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Sitzungsübersicht
Sitzung
Panel11: Werte
Zeit:
Freitag, 17.09.2021:
13:30 - 15:00

Chair der Sitzung: Julia Nickel
Chair der Sitzung: Klaus Rummler
Virtueller Veranstaltungsort: Zürcher Zoom (3)
Meeting-URL: https://phzh-ch.zoom.us/j/69055561867?pwd=a0g2L2lPMGJzNkZNTGNPSlhBbmlMUT09 Meeting-ID:690 5556 1867 Kenncode:mpaed2021

Medien und Wertevorstellungen. Welchen Stellenwert haben Werte in der digitalen Gesellschaft und wie werden sie gebildet?

Medien- und Wertekompetenz müssen in einer digitalisierten Gesellschaft zusammengedacht werden, da sie Voraussetzung für eine kompetente und partizipatorische Teilhabe am gesellschaftlichen Leben darstellen. Der Wandel stellt aus vielerlei Hinsicht verschiedene Akteur*innen vor Herausforderungen: Das betrifft aus einer Mikroperspektive sowohl die Sozialisationsinstanzen, denen die Aufgabe der Wertevermittlung zugeschrieben wird, als auch aus einer Makroperspektive gesellschaftliche Teilsysteme und deren Zusammenwirken.


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Präsentationen
13:30 - 14:00
ID: 120 / Panel11: 1
Präsentation mit Bezug zum Call
Themen: Präsentation mit Bezug zum Call
Stichworte: Funktion der Schule, Werte, Kommunikation, Demokratie, Medienkompetenz

Fällt leider aus: Öffentlich-mediale Kommunikation und Demokratie. Ein Review medienpädagogischer Zuschreibungen an die Funktion der Schule.

Carlo Schmidt

Pädagogische Hochschule Ludwigsburg, Deutschland

Der Begriff „Herausforderung“ ist im Zusammenhang von „Bildung und Digitalisierung“ (bspw. in Aufenanger et al. 2020, Hähn & Rattermann-Busse 2020, Busch 2020) häufiger zu verzeichnen. Die jüngsten sozio-politischen Ereignisse („Sturm“ auf Regierungsgebäude, Querdenker, Hoemschooling, etc.) verdeutlichen dabei die Brisanz und die damit einhergehende Signifikanz des Themas in Bezug auf die Demokratie-Ordnung in unserer Gesellschaft (vgl. Waldmann 2020, S. 97 ff.).

Über die Notwendigkeit, dass Kinder und Jugendliche Medienkompetenz [i.S.v. Baacke 1973] brauchen, besteht grundsätzliche Einigkeit. Dabei ist die Frage, was Lehrende können müssen, um eine solche zu vermitteln, Gegenstand [nationaler und] internationaler Forschung (vgl. Delere 2020, S. 3), wobei Lehrer*innen eine starke Heterogenität in Nutzung und Umgang mit digitalen Medien in den Schulen aufweisen (Prasse et al. 2017, Engel 2020). Im Zuge dessen fragt Irion (2020) wohl dann zurecht, welche Medienbildung Kinder brauchen.

Aus diesen Überlegungen resultiert die Frage nach der Zuschreibung an die Funktion der Schule in diesen Prozessen. Dieser übergeordneten Frage soll im Beitrag mithilfe der nachfolgenden drei Teilfragen nachgegangen werden. Es interessiert demnach erstens, welche Funktionen der Schule im Rahmen des digitalen Technologiefortschritts bei der Realisierung und damit auch der Vermittlung der Fähigkeit zur Mitbestimmung und Selbstbestimmung (vgl. Verständig & Biermann 2017, S. 2), also dem Umgang mit durch die Massenmedien verursachten Irritationen (vgl. Luhmann 2017, S. 119), zugeschrieben werden (können). Zweitens ist relevant, welche Werte sich als „zentrale Werte“ im untersuchten Diskursstrang konstituieren, inwiefern diese Werte eine konfligierende Wertkonstellation bilden und wie sie dort zum Verhältnis von „der Schule“ und „der Gesellschaft“ fungieren. Im Beitrag wird dann drittens die Frage erörtert, was sich aus diesem Diskursstrang analytisch für die Kommunikationsprozesse in der Gesellschaft und die Demokratie-Ordnung ableiten lässt – immer in Bezug darauf, welche Funktion „der Schule“ zugeschrieben wird.

Der geplante Beitrag beschäftigt sich somit mit der im Call aufgeworfenen Frage, „[w]elche Kompetenzen Bürger*innen [(zukünftig) benötigen], um selbstbestimmt und demokratisch Medien nutzen zu können“ (CFP 2020, S. 4) und reflektiert, welche Funktionen „die Medienpädagogik“ diesbezüglich „der Schule“ zuschreibt. Die Literaturauswahl orientiert sich dabei an Grant & Booth (2009), die anschließend folgende Analyse wird sich zum einen der Grounded Theory (Breuer et al. 2019) sowie der diskursanalytisch informierten Methodologie und Methodik bedienen. Als Grundlage der Untersuchung fungieren diejenigen im deutschen Sprachraum veröffentlichten Publikationen (Zeitschriften, Sammelbände und Monographien) der letzten fünf Jahre (2016-2021)[1], die dem Spannungsfeld „Medien-Schule-Politik-Öffentlichkeit“ zugeordnet werden können.

Der Beitrag geht davon aus, dass Diskurse Subjekte zwar formieren, jedoch auch durch sie formiert werden – so also eine gleichzeitige Hervorbringung und Unterwerfung stattfindet (vgl. Foucault 2016, S. 37) – und dies allgemeinhin durch die den Subjekten und damit auch dem Diskurs inhärenten Werte geschieht. So sind Gemeinschaften gleichzeitig Voraussetzung und Grenze für anschlussfähige Kommunikation, z.B. in Form von Werteorientierungen (vgl. Jörissen 2016, S. 232). Damit geht auch einher, dass die Akteure in den Schulen gleichzeitig Akteure in der Gesellschaft sind, was die strukturelle Kopplung zwischen Bildungssystem und Gesellschaft (vgl. Drieschner & Gaus 2014) hervorhebt.

Durch das Analysieren öffentlich geführter Diskurse kann extrahiert werden, wie erwartbar und typisch das Verhalten der Beteiligten ist (vgl. Nassehi 2019, S. 51). Der Beitrag verdeutlicht so die medienpädagogischen Zuschreibungen an die Funktion der Schule im diskursiven Spannungsfeld „Medien-Schule-Politik-Öffentlichkeit“.

[1] Der Zeitraum wurde gewählt, da bspw. in Baden-Württemberg Medienbildung im Bildungsplan als Leitperspektive seit 2016 verankert ist (vgl. BP-BaWü 2016).

Bibliografie
Aufenanger A., Daum, T.; Diethelm, I. (2020): Gesellschaft digital? Herausforderungen der Digitalisierung für Gesellschaft, Bildung und Unterricht. In: Bildung in der digitalen Welt, GEW digital.

Baacke, D. (1973): Kommunikation und Kompetenz. Grundlegung einer Didaktik der Kommunikation und ihrer Medien. München: Juventa.

Bettinger, P. (2016): Mediale Diskurse und biographische Transformationen. Entwurf einer methodologischen Rahmung zur Untersuchung von diskursiven und biographischen Verschränkungen in Medienbildungsprozessen. In: Fromme, H.; Kiefer, F.; Holze, J. (Hg.): Mediale Diskurse, Kampagnen, Öffentlichkeiten. Wiesbaden: Sprin-ger VS, S. 9-34.

Biermann, R.; Verständig, D. (2017) (Hg.): Das Netz im Spannungsfeld von Freiheit und Kontrolle. In: (dies.): Das umkämpfte Netz. Macht- und medienbildungstheoretische Analysen zum Digitalen. Wieseaden: Springer VS, S. 1-15.

BP-BaWü (2016): Medienbildung (MB).
URL: http://www.bildungsplaene-bw.de/,Lde/LS/BP2016BW/ALLG/LP/MB - aufgerufen am 26.2.21.

Bostelmann, A. (2018) Die Verantwortung des Kindergartens für die Zukunft. Der Einsatz von digitalen Gerä-ten im pädagogischen Alltag. In: Ladel, S.; Knopf, J.; Weinberger, A. (Hg.): Digitalisierung und Bildung. Wies-baden: Springer VS, S. 179-190.

Breuer, F., Muckel, P., Dieris, B., & Allmers, A. (2019): Reflexive Grounded Theory. Eine Ein
führung für die Forschungspraxis (4. durchgesehene und aktualisierte Auflage). Wiesbaden: Springer
VS.

Busch, M. (2020): Demokratiebildung in der digitalisierten Gesellschaft. In: mateneen: Praxishefte Demokrati-sche Schulkultur (2020) 4, S. 5-13.

Buttler, J. (2003): Noch einmal: Körper und Macht. In: Honneth, A.; Saar, M. (Hrsg.): Michel Foucault. Zwi-schenbilanz einer Rezeption. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 52-67.

CFP (2020): Gesellschaftlicher Zusammenhalt – Kommunikation und Konsens. DGfE Sektion Medienpädagogik.
Delere, M. (2020): Konzepte medienpädagogischer Kompetenz von Lehramtsstudierenden in deutschsprachi-gen und internationalen Studien – ein systematisches Literaturreview. In: Medienimpulse Jg. 58, Nr. 2, S. 1-57.

Driescher, E.; Gaus, D. (2014) (Hg.): Das Bildungssystem und seine strukturellen Kopplungen. Umweltbezie-hungen des Bildungssystems aus historischer, systematischer und empirischer Perspektive. Wiesbaden: Sprin-ger VS.

Engel, I. (2020): Megatrend Konnektivität. Eine Herausforderung. In: Journal für LehrerInnenbildung 20 1, S. 106-114.

Foucault, M. (2016): Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Grant, M. J. & Booth, A. (2009): A typology of reviews. An analysis of 14 review types and associated me-thodologies. Health information and libraries journal, 26(2), 91–108.

Jörissen, B. (2016): Zur bildungstheoretischen Relevanz netzwerktheoretischer Diskurse. In: Verständig, D.; Holze, J.; Biermann, R. (Hg.): Von der Bildung zur Medienbildung. Festschrift für Winfried Marotzki. Wiesba-den: Springer VS.

Hähn, K.; Ratermann-Busse, M. (2020): Digitale Medien in der Berufsbildung – eine Herausforderung für Lehr-kräfte und Ausbildungspersonal? In: Wilmers, A.; Anda, C.; Keller, C.; Rittberger, M.: Bildung im digitalen Wandel. Die Bedeutung für das pädagogische Personal und für die Aus- und Fortbildung. Münster/New York: Waxmann, S. 129-158

Luhmann, N. (1991): Das Kind als Medium der Erziehung. Zeitschrift für Pädagogik 37 (1991) 1, S. 19-40.

Luhmann, N. (2017): Die Realität der Massenmedien. Wiesbaden: Springer.

Luhmann, N. (2018): Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie (17. Auflage). Frankfurt am
Main: Suhrkamp.

McLuhan, M.; Fiore, Q. (2016): Das Medium ist die Message. Stuttgart: Tropen.

Nassehi, A. (2019): Muster. Theorie der digitalen Gesellschaft. München: C.H. Beck.

Waldmann, M. (2020): Fake News als Herausforderung für ein politisches Verständnis von Medien. In: Dander, V.; Bettinger, P.; Ferraro, E.; Leineweber, C.; Rummler, K.: Digitalisierung - Subjekt - Bildung. Kritische Be-trachtungen der digitalen Transformation, Opladen; Berlin; Toronto: B. Budrich.


14:00 - 14:30
ID: 135 / Panel11: 2
Präsentation mit Bezug zum Call
Themen: Präsentation mit Bezug zum Call
Stichworte: Digitalität, Ethik, Moral, Werte, Medienbildung

Digitale Werte? Ein Systematisierungsversuch des Diskursfeldes zu Digitalität, Moral und Ethik in informellen und formalen Bildungskontexten

Michaela Kramer, Rudolf Kammerl

Friedrich Alexander Universität Erlangen-Nürnberg, Deutschland

Die zentrale Operation sozialer Systeme ist Kommunikation (Luhmann, 1981). Über sie wird soziale Ordnung hergestellt und das Wissen einer Gesellschaft von Generation zu Generation weitergegeben. Menschen verwirklichen über Kommunikation die Kultur, in der sie leben. Folglich verändert ein Wandel von Kommunikation notwendigerweise auch das Handeln der Menschen, ihre Kultur und somit die Gesellschaft als Ganzes und ihren Zusammenhalt. Vor diesem Hintergrund soll der Stellenwert einer gemeinsamen Wertebasis für die Kommunikation in der zunehmen von digitalen Medien geprägten Gesellschaft näher betrachtet werden. Sind eine Digitale Ethik und/oder eine Werteerziehung Voraussetzungen für gelingende Kommunikation oder sind entsprechende Werte und ethische Überzeugungen eher Folgen von Sozialisierungsprozessen in tiefgreifend mediatisierten Gesellschaften (Kammerl/Kramer 2016), in denen die Grundlagen der sozialen Wirklichkeits-konstruktion längst selbst medial vermittelt sind (Hepp 2018)? Die Aushandlung von Werten und Zusammenhalt ist selbst mediatisiert. Sie findet inzwischen in einer Medienumgebung statt, die aufgrund der zunehmenden Innovationsgeschwindigkeit, Omnipräsenz, Konnektivität und Datafizierung (ebd.) einen sich fortwährend wandelnden Interaktionsraum vorgibt. Social Media Plattformen mit ihren algorithmischen Mechanismen und kommerziellen Strukturen führen zu neuen Herausforderungen für die Heranwachsenden und damit auch für eine ethisch orientierte Medienbildung. In digitalen Kommunikationsräumen eine eigene Haltung einzunehmen und sich zu positionieren erfordert dabei in besonderer Weise eine kritische Distanzierung von (Sichtbarkeits-)Normen (Carnap et al. im Erscheinen). Hinzu kommen verschiedene Phänomene, die eine Wertorientierung zugleich besonders erforderlich machen und erschweren, wie beispielweise ‚Hate Speech‘ oder ‚Fake News‘. Die Frage, wie und in welchen Bildungskontexten Kinder und Jugendliche die Sensibilität und Befähigung für ein ethisch, moralisch und gesellschaftlich-politisch zusammenhangsstiftendes Medienhandeln erfahren, wird in verschiedenen Forschungskontexten bearbeitet und diskutiert. Hierbei sind sowohl Familie, Schule als auch Peergroups im Fokus. Der Forschungsstand ist hinsichtlich gewählter Begriffe und Konzepte, wissenschaftsdisziplinärer Ausrichtung und methodischer Zugänge breit und divers. Um die bisherigen Perspektiven und daran anschließend auch neue Perspektiven der Erforschung dieses Phänomenbereichs zu entfalten, wird der Vortrag einen Systematisierungsversuch des Diskursfeldes zu Digitalität und Ethik vornehmen. Es wird schwerpunktmäßig der informelle Bildungskontext in den Blick genommen, jedoch auch Schnittstellen zum formalen Schulkontext und zum non-formalen Kontext der handlungsorientierten Medienpädagogik beleuchtet. Der Vortrag zielt auf eine konzeptionelle, systematisierende Argumentation, die die Reflexion auf den Begriff des gesellschaftlichen Zusammenhalts umfasst.

Bibliografie
Carnap A., Flasche V. & Kramer M. (im Erscheinen). Posieren oder Sich-Positionieren. Die Rekonstruktion von Haltungen in jugendlichen Social-Media-Praktiken. In: J. Engel et al. (Hrsg.). Haltungen in der qualitativen Bildung und Biografieforschung. Opladen: Barbara Budrich.

Hepp, A. (2018). Von der Mediatisierung zur tiefgreifenden Mediatisierung: Konstruktivistische Grundlagen und Weiterentwicklungen in der Mediatisierungsforschung. In: J. Reichertz & R. Bettmann (Hrsg.). Kommunikation – Medien – Konstruktion. Braucht die Mediatisierungsforschung den Kommunikativen Konstruktivismus? (S. 27–45). Wiesbaden: Springer VS.

Kammerl, R. & Kramer, M. (2016). The changing media environment and its impact on socialization processes in families. In: Studies in Communication Science, 16(1), S. 21-27.

Luhmann, N. (1981). Soziologische Aufklärung 3. Opladen: Westdeutscher Verlag.


14:30 - 15:00
ID: 134 / Panel11: 3
Präsentation mit Bezug zum Call
Themen: Präsentation mit Bezug zum Call
Stichworte: Demokratie, digitaler Kapitalismus, Nachhaltigkeit, Medienpädagogik, Grundbildung Medien

Fällt leider aus: Gesellschaftlicher Zusammenhalt braucht eine demokratische Konfliktkultur – der digitale Kapitalismus untergräbt demokratische Strukturen.

Horst Niesyto

pensioniert, ehemals PH Ludwigsburg, Deutschland

In Deutschland gibt es ein Grundgesetz, in dem demokratische Rechte, Gewaltenteilung und Rechtsstaatlichkeit verfassungsmäßig festgelegt sind. Dies sind sehr wichtige Grundlagen – auch im Sinne öffentlicher Regeln – für „gesellschaftlichen Zusammenhalt“. Gleichzeitig gibt es mit Blick auf die gesellschaftliche Wirklichkeit Entwicklungen, die mit erheblichen Konfliktpotentialen verbunden sind. Hierzu gehören nicht nur Diskriminierungen unterschiedlicher Art und die Verbreitung rassistischer und rechtsextremistischer Ideologien – gerade in Social Media Plattformen. Es geht auch um die (weltweite) Verfestigung sozialer Ungleichheit, eines Raubbaus an der Natur und massiver Interessenkollisionen in Zusammenhang mit kapitalistischen Wirtschaftsweisen, die Orientierungen am Gemeinwohl und demokratische Strukturen untergraben.

Der digitale Kapitalismus hat – in seinen verschiedenen globalen Varianten – Monopolstrukturen in einem bislang nicht bekannten Maße vorangetrieben und neu erzeugt (u.a. „proprietäre Märkte“, Staab 2019; „Überwachungskapitalismus“, Zuboff 2018). Der digitale Kapitalismus legt als Plattformkapitalismus gesellschaftliche Regeln fest und kontrolliert hierüber die private und öffentliche Kommunikation (Dolata 2020). All dies dient nicht dem gesellschaftlichen Zusammenhalt, sondern vor allem der Herausbildung demokratisch nicht legitimierter Machtstrukturen. Der digitale Kapitalismus forciert und steuert über ökonomische Macht und weit verzweigte Netzwerke gesellschaftliche Entwicklungswege, die sehr viel mit Kontrolle, Enteignung, Ökonomisierung und Kommerzialisierung von Lebenswelten zu tun haben. Insbesondere in autokratischen und diktatorischen Regimes entstehen in der Verschmelzung von politischer und ökonomischer Macht totalitäre Herrschaftsformen, die bei rechtspopulistischen Strömungen weltweit auf Resonanz stoßen.

Mit Blick auf demokratisch verfasste Staaten ist die Frage, wie unterschiedliche Interessen benannt und gesellschaftlich behandelt werden. Bei der Frage des gesellschaftlichen Zusammenhalts geht es dabei nicht nur um „Kommunikation und Konsens“, sondern auch um Konflikt. Die Frage ist, wie heute Konflikte ausgetragen werden und was für eine Konfliktöffentlichkeit unter den Bedingungen von Digitalisierung und eines digitalen Kapitalismus existieren. Stichworte: Emotionalisierung und Personalisierung von Konflikten, Vernachlässigung struktureller Hintergründe von Interessen und Konflikten, dadurch Förderung populistischer Kräfte und eindimensionaler Konfliktlösungsmuster. Diese und weitere kommunikationskulturelle Problemlagen entstanden nicht erst mit der Digitalisierung, wurden aber durch digital-technologische Strukturen in Verbindung mit digital-kapitalistischen Interessen und vorhandenen politisch-ökonomischen Machtstrukturen enorm beschleunigt. Ein wesentlicher Konflikt besteht heute zwischen Strukturprinzipien eines digitalen Kapitalismus (und damit verknüpften quantitativ-ökonomischen Wachstumsmodellen; Niesyto 2017) und sozial-ökologischen, demokratischen und nachhaltigen Entwicklungswegen von Gesellschaften.

Im Vortrag wird die These vertreten, dass es ohne eine Demokratisierung wirtschaftlicher Strukturen, die nicht auf ein maximales Profitstreben, sondern auf gemeinwohlorientierte, sozial-ökologische und nachhaltige Entwicklungen abzielen, keine nachhaltig verankerte demokratische Kommunikationskultur in der Gesellschaft geben wird. Für die Unterstützung alternativer Entwicklungswege bedarf es vor allem intensiver gesellschaftlicher Diskurse. Hierfür sind öffentliche Arenen, Publikationsorgane und Plattformen unterschiedlicher Art notwendig, die unabhängig von den Plattformen der globalen IT-Konzerne auf der Basis demokratischer Rechte und Regeln vielfältige Formen einer öffentlichen Meinungsbildung ermöglichen.

Legislative, exekutive und judikative Institutionen haben die Aufgabe, hierfür hinreichende Rahmenbedingungen zu schaffen. Hierzu gehören auch die fortwährende Unterstützung eines Qualitätsjournalismus auf unterschiedlichen Ebenen, die Etablierung von nicht-kommerziellen technischen Infrastrukturen insbesondere im öffentlichen Bildungsbereich sowie breitenwirksame und nachhaltige Förder- und Finanzierungsstrukturen für die Medienpädagogik (Niesyto 2021). Eine zeitgemäße Bildung ist ohne Medienbildung nicht denkbar (vgl. die Initiative „Keine Bildung ohne Medien!“) – dies zeigen nicht zuletzt diverse Erfahrungen in der Corona-Krise. Ohne eine Grundbildung Medien und ohne kontinuierliche Fort- und Weiterbildungsangebote für alle pädagogischen Fachkräfte wird es nicht gelingen, die Herausforderungen der Digitalisierung mit qualitätsorientierten Angeboten zu bewältigen – und damit auch einen wichtigen Beitrag für mehr Bildungsgerechtigkeit und politische Partzipation zu leisten.

Bibliografie
Dolata, U. (2020). Internet – Platforms – Regulations. Coordination of Markets and Curation of Sociality. Stuttgart: University of Stuttgart, SOI Discussion Paper. https://www.sowi.uni-stuttgart.de/dokumente/forschung/soi/soi_2020_2_Dolata.Internet.Platforms.Regulation.pdf
Niesyto, Horst (2021): ‚Digitale Bildung‘ wird zu einer Einflugschneise für die IT-Wirtschaft. In: medien + erziehung, Heft 1/2021, S. 23-28. https://t1p.de/485c (Kurzlink). Langfassung: https://horst-niesyto.de/wp-content/uploads/2021/02/2021_Niesyto_digitale_Bildung_IT-Wirtschaft_Langfassung.pdf
Niesyto, Horst (2017): Medienpädagogik und digitaler Kapitalismus. Für die Stärkung einer gesellschafts- und medienkritischen Perspektive. In: Kommer, Sven/ Junge, Thorsten/ Rust, Christiane (Hrsg.): Ta-gungsband: Spannungsfelder und blinde Flecken. Medienpädagogik zwischen Emanzipationsanspruch und Diskursvermeidung. MedienPädagogik, Nr. 27, S. 1-29. https://www.medienpaed.com/article/view/435
Staab, Philipp (2019): Digitaler Kapitalismus. Markt und Herrschaft in der Ökonomie der Ungleichheit. Berlin: Suhrkamp.
Zuboff, Joshua (2018): Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus. Frankfurt/New York: Campus.


 
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