokratiebildung in der digitalisierten Gesellschaft. In: mateneen: Praxishefte Demokrati-sche Schulkultur (2020) 4, S. 5-13.

Buttler, J. (2003): Noch einmal: Körper und Macht. In: Honneth, A.; Saar, M. (Hrsg.): Michel Foucault. Zwi-schenbilanz einer Rezeption. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 52-67.

CFP (2020): Gesellschaftlicher Zusammenhalt – Kommunikation und Konsens. DGfE Sektion Medienpädagogik.
Delere, M. (2020): Konzepte medienpädagogischer Kompetenz von Lehramtsstudierenden in deutschsprachi-gen und internationalen Studien – ein systematisches Literaturreview. In: Medienimpulse Jg. 58, Nr. 2, S. 1-57.

Driescher, E.; Gaus, D. (2014) (Hg.): Das Bildungssystem und seine strukturellen Kopplungen. Umweltbezie-hungen des Bildungssystems aus historischer, systematischer und empirischer Perspektive. Wiesbaden: Sprin-ger VS.

Engel, I. (2020): Megatrend Konnektivität. Eine Herausforderung. In: Journal für LehrerInnenbildung 20 1, S. 106-114.

Foucault, M. (2016): Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Grant, M. J. & Booth, A. (2009): A typology of reviews. An analysis of 14 review types and associated me-thodologies. Health information and libraries journal, 26(2), 91–108.

Jörissen, B. (2016): Zur bildungstheoretischen Relevanz netzwerktheoretischer Diskurse. In: Verständig, D.; Holze, J.; Biermann, R. (Hg.): Von der Bildung zur Medienbildung. Festschrift für Winfried Marotzki. Wiesba-den: Springer VS.

Hähn, K.; Ratermann-Busse, M. (2020): Digitale Medien in der Berufsbildung – eine Herausforderung für Lehr-kräfte und Ausbildungspersonal? In: Wilmers, A.; Anda, C.; Keller, C.; Rittberger, M.: Bildung im digitalen Wandel. Die Bedeutung für das pädagogische Personal und für die Aus- und Fortbildung. Münster/New York: Waxmann, S. 129-158

Luhmann, N. (1991): Das Kind als Medium der Erziehung. Zeitschrift für Pädagogik 37 (1991) 1, S. 19-40.

Luhmann, N. (2017): Die Realität der Massenmedien. Wiesbaden: Springer.

Luhmann, N. (2018): Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie (17. Auflage). Frankfurt am
Main: Suhrkamp.

McLuhan, M.; Fiore, Q. (2016): Das Medium ist die Message. Stuttgart: Tropen.

Nassehi, A. (2019): Muster. Theorie der digitalen Gesellschaft. München: C.H. Beck.

Waldmann, M. (2020): Fake News als Herausforderung für ein politisches Verständnis von Medien. In: Dander, V.; Bettinger, P.; Ferraro, E.; Leineweber, C.; Rummler, K.: Digitalisierung - Subjekt - Bildung. Kritische Be-trachtungen der digitalen Transformation, Opladen; Berlin; Toronto: B. Budrich.


14:00 - 14:30
ID: 135 / Panel11: 2
Präsentation mit Bezug zum Call
Themen: Präsentation mit Bezug zum Call
Stichworte: Digitalität, Ethik, Moral, Werte, Medienbildung

Digitale Werte? Ein Systematisierungsversuch des Diskursfeldes zu Digitalität, Moral und Ethik in informellen und formalen Bildungskontexten

Michaela Kramer, Rudolf Kammerl

Friedrich Alexander Universität Erlangen-Nürnberg, Deutschland

Die zentrale Operation sozialer Systeme ist Kommunikation (Luhmann, 1981). Über sie wird soziale Ordnung hergestellt und das Wissen einer Gesellschaft von Generation zu Generation weitergegeben. Menschen verwirklichen über Kommunikation die Kultur, in der sie leben. Folglich verändert ein Wandel von Kommunikation notwendigerweise auch das Handeln der Menschen, ihre Kultur und somit die Gesellschaft als Ganzes und ihren Zusammenhalt. Vor diesem Hintergrund soll der Stellenwert einer gemeinsamen Wertebasis für die Kommunikation in der zunehmen von digitalen Medien geprägten Gesellschaft näher betrachtet werden. Sind eine Digitale Ethik und/oder eine Werteerziehung Voraussetzungen für gelingende Kommunikation oder sind entsprechende Werte und ethische Überzeugungen eher Folgen von Sozialisierungsprozessen in tiefgreifend mediatisierten Gesellschaften (Kammerl/Kramer 2016), in denen die Grundlagen der sozialen Wirklichkeits-konstruktion längst selbst medial vermittelt sind (Hepp 2018)? Die Aushandlung von Werten und Zusammenhalt ist selbst mediatisiert. Sie findet inzwischen in einer Medienumgebung statt, die aufgrund der zunehmenden Innovationsgeschwindigkeit, Omnipräsenz, Konnektivität und Datafizierung (ebd.) einen sich fortwährend wandelnden Interaktionsraum vorgibt. Social Media Plattformen mit ihren algorithmischen Mechanismen und kommerziellen Strukturen führen zu neuen Herausforderungen für die Heranwachsenden und damit auch für eine ethisch orientierte Medienbildung. In digitalen Kommunikationsräumen eine eigene Haltung einzunehmen und sich zu positionieren erfordert dabei in besonderer Weise eine kritische Distanzierung von (Sichtbarkeits-)Normen (Carnap et al. im Erscheinen). Hinzu kommen verschiedene Phänomene, die eine Wertorientierung zugleich besonders erforderlich machen und erschweren, wie beispielweise ‚Hate Speech‘ oder ‚Fake News‘. Die Frage, wie und in welchen Bildungskontexten Kinder und Jugendliche die Sensibilität und Befähigung für ein ethisch, moralisch und gesellschaftlich-politisch zusammenhangsstiftendes Medienhandeln erfahren, wird in verschiedenen Forschungskontexten bearbeitet und diskutiert. Hierbei sind sowohl Familie, Schule als auch Peergroups im Fokus. Der Forschungsstand ist hinsichtlich gewählter Begriffe und Konzepte, wissenschaftsdisziplinärer Ausrichtung und methodischer Zugänge breit und divers. Um die bisherigen Perspektiven und daran anschließend auch neue Perspektiven der Erforschung dieses Phänomenbereichs zu entfalten, wird der Vortrag einen Systematisierungsversuch des Diskursfeldes zu Digitalität und Ethik vornehmen. Es wird schwerpunktmäßig der informelle Bildungskontext in den Blick genommen, jedoch auch Schnittstellen zum formalen Schulkontext und zum non-formalen Kontext der handlungsorientierten Medienpädagogik beleuchtet. Der Vortrag zielt auf eine konzeptionelle, systematisierende Argumentation, die die Reflexion auf den Begriff des gesellschaftlichen Zusammenhalts umfasst.

Bibliografie
Carnap A., Flasche V. & Kramer M. (im Erscheinen). Posieren oder Sich-Positionieren. Die Rekonstruktion von Haltungen in jugendlichen Social-Media-Praktiken. In: J. Engel et al. (Hrsg.). Haltungen in der qualitativen Bildung und Biografieforschung. Opladen: Barbara Budrich.

Hepp, A. (2018). Von der Mediatisierung zur tiefgreifenden Mediatisierung: Konstruktivistische Grundlagen und Weiterentwicklungen in der Mediatisierungsforschung. In: J. Reichertz & R. Bettmann (Hrsg.). Kommunikation – Medien – Konstruktion. Braucht die Mediatisierungsforschung den Kommunikativen Konstruktivismus? (S. 27–45). Wiesbaden: Springer VS.

Kammerl, R. & Kramer, M. (2016). The changing media environment and its impact on socialization processes in families. In: Studies in Communication Science, 16(1), S. 21-27.

Luhmann, N. (1981). Soziologische Aufklärung 3. Opladen: Westdeutscher Verlag.


14:30 - 15:00
ID: 134 / Panel11: 3
Präsentation mit Bezug zum Call
Themen: Präsentation mit Bezug zum Call
Stichworte: Demokratie, digitaler Kapitalismus, Nachhaltigkeit, Medienpädagogik, Grundbildung Medien

Fällt leider aus: Gesellschaftlicher Zusammenhalt braucht eine demokratische Konfliktkultur – der digitale Kapitalismus untergräbt demokratische Strukturen.

Horst Niesyto

pensioniert, ehemals PH Ludwigsburg, Deutschland

In Deutschland gibt es ein Grundgesetz, in dem demokratische Rechte, Gewaltenteilung und Rechtsstaatlichkeit verfassungsmäßig festgelegt sind. Dies sind sehr wichtige Grundlagen – auch im Sinne öffentlicher Regeln – für „gesellschaftlichen Zusammenhalt“. Gleichzeitig gibt es mit Blick auf die gesellschaftliche Wirklichkeit Entwicklungen, die mit erheblichen Konfliktpotentialen verbunden sind. Hierzu gehören nicht nur Diskriminierungen unterschiedlicher Art und die Verbreitung rassistischer und rechtsextremistischer Ideologien – gerade in Social Media Plattformen. Es geht auch um die (weltweite) Verfestigung sozialer Ungleichheit, eines Raubbaus an der Natur und massiver Interessenkollisionen in Zusammenhang mit kapitalistischen Wirtschaftsweisen, die Orientierungen am Gemeinwohl und demokratische Strukturen untergraben.

Der digitale Kapitalismus hat – in seinen verschiedenen globalen Varianten – Monopolstrukturen in einem bislang nicht bekannten Maße vorangetrieben und neu erzeugt (u.a. „proprietäre Märkte“, Staab 2019; „Überwachungskapitalismus“, Zuboff 2018). Der digitale Kapitalismus legt als Plattformkapitalismus gesellschaftliche Regeln fest und kontrolliert hierüber die private und öffentliche Kommunikation (Dolata 2020). All dies dient nicht dem gesellschaftlichen Zusammenhalt, sondern vor allem der Herausbildung demokratisch nicht legitimierter Machtstrukturen. Der digitale Kapitalismus forciert und steuert über ökonomische Macht und weit verzweigte Netzwerke gesellschaftliche Entwicklungswege, die sehr viel mit Kontrolle, Enteignung, Ökonomisierung und Kommerzialisierung von Lebenswelten zu tun haben. Insbesondere in autokratischen und diktatorischen Regimes entstehen in der Verschmelzung von politischer und ökonomischer Macht totalitäre Herrschaftsformen, die bei rechtspopulistischen Strömungen weltweit auf Resonanz stoßen.

Mit Blick auf demokratisch verfasste Staaten ist die Frage, wie unterschiedliche Interessen benannt und gesellschaftlich behandelt werden. Bei der Frage des gesellschaftlichen Zusammenhalts geht es dabei nicht nur um „Kommunikation und Konsens“, sondern auch um Konflikt. Die Frage ist, wie heute Konflikte ausgetragen werden und was für eine Konfliktöffentlichkeit unter den Bedingungen von Digitalisierung und eines digitalen Kapitalismus existieren. Stichworte: Emotionalisierung und Personalisierung von Konflikten, Vernachlässigung struktureller Hintergründe von Interessen und Konflikten, dadurch Förderung populistischer Kräfte und eindimensionaler Konfliktlösungsmuster. Diese und weitere kommunikationskulturelle Problemlagen entstanden nicht erst mit der Digitalisierung, wurden aber durch digital-technologische Strukturen in Verbindung mit digital-kapitalistischen Interessen und vorhandenen politisch-ökonomischen Machtstrukturen enorm beschleunigt. Ein wesentlicher Konflikt besteht heute zwischen Strukturprinzipien eines digitalen Kapitalismus (und damit verknüpften quantitativ-ökonomischen Wachstumsmodellen; Niesyto 2017) und sozial-ökologischen, demokratischen und nachhaltigen Entwicklungswegen von Gesellschaften.

Im Vortrag wird die These vertreten, dass es ohne eine Demokratisierung wirtschaftlicher Strukturen, die nicht auf ein maximales Profitstreben, sondern auf gemeinwohlorientierte, sozial-ökologische und nachhaltige Entwicklungen abzielen, keine nachhaltig verankerte demokratische Kommunikationskultur in der Gesellschaft geben wird. Für die Unterstützung alternativer Entwicklungswege bedarf es vor allem intensiver gesellschaftlicher Diskurse. Hierfür sind öffentliche Arenen, Publikationsorgane und Plattformen unterschiedlicher Art notwendig, die unabhängig von den Plattformen der globalen IT-Konzerne auf der Basis demokratischer Rechte und Regeln vielfältige Formen einer öffentlichen Meinungsbildung ermöglichen.

Legislative, exekutive und judikative Institutionen haben die Aufgabe, hierfür hinreichende Rahmenbedingungen zu schaffen. Hierzu gehören auch die fortwährende Unterstützung eines Qualitätsjournalismus auf unterschiedlichen Ebenen, die Etablierung von nicht-kommerziellen technischen Infrastrukturen insbesondere im öffentlichen Bildungsbereich sowie breitenwirksame und nachhaltige Förder- und Finanzierungsstrukturen für die Medienpädagogik (Niesyto 2021). Eine zeitgemäße Bildung ist ohne Medienbildung nicht denkbar (vgl. die Initiative „Keine Bildung ohne Medien!“) – dies zeigen nicht zuletzt diverse Erfahrungen in der Corona-Krise. Ohne eine Grundbildung Medien und ohne kontinuierliche Fort- und Weiterbildungsangebote für alle pädagogischen Fachkräfte wird es nicht gelingen, die Herausforderungen der Digitalisierung mit qualitätsorientierten Angeboten zu bewältigen – und damit auch einen wichtigen Beitrag für mehr Bildungsgerechtigkeit und politische Partzipation zu leisten.

Bibliografie
Dolata, U. (2020). Internet – Platforms – Regulations. Coordination of Markets and Curation of Sociality. Stuttgart: University of Stuttgart, SOI Discussion Paper. https://www.sowi.uni-stuttgart.de/dokumente/forschung/soi/soi_2020_2_Dolata.Internet.Platforms.Regulation.pdf
Niesyto, Horst (2021): ‚Digitale Bildung‘ wird zu einer Einflugschneise für die IT-Wirtschaft. In: medien + erziehung, Heft 1/2021, S. 23-28. https://t1p.de/485c (Kurzlink). Langfassung: https://horst-niesyto.de/wp-content/uploads/2021/02/2021_Niesyto_digitale_Bildung_IT-Wirtschaft_Langfassung.pdf
Niesyto, Horst (2017): Medienpädagogik und digitaler Kapitalismus. Für die Stärkung einer gesellschafts- und medienkritischen Perspektive. In: Kommer, Sven/ Junge, Thorsten/ Rust, Christiane (Hrsg.): Ta-gungsband: Spannungsfelder und blinde Flecken. Medienpädagogik zwischen Emanzipationsanspruch und Diskursvermeidung. MedienPädagogik, Nr. 27, S. 1-29. https://www.medienpaed.com/article/view/435
Staab, Philipp (2019): Digitaler Kapitalismus. Markt und Herrschaft in der Ökonomie der Ungleichheit. Berlin: Suhrkamp.
Zuboff, Joshua (2018): Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus. Frankfurt/New York: Campus.
 
15:00 - 15:30Zum Schluss: Abschluss
Virtueller Veranstaltungsort: Leipziger Zoom (1)
Chair der Sitzung: Sonja Ganguin
Chair der Sitzung: Anneke Elsner
 
15:30 - 17:00MV_Fachgruppe: Versammlung der Mitglieder der Fachgruppe Medienpädagogik (DGPuK)
Virtueller Veranstaltungsort: Münchner Zoom (2)
Chair der Sitzung: Thorsten Naab
Chair der Sitzung: Ruth Wendt
Chair der Sitzung: Jessica Kühn
 

 
Impressum · Kontaktadresse:
Datenschutzerklärung · Veranstaltung: MPAED 2021
Conference Software - ConfTool Pro 2.6.141
© 2001 - 2021 by Dr. H. Weinreich, Hamburg, Germany