
25. Jahreskongress der
Gesellschaft für Musiktheorie (GMTH)
Unschärfen, Leerstellen, blinde Flecken
17. - 19. Oktober 2025 | Musikhochschule Lübeck
Veranstaltungsprogramm
Eine Übersicht aller Sessions/Sitzungen dieser Veranstaltung.
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Die momentane Konferenzzeit ist: 24. Apr. 2026 12:12:08 MESZ
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Sitzungsübersicht |
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V. Freie Sektion
Sitzungsthemen: Sektion V – Freie Themen
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9:00 - 9:30
Einzelvortrag Themen: Sektion VI – Offene Studierenden-Sektion Stichworte: stilgebundene Komposition, Streichquartett, Wiener Klassik, Empirische Studie „Original oder Fälschung?“ – Eine empirische Studie zur stilgebundenen Komposition am Beispiel des Streichquartetts der Wiener Klassik Musikhochschule Lübeck, Deutschland Kann ein heute komponiertes Streichquartett so authentisch im Stil der Wiener Klassik geschrieben sein, dass es selbst von Fachleuten nicht von einem Original Haydns oder Mozarts zu unterscheiden ist? Diese Frage steht im Zentrum meiner empirischen Forschungsarbeit, die aufbauend auf das Projekt Original oder Fälschung? der Musiktheorieklassen an der Musikhochschule Lübeck entstand. Die Studie untersucht mit qualitativen und quantitativen Methoden, wie Hörer*innen – vom Laienpublikum bis zur Expert*innengruppe – stilistische Authentizität einschätzen. Grundlage war ein Konzertformat, bei dem originale (ca. um 1800 entstandenen) und gefälschte (von Musiktheoretiker*innen der Musikhochschule Lübeck komponierte) Streichquartettsätze der Wiener Klassik „blind“ präsentiert wurden. Dabei gaben sowohl das Publikum als auch die ausführenden Musiker*innen des Abends Einschätzungen zur Echtheit und ästhetischen Qualität der Werke ab. Zusätzlich wurden in einer aufbauenden Studie Musikstudierende mit denselben Fragen in Interviews und Werkbesprechungen konfrontiert, um ihre Entscheidungsprozesse genauer zu erfassen. Die Ergebnisse zeigen: Stilkopien wurden nicht nur häufig für authentisch gehalten, sie erhielten auch in vielen Fällen die höhere ästhetische Bewertung. Außerdem schnitten auch innerhalb der originalen Kompositionen „Stars“ wie Mozart und Haydn tendenziell schlechter ab, als ihre weniger bekannten Zeitgenossen. Dies wirft grundlegende Fragen zum musikalischen Kanon, zur Hörsozialisation und zum Konzept des Originals auf. Gleichzeitig offenbart sich die Stilkopie als erkenntnisförderndes Werkzeug, das künstlerische Praxis, historisch informierte Analyse und musiktheoretische Reflexion vereint. Der Beitrag möchte das Potenzial stilistischer Kompositionen als Methode der Musikforschung und -vermittlung diskutieren: Welche Parameter machen eine Fälschung überzeugend? Was verraten Fehlurteile über unsere ästhetischen Erwartungen? Und wie kann Stilkopie in der Ausbildung als didaktisches, künstlerisches und sozio-empirisches Objekt genutzt werden? Kurzer Lebenslauf der vortragenden Autorin / des vortragenden Autors: Jan-Christian Wagner begann nach dem Abitur 2021 sein Studium an der Musikhochschule Lübeck in den Fächern Musik vermitteln („Schulmusik“) und Musiktheorie/Gehörbildung bei Prof. Dr. Oliver Korte. Schwerpunkte in den bisherigen Studien stellen die hier vorgetragene empirische Forschung zur stilgebundenen Komposition sowie Analyse historischer Stile und die Vermittlung der Fächer Musiktheorie und Gehörbildung dar. Bereichert wurden diese Schwerpunkte durch musiktheoretische Studien an der Norges Musikkhøgskole (Oslo) im Rahmen eines Auslandssemesters (2024). Musikpraktische Schwerpunkte finden sich in der Chor- und Popularmusik sowie im Angewandten Klavierspiel. Darüber hinaus engagiert sich Wagner in verschiedenen Gremien der studentischen Hochschulpolitik und wurde für diese Arbeit 2024 mit dem Alumni-Preis der Musikhochschule-Lübeck ausgezeichnet. 9:30 - 10:00
Einzelvortrag Themen: Sektion VI – Offene Studierenden-Sektion Stichworte: orale Tradition, Improvisation, ethnomusikologische Methoden, persische Musik, Analyse Persische Musik zwischen oraler Tradition und Schriftlichkeit: Herausforderungen der Analyse Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar, Deutschland Die persische Musik stellt die Musiktheorie vor besondere Herausforderungen. Sie ist modal organisiert und stark von mündlicher Überlieferung sowie improvisatorischer Praxis geprägt. Diese oral fundierte Tradition widerspricht grundlegenden Annahmen europäischer Musiktheorie, die primär auf schriftlicher Notation basiert. Entsprechend lassen sich improvisierte, aleatorische und nicht schriftlich tradierte Praktiken außereuropäischer Musik – ebenso wie vieler Volksmusiken – nur bedingt mit den Mitteln konventioneller Analyse erfassen. Performative Aspekte, die zentrale Bestandteile oral überlieferter Musiken sind, entziehen sich häufig der standardisierten Notation. Mögliche Lösungsansätze beziehen ethnomusikologische Methoden wie Feldforschung und teilnehmende Beobachtung ein. Darüber hinaus werden flexible Notationsformen – etwa deskriptive oder grafische Notation – sowie digitale Audio- und Videoaufzeichnungen genutzt, um performative Nuancen zu dokumentieren und zu bewahren. Diese Form der Dokumentation bewegt sich jedoch in einem Spannungsfeld: Einerseits besteht die Gefahr, lebendige, flüchtige Praktiken zu fixieren, sie zu kanonisieren und somit zu musealisieren. Andererseits eröffnet sie wichtige Zugänge zu globalen Musikkulturen und fördert interkulturelles Verständnis. Die iranische Kunstmusik basiert auf einem komplexen, modal organisierten System, das eng mit persischer Poesie und mystischer Tradition verwoben ist. Zentrales Ordnungssystem ist der Radif, bestehend aus sieben Dastgah und fünf Avaz, die jeweils Sammlungen von Melodien (Gusheh-ha) in festgelegter Reihenfolge enthalten. Diese Gusheh-ha zeichnen sich durch charakteristische modale, melodische und rhythmische Merkmale aus. Als Studierende mit iranischem Hintergrund bringe ich eine tiefe kulturelle Verbundenheit mit dieser musikalischen Tradition ein, die meine Perspektive auf die methodischen und theoretischen Ansätze prägt. In meinem Vortrag untersuche ich die Notation improvisierter Musik am Beispiel von drei Aufnahmen eines Gusheh aus der persischen Musiktradition. Der Ansatz kombiniert eine detaillierte transkriptive Analyse mit einer Untersuchung der improvisatorischen Freiheiten. Dabei geht es einerseits um die Fragestellung, welche musikalischen Merkmale in schriftlicher Notation bewahrt werden können, und andererseits um eine Betrachtung der Aspekte, die hierbei möglicherweise verloren gehen oder verfälscht werden. Auf diese Weise werde ich Grenzen und Möglichkeiten einer schriftlichen Fixierung dieser ephemeren Kunstform beleuchten. Kurzer Lebenslauf der vortragenden Autorin / des vortragenden Autors: Kanaz Difrakhsh, geboren im Iran, studierte Instrumentalfach- klassische Guitar- in Teheran, Iran. Aktuell Studium Master Musiktheorie an der Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar. 10:00 - 10:30
* * Beitrag fällt aus! Einzelvortrag Themen: Sektion VI – Offene Studierenden-Sektion Stichworte: GMTH, Systematic Review, Strukturwandel, Kongressbände, Fachdisziplin Musiktheorie Musiktheorie im Wandel? Entwicklungen einer Fachdisziplin seit der Gründung der Gesellschaft für Musiktheorie Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar, Deutschland „Musiktheorie im Wandel?“ Diese Frage gründet sich auf dem programmatischen Titel des vergangenen Jahreskongress der Gesellschaft für Musiktheorie. Sie ist zugleich symptomatisch für eine Disziplin, die sich selbst seit Jahren immer wieder zur Diskussion stellt: als Grenzgängerin zwischen Kunst und Wissenschaft, zwischen pädagogischer Praxis und analytischer Reflexion. Als Fachdisziplin ist die Musiktheorie in Deutschland einem stetigen Diskurs und Streit ausgesetzt, der sich im Kern darum dreht, was sie denn eigentlich sei, welche Ziele sie haben sollte und in welche Richtung sie sich doch zu verändern habe. Mit der Gründung der GMTH hat die Musiktheorie in Deutschland ihre eigene Plattform des Austausches und der Forschung geschaffen und vernetzt sich zunehmend auch über die Grenzen des deutschsprachigen Raumes hinaus. Gleichzeitig werfen die Kritiker der Fachdisziplin vor, sie sei ein verstaubtes, der Vergangenheit zugewandtes Fach, welches sich vehement gegen jegliche Form des strukturellen und gesellschaftlichen Wandels wehre. Doch was lässt sich über diesen vermeintlichen Wandel tatsächlich sagen? Sind die Veränderungen nur punktuell oder zeichnen sich klare strukturelle Entwicklungen ab? Welches Bild zeichnet sich von der heutigen Musiktheorie? Und wie lässt sie sich im Spannungsfeld zwischen Lehre, Kunst und Wissenschaft verorten? Der Vortrag stellt die Ergebnisse einer 90-seitigen Arbeit vor, die sich dieser Frage erstmals auf empirischem Weg nähert. Dabei wurden alle bislang erschienenen Kongressbände der GMTH – insgesamt 16 Publikationen mit knapp 500 Beiträgen – in einer systematischen Literaturübersicht ausgewertet. Untersucht wurden u. a. die Verteilung von Themenfeldern, die sprachliche und personelle Zusammensetzung der Autorenschaft, die thematisierten Werke und Komponist*innen sowie die Verortung der Beiträge entlang der drei Säulen der Lehre: Kunst, Wissenschaft und Pädagogik. Angesichts der Diskussionen, die in Cottbus stattfanden, sind die Erkenntnisse der Studie überraschend. Auf dieser Basis soll diskutiert werden, inwieweit die GMTH als „Schmiede des Wandels“ fungiert oder ob sich in ihren Veröffentlichungen nicht eher eine bemerkenswerte Kontinuität zeigt. Der Vortrag soll Impulse für eine kritisch-reflektierte Auseinandersetzung mit dem Selbstverständnis der Musiktheorie geben und die Frage aufwerfen, ob der oft postulierte Wandel tatsächlich so umfassend ist oder ob es an der Zeit ist, ihn bewusster zu gestalten. Kurzer Lebenslauf der vortragenden Autorin / des vortragenden Autors: Paul Kohlmann, geboren 1998 in Hünfeld, begann 2017 sein Studium der Schulmusik mit dem Schwerpunkt Schulpraktisches Klavierspiel an der Hochschule für Musik FRANZ LISZT Weimar. Er erhielt Unterricht unter anderem bei Gero Schmidt-Oberländer, Stefan Bauer und Matthias Bätzel. 2020 erweiterte er seine Ausbildung durch ein Zertifikatsstudium in Theologie an der Universität Erfurt. Seit 2023 studiert er Musiktheorie im Master bei Jörn Arnecke, Marcus Aydintan und Elke Reichel. Neben dem Studium arbeitet Kohlmann als Arrangeur unter anderem für das Vokalensemble Amarcord (Leipzig) oder den Jazz-/Popchor Voice It (Dresden). Als Dozent und Coach ist er zudem im Laien- und Schulbereich aktiv, wo er Chöre und Bands betreut. Seit dem Wintersemester 2023 ist Kohlmann Lehrbeauftragter an der Universität Erfurt für Schulpraktisches Klavierspiel, Jazzklavier und Improvisation. | ||