26. Jahreskongress der
Gesellschaft für Musiktheorie (GMTH)
Das Wunder des Hörens. Musikalisches Hören zwischen
Kunstanspruch, Kreativität und Wissenschaft
02. – 04. Oktober 2026
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Veranstaltungsprogramm
Eine Übersicht aller Sessions/Sitzungen dieser Veranstaltung.
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Tagesübersicht |
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IV. Freie Themen
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14:00 - 14:30
Einzelvortrag Themen: Sektion IV: Freie Themen und Offene Studierenden-Sektion Stichworte: Rekonstruktion, historische Satzlehre, stilgebundene Komposition, künstlerische Forschung, Wiederentdeckung Rekonstruktion schließt Lücken: Vervollständigung der Ouvertüre zu „Selima and Azor“ (1776) von Thomas Linley Sr. Universität Mozarteum Salzburg, Österreich Obwohl London zu jener Zeit eine der musikalisch aktivsten Städte Europas war, sind die meisten englischen Opern des späten 18. Jahrhunderts, die für die Londoner Bühnen geschrieben wurden, nur in Form von spärlich notierten, auf zwei Notenzeilen geschriebenen Kurzpartituren erhalten geblieben. Eine solche Oper ist Thomas Linley Sr.s "Selima and Azor" (1776), sein erstes Werk als musikalischer Leiter des Drury Lane Theatre, für das er sich laut Roger Fiske "große Mühe gab" und das "seine beste Musik enthält". Im Zentrum des Vortrags steht die Rekonstruktion der Ouvertüre zu "Selima and Azor"; anhand konkreter Beispiele wird gezeigt, wie aus einer äußerst sparsamen Vorlage eine historisch plausible Orchesterfassung entwickelt werden kann. Dabei werden Fragen zur Instrumentation, zur Ergänzung von Mittelstimmen sowie zur Orientierung an zeitgenössischen Modellen diskutiert. Besonderes Augenmerk gilt dem Spannungsfeld zwischen historischer Genauigkeit und schöpferischer Freiheit: Da keine vollständigen Orchesterpartituren von Linley Sr. überliefert sind, erfordert jede Rekonstruktion notwendigerweise kompositorische Entscheidungen und stilistische Annäherungen. Der Vortrag versteht solche Rekonstruktionen nicht bloß als technische Ergänzungen verlorener Quellen, sondern als Form künstlerischer Forschung, in der historische Satzlehre und praktische Erfahrung miteinander verbunden werden. Anhand einer Aufnahme der rekonstruierten Ouvertüre, die ich gemeinsam mit Studierenden der Abteilung für Alte Musik der Universität Mozarteum realisieren konnte, wird demonstriert, wie historisch informierte Musiktheorie praktisch angewendet werden kann. Angesichts der großen Menge an englischer Theatermusik des 18. Jahrhunderts, die heute in unserem Repertoire fehlt, bieten solche Rekonstruktionen die Möglichkeit, Werke neu zu imaginieren und aufzuführen, die sonst nicht zu hören wären, und eine Lücke in unserem Wissen über die Musik des 18. Jahrhunderts zu schließen. Kurzer Lebenslauf der vortragenden Autorin / des vortragenden Autors: Erik Aren Schroeder studierte Barockvioline, historische Aufführungspraxis bei Hiro Kurosaki und Reinhard Goebel und Musiktheorie bei Juliane Brandes an der Universität Mozarteum. Zu seinen Kompositionen, die auf historischen Stilen basieren, gehören die Oper "La Locandiera" (ausgezeichnet im Rahmen der Mozarteum Research Competition 2022 und beim GMTH-Kongress 2023 vorgestellt), ein Oratorium ("The Passions", 2023), und verschiedene Kammer- und Orchesterwerke (darunter zwei Violinkonzerte). 2025 war er beauftragt, Musik für den österreichischen Pavillon auf der Expo in Japan zu schreiben und im gleichen Jahr wurde er in der Ö1 Talentebörse vorgestellt. Er arbeitet seit 2024 als studentischer Mitarbeiter an der Internationalen Stiftung Mozarteum und ist regelmäßig international als Barockviolinist tätig. 14:30 - 15:00
Einzelvortrag Themen: Sektion IV: Freie Themen und Offene Studierenden-Sektion Stichworte: Johann Joseph Fux, Gradus ad Parnassum, Large Language Models, Computergestützte Musiktheorie, Korpusanalyse CAMBIATA (Counterpoint And MusicXML By Instructing AI Through APIs): Zur Generierung von Gattungskontrapunkt mit großen Sprachmodellen 1: McGill University, Schulich School of Music, Kanada; 2: Centre for Interdisciplinary Research in Music Media and Technology (CIRMMT) Die vorliegende Studie untersucht die Fähigkeit großer Sprachmodelle (LLMs), um regelkonforme Gattungskontrapunkte nach Johann Joseph Fux' Gradus ad Parnassum (1725) zu generieren. Bisherige Ansätze (Lewin 1983; Schottstaedt 1984) bis zum FuxCP-Projekt (Wafflard 2023; Lamotte 2024), verfolgen einen algorithmischen Weg: Die Regeln werden direkt als Bedingungen oder Suchstrategien einkodiert. Bei LLMs werden die Regeln hingegen in natürlicher Sprache vermittelt und vom Modell interpretiert. Das Verfahren rückt damit der dialogischen Lehrform Fuxens näher. Für CAMBIATA (Counterpoint and MusicXML By Instructing AI Through APIs) haben wir fünf Lehrtexte verfasst, je einen pro Gattung, die Fuxens Ansatz in eine für LLMs effiziente Sprachform übertragen. Jede Anleitung formuliert die Regeln zu Konsonanz und Dissonanz, Bewegungsarten und Kadenzformeln in zusammenhängender Prosa und schließt mit einer Selbstüberprüfung durch das Modell. Die Anleitungen werden mit einem fuxschen Beispiel an drei LLMs (Claude Opus 4.6, GPT-5.3, Gemini 3 Pro) übergeben; die Cantus firmi entstammen ebenfalls dem Gradus. Ein Korpus von 450 generierten Lösungen wird sowohl statistisch durch ein eigens entwickeltes Analysesystem als auch partiturbezogen anhand ausgewählter Beispiele untersucht. Drei Tendenzen treten hervor: Die dritte Gattung ist die schwierigste, gefolgt von der fünften; der Kontrapunkt oberhalb des Cantus firmus weist weniger Fehler auf als der Kontrapunkt unterhalb, was eine klare Asymmetrie ergibt; überraschenderweise sind 31 % der Lösungen musikalisch identisch zu einem anderen Lauf. Die Modelle kontrastieren: Gemini ist das stärkste Modell (durchschnittlich 3,28 Fehler pro Lösung) insbesondere in der Dissonanzbehandlung, ChatGPT als Zweitplatzierter (3,97) mit wiederkehrenden Kadenzfehlern, während Claude die höchste durchschnittliche Fehlerquote (8,94) bei systematischer Schwäche in der Dissonanzbehandlung zeigt. In ihren gelungensten Fällen sind die Generierungen kaum mehr von einer menschlichen Lösung zu unterscheiden. Der Beitrag bewertet das Schlussfolgerungsvermögen großer Sprachmodelle an einem klassischen Gegenstand der computergestützten Musiktheorie und überträgt Fuxens dialogische Pädagogik in eine Zeit, in der LLMs zu prägenden Werkzeugen in Forschung und Praxis werden. Kurzer Lebenslauf der vortragenden Autorin / des vortragenden Autors: Pierre Basso promoviert im Fach Musiktheorie an der Schulich School of Music der McGill University in Montréal, betreut von Prof. Dr. Jonathan Wild und Prof. Dr. Peter Schubert. Er ist dort als Teaching Assistant tätig sowie studentisches Mitglied des Centre for Interdisciplinary Research in Music Media and Technology (CIRMMT). Im Mittelpunkt seiner Forschung steht zurzeit die Geschichte der Musiktheorie, insbesondere das Werk Marin Mersennes, sowie Arbeiten mit computergestützten Methoden und das Schaffen der französischen Komponistin Elsa Barraine. Pierre studierte zuvor an der Folkwang Universität der Künste in Essen (Master) und an der Hochschule für Musik Karlsruhe (Bachelor), wo er später als Lehrbeauftragter unterrichtete. Daneben ist er als Komponist aktiv. 15:00 - 15:30
Einzelvortrag Themen: Sektion IV: Freie Themen und Offene Studierenden-Sektion Stichworte: KI, Prüfungen, Wissenschaft, Kompetenz, Musikanalyse Das Ende schriftlicher Arbeiten? KI-generierte Texte, KI-generierte Gutachten und das Revival der mündlichen Prüfung Hochschule für Musik und Theater München, Deutschland Zu den Prüfungsleistungen der Studiengänge an Kunsthochschulen gehören vielerorts schriftliche Ausarbeitungen zu musikanalytischen Fragestellungen. Während Hochschulen derzeit überwiegend versuchen, KI-Nutzung zu regulieren (oder zu verbieten), ist dieses Vorhaben angesichts technischer Entwicklungen zum Scheitern verurteilt: KI-generierte Outputs sind nicht-trivial, Detektionsverfahren fragwürdig und die Grenze zwischen legitimer Assistenz und unerlaubter Autorschaft epistemisch unscharf. Damit verliert der schriftliche Nachweis für wissenschaftliche Kompetenz seinen Wert. Kurzer Lebenslauf der vortragenden Autorin / des vortragenden Autors: Ulrich Kaiser ist promovierter Musikwissenschaftler, Professor für Musiktheorie und Spezialist für Open Educational Resources (OER) sowie digitales Lernen. Er ist Autor von Publikationen in Verlagen (Bärenreiter, Schott, Breitkopf), von OpenBooks (oer-musik.de) sowie freien Lehr- und Lernmaterialien für den Hochschulbereich (musikanalyse.net). Von 2021 bis 2025 war er Projektleiter der Open Music Academy (openmusic.academy), aktuell ist er 1. Vorsitzender des gemeinnützigen Open Music Academy Education e.V. 15:30 - 16:00
Einzelvortrag Themen: Sektion I: Musikalische Wahrnehmung und Gestalt Stichworte: Musikalische Form, Rock, Annotationstools, Dramaturgie, Analyse Kartografien des glatten Raums: Klangliche Meereswelten und musikalische Form bei Jimi Hendrix und Pink Floyd Anton Bruckner Privatuniversität Linz, Österreich Die beiden innerhalb weniger Jahre erschienenen Songs 1983… (A Merman I Should Turn to Be) (Jimi Hendrix, 1968) und Echoes (Pink Floyd, 1971) weisen auffällige Parallelen auf, die zu einem analytischen Vergleich einladen. Beide folgen einer groß angelegten AABA-Form, in der ein ausgedehnter, von Klangexperimenten geprägter Instrumentalteil (B) von konventioneller gestalteten Strophen (A) gerahmt wird. Die Instrumentalsektionen verbinden improvisatorische Elemente mit metrisch und tonal freien Soundscapes, die mithilfe damals neuer Studiotechnik und erweiterter Spieltechniken eine Meereswelt evozieren. Das Thema des Ozeans wird in beiden Texten explizit aufgerufen, jedoch mit entgegengesetzter Bedeutung: Hendrix schildert die Flucht aus einer kriegszerrissenen Welt in eine mythologisch aufgeladene Meereswelt; Pink Floyd behandeln das Meer aus biologischer Perspektive als Ursprung eines kontinuierlichen Strebens, das einfache Lebensformen vom Wasser ans Land führte und sich in den Ambitionen der Menschheit fortsetzt Der Vortrag analysiert die Gestaltung dieser Instrumentalteile vor dem Hintergrund der übrigen Songabschnitte. Vielschichtige digitale Annotationen dienen dazu, die musikalische Struktur zu kartografieren. Während sich die Gesangsteile in hierarchisch gegliederte Zeitspannen mit klaren Funktionen und Formtypen ordnen lassen, widersetzen sich die Instrumentalteile einer solchen Gliederung: Kontinuierliche Übergänge vermitteln den Eindruck eines kontinuierlichen Raumes. Die Analyse muss in diesen Teilen eher an konkreten Klanggestaltungen und übergeordneten Dramaturgien ansetzen, an statt von hierarchischen Funktionen zu sprechen, was zugleich eine Herausforderung für formale Theoriebildung darstellt. Die von Deleuze und Guattari in Tausend Plateaus entwickelte Opposition gekerbter und glatter Räume (striated/smooth spaces) – mit dem offenen Meer als Paradebeispiel des glatten Raumes – bietet hierfür eine produktive Metapher. Grade von Ordnung und Vertrautheit verleihen den Bewegungen im Raum eine Bedeutung, die die textliche Dramaturgie unterstreicht: Hendrix inszeniert besonders den Zerfall ordnender Prinzipien, auf den eine Folge von Soli folgt; Pink Floyd stellen, aus einem fremd und lebensarm wirkenden Mittelteil ansetzend, in einem langsamen Crescendo schrittweise Metrik, Tonalität und Melodie wieder her. Kurzer Lebenslauf der vortragenden Autorin / des vortragenden Autors: Maik Köster studierte Musikwissenschat in Mainz und Köln und ist seit September 2024 als Wissenschaftlicher Mitarbeiter im vom Schweizer Nationalfond geförderten Forschungsprojekt „Towards a Unified Model of Musical Form: Bridging Music Theory, Digital Corpus Research, and Computation“ unter der Leitung von Prof. Dr. Markus Neuwirth angestellt. | ||


