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Sitzungsübersicht
Sitzung
Panel9: Populismus & Polarisierung
Zeit:
Freitag, 17.09.2021:
13:30 - 15:00

Chair der Sitzung: Patrick Bettinger
Chair der Sitzung: Anneke Elsner
Virtueller Veranstaltungsort: Leipziger Zoom (1)
Zoom-Meeting beitreten: https://uni-leipzig.zoom.us/j/61010410038?pwd=NlhDMFFZeXorOVhGR1ZpcjF3THV4Zz09

Populismus, Polarisierung & Desinformation im Netz. Gefahren für den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Online-Plattformen scheinen für populistische und extremistische Kommunikationsstrategien und -stile, welche zur Polarisierung der Gesellschaft und damit zu einer Schwächung des gesellschaftlichen Zusammenhaltes beitragen, einen Nährboden zu bereiten. Zugleich sind Suchmaschinen, Netzwerk- oder Videoplattformen mittlerweile unverzichtbare Werkzeuge, um sich in der verfügbaren Vielfalt des Internets zu orientieren und neue Formen der Vergemeinschaftung zu initiieren. Was in vielen Situationen dabei helfen kann, einen Einblick in das Meinungsklima des sozialen Umfelds und die Vielfalt denkbarer Haltungen zu gewinnen, kann im Extremfall in populistischen «Echokammern» münden, in denen sich Menschen nur noch in ihrer vorgefassten Meinung bestätigen oder gar radikalisieren, was sich etwa in der Zunahme von «hate speech» ausdrückt.


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Präsentationen
13:30 - 14:00
ID: 121 / Panel9: 1
Präsentation mit Bezug zum Call
Themen: Präsentation mit Bezug zum Call
Stichworte: Gesellschaftlicher Zusammenhalt, Integration, Medienvertrauen, Meinungspolarisierung, Mediennutzung

Die desintegrative Spirale eindämmen: Nutzung traditioneller und digitaler Medien als Kanalisierungsmechanismen zwischen Misstrauen gegenüber Medien und Meinungspolarisierung

Daniel Stegmann1, Christina Viehmann1, Oliver Quiring1, Nikolaus Jackob1, Marc Ziegele2

1Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Deutschland; 2Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf

Eine normative Forderung an die Medien lautet, dass sie Gesellschaften integrieren sollen, indem sie einen „common meeting ground“ mittels gemeinsamer Themen, Informationen und Wissen schaffen (Imhof, 2013; Katz, 1996; Vlašić, 2004). Dies ermöglicht den Bürger*innen einerseits die aktive Deliberation und Partizipation am politischen Prozess. Andererseits produziert Integration durch Medien gesellschaftlichen Zusammenhalt, indem sie zur Selbstwahrnehmung der Bürger*innen als Teil einer Gemeinschaft beiträgt (Imhof, 2013). Wenn die Medien die Integrationsfunktion nicht (mehr) erfüllen, indem sie z. B. zur Polarisierung der Bürger*innen beitragen, ist der Zusammenhalt gefährdet.

Kommunikationswissenschaftliche Befunde verdeutlichen in diesem Kontext, dass die Nutzung unterschiedlicher Medienkanäle und Plattformen zu Polarisierung beitragen kann (Tewksbury & Riles, 2015, Tucker et al., 2018). Diese Effekte haben ihren Ursprung in der Art und Weise, wie gesellschaftliche Debatten in den verschiedenen Medienkanälen dargestellt werden – vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk (Ö-R), der eine integrative Funktion in der Gesellschaft erfüllen soll (BVerfG, 1971; Helberger, 2015; Mahrt, 2019), bis hin zu alternativen Medien, die darauf abzielen, Anti-Establishment-Narrative zu verbreiten (Boberg et al, 2020; Holt et al., 2019). Die Nutzung verschiedener Informationsquellen (d.h. die Zusammensetzung des eigenen Medienrepertoires) hängt wiederum entscheidend vom Vertrauen in die Medien ab – misstrauische Rezipienten wenden sich z.B. von Mainstream-Medien ab (Fletcher & Park, 2017). Wir schlagen daher vor, die Nutzung verschiedener Medienquellen für aktuelle Informationen als integrative vs. desintegrative Mechanismen zu verstehen. Diese helfen dabei zu erklären, wie sich die Meinungsbildung bei Menschen mit unterschiedlichem Medienvertrauen vollzieht – wann also (Themen-)Polarisierung über die Nutzung verschiedener Informationskanäle entsteht. Konkret wird angenommen, dass z.B. die Berichterstattungsmaxime im öffentlich-rechtlichen Rundfunk und Qualitätszeitungen zu einer integrativen Wirkung beitragen, wohingegen bspw. übermäßiger Negativismus in alternativen Medien desintegrativ wirkt.

Um unsere Annahmen zu testen, stützen wir uns auf mehrere Wellen einer repräsentativen Querschnittsbefragung in Deutschland, die die politischen und medienbezogenen Einstellungen der Bevölkerung untersucht. Im Zentrum unseres Kernmodells steht der Zusammenhang zwischen Vertrauen in Medien und der Extremität individueller Einstellungen zu einem aktuellen politischen Thema (Flüchtlingspolitik). Dazwischen betrachten wir sieben verschiedene Medienkanäle und -plattformen als vermittelnde Mechanismen. Um die Robustheit der Ergebnisse zu gewährleisten, wurde dieses Kernmodell in verschiedenen Jahren (2016, 2017, 2018, 2020) und mit verschiedenen Themen (z.B. Diesel-Abgasskandal, Corona-Maßnahmen) repliziert. Anhand eines Pfadmodells (R-Paket Lavaan) mit Alter, Geschlecht, Region, Bildung und wirtschaftlichen Zukunftsaussichten als Kontrollvariablen zeigen unsere Ergebnisse, dass das Vertrauen in Medien konsistent mit der Nutzung verschiedener Medienkanäle für aktuelle Informationen zusammenhängt: Mehr Vertrauen führt zu einer intensiveren Nutzung von Ö-R, Zeitungen und traditionellen Medien auf ihren Websites und Apps. Hohes Vertrauen führt außerdem zu weniger Nutzung von alternativen Medien und SNS. Beziehen Menschen aktuelle Informationen über den Ö-R und Zeitungen, so weisen sie unabhängig vom Thema (außer 2018) weniger extreme Einstellungen auf. Auch der indirekte Pfad ist signifikant, sodass gefolgert werden kann, dass die Nutzung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und von Zeitungen als Kanalisierungsmechanismen für den integrativen Einfluss von Vertrauen in Medien auf ein niedrigeres Niveau extremer Meinungen in einer Gesellschaft dienen. Der Kanal über alternative Medien und SNS scheint nicht einheitlich eine Negativspirale auszulösen, sondern war zeit- und themenabhängig (für differenzierte Befunde zur Nutzung alternativer Medien, s. auch Schwarzenegger, 2021). Die Ergebnisse sollen im Lichte einer differenzierteren Rezeptionsperspektive diskutiert werden.

Literatur

Boberg, S., Quandt, T., Schatto-Eckrodt, T., & Frischlich, L. (2020). Pandemic Populism: Facebook Pages of Alternative News Media and the Corona Crisis -- A Computational Content Analysis (Muenster Online Research (MOR) Working Paper 1/2020). Abgerufen von: https://arxiv.org/abs/2004.02566

BVerfGE (1971). BVerfGE 31, 314. 2. Rundfunkentscheidung. Abgerufen von: https://www.servat.unibe.ch/dfr/bv031314.html

Fletcher, R., & Park, S. (2017). The impact of trust in the news media on online news consumption and participation. Digital Journalism, 5(10), 1281–1299. https://doi.org/10.1080/21670811.2017.1279979

Helberger, N. (2015). Merely facilitating or actively stimulating diverse media choices? Public service media at the crossroad. International Journal of Communication, 9, 1324-1340. https://ijoc.org/index.php/ijoc/article/view/2875

Holt, K., Figenschou, T. U., & Frischlich, L. (2019). Key dimensions of alternative news media. Digital Journalism, 7(7), 860–869. https://doi.org/10.1080/21670811.2019.1625715

Imhof, K. (2013). Austritt aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit: Wie differenzieren wir das Soziale?. In K. Imhof, R. Blum, H. Bonfadelli, & O. Jarren (Hrsg.), Stratifizierte und segmentierte Öffentlichkeit (S. 79–90). Springer VS.

Katz, E. (1996). And deliver us from segmentation. Annals of the American Academy of Political and Social Science, 546, 22–33.

Mahrt, M. (2019). Beyond filter bubbles and echo chambers: The integrative potential of the Internet. Digital Communication Research.

Schwarzenegger, C. (2021). Communities of Darkness? Users and Uses of Anti-System Alternative Media between Audience and Community. Media and Communication, 9(1), 99-109. http://dx.doi.org/10.17645/mac.v9i1.3418

Tewksbury, D. & Riles, J. (2015). Political polarization as a function of citizen predispositions and exposure to news on the Internet. Journal of Broadcasting & Electronic Media, 59(3), 381–398. https://doi.org/10.1080/08838151.2015.1054996

Tucker, J., Guess, A., Barberá, P., Vaccari, C., Siegel, A., Sanovich, S. Stukal, D., & Nyhan, B. (2018). Social Media, Political Polarization and Political Disinfor­mation: A Review of the Scientific Literature. Report prepared for the Hewlett Foundation. Abgerufen von: https://papers.ssrn.com/sol3/papers.cfm?abstract_id=3144139

Vlašić, A. (2004). Die Integrationsfunktion der Massenmedien. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.



14:00 - 14:30
ID: 124 / Panel9: 2
Präsentation mit Bezug zum Call
Themen: Präsentation mit Bezug zum Call
Stichworte: Medienökologie, Medienbildung, Medienpädagogik

Digitale Fragmentierung - Verhindern digitale Plattformen gesellschaftlichen Konsens?

Jens Holze

Otto-von-Guericke-Universität, Deutschland

Wenn die 1990er Jahre als der Aufstieg der digitalen Netzmedien mit dem Internet als grundlegender Infrastruktur und dem World Wide Web als dominanter Applikation betrachtet werden können und wenn die 2000er und frühen 2010er Jahre als deren Transformation zu einem Social Web interpretiert werden können, während der einige wenige global agierende Player wie Google, Facebook, Microsoft, Apple oder Amazon ihre Dominanz im Netz haben verfestigen können und mittels ihrer großen Plattformen sich im Alltag von Milliarden von Menschen verewigt haben, dann sind die letzten 10 Jahre womöglich der Zeitraum in dem die sich daraus ergebenden Konsequenzen für Individuum und Gesellschaft anhand vieler Phänomene erfahrbar, verstehbar und empirisch erfassbar geworden sind. Ein aktuelles Phänomen scheint dabei die Fragmentierung des World Wide Webs durch kommerzielle Anbieter und ihre auf massenhafte Nutzung ausgelegten Plattformen zu sein, die entegegen der frühen Webanwendungen immer weniger auf den Austausch untereinander setzen, sondern die Nutzenden vielmehr in ihrem Ökosystem halten wollen. Das widerspricht insbesondere der Idee des Internet, welches als Netz zwischen Netzen eigentlich universalen Austausch fördern sollte, sich nun aber scheinbar mit kommerziellen Anwendungen eher in das Gegenteil entwickelt. Dies ist insbesondere eine Herausforderung für Prozesse von Medienbildung, die dem Subjekt gegenüber komplexer werdenden Medienwelten zu Autonomie verhelfen sollen (vgl. Holze 2017, Jörissen & Marotzki 2009).

Theoretisch werden in diesem Beitrag mit einer medienökologischen Perspektive nach Harold Innis, Marshall McLuhan und Robert K Logan zunächst eine Beschreibung und auch erste Begründungsfiguren für diese digitale Fragmentierung entwickelt, wobei im Kern der Aspekt der Retribalisierung, den McLuhan für elektrische Medien als dominant beschrieben hat, relevant scheint. Er versteht darunter eine Rückkehr zur Sinneswelt der Stammeskulturen, bei denen ein Gleichgewicht der Sinne noch ausgeprägt war, bevor das geschriebene und dann das gedruckte Wort die Macht übernahmen und damit andere Vergemeinschaftungsformen wie Imperien und Nationalstaaten ermöglichten. Durch die elektronischen Medien entstehe aber wieder das, was McLuhan als Globales Dorf (im Orig. Global Village) beschreibt (vgl. McLuhan 1962: 31, McLuhan 1992: 113). Es wird dann überblickshaft diskutiert, welche Konsequenzen dies für moderne Gesellschaften haben kann und bereits hat. McLuhans durchaus kritische Position zu den Post-Gutenberg-Medien hebt insbesondere auf den Effekt von Medien als Hersteller medialer Umwelten ab. Dies betrachtet er als eine meist nur schwer wahrnehmbare Konsequenz, die allen Medien innewohnt: „Because all media, from the phonetic alphabet to the computer, are extensions of man that cause deep and lasting changes in him and transform his environment. Such an extension is an intensification, an amplification of an organ, sense or function, and whenever it takes place, the central nervous system appears to institute a self-protective numbing of the affected area, insulating and anesthetizing it from conscious awareness of what’s happening to it.“ (McLuhan und Zingrone 2005: 226). Wir Menschen seien diesen Entwicklungen gegenüber also folglich taub.

Viele aktuelle Beobachter*innen greifen diese Phänomene in unterschiedlichen Perspektiven auf, unter anderem Felix Stalder in seiner Kultur der Digitalität oder Andreas Reckwitz in seiner Gesellschaft der Singularitäten. Meist werden digitale Medien hier aber lediglich als Symptom (spät-)moderner Transformationsprozesse untersucht, nicht aber als deren Voraussetzung. Eine medienökologische Perspektive ist in der Lage, diese konzeptionelle Lücke zu schließen.

Im Ausblick sollen Ideen vorgestellt werden, die gegebenenfalls zur Immunisierung gegen die beschriebenen Fragmentierungstendenzen beitragen können. Dabei wird sowohl die Subjektebene und damit eine Perspektive Strukturaler Medienbildung als auch die breitere gesellschaftliche Ebene in den Blick genommen. Beide Perspektiven scheinen für einen Umgang mit dem Phänomen notwendig, gleichzeitig zeigt sich daran auch, dass von einem komplexen Spannungsfeld unterschiedlicher Einflüsse auszugehen ist. Insofern wird auch für einen breiten interdisziplinären Ansatz geworben, da keine wissenschaftliche Disziplin allein in der Lage ist, das Phänomen adäquat zu beschreiben oder ihm zu begegnen. Gleichzeitig wird die Rolle der Bildungswissenschaft betont, die bei aktuellen gesellschaftlichen Diskussionen unbegründet ins Hintertreffen zu geraten scheint, obwohl ihr vielmehr eine zentrale Rolle in der Analyse und der Findung von individuellen und kollektiven Bewältigungsstrategien zukommt.

Bibliografie
Holze, Jens (2020) Digitale Fragmentierung - die Implosion diskursiver Räume. In Zukunft: die Diskussionszeitschrift für Politik, Gesellschaft und Kultur / Wien: VA Verl., Ausgabe 9, S. 18-23

Holze, Jens (2020) (Wie) Medien umwelten: Medienbildung und der Blick unter die Haube. In MedienPädagogik: Zeitschrift für Theorie und Praxis der Medienbildung, 39, S. 70-85.

Holze, Jens (2017) Digitales Wissen : bildungsrelevante Relationen zwischen Strukturen digitaler Medien und Konzepten von Wissen. Dissertation zur Erlangung des Dr. phil. thesis, Otto-von-Guericke-Universität. http://dx.doi.org/10.25673/4666

Marotzki, Winfried, Holze, Jens & Verständig, Dan (2013) Analyzing Virtual Data. In The Sage handbook of qualitative data analysis, Hrsg. Flick, U.) Sage Publications, London, S. 250-264.


14:30 - 15:00
ID: 141 / Panel9: 3
Präsentation mit Bezug zum Call
Themen: Präsentation mit Bezug zum Call
Stichworte: Desinformation, Socialbots, Digitale Öffentlichkeit, Macht, Software

Zwischen Deliberation und Desinformation: Über die Herstellung von Orientierung in digitalen Öffentlichkeiten und medienpädagogische Handlungsstrategien

Dan Verständig

Otto-von-Guericke-Universität, Deutschland

In einer Zeit, in der Fakten verhandelbar erscheinen, Fake News, Hate Speech und soziale Entgrenzung die medialen Diskurse bestimmen und populistische Gehalte gleichzeitig zu lebensweltlichen Alltagsproblemen von ganzen sozialen Gruppierungen werden, scheinen deliberative Demokratietheorien ebenso an die Grenzen ihrer Erklärungskraft zu stoßen, wie gesellschaftstheoretische Beschreibungen, die sich den pluralisierenden Tendenzen verwehren und damit die Symptome eines postfaktischen Zeitalters ausblenden. Soziale Medien und die dadurch konstituierten Sozialen Medien sind von einer hohen Ambivalenz geprägt (Verständig, 2020). Einerseits machen sie es den Menschen erstaunlich leicht, sich mitzuteilen, persönliche Eindrücke sowie Erfahrungen mit anderen zu teilen. Andererseits zeichnen sie ein komplexes Bild von Prozessen der sozialen Aushandlung, Konfrontation durch Gegen- oder sogar Hass Rede und beeinflussen damit die individuelle Positionierung der Einzelnen in der Welt. Dies führt zu einer Rekonfiguration von bestehenden Machtverhältnissen (Brunton & Coleman, 2014; Galloway & Thacker, 2007; Wessler, 2018).

Diese komplexe und komplizierte Verflechtung sozialer Aushandlungsprozesse, digitaler Technologien und sozialer Medien verweist auf eine gesellschaftstheoretische Grundproblematik, die nicht nur politik- und kommunikationswissenschaftlich oder philosophisch aufgeladen ist, sondern auch die Fragen der Bildung im digitalen Zeitalter im Kern betreffen. Denn wenn Postfaktizität kritiklos hingenommen wird, verlieren Rationalität und die Kraft des besseren Arguments ihren Wert, was zwangsläufig die tragenden Säulen demokratisch verfasster Gesellschaften berührt und zu einer Emergenz von Herrschaftsformen führt, die geprägt sind durch Informationsmanipulation, Mobilisierung von Gefühlen und subjektiven Stimmungen. In der Konsequenz wird gesellschaftlicher Zusammenhalt an den Stellen erschüttert, an denen digitale Technologien in die intimsten Bereiche der einzelnen Gesellschaftsmitglieder über ihre persönlichen Smartphones eindringen (Chun, 2016).

Im Beitrag sollen Praktiken im Umgang mit Desinformationen und der Herstellung von individueller Orientierung untersucht werden. Dies geschieht in zwei Schritten. Erstens erfolgt eine theoretisch-begriffliche Einordnung einschlägiger internationaler Studien zur Segregation in sozialen Arenen (Bruns, 2019; Gillespie, 2016; Hui Kyong Chun, 2011; Marwick & boyd, 2011; Nechushtai & Lewis, 2019), die insbesondere durch Programmier- und Kommunikationspraktiken über Social Bots (Gehl & Bakardjieva, 2017; Graham & Auckland, 2017) beeinflusst werden, um so auf die Strukturiertheit von machtförmigen Figurationen und Prozesse der Aushandlung und politisch-ästhetischen Expression hinzudeuten. Im Anschluss daran soll eine konzeptionelle Einordnung hinsichtlich der kollaborativen und gemeinschaftlichen „Entzauberung“ von Desinformation vorgenommen werden. Die Grundlage hierfür bilden ausgewählte Case Studies aus dem Mikroblogging-Netzwerk Twitter. Hierbei wird theoretische Framework zur Resilienz gegenüber Online Desinformation von Humprecht et al. (2020) diskutiert und mit Blick auf den Gegenstandsbereich eingeordnet werden. Der Beitrag will damit auf die Komplexität der Aushandlungen, die auf unterschiedlichen technologischen Ebenen stattfinden hinweisen. Damit kann eine Grundlage für die Ableitung weitergehender medienpädagogischer Handlungsstrategien gegeben werden, denn wenn sich eine Rekonfiguration von bestehenden Machtverhältnissen diskutieren lassen kann, die das Subjekt nicht ausklammert, sondern im Sinne der Befähigung und demokratischen Teilhabe als Akteur einbezieht, bieten sich verschiedene Praktiken und Methoden der Aufklärung über die komplexen Zusammenhänge an.

Bibliografie
Bruns, A. (2019). Are Filter Bubbles Real? POLITY PRESS.

Brunton, F., & Coleman, G. (2014). Closer to the Metal. In T. Gillespie, P. J. Boczkowski, & K. A. Foot (Hrsg.), Media Technologies (S. 77–98). The MIT Press. https://doi.org/10.7551/mitpress/9780262525374.003.0004

Chun, W. H. K. (2016). Updating to remain the same: Habitual new media. The MIT Press.

Galloway, A. R., & Thacker, E. (2007). The exploit: A theory of networks (Bd. 21). ebrary, Inc.

Gehl, R. W., & Bakardjieva, M. (Hrsg.). (2017). Socialbots and Their Friends: Digital Media and the Automation of Sociality (1. Aufl.). Routledge. https://doi.org/10.4324/9781315637228

Gillespie, T. (2016). #trendingistrending: When algorithms become culture. In R. Seyfert & J. Roberge (Hrsg.), Algorithmic Cultures: Essays on Meaning, Performance and New Technologies. Routledge.

Graham, T., & Auckland, R. (2017). Do Socialbots Dream of Popping the Filter Bubble? The Role of Socialbots in Promoting Deliberative Democracy in Social Media. In R. W. Gehl & M. Bakardjieva (Hrsg.), Socialbots and Their Friends: Digital Media and the Automation of Sociality (S. 186–206). Routledge.

Hui Kyong Chun, W. (2011). Crisis, Crisis, Crisis, or Sovereignty and Networks. Theory, Culture & Society, 28(6), 91–112. https://doi.org/10.1177/0263276411418490

Humprecht, E., Esser, F., & Van Aelst, P. (2020). Resilience to Online Disinformation: A Framework for Cross-National Comparative Research. The International Journal of Press/Politics, 25(3), 493–516. https://doi.org/10.1177/1940161219900126

Marwick, A. E., & boyd, danah. (2011). I tweet honestly, I tweet passionately: Twitter users, context collapse, and the imagined audience. New Media & Society, 13(1), 114–133. https://doi.org/10.1177/1461444810365313

Nechushtai, E., & Lewis, S. C. (2019). What kind of news gatekeepers do we want machines to be? Filter bubbles, fragmentation, and the normative dimensions of algorithmic recommendations. Computers in Human Behavior, 90, 298–307. https://doi.org/10.1016/j.chb.2018.07.043

Verständig, D. (2020). Soziale Medien zwischen Disruption und Synthese—Eine bildungstheoretische Perspektive auf Praktiken des Codings zur Herstellung von digitalen Öffentlichkeiten. In P. Klimczak, C. Petersen, & S. Breidenbach (Hrsg.), Die Gesellschaft im Spiegellabyrinth sozialer Medien. Kultur-, Sozial- und Computerwissenschaftliche Zugänge zur Onlinekommunikation (S. 26–43). Springer Fachmedien.

Wessler, H. (2018). Habermas and the media. Polity.


 
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