
25. Jahreskongress der
Gesellschaft für Musiktheorie (GMTH)
Unschärfen, Leerstellen, blinde Flecken
17. - 19. Oktober 2025 | Musikhochschule Lübeck
Veranstaltungsprogramm
Eine Übersicht aller Sessions/Sitzungen dieser Veranstaltung.
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Die momentane Konferenzzeit ist: 24. Apr. 2026 13:47:06 MESZ
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Sitzungsübersicht |
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V. Freie Sektion
Sitzungsthemen: Sektion V – Freie Themen
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9:00 - 9:30
Einzelvortrag Themen: Sektion V – Freie Themen Stichworte: Hugo Riemann, Dualismus, Konsonanz, Dissonanz, 19. Jahrhundert „nicht nur ein Gradunterschied“ – Hugo Riemann im Spannungsfeld der Mollkonsonanz Hochschule für Musik und Theater Rostock, Deutschland Nachdem durch Hermann von Helmholtz Dissonanz als Schwebungsphänomen beschrieben wurde, forderte Hugo Riemann eine Abkehr vom ,Physikalismus‘ hin zu einer psychologisch-ästhetischen Herangehensweise. Im Anschluss an Moritz Hauptmann und Arthur von Oettingen entwickelte er das Konzept der „Quintgenerationen“ zur Bestimmung der Tonverwandtschaft weiter und nutzte es zur Definition der Konsonanz. Das ursprüngliche Problem einer Legitimation der Konsonanz des Molldreiklangs, für dessen kompositorisch-ästhetische Auffassung sich bisher in der Theorie keine Begründung fand, wurde durch Riemann in späteren Lebensjahren in seiner Relevanz hinterfragt; das von ihm zu diesem Zweck entwickelte Konzept der Untertonreihe wurde fallengelassen. Beide Ansätze waren als Grundlagen für die Entwicklung der Funktionstheorie, an dessen dualistischen Zügen Riemann festhielt, unentbehrlich. Auch Helmholtz konnte dem Mollakkord keine Konsonanz nachweisen, im Gegenteil: die Schwebungen der Obertöne ließen diesen als dissonanter gegenüber dem Durdreiklang erscheinen. Mit den spät formulierten Ideen zu einer Lehre von den Tonvorstellungen stellte Riemann die erneute Forderung nach einem ästhetischen Zugang zur Konsonanz. Galten die ,Nebendreiklänge‘ der Durtonart für Hauptmann und Oettingen in Systemen reiner Stimmung noch als per se dissonant – sie wurden von letzterem gar nicht erst als Dreiklänge anerkannt –, fasste sie Riemann als (dissonante) Vertreter der Hauptfunktionen auf. Einzeltöne wurden analog hierzu als Vertreter von Klängen in Form von konsonanten Akkorden verstanden; der Molldreiklang wurde darüber hinaus – monistisch – als zwei oder auch drei Durdreiklängen zugehörig gedeutet. Nicht zuletzt lässt das Prinzip der ,Scheinkonsonanz‘ im tonalen Kontext konsequenterweise nur noch die Tonika als konsonant gelten, auch wenn Riemann betont, dass es „absolute Konsonanzen“ nicht gibt. Mit der Abwendung von physikalischen Prinzipien und dem Fokus auf Wahrnehmung als „aktive Geistesthätigkeit“ und „logische Aktivität“ gegenüber dem „physischen Erleiden“ erfuhren Konsonanz und Dissonanz durch Riemann eine Neubewertung. Der Mollakkord wurde nicht mehr als bloße „getrübte Konsonanz“ betrachtet, sondern als eigenständiges harmonisches Phänomen verstanden. Somit schuf Riemann die Grundlage für eine musikalische Ästhetik, die über physikalische Gesetzmäßigkeiten hinaus das Hören und Verstehen in den Mittelpunkt stellt. Kurzer Lebenslauf der vortragenden Autorin / des vortragenden Autors: Jan Meßtorff wurde 1988 in Bremen geboren, studierte Komposition bei Prof. Younghi Pagh-Paan und Prof. Jörg Birkenkötter, elektroakustische Komposition bei Prof. Kilian Schwoon und Joachim Heintz, Musiktheorie bei Prof. Dr. Hubert Moßburger an der Hochschule für Künste Bremen und bei Univ.-Prof. Dr. habil. Birger Petersen und Univ.-Prof. Dr. Immanuel Ott an der Hochschule für Musik Mainz. Promotion über Hugo Riemann und der harmonische Dualismus. Derzeit ist er künstlerischer Mitarbeiter an der Hochschule für Musik und Theater Rostock. 9:30 - 10:00
Einzelvortrag Themen: Sektion V – Freie Themen Stichworte: metrische Stabilität, Polymetrik, Metrik, metrische Komplexität, Hugo Distler Metrische Stabilität als holistische Dimension: Ein Beitrag zur Konzeptualisierung und Quantifizierung metrischer Komplexität Universität Würzburg, Deutschland Musikalisches Metrum dient üblicherweise als strukturelle Konstante in der Musik. Es stellt ein Raster aus regelmäßigen Pulsen und Akzenten bereit, auf dem sich Rhythmen entfalten können. In der Westlichen Musik bleibt das Metrum in der Regel über längere musikalische Abschnitte hinweg oder sogar durchgehend gleich. Mitunter wird diese Regelmäßigkeit jedoch unterbrochen, etwa durch abrupte metrische Wechsel oder polymetrische Strukturen. Derartige Variationen einer vermeintlichen Invarianten bringen bisherige Konzeptionen von Metrum in Erklärungsnot. Zunächst sollen daher verschiedene metrisch komplexen Strukturen in einer Taxonomie vorgestellt werden. Der Beitrag versteht sich sodann als Annäherung an einen neuartigen, mengentheoretischen Ansatz zur Konzeptualisierung metrischer Stabilität. Aufbauend auf den beiden etablierten Dimensionen pulse duration (horizontale Ebene) und hierarchical depth (vertikale Ebene) wird mit der metric stability eine dritte, holistische Dimension für die formale Beschreibung von Metren eingeführt, die zugleich einen Beitrag zur quantitativen Erfassung metrischer Komplexität leisten soll. Die Analysen sollen anhand der Vokalwerke Hugo Distlers (1908-1942), insbesondere jenen aus seiner Lübecker Zeit, exemplifiziert werden. Neben tonalen Besonderheiten sind es nämlich gerade die metrischen Irregularitäten, die seinen Kompositionen „unverkennbare Distlersche Züge“ (W. Lüdemann) verleihen. Das metrische Spektrum reicht dabei von genuiner Polymetrik bis hin zu häufigen homometrischen Wechseln in der Gesamtfaktur. Kurzer Lebenslauf der vortragenden Autorin / des vortragenden Autors: Lucas Hofmann studierte Physik und Philosophie an der Technischen Universität Dresden sowie Musikwissenschaft an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg und der Universität Paul-Valéry Montpellier. Seit Oktober 2023 promoviert er in der Klasse „Digital Humanities“ an der Graduiertenschule für die Geisteswissenschaften der Universität Würzburg zum Thema „Computational Modelling of Complex Temporal and Tonal Structures in Early Twentieth-Century Music“. Die kumulative Dissertation wird von Fabian C. Moss, Christof Weiß (Uni Würzburg) und Craig S. Sapp (Stanford University) betreut. Lucas Hofmann arbeitete als Wissenschaftliche Hilfskraft am Würzburger Institut für Musikforschung (E. Ungeheuer) sowie am Dresdner Institut für Musikermedizin (H.-Chr. Jabusch). Seine wissenschaftlichen Interessen umfassen die Wahrnehmung von Metrum und Rhythmus, melodische Segmentierung, Musikcodierung und die Musik des 20. und 21. Jahrhunderts. Er ist Stipendiat der Stiftung der Deutschen Wirtschaft (sdw), des Richard-Wagner-Verbands, des Mozartfest Würzburg und er erhielt ein Oskar-Karl-Forster-Stipendium. 10:00 - 10:30
Einzelvortrag Themen: Sektion VI – Offene Studierenden-Sektion Stichworte: Eignungsprüfung, MULEM EX, propädeutisches Tutorium „das kann man alles lernen!“ Tutorium zur Vorbereitung auf die musiktheoretischen Anteile der EP an der HfM Würzburg Hochschule für Musik Würzburg, Deutschland Angesichts sinkender Bewerbungszahlen insbesondere für Lehramtsstudiengänge und des zunehmenden Mangels an qualifizierten Musiklehrkräften sehen sich Musikhochschulen mit steigenden Erwartungen von außen und innen konfrontiert. Einerseits wird gesellschaftlich und bildungspolitisch gefordert, mehr Lehrkräfte auszubilden (vgl. MULEM EX), andererseits bleiben auch immer wieder Studienplätze unbesetzt. Gleichzeitig bringt die aktuelle Bewerber*innengeneration für künstlerische und künstlerisch-pädagogische Studiengänge weniger formalisiertes musiktheoretisches Vorwissen mit, was insbesondere das hohe Anforderungsniveau der Eignungsprüfungen infrage stellt. Vor diesem Hintergrund und im Hinblick auf die Stellungnahme der GMTH wurde 2025 an der HfM Würzburg ein Pilotprojekt ins Leben gerufen: Ein über drei Monate wöchentlich stattfindendes Tutorium für Studieninteressierte zur Vorbereitung auf die theoretischen Inhalte der Eignungsprüfung soll fachlich unterstützend wirken und eine Basis für das im Studium erforderliche Wissen bilden. Der Beitrag gibt einen Erfahrungsbericht über Konzeption, Durchführung und Evaluation dieses Tutoriums. Im Zentrum stehen Fragen nach dem Umgang mit sprachlicher Vielfalt, unterschiedlichen Lern- sowie studiengangsspezifischen Zugangsvoraussetzungen und der Balance zwischen prüfungsrelevanter Stoffvermittlung und nachhaltigem musiktheoretischen Lernen. Die Evaluation zeigt den Einfluss des Tutoriums auf den Prüfungserfolg. Durch das niederschwellige, dialogorientierte Angebot von Studierenden für Studieninteressierte soll insbesondere Bewerber*innen mit geringem musiktheoretischen Vorwissen der Zugang erleichtert werden. Das Projekt wird abschließend als mögliches Modell für zukünftige „Außenarbeit“ der Hochschulen diskutiert, im Sinne einer persönlichen Bindung von Studieninteressierten an das jeweilige Institut zusätzlich zu klassischen Auswahlverfahren. Die Ergebnisse legen nahe, dass eine Erweiterung der musikpädagogischen und künstlerischen Ausbildung um vorbereitende, begleitende Formate sowohl bildungsgerecht als auch strategisch notwendig ist, um den aktuellen Herausforderungen der Musikhochschulen adäquat zu begegnen. Literatur: https://www.musikrat.de/fileadmin/redaktion/download/Mulem-EX-31-05-2024-Einzelseiten.pdf https://storage.gmth.de/site/stellungnahmen/GMTH_Stellungnahme_MULEM-EX_final.pdf Kurzer Lebenslauf der vortragenden Autorin / des vortragenden Autors: Julius Hutzler schließt im Sommer 2025 ein Lehramtsstudium im Fach Musik an der HfM Würzburg ab und studiert Jazz-Klavier bei Prof. Bernhard Pichl. Er ist Tutor in den Fachbereichen Populäre Musik, Schulpraktisches Klavierspiel und Gehörbildung sowie im Tutorium zur Vorbereitung auf die musiktheoretischen Inhalte der Eignungsprüfung. | ||