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Sitzungsübersicht
Sitzung
Panel2: Medienkompetenz
Zeit:
Donnerstag, 16.09.2021:
10:30 - 12:00

Chair der Sitzung: Ruth Wendt
Chair der Sitzung: Jessica Kühn
Virtueller Veranstaltungsort: Münchner Zoom (2)
Zoom-Meeting beitreten https://lmu-munich.zoom.us/j/92060135548?pwd=emZtSmtPbHdtTWxQWXJMejQ1bFhWZz09 Meeting-ID: 920 6013 5548 Kenncode: mpaed2021

Von Digitalität und Future Skills: Grenzen und Perspektiven des Kompetenzbegriffs.

Der Kompetenzbegriff ist ein zentraler Angelpunkt medienpädagogischer Arbeit und Forschung. Die Beiträge dieses Panels fordern einen Blick auf die Grenzen bestehender theoretischer Verortungen ein und zeigen daran potentielle Anknüpfungspunkte für Medienbildung und Medienforschung auf.


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Präsentationen
10:30 - 11:00
ID: 106 / Panel2: 1
Präsentation mit Bezug zum Call
Themen: Präsentation mit Bezug zum Call
Stichworte: Lügenpresse, Medienskepsis, Medienkompetenz, Nachrichtenkompetenz, Lehramtsausbildung

Mit Journalismuskompetenz den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken: Ein Modell und Konzept für die Lehramtsausbildung

Markus Beiler, Uwe Krüger, Juliane Pfeiffer, Sophie Menner

Universität Leipzig, Deutschland

Die Strukturen von Öffentlichkeit befinden sich in einem umfassenden Transformationsprozess: Digitalisierung und Globalisierung haben ein Zeitalter digitaler Netzwerkmedien mit inflationären, teils personalisierten Teilöffentlichkeiten eingeläutet. Berührt davon ist auch das Vertrauen in etablierte Medien. Nutzer*innen hinterfragen verstärkt journalistische Produkte, in denen sie ihre Perspektiven, Bedürfnisse und Werte oft nicht wiederfinden (vgl. Jandura et al. 2018). Die Rede von der „Lügenpresse“ kann als ein Warnzeichen für schwindenden gesellschaftlichen Zusammenhalt gesehen werden, da sie dem Journalismus als Hersteller von Öffentlichkeit und gesellschaftlicher Integrationsagentur gilt. Medienskepsis geht dabei oft mit Misstrauen in Politik und Demokratie, niedrigem interpersonellem Vertrauen und Verschwörungsmentalität einher, aber auch mit geringem Medienwissen und mangelndem Bewusstsein für die Konstruiertheit von Medienrealität (Prochazka & Schweiger 2020: 202; Ziegele et al. 2018: 158).

Zumindest den letzten zwei Prädiktoren von Medienskepsis kann mit Bildungsarbeit direkt begegnet werden. Es gilt, grundlegende Kompetenzen bezüglich der Rolle und Funktion der Institution „Journalismus“ in der gesamten Bevölkerung und den nachwachsenden Generationen zu verankern und eine „Kopernikanische Wende“ von einer naiv-realistischen Abbildtheorie hin zu einer konstruktivistischen Sichtweise auf das Verhältnis von Medien und Realität zu vollziehen, die in der Kommunikationswissenschaft bereits vor Jahrzehnten stattgefunden hat (vgl. Beiler et al. 2020). Mit einem interdisziplinären Ansatz aus Erziehungs- und Kommunikationswissenschaft plädieren wir bezüglich der Schul- und Erwachsenenbildung für ein Konzept von „Journalismuskompetenz“, das folgende Dimensionen umfasst:

1) Kognitive Fähigkeiten: Grundlegendes Wissen und Verständnis, welche Funktionen Journalismus in der demokratischen Gesellschaft hat, wie das Mediensystem strukturiert ist, welche Mediengattungen es gibt, wie die Arbeitsweisen und Handwerkregeln des Journalismus sind (Recherchetechniken, Selektionskriterien, Darstellungsformen) und welchen Normen er unterliegt.

2) Kritisch-reflektorische Fähigkeiten: Auf Basis des kognitiven Wissens sollen journalistische Produkte, Inhalte, Diskurse und Arbeitsweisen vor dem Hintergrund der Funktionen und Normen des Journalismus und eigener Werthaltungen bewerten und beurteilt werden. Auch sollen affektive Einstellungen gegenüber Medien, Journalist*innen und Berichterstattung selbstkritisch reflektiert werden.

3) Praktische Handlungsbereitschaft: Hier geht es um die Bereitschaft, a) journalistische Produkte adäquat auszuwählen, um individuelle Informationsbedürfnisse zu befriedigen und für die eigene politische Meinungs- und Willensbildung zu nutzen, b) Journalist*innen aktiv zu adressieren, um sie auf relevante Themen hinzuweisen und ihnen konstruktives Feedback zu geben sowie c) die eigenen Rechte und Möglichkeiten zu nutzen, um sich ggf. über Berichterstattung zu beschweren (Presserat, Rundfunkräte, Gerichte). Darüber hinaus sollen Bürger*innen kompetent sein, „laienjournalistisch“ etwa über Social-Media-Angebote, Offene Kanäle und Bürgermedien tätig zu werden.

Der Vortrag umfasst drei Teile: Zunächst wird das Journalismuskompetenz-Modell theoretisch hergeleitet, und zwar in Auseinandersetzung mit den übergeordneten Konzepten der „Kommunikativen Kompetenz“ (Habermas 1971; Baake 1973), „Medienkompetenz“ (Baake 1997: 98–99, Schorb 2005, Kübler 1999) und „Demokratiekompetenz“ (Audigier 2000) sowie in Abgrenzung zu ähnlichen Begriffsprägungen wie „Nachrichtenkompetenz“/„News Literacy“ (Hagen et al. 2017), „Digital Media Literacy“ (Zhang & Zhu 2016), „Informationskompetenz“ (Haller 2019) und „journalistische Kompetenz“ aus der Journalist*innenausbildung (Meier 2018: 234). Zweitens werden Ergebnisse einer eigenen (zurzeit in Vorbereitung befindlichen) empirischen Erhebung zum Stand der kognitiven Journalismuskompetenz bei Lehramtsstudierenden präsentiert. Schließlich wird ein Einblick in Lehrveranstaltungen gegeben, denen das Journalismuskompetenz-Konzept zugrunde liegt und in denen Lehramtsstudierende aller Fächer als künftige Multiplikator*innen durch Wissensvermittlung, praktische journalistische Arbeit und die Erarbeitung von Unterrichtskonzepten geschult werden.

Referenzen

Audigier, François (2000). Basic Concepts and Core Competencies for Education for Democratic Citizenship. Straßburg: Council for Cultural Co-Operation (CDCC), http://www.ibe.unesco.org/fileadmin/user_upload/Curriculum/SEEPDFs/audigier.pdf [Zugegriffen: 23.2.2021]

Baacke, Dieter (1973). Kommunikation und Kompetenz. Grundlegung einer Didaktik der Kommunikation und ihrer Medien. München: Juventa.

Baacke, Dieter (1997). Medienpädagogik. Berlin: De Gruyter.

Beiler, Markus, Uwe Krüger, & Juliane Pfeiffer (2020). Journalismusausbildung breiter denken! Journalismuskompetenz in Zeiten von Digitalisierung und Vertrauenserosion. In Tanja Köhler (Hrsg.), Fake News, Framing, Fact-Checking: Nachrichten im digitalen Zeitalter (S. 447–476). Bielefeld: Transcript.

Habermas, Jürgen (1971): Vorbereitende Bemerkungen zu einer Theorie der kommunikativen Kompetenz. In: Jürgen Habermas und Niklas Luhmann: Theorie der Gesellschaft oder Sozialtechnologie. Was leistet die Systemforschung? (S. 101–141). Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Hagen, Lutz, Rebecca Renatus, & Anja Obermüller (2017). Nachrichtenkompetenz durch die Schule. Eine Untersuchung im Auftrag der Stiftervereinigung der Presse. Präsentation der Ergebnisse auf Pressekonferenz in Berlin, 07.09.2017, https://tu-dresden.de/gsw/phil/ifk/ressourcen/dateien/inst/news/2017/PK-Praesentation_Ergebnisse-Projekt-Nachrichtenkompetenz.pdf?lang=de [Zugegriffen: 23.2.2021]

Haller, Michael (2019): Wahrheit und Lügen in der Onlinewelt: Warum Informationskompetenz für Berufsschüler so wichtig ist. Schlossvorlesungen 2019. Medienpädagogischen Zentrum Plus. Torgau, 27.03.2019.

Jandura, Olaf; Kösters, Raphael; Wilms, Lena (2018). Mediales Repräsentationsgefühl in der Bevölkerung: Analyse nach politisch-kommunikativen Milieus. Media Perspektiven, 3, S. 118–127, https://www.ard-werbung.de/fileadmin/user_upload/media-perspektiven/pdf/2018/0318_Jandura_Koesters_Wilms.pdf [Zugegriffen: 23.2.2021]

Kübler, Hans-Dieter (1999). Medienkompetenz – Dimensionen eines Schlagwortes. In Fred Schell, Elke Stolzenburg & Helga Theunert (Hrsg.), Medienkompetenz: Grundlagen und pädagogisches Handeln (S. 25-47). München: KoPäd.

Meier, Klaus (2018): Journalistik. 4. überarbeitete Auflage. Konstanz: UTB.

Prochazka, Fabian; Schweiger, Wolfgang (2020). Vertrauen in Journalismus in Deutschland: Eine Typologie der Skeptiker. Media Perspektiven, 4, S. 196–206, https://www.ard-werbung.de/fileadmin/user_upload/media-perspektiven/pdf/2020/0420_Prochazka_Schweiger.pdf [Zugegriffen: 23.2.2021]

Schorb, Bernd (2017). Medienkompetenz. In Bernd Schorb, Anja Hartung-Griemberg & Christine Dallmann (Hrsg.), Grundbegriffe Medienpädagogik. 6., neu verfasste Auflage (S. 254–262). München: KoPäd.

Zhang, Hui; Zhu, Chang (2016). A Study of Digital Media Literacy of the 5th and 6th Grade Primary Students in Bejing. The Asia-Pacific Education Researcher 25(4), 579-592.

Ziegele, Marc; Schultz, Tanjev; Jackob, Nikolaus; Granow, Viola; Quiring, Oliver; Schemer, Christian (2018). Lügenpresse-Hysterie ebbt ab. Mainzer Langzeitstudie „Medienvertrauen“. Media Perspektiven (4), S. 150-162, https://www.ard-werbung.de/fileadmin/user_upload/media-perspektiven/pdf/2018/0418_Ziegele_Schultz_Jackob_Granow_Quiring_Schemer.pdf [Zugegriffen: 23.2.2021]

Bibliografie
Beiler, M., Krüger, U., & Pfeiffer, J. (2020). Journalismusausbildung breiter denken! Journalismuskompetenz in Zeiten von Digitalisierung und Vertrauenserosion. In T. Köhler (Hrsg.), Fake News, Framing, Fact-Checking. Nachrichten im digitalen Zeitalter (S. 446–476). Bielefeld: transcript.

Beiler, M., Irmer. F., & Breda, A. (2020). Data Journalism at German Newspapers and Public Broadcasters: A Quantitative Survey of Structures, Contents and Perceptions. Journalism Studies, 21 (11), 1571–1589

Beiler, M., Maurer, P., & Gerstner, J. R. (2019). Nähe und Vertrauen als komplexitätsreduzierende Faktoren im Politikjournalismus? Eine Studie der Interaktionsbeziehungen von Journalisten und Politikern. In B. Dernbach, A. Godulla & A. Sehl (Hrsg.), Komplexität im Journalismus (S. 163–170). Wiesbaden: Springer VS.

Beiler, M., & Kiesler, J. (2018). „Lügenpresse! Lying press!” Is the press lying? A Content Analysis Study of the Bias of Journalistic Coverage about ‚Pegida’, the Movement Behind this Accusation. In K. Otto & A. Köhler (Hrsg.), Trust in Media and Journalism: Empirical Perspectives on Ethics, Norms, Impacts and Populism in Europe (S. 155-179). Wiesbaden: Springer VS.

Beiler, M., & Krüger, U. (2018). Mehr Mehrwert durch Konstruktiven Journalismus? Idee des Konzepts und Implikationen zur Steigerung des Public Values von Medien. In N. Gonser (Hrsg.), Der öffentliche (Mehr )Wert von Medien. Public Value aus Publikumssicht (S. 167–191). Wiesbaden: Springer VS.


11:00 - 11:30
ID: 129 / Panel2: 2
Präsentation mit Bezug zum Call
Themen: Präsentation mit Bezug zum Call
Stichworte: Future Skills; Kompetenzen; Medienkompetenz; Hochschule; Demokratie

Future Skills für eine selbstbestimmte Mediennutzung

Ulf-Daniel Ehlers, Laura Eigbrecht

DHBW Karlsruhe, Deutschland

Im Beitrag wird die Vermittlung von Future Skills für Studierende als ein zentraler Begriff thematisiert. Als Future Skills werden jene Fähigkeiten bezeichnet, „die es Hochschulabsolventinnen und -absolventen ermöglichen, die Herausforderungen der Zukunft bestmöglich zu meistern“ (Ehlers 2020, S. 3). Damit einher geht eine zunehmende Kompetenzorientierung der Hochschullehre, beschleunigt durch den Bologna-Prozess, und eine Abkehr von der Wissensvermittlung hin zur Vermittlung von Kompetenzen, mit diesem Wissen kompetent, selbstbestimmt und reflektiert umzugehen.

Die Komplexität der zukünftig zu lösenden Problemstellungen – darunter gesellschaftlicher Zusammenhalt als zentrale Herausforderung – bringt neue Herausforderungen für den Umgang mit Wissen und Informationen mit sich. Es gilt, Informationen aus verschiedenen Quellen zu analysieren, kritisch zu prüfen und einzuordnen, um verschiedene Handlungsoptionen abwägen und auf dieser Informationsgrundlage selbstbestimmt Entscheidungen treffen zu können – und diese anschließend zu kommunizieren und darüber in den Austausch zu treten. Future Skills in diesem Sinne sind damit auch Medienkompetenzen bzw. Mediennutzungskompetenzen sowie damit verknüpfte Kompetenzen, die ein kritisches Urteilsvermögen unterstützen. Denn Medien stehen im Zentrum von Meinungs- und Urteilsbildung, bilden komplexe Diskurse ab, vermitteln Werte und Zugehörigkeit, schaffen Öffentlichkeit und Sichtbarkeit für Themen, erleichtern Austausch und Kommunikation, sind Wissensquellen – ermöglichen jedoch auch Falschinformationen, Skandalisierung und Instrumentalisierung. Ihre bedeutsame Rolle in der öffentlichen Meinungsbildung, zentraler Bestandteil von Demokratie und Grundlage für gesellschaftlichen Zusammenhalt, ist unbestritten – genau wie die damit verbundenen Risiken, diese manipulierend zu beeinflussen. Doch welche Kompetenzen sind notwendig, um Medien selbstbestimmt und demokratisch nutzen zu können und wie können wir diese vermitteln? Studierende als zukünftige Entscheidungsträger*innen sollten hier im Zentrum der Überlegungen stehen. Auch wissenschaftliches Arbeiten – Grundlage jedes Studiums – setzt einen mündigen und kritischen Umgang mit Informationen voraus, um komplexe Fragestellungen zu lösen.

Ehlers (2020) hat auf Grundlage von Expert*innen-Interviews 17 Future Skills-Profile erarbeitet, die als besonders bedeutsam für zukünftige Hochschulabsolvent*innen erachtet werden. Diese sind einzuordnen in drei Dimensionen, in denen sie wirksam werden: Im Bezug des Individuums zu sich selbst, zu Objekten und zur Welt. Im Beitrag wird herausgearbeitet, welche von ihnen besonders als Gestaltungs- und Handlungskompetenzen wichtig für eine mündige und demokratiefördernde Mediennutzung sind. Dabei stehen Reflexionskompetenz und insbesondere Ambiguitätskompetenz und Ethische Kompetenz als individuell-entwicklungsbezogene Kompetenzen im Fokus, Digitalkompetenz als individuell-objektbezogene Kompetenz sowie Sensemaking, Zukunfts- und Gestaltungskompetenz und Kommunikationskompetenz als organisationsbezogene Kompetenzen. Es wird argumentiert, dass diesen Kompetenzen eine partizipative und eine transformative Komponente innewohnen, die für die demokratische Teilhabe zentral sind. Im Beitrag werden die spezifischen Future Skills in ihrem Gehalt auf selbstbestimmte und demokratische Mediennutzung beschrieben und kritisch reflektiert, was dies für die zukünftige Hochschullehre bedeutet.

Literatur

Ehlers, Ulf-Daniel (2020). Future Skills. Lernen der Zukunft - Hochschule der Zukunft. Springer VS, Wiesbaden. https://doi.org/10.1007/978-3-658-29297-3

Bibliografie
- Ehlers, U.-D. (2020): Future Skills: Lernen der Zukunft – Hochschule der Zukunft. Springer: New York, Heidelberg (online open access)
- Ehlers, U.-D., Meertens, S. (2020): Studium der Zukunft – Absolventinnen der Zukunft. Future Skills zwischen Theorie und Praxis. Springer: New York, Heidelberg
- Ehlers, U.-D. (2014): Open Learning Cultures. A Guide to Quality, Evaluation and Assessment for Future Learning. Springer: New York, Heidelberg
- Ehlers, U.-D., Crelman, A., Shamarina-Heidenreich, T., Stracke, C. (Hrsg.) (2014): Changing the trajectory: Quality for opening up education. Logos. Berlin
- Ehlers, U.-D., Schneckenberg, D. (Hrsg.) (2010): Changing Cultures in Higher Education – Moving Ahead to Future Learning. A Handbook for Strategic Change. Springer International. New York
- Ehlers, U.-D. (2004): Qualität im E-Learning aus Lernersicht. Grundlagen, Empirie und Modellkonzeption subjektiver Qualität. Springer: Wiesbaden [1. Auflage vergriffen, 2 Auflage verfügbar]


11:30 - 12:00
ID: 127 / Panel2: 3
Präsentation mit Bezug zum Call
Themen: Präsentation mit Bezug zum Call
Stichworte: Digitalität, Kompetenz-Framework, Digitale Kompetenzen, Digitale Bildung

Brauchen wir ein generalistischeres Kompetenz-Framework in einer Kultur der Digitalität?

Anna Soßdorf

Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Deutschland

Zweifelsfrei wird die breit diskutierte Beobachtung gestützt, dass sich die Mediennutzungsmuster und die Medienlogik entlang der technologischen Entwicklungen verschoben haben: Aufhebung der Symmetrie zwischen Kommunizierenden; Vermischung von Nutzung, Distribution und Produktion sowie Verschiebung der Funktionen der Massenmedien. Aber haben sich im ähnlichen Maße die benötigten medienpädagogischen Kompetenzen verschoben? Anknüpfend an Baackes (1996) Medienkompetenzmodel sind viele Weiterentwicklungen für das digitale Zeitalter erfolgt (u.a. DigiComp, 4 C’s, Dagstuhl Dreieck), die sich auf aktuelle, technologische Entwicklungen sowie deren Chancen und Herausforderungen beziehen (vgl. Brandhofer/Wiesner 2018, Kerres 2017). Doch beschreiben diese Konzepte in einem adäquaten Maße die benötigten Fähigkeiten für ein bewusstes Leben in einer digitalisierten Welt? An dieser Frage setzt der Beitrag an und schlägt vor, die Frage nach den benötigten Kompetenzmodellen an die Idee der Kultur der Digitalität (vgl. Stalder 2016) zu knüpfen.

Dabei wird Digitalität als Erweiterung zum technikfokussierten Begriff der Digitalisierung verstanden und damit als „Vernetzung von digital und analog, Tradition und Innovation“ (Schier 2019). Es geht ferner darum, digitale und analoge Potentiale ergänzend nutzbar zu machen und mithilfe eines Perspektivwechsels „einmal aus der beschleunigten Thematisierung von Trends, Tools und Technologie auszusteigen“ (Broszio 2018). Anknüpfend an diesen vorgeschlagenen Perspektivwechsel wird deutlich, dass die beschriebenen Konzepte der Digitalen Kompetenzen mitsamt ihren Unterkompetenzen erweitert werden sollten. Denn bisher fokussieren sie stark auf den selbstbestimmten und kritischen Umgang mit digitalen Tools und digitalen Inhalten (vgl. Allert et al. 2017, Schier 2018).

Auf Grundlage des Verständnisses von Digitalität braucht es aber ein Kompetenz-Framework, das herauszoomt und die digitale Welt als eine neben der analogen Lebenswelt anerkennt: „Wenn Probleme, Gefahren und Risiken technischer Entwicklungen (als digitale Disruption, Transformation usw.) beschrieben werden, bietet die Perspektive von Digitalität mit der Suche nach digital-analoger Balance einen Ausweg. Mit der lebensweltorientierten Perspektive der Digitalität erscheint es sinnvoll den Lebenskompetenzbegriff zu erweitern.“ (Schier 2019)

Hinweise auf eine benötigte Erweiterung eines Medienkompetenzbegriffes für die Kultur der Digitalität geben erste Erkenntnisse eines aktuellen Beteiligungsprojektes zur Zukunft des öffentlich-rechtlichen Fernsehens (vgl. meinfernsehen2021.de). Danach wünschen sich die beteiligten Zuschauenden neben der stets verfügbaren, schnell selektierbaren und individuell nutzbaren Angebotspalette im Internet noch etwas anderes. Für sie und auch die Gesellschaft sei es wichtig, mit zufälligen Angeboten konfrontiert zu werden, die von Journalist*innen sorgfaltspflichtkonform aufbereitet und eingeordnet werden. Für neue Lernerfahrungen, Horizonterweiterungen sowie eine politische Meinungsbildung sei es zentral, über Angebote zu stolpern, die auf Grundlage des eigenen Suchverhaltens à la Netflix-Algorithmus zunächst nicht ausgewählt wurden. Es gehe also neben der selbstbestimmten digitalen Mediennutzung im Internet auch um eine gesamtgesellschaftliche Orientierung, persönliche Anschlussgespräche und Lagenfeuer-Events. Eine Medienkompetenzdebatte unter Einbezug digitaler und analoger Lebensräume kann so der Frage begegnen, wie Kohäsion in einer Gesellschaft gelingen kann, in der Menschen, Kulturen sowie Meinungen sich begegnen und eine gemeinsame gesellschaftlich-politisch relevante Kultur weiterschreiben.

Der Beitrag besteht aus vier Bausteinen. Zunächst wird die aktuelle Debatte zu Digitalen Kompetenz-Frameworks herausgearbeitet (1.), um daraus Denkanstöße für eine Verknüpfung zur Idee der Kultur der Digitalität vorzuschlagen (2.). Anschließend werden exemplarisch Forschungsdaten des Projektes meinfernsehen2021 präsentiert (3.). Ein Rückbezug auf die Dachfrage zur gesellschaftlichen Kohäsion rundet den Beitrag ab (4.).

Literatur:

Allert, Heidrun; Michael Asmussen, Christoph Richter (2017): Digitalität und Selbst. Interdisziplinäre Perspektiven auf Subjektivierungs- und Bildungsprozesse. Transkript Verlag, Bielefeld.

Baacke, Dieter (1996): Medienkompetenz als Netzwerk. Reichweite und Fokussierung eines Begriffs, der Konjunktur hat.medien praktisch–Zeitschrift für Medienpädagogik, 20 (2), 4-10.

Brandhofer, Gerhard/Wiesner, Christian (2018): Medienbildung im Kontext der Digitalisierung: Ein integratives Modell für digitale Kompetenzen. Online Journal for Research and Education, 10.

Broszio, Andreas (2018): Digitalisierung oder Digitalität? Verfügbar unter: https://andreasbroszio.wordpress.com/2018/03/03/digitalisierung-oder-digitalitaet/, zuletzt geprüft am 26.02.2021.

Kerres, M. (2017). Digitalisierung als Herausforderung für die Medienpädagogik: „Bildung in einer digital geprägten Welt“. In C. Fischer (Hrsg.), Pädagogischer Mehrwert. Digitale Medien in Schule und Unterricht (S. 85-104). Münster: Waxmann.

Schier, André (2018): Identitäten in Digitalität vom „digital lifestyle“ zu „design your life“. Generation und politische Kultur im Zeichen gewandelter Lebenswelten in Deutschland im Digitalitäts-Diskurs in Werbung, Verlag Dr. Kovac, Hamburg 2018.

Schier, André (2019): Kompetenzen und Kompetenzwelten in Digitalität. Digitalität statt Digitalisierung. Verfügbar unter: http://xn--digitalitt-und-identitt-37bn.de/?p=508, zuletzt geprüft am 26.02.2021.

Stalder, Felix (2016): Kultur der Digitalität. Suhrkamp Verlag, Berlin.

Bibliografie
Mucha, Witold, Anna Soßdorf, Laura Ferschinger und Viktor Burgi (2020): "Fridays for Future Meets Citizen Science. Resilience and digital protests in times of Covid-19". In: Voluntaris 8:2.

Soßdorf, Anna (i.E.): Politische Sozialisation. In: Andersen U., Bogumil J., Marschall S., Woyke W. (eds) Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland. Springer VS, Wiesbaden.

Soßdorf, Anna (2016): Zwischen Like-Button und Parteibuch. Die Rolle des Internets in der politischen Partizipation Jugendlicher. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Soßdorf, Anna (2016): „Wir suchen nicht nach Nachrichten, die Nachricht findet uns bei Facebook…“. Empirische Ergebnisse aus qualitativen Gruppendiskussionen mit Jugendlichen zur politischen Offline- und Online-Partizipation. In: Luedtke, Jens/Wiezorek, Christine (Hrsg.): Jugendpolitiken: Wie geht Gesellschaft mit 'ihrer' Jugend um? Weinheim und Basel: Juventa, S. 250-273.

Brüggen, Niels/Soßdorf, Anna (2015): Das neue Spiel nach Snowden. Überwachte Medien als Grundlage von Partizipation?! In: Fries, Rüdiger/Kalwar, Tanja/Pöttinger, Ida (Hrsg.): Doing politics: Politisch agieren in der digitalen Gesellschaft: Konzepte und Strategien der Medienpädagogik und Medienbildung (Schriften zur Medienpädagogik). Kopaed.


 
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