
25. Jahreskongress der
Gesellschaft für Musiktheorie (GMTH)
Unschärfen, Leerstellen, blinde Flecken
17. - 19. Oktober 2025 | Musikhochschule Lübeck
Veranstaltungsprogramm
Eine Übersicht aller Sessions/Sitzungen dieser Veranstaltung.
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Die momentane Konferenzzeit ist: 24. Apr. 2026 12:12:10 MESZ
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Sitzungsübersicht |
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I. Orale Traditionen
Sitzungsthemen: Sektion I – Orale Traditionen
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14:30 - 15:00
Einzelvortrag Themen: Sektion I – Orale Traditionen Stichworte: Piazzolla, tango nuevo, Interpretation, mündliche Überlieferung, kulturelle Identität Spielen Sie doch einen Tango, Maestro! Überlegungen zur Interpretation von Astor Piazzollas tango nuevo Universität der Künste Berlin, Deutschland Im deutschsprachigen Raum gibt es bisher noch keinen nennenswerten wissenschaftlichen Diskurs über Astor Piazzollas tango nuevo. Dies mag daran liegen, dass Piazzollas Musik, die zwischen den musikalischen Welten des Tangos, der klassischen Musik und des Jazz schwebt und somit keiner Stilistik klar zuzuordnen ist, von der klassischen Musikwissenschaft eher als Popularmusik betrachtet wird. Vor allem aber herrscht eine Unsicherheit im Umgang mit Piazzollas Kompositionen, weil es kaum verlässliche Notenausgaben gibt, auf die sich eine wissenschaftliche Auseinandersetzung stützen könnte. Den größten Teil seiner Werke komponierte Piazzolla für seine eigenen Bühnenauftritte. So wurde bisher nur ein Bruchteil seines Gesamtwerks als Noten veröffentlicht und selbst die erhältlichen Notenausgaben weisen meist eine fragwürdige Qualität auf. Oft können sie lediglich als „Skizze“ des eigentlichen Werkes gewertet werden. Dank einiger Notenausgaben für klassische Instrumentalbesetzungen (wie z.B. für Klaviertrio von José Bragato) erfreut sich Piazzollas Musik auf Konzertbühnen zunehmender Beliebtheit. Zahlreiche Interpretationen durch klassisch ausgebildete Musiker*innen zeigen aber, dass die Interpretation von Piazzollas tango nuevo stilistische Kenntnisse erfordert, die klassisch ausgebildete Musiker*innen nicht immer haben. Dies lässt erahnen, dass der Gestus der Musik nicht vollumfänglich über den Notentext zu erfassen ist. Der wesentliche Kern des tango nuevo scheint auf hauptsächlich mündlich überlieferten Traditionen der Interpretation im Tango zu beruhen, die die erhältlichen Notenausgaben im besten Fall eingeschränkt wiedergeben. Dieser Beitrag möchte sich mit diesen nicht verschriftlichten Aspekten der Tango-Interpretation befassen und untersuchen, inwiefern eine Kenntnis dieser für eine authentische Interpretation von Piazzollas Kompositionen unabdingbar ist. Folgende Fragestellungen rücken dabei ins Zentrum des Interesses: Sind die Interpretationstraditionen des Tangos überhaupt theoretisierbar bzw. sind sie mit der herkömmlichen musiktheoretischen Methodik zu beschreiben? Und kann unsere Notenschrift die Phänomene umgreifend und zufriedenstellend abbilden, so dass sowohl Interpret*innen als auch Wissenschaftler*innen der Zugang zu Piazzollas Musik erleichtert werden könnte? Kurzer Lebenslauf der vortragenden Autorin / des vortragenden Autors: Katja Steinhäuser ist Pianistin, Musiktheoretikerin und Musikpädagogin. Sie studierte Klavier und Musiktheorie an der Universität der Künste Berlin. Derzeit ist sie Gastprofessorin für Musiktheorie, Analyse und Gehörbildung an der UdK Berlin. Als Pianistin konzertiert Katja Steinhäuser in mehreren international agierenden kammermusikalischen Formationen. Dabei liegt ihr Hauptinteresse im Arrangement und der Neuinterpretation folkloristisch beeinflusster Kompositionen. 15:00 - 16:00
Vortragspanel Themen: Sektion I – Orale Traditionen Stichworte: Improvisation, Wieck, Klavierpädagogik „Um praktisch zu werden, fange ich mit der Theorie an.“ – Zur Vermittlung improvisatorischer Fertigkeiten in der Klavierpädagogik Friedrich Wiecks 1Hochschule der Künste Bern, Schweiz; 2Hochschule für Musik und Theater München, Deutschland; 3Hochschule für Musik Freiburg, Deutschland; 4Hochschule für Musik und darstellende Kunst Stuttgart, Deutschland; 5Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin, Deutschland Clara Wieck-Schumann (1819–1896) gehörte nicht nur zu den bedeutendsten Pianist:innen ihrer Zeit, sie wurde auch als Improvisatorin hochgeschätzt. Zahlreiche Quellen berichten eindrucksvoll von ihrer Fähigkeit, spontan Musik am Klavier zu erfinden. Doch die flüchtige Natur der Improvisation, das Fehlen direkter Aufzeichnungen und eine oft idealisierende Darstellung in zeitgenössischen Beschreibungen erschweren eine quellenbasierte Rekonstruktion von Clara Schumanns Improvisationspraxis erheblich. Das Vortrags-Panel nähert sich diesem Problem aus einer historisch-pädagogischen Perspektive, indem es die Unterrichtsmethodik Friedrich Wiecks (1785–1873) in Hinblick auf die implizite Förderung improvisatorischer Fertigkeiten untersucht. Im Zentrum stehen dabei die bislang wenig beachteten Klavierschulen seiner Kinder Alwin Wieck (1875 & 1880) und Marie Wieck (1875), die – trotz Veröffentlichung nach dem Tod ihres Vaters – ausdrücklich auf dessen Lehrmethode Bezug nehmen. Ergänzt wird die Auswahl durch eine bislang unveröffentlichte Klavierschule Alwin Wiecks (Manuskript, 1856). Die Quellen legen nahe, dass die Improvisation in Wieck’schen Pädagogik teils beiläufig vermittelt, teils auch gezielt kultiviert wurde. Daneben war sicherlich auch der Theorieunterricht, den die junge Clara Wieck bei Theodor Weinlig (1780–1842) erhielt, für die Entwicklung ihres Improvisationstalents nicht unerheblich. Indirekte Zeugnisse für diesen Unterricht stellen die Mitschriften von Weinligs Schülern Franz Anton Morgenroth und Carl Borromäus Miltitz dar. Sie geben einen Einblick in die theoretische Denkweise und zeigen interessante Parallelen zu den Modellen, die in den genannten Klavierschulen präsentiert werden. Die Erkenntnisse rücken bislang wenig beachtete Aspekte von Clara Wieck-Schumanns künstlerischer Ausbildung in den Fokus, tragen zur Rekonstruktion improvisatorischer Lernprozesse im 19. Jahrhundert bei und eröffnen zugleich neue Perspektiven für die heutige pianistische und improvisationspädagogische Praxis. Kurzer Lebenslauf der vortragenden Autorin / des vortragenden Autors: Stephan Zirwes studierte Musiktheorie und Klavier in Karlsruhe sowie historische Satzlehre an der Schola Cantorum in Basel. Seit 2008 ist er Dozent für Musiktheorie und Gehörbildung an der Hochschule der Künste Bern. 2015 promovierte er an der Universität Bern mit einer Arbeit über die Ausweichungslehren in den deutschsprachigen musiktheoretischen Schriften des 18. Jahrhunderts. | ||