
25. Jahreskongress der
Gesellschaft für Musiktheorie (GMTH)
Unschärfen, Leerstellen, blinde Flecken
17. - 19. Oktober 2025 | Musikhochschule Lübeck
Veranstaltungsprogramm
Eine Übersicht aller Sessions/Sitzungen dieser Veranstaltung.
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Die momentane Konferenzzeit ist: 24. Apr. 2026 12:12:10 MESZ
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Sitzungsübersicht |
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I. Orale Traditionen
Sitzungsthemen: Sektion I – Orale Traditionen
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11:30 - 12:00
Einzelvortrag Themen: Sektion I – Orale Traditionen, Sektion III – Musiktheorie zwischen Kunst und Wissenschaft Stichworte: Partimentopraxis, Durante, historische Improvisation, 18. Jahrhundert Historische Improvisation am Streichinstrument auf der Grundlage der neapolitanischen Partimentopraxis des 18. Jahrhunderts Universität der Künste Berlin, Deutschland Ausgehend von den Partimenti Diminuiti von Francesco Durante (1684-1755) thematisiert mein Vortrag die improvisatorische Realisation eines gegebenen Partimento am Streichinstrument. Auch wenn partimenti vorwiegend für das spielende Begreifen am Tasteninstrument in Erscheinung traten, waren sie in ihrer genauen Besetzung und Stimmführung zunächst noch offen – ob Triosonatensatz, vollgriffiges accompagnement, strenger vierstimmiger Satz o.ä. Indem ich zur notierten Stimme eine Oberstimme auf der Violine improvisiere, behandle ich die gegebenen partimenti als Stenographie eines potenziellen zweistimmigen Außenstimmensatzes von basso continuo und Melodiestimme. Durantes Partimenti diminuiti sind insofern methodisch interessant, dass sie für harmonische Schlüsselstellen des jeweiligen Partimento über skizzenhafte Vorschläge zur melodischen Auszierung verfügen. Die Sammlung enthält gewissermaßen einen Katalog an stilistisch idiomatischen motivischen Figuren (motorische „Licks“), die sich im Übrigen durch ihre Akkordbrechungen und virtuosen Tonleiterfiguren nicht nur auf dem Tasteninstrument, sondern gerade auch auf der Violine gut eignen. Improvisationsmethodisch gesehen bieten die Partimenti diminuiti einen weiteren Vorteil: der Versuch, ein und denselben motivischen Baustein an möglichst vielen Stellen innerhalb des Stücks anzuwenden, führt zu einer größeren motivischen Kohärenz als sonst bisweilen beim Improvisieren. Zunächst möchte ich erörtern, was gegeben sein muss, damit sich ein Partimento für einen improvisatorischen zweistimmigen Satz überhaupt eignet - hinsichtlich seiner Stilistik, seiner harmonischen und motivischen Komplexität und seiner impliziten kontrapunktischen bzw. imitatorischen Aspekte. Hier ist unter anderem zu untersuchen, welche grundsätzlichen improvisatorischen und satztechnischen Kompetenzen gefordert sind (z.B. vorausschauendes Lesen, Schemaerkennung u.a.) und in welchem Maße die von mehreren Partimentoautoren (u.a. dem Durante-Schüler Fedele Fenaroli) beschriebene didaktische Reihenfolge - zuerst die Ausführung mit simplen Konsonanzen, dann mit Dissonanzen, schließlich imitatorisch komplex - sinnvoll befolgt werden kann. Außerdem soll anhand einiger Beispiele problematisiert werden, inwieweit schriftlich überlieferte authentische, d.h. zeitgenössische Realisationen eine stilistisch geeignete Inspirationsquelle für die überzeugende improvisatorische Ausführung sein können, insbesondere da der Großteil derartiger Realisationen aus dem 19. Jh. stammt, als die Partimentopraxis sich von ihrer hybriden Gattung einer Kunst- und zugleich Schulform schon zu einer pädagogischen und somit vor allem schriftlich zu erledigenden Aufgabe gewandelt hatte. Kurzer Lebenslauf der vortragenden Autorin / des vortragenden Autors: Anne Schinz, 1987 in Berlin geboren, studierte Violine bei Prof. Rainer Kussmaul und Musiktheorie bei Prof. Ludwig Holtmeier in Freiburg, außerdem Kammermusikstudium in Paris bei Prof. Hortense Cartier-Bresson. 12:00 - 12:30
Einzelvortrag Themen: Sektion I – Orale Traditionen, Sektion V – Freie Themen Stichworte: Duke Ellington, Jazz, Jazztheorie, "Black Music", Musikpädagogik „Jazzing the Classics“ – Zu Duke Ellingtons musikalischer Ausbildung und ‚klassischen‘ Einflüssen in seinem frühem Schaffen 1Hochschule für Musik Freiburg, Deutschland; 2Hochschule Luzern, Schweiz Schon zu Lebzeiten wurde Duke Ellington als Ikone des Jazz und als „genius composer“ gefeiert. Zweifelsohne zählt er zu den bedeutendsten US-amerikanischen Musikern des 20. Jahrhunderts. Er war ein charismatischer Pianist und Bandleader sowie visionärer Komponist zahlreicher bahnbrechender Werke – von populären Songs über Big Band Arrangements bis hin zu sinfonischen Kompositionen, in denen er die Klangsprache des Jazz weiterentwickelte und zugleich die Grenzen zur klassischen Musik gekonnt überschritt. Während Ellingtons Rolle als Innovator und seine Bedeutung für die Musikgeschichte in der Forschung ausführlich gewürdigt wurden, fand seine musikalische Ausbildung bislang nur wenig Beachtung. Die vorherrschenden Darstellungen konzentrieren sich gewöhnlich auf sein kompositorisches Schaffen und sein Wirken als intuitiver Praktiker, der sich von seiner ‚natürlichen‘ Musikalität leiten ließ, dabei jedoch stets größten Wert auf Kultiviertheit („sophistication“) legte. Obwohl Ellington seit seiner Kindheit klassischen Klavierunterricht erhielt und in seiner Jugend ebenfalls Unterricht in klassischer Musiktheorie und Komposition nahm, wurde er nicht selten als Autodidakt („self-taught“) beschrieben. Ausgehend von historischen Dokumenten soll in diesem Vortrag Ellingtons musikalische Ausbildung rekonstruiert werden und anhand von Analysen untersucht werden, inwieweit sein frühes Schaffen von der Auseinandersetzung mit klassischer Musik und Musiktheorie geprägt ist. Dabei werden auch die widersprüchlichen, rassistischen Vorstellungen und ambivalenten Narrative kritisch beleuchtet, die Ellingtons öffentliches Bild – wie das vieler anderer schwarzer Jazzmusiker/innen – bis heute bestimmen. Die Vermarktung als autodidaktisches „Naturtalent“ basiert nicht zuletzt auf kolonial geprägten Vorstellungen vom „edlen Wilden“ und stereotypen Erzählungen einer angeborenen Musikalität schwarzer Musiker/innen. Diese Erzählung war zwar in der segregierten US-amerikanischen Musikindustrie wirtschaftlich vorteilhaft, rückte jedoch zugleich die intellektuellen und akademischen Leistungen schwarzer Musiker/innen in den Hintergrund. Durch die Kontextualisierung von Ellingtons Schaffen vor dem Hintergrund seiner musikalischen Ausbildung leistet der Vortrag einen exemplarischen Beitrag zur kritischen Neubewertung afro-amerikanischer Musiktraditionen im Spannungsfeld der „Black classical“ vs. „Black popular music“ sowie der wechselseitigen Beziehung zwischen klassischer Musik und dem Jazz. Kurzer Lebenslauf der vortragenden Autorin / des vortragenden Autors: Philipp Teriete ist international als Pianist, Komponist und Forscher tätig. Er unterrichtet als Professor für Musiktheorie mit dem Schwerpunkt Jazz/Pop/Arrangement an der Hochschule für Musik Freiburg und als Dozent für Musiktheorie an der HSLU Luzern. Philipp studierte Klavier und Musiktheorie an der HfM Freiburg sowie im Austausch an der Royal Academy of Music London und am CNSMD Paris. Darauf folgten ein Studium im Fach Jazz Composition an der NMH Oslo und ein Master of Jazz Studies (Piano/Composition) an der New York University. Zurzeit arbeitet Philipp Teriete an seinem Promotionsprojekt zum Thema “The Influence of 19th-Century European Music Theory on Early Jazz“. Für weitere Informationen siehe https://philippteriete.com. 12:30 - 13:00
* * Beitrag fällt aus! Einzelvortrag Themen: Sektion I – Orale Traditionen Stichworte: Kritischer Blick auf Musiktheorie, Popmusik, Analysekonzept, Fallstudie Was muss Analyse heute leisten? Ein reflexiver und praxisnaher Blick auf die Analyse von Popmusik in 2025 Popakademie Baden-Württemberg, Deutschland Mein Votrag nimmt sich einer aktuellen Betrachtung von Popmusikanalyse im Jahre 2025 an. Hierfür soll anhand einer Fallstudie, ein zeitgemäßer Rahmen zur Analyse von Popmusik zu entwickelt, und eine Diskussion um die Angemessenheit von Methodik angegangen werden. Hierfür werden konrekt bestehende Power- und Wertungsdynamiken thematisiert, die durch die Anwendung klassischer Methodolgie inheränt impliziert werden. Besondere Rolle spielen dafür der befangene Umgang mit klassischer Terminologie und Notation als grafisches Mittel. Der Vortrag vertritt die These, dass die Frage der Angemessenheit von Analyse in der Wahrung der Nähe zu heutiger Songwriting- und Produktionspraxis in Verbindung mit einer konsequenten Reflexion der analytischen Subjekt Position, sowie der verwendeten Methodologie zu beantworten ist. Im ersten Teil des Vortrags soll eine Bestandsaufnahme aktueller Fachdiskurse sowie eine Einführung in das Spannungsverhältnis zwischen traditioneller musikanalytischer Methodologie und den spezifischen Anforderungen der Analyse von Popmusik gegebn werden. Darauf aufbauend wird ein flexibles, in sechs Module gegliedertes Analysemodell vorgestellt, das am Beispiel des Songs „Espresso“ von Sabrina Carpenter exemplarisch zur Anwendung kommt. Im Rahmen der Analyse wird gezeigt, dass eine Synthese bestehender Methodologien, unter Berücksichtigung ihrer Herkunftsperspektive und einer neu definierten Aktualitätsbezogenheit, eine fundierte Auseinandersetzung mit Popmusik ermöglicht - auch ohne den Einsatz klassicher Notation. Ein modular strukturierter Analyserahmen erweist sich dabei als geeignete Struktur zur Organisation analytischer Zugänge und zeigt besonders die Relevanz eines aufgearbeiteten Form- und Harmonielehre Begriffs - sowie den großen Bedarf an analytischer Methodologie zur Erfassung von Timbre und produktionstechnischen Inhalten von Musik. Der Vortrag soll den Mehrwert einer reflektierten Auseinandersetzung mit der Mehrdimensionalität aktueller Popmusik und den Herausforderungen ihrer methodischen Erfassung aufzeigen. Zugleich stellt diese Fallstudie lediglich einen Ausgangspunkt dar. Künftige Analysen können auf dem hier vorgeschlagenen Rahmen aufbauen, und diesen an stilistisch diversen Repertoire erproben. Kurzer Lebenslauf der vortragenden Autorin / des vortragenden Autors: Hannes Pries, geboren am 31. Dezember 1996 in Kiel, Deutschland, ist ein Multi-Instrumentalist, Produzent und Komponist. Er ist als Schlagzeuger, Pianist und Produzent in diversen Ensembles und Projekten tätig. Er hat an verschiedenen Produktionen als Sound-Engineer und Produzent mitgewirkt und arbeitetet als Tour- und Studiomusiker. | ||