26. Jahreskongress der
Gesellschaft für Musiktheorie (GMTH)
Das Wunder des Hörens. Musikalisches Hören zwischen
Kunstanspruch, Kreativität und Wissenschaft
02. – 04. Oktober 2026
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Veranstaltungsprogramm
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Die momentane Konferenzzeit ist: 01. Sept. 2026 11:01:13 MESZ
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I. Musikalische Wahrnehmung und Gestalt
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14:00 - 14:30
Einzelvortrag Themen: Sektion I: Musikalische Wahrnehmung und Gestalt Stichworte: musikalische Form, musikalische Gebilde, Formenlehre, Ganzheitslehre, hierarchische Musikwahrnehmung Die Gestaltlehre von Carl Stumpf Technische Universität Dortmund, Deutschland Dem Diktum des Aristoteles: „Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile“ folgt Stumpf und geht davon aus, dass in der Sinneswahrnehmung das Erfassen des Ganzen primär ist. Die Analyse der Teile des Ganzen ist logisch nachgeordnet, erfolgt aber dennoch unmittelbar zusammen mit der Wahrnehmung des Ganzen. Wahrgenommen werden also nicht nur die Sinnesinhalte, sondern auch Im ersten Band der Tonpsychologie formuliert Stumpf eine Verhältnislehre, die die Gesetze dieser Analyse beschreibt. Am Beispielen der Tonhöhenwahrnehmung werden diese Gesetze in der Tonpsychologie erläutert, im ersten Band (1883) für sukzessive Töne und im zweiten Band (1890) für simultane Töne. In der Erkenntnislehre (1939/1940) definiert Stumpf den Begriff Gestalt als „Inbegriff der Verhältnisse“. Von den Sinnesinhalten wird abstrahiert, und die Verhältnisse können deshalb auf verschiedene Tonhöhen übertragen werden (Transponierbarkeit bei Ehrenfels). Bei einem Durdreiklangs z.B. zeigen sich die Verhältnisse in einer charakteristischen Intervallstruktur, unabhängig davon, auf welchem Ton der Dreiklang aufgebaut wird. Stumpf entwickelt eine umfassende Gestalttheorie, die er zu gleichen Teilen an Beispielen aus dem Visuellen und an Beispielen aus der Musik erläutert. Damit gibt Stumpf einen erkenntnistheoretisch fundierten wahrnehmungspsychologischen Rahmen zur Analyse von Gestalten in der Musik: „Dagegen bietet die Musik schon nach der rein tonalen Seite wahre Musterbeispiele und Glanznummern der allgemeinen Gestalttheorie, an welchen das Wesen sinnenfälliger Gestalten studiert und der Gestaltbegriff erprobt werden kann. Die Formenlehre der Musik ist ein so ausgebildetes System wie die Grammatik der Sprache“ (Stumpf (1939/1940), Erkenntnislehre, S. 268). Musiktheorie kann über die Musik hinaus dazu dienen, Psychologisches offenzulegen. Im Vortrag soll die vergessene Gestalttheorie Stumpfs für die Musik entwickelt und der Bezug zur Psychologie herausgearbeitet werden, um sie für die Musikanalyse wiederzubeleben. Kurzer Lebenslauf der vortragenden Autorin / des vortragenden Autors: geb. 01.07.1958 in Bochum. 1978-1984 Nach dem Abitur und dem Wehrdienst beim Heeresmusikkorps 3 in Lüneburg Studium des Fachs Schulmusik an der Musikhochschule Köln (Hauptfach Klavier, Prof. Ilona Schapira; Musiktheorie u.a. Hermann Schroeder) und Mathematik an der Universität Köln; Abschluss: 1. Staatsexamen. 1982-1986 Studium der Orchester- und Chorleitung an der Folkwanghochschule Essen (Dirigieren Prof. Reinhard Peters); Abschluss: künstlerische Reifeprüfung. 1985-1994 Kapellmeister und Solorepetitor an verschieden Opernhäusern. 14:30 - 15:00
Einzelvortrag Themen: Sektion I: Musikalische Wahrnehmung und Gestalt Stichworte: Musik und Sprache, Intertextualität, Markierung, Gestaltwahrnehmung, Musikverstehen Gestaltwahrnehmung als intertextuelles Phänomen 1: HMTM Hannover; 2: UdK Berlin; 3: Universität Hildesheim „Musiktheorie beginnt mit Ontologie“ (Janz 2010, 217), sie beginnt mit der Frage danach, als was ein musikalischer Sinnzusammenhang aufgefasst bzw. aus welcher Perspektive er betrachtet wird. In diesem Vortrag werden musikalische Gegenstände unter drei ontologischen Annahmen untersucht: erstens die Sprachähnlichkeit von Musik, zweitens ihre intertextuelle Natur, drittens ihre Gestalthaftigkeit. Einem poststrukturalistischen Paradigma folgend, ist jeder Text (entsprechend jeder Musiktext), „Absorption und Transformation eines anderen Textes“ (Kristeva 1967, 337). Wenn Musik als intertextuelle Collage verstanden wird, muss aber auch angenommen werden, dass ein wahrnehmendes Subjekt die vielfältigen Textbeziehungen erkennt. Eine Weise, einen Text in einem anderen zu erkennen, vollzieht sich durch die Wahrnehmung von Gestalten. Basierend auf diesen drei Grundannahmen kategorisiert der Beitrag intertextuelle Phänomene in der Musik von der Renaissance bis zur Moderne auf der Basis eines hierarchisch strukturierten Modells textueller Einheiten: Es geht im ersten Schritt um die Benennung von Arten von Textbezügen und die Frage, welche Kategorien der Literaturwissenschaft (Genette 1993) sinnvoll auf Musik übertragen werden können. Im zweiten Schritt wird, ausgehend von einem von Broich und Pfister (Broich / Pfister 1985) für Sprachtexte eingeführten Konzept, die Stärke solcher Bezüge (intertextuelle Intensitäten) studiert. Zentral in diesem Zusammenhang sind die Begriffe Markierung und strukturelle Korrespondenz, in denen sich das analytische Potenzial der Gestaltgesetze nach Ehrenfels offenbart. Anhand ausgewählter Beispiele wird der Einfluss von Gestalthaftigkeit auf die Intensität von verschiedenartigen Bezügen zwischen Musiktexten untersucht. Referenzen: Broich, Ulrich / Manfred Pfister (1985), Intertextualität. Formen, Funktionen, anglistische Fallstudien. Tübingen: Niemeyer. Genette, Gérard (1993), Palimpseste. Die Literatur auf zweiter Stufe, Frankfurt: Suhrkamp. Janz, Tobias (2010), »Qualia, Sound, Ereignis. Musiktheoretische Herausforderungen in phänomenologischer Perspektive«, in: ZGMTH 7/Sonderausgabe (2010), 217-239. Kristeva, Julia (1967), Bachtin, das Wort, der Dialog und der Roman, in: Texte zur Literaturtheorie der Gegenwart, hg. von D. Kimmich et al., Stuttgart: Reclam, 1996. Kurzer Lebenslauf der vortragenden Autorin / des vortragenden Autors: Martin Kohlmann studierte Kirchenmusik (M. Mus.) mit dem Schwerpunktfach Orgelliteraturspiel, Chor-/Ensembleleitung (M. Mus.) und Musiktheorie (M. Mus.) an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover. Er ist freiberuflich als Organist und Chorleiter tätig, zusätzlich unterrichtet er als Lehrbeauftragter für Musiktheorie und Gehörbildung an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover, an der Universität der Künste Berlin und an der Universität Hildesheim. Als Organist pflegt er ein umfangreiches, epochenübergreifendes Repertoire und übernimmt die künstlerische Leitung einer Orgelkonzertreihe (Schweimb/John-Orgel von 1696/1707) in seiner Heimatstadt Salzgitter. Mit dem 2019 von ihm gegründeten professionellen Ensemble Vokalwerk Hannover führt er regelmäßig anspruchsvolle Chormusik auf; groß besetzte chorsinfonische Werke bilden daneben einen weiteren Repertoireschwerpunkt. Zahlreiche CD-, Video- und Rundfunkaufnahmen dokumentieren seine vielseitige künstlerische Arbeit. Im Bereich der systematischen Musiktheorie forscht er an der Schnittstelle von Musik und Mathematik (Habilitation 2016, Göttingen), Physik (Diplom 2009, Braunschweig), Sprachwissenschaft und Philosophie (u. a. musikalische Intertextualität, Zeitphänomene in der Musik, Geometrie und Harmonik), mit Kongressbeiträgen u. a. in Basel, Salzburg, Freiburg, Köln, Lübeck, Cottbus und Detmold. Kompositionen und Neueditionen sind u. a. in den Verlagen Dohr und Strube erschienen, musikpädagogische und fachwissenschaftliche Aufsätze u. a. im Journal of Mathematics and Music, in der Zeitschrift der Gesellschaft für Musiktheorie, Organ, Forum Kirchenmusik und Musica Sacra. 15:00 - 15:30
Einzelvortrag Themen: Sektion I: Musikalische Wahrnehmung und Gestalt Stichworte: Multimodalität, Bach, Rezitativ, Phonologie, Analyse Zusammenwirken von sprachlichen und musikalischen Zeichen in textlich-musikalischen Kompositionen. Wege zu einer multimodalen Analyse Hochschule für Musik und Theater Felix Mendelssohn Bartholdy Leipzig, Deutschland Die Sprachwissenschaft nutzt den Begriff ›multimodaler Text‹, um Kommunikationsformen zu bezeichnen, in denen verschiedenen Zeichensysteme in einem kohärenten und kohäsiven Ganzen verflechtet erscheinen. In einem Film interagieren Sprache, Bild und Musik. In einem Chat kommunizieren wir mit Sprache und Bildern. In einem Lied oder in einem anderen vokalen Genre hängen Sprache und Musik besonders eng zusammen, da beide den akustischen Kanal nutzen. Das Zeichensystem Sprache wird heute in der Linguistik als Zusammenspiel von verschiedenen artikulatorischen Ebenen verstanden. Dazu gehört neben der Wortebene auch die Sprechtonhöhe. In Koordination mit der Wortebene erfüllt die Sprechmelodie systematische Funktionen als Sprachzeichen. Diese Zeichen tragen maßgeblich zur Konstruktion der Äußerungsbedeutung bei. In einem Lied ersetzt die musikalische Tonhöhenanordnung die natürliche Sprechmelodie. Die Funktionen, die die Sprechmelodie in gesprochener Sprache übernimmt, können damit auf die Gesangsmelodie übertragen werden. Damit beeinflusst die musikalische Vertonung die Äußerungsbedeutung. Da Hörende ihr sprachliches Wissen in den Wahrnehmungsprozess einbinden, ist dieser Einfluss zum Teil sprachlich determiniert. Doch anders als Sprache, operiert das Zeichensystem Musik mit Mehrstimmigkeit. Gesangsmelodien sind in einem kontrapunktischen und harmonischen Kontext eingebettet. Damit steigt die Komplexität der Interaktionen zwischen den Zeichensystemen von Sprache und Musik. Zur differenzierten Betrachtung solcher multimodalen Interaktionen ist ein transdisziplinärer Ansatz unumgänglich. Dieser Vortrag skizziert ein textlich-musikalisches Analysesystem, das Werkzeuge der Phonetik und Phonologie einbezieht. Deren Anwendung wird hier anhand von Rezitativen von J. S. Bach erprobt. Rezitative verwenden nur wenige Akkordtypen. Zudem stehen ihre Gesangsmelodien der Sprechmelodik besonders nahe. Daher bieten sie einen geeigneten Ausgangspunkt für die Entwicklung von multimodalen Analysetechniken. Kurzer Lebenslauf der vortragenden Autorin / des vortragenden Autors: Manuel Durão (* 1987) studierte Komposition an den Musikhochschulen Lissabon, Leipzig und Mannheim. An letzterer promovierte er mit einer Arbeit über die musikalischen Eigenschaften der Sprechmelodik (2024). Sein künstlerischer Schwerpunkt ist die Komposition für Musiktheater und andere multimodale Formate. Seit Oktober 2025 lehrt er als Professor für Musiktheorie an der HMT Leipzig. 15:30 - 16:00
Einzelvortrag Themen: Sektion III: Musikpädagogische Ansätze zwischen Musiktheorie, Gehörbildung und Kunstanspruch Stichworte: Aural Skills Pedagogy, Audiation, Methodological Plurality, Digital Music Pedagogy, Integrated Musicianship Expanding Aural Skills Education: Integrating Audiation, Improvisation, Technology, and Analytical Thinking Texas State University, USA This paper reconceptualizes aural skills instruction as a plurality of teaching methods, in which listening, singing, analysis, improvisation, and digital tools function as components of a unified pedagogical framework. Building on recent work in music cognition and digital musicology, as well as on classroom-based research on sight singing and ear training, this paper places particular emphasis on audiation as a central cognitive process underlying all aural skills development. Using case studies from undergraduate and graduate aural skills courses in the United States, the paper demonstrates how traditional approaches (solfège, dictation, identification of harmonic progressions, etc.) can be productively integrated with technological tools such as SmartMusic, SingSnap, and MusicDictation.app, as well as with creative practices including improvisation. These approaches not only enhance student motivation and engagement, but also significantly improve performance outcomes and audiation abilities, as evidenced by both experimental data and student reflections. The paper further argues that aural skills pedagogy benefits from treating different modes of musical engagement – aural perception, symbolic representation, and creative production – as parts of a methodological plurality. For example, staged transcription exercises that move from memory-based recall to solfège realization and multi-key notation foster deeper internalization of musical structures, while technology-supported feedback environments enable independent and iterative learning processes. By situating aural skills instruction within the broader discourse of methodological pluralism, this study contributes to current debates in music theory pedagogy and proposes a model in which aural skills, music theory, music history, performance, and other creative approaches are not treated as separate domains, but as mutually reinforcing dimensions of musicianship. Ultimately, teaching aural skills via a methodological plurality equips students with more flexible, reflective, and transferable musical competencies, bridging the gap between theory, practice, and emerging digital learning environments. Kurzer Lebenslauf der vortragenden Autorin / des vortragenden Autors: Dr. Nico Schüler is University Distinguished Professor of Music Theory and Musicology at Texas State University. He was an invited presenter and keynote speaker in Europe, Asia, Africa, and throughout the Americas. His main research interests are interdisciplinary aspects of 19th through 21st century musics, computational music research, methodology of music research, music historiography, and music theory / history pedagogy. | ||


