
25. Jahreskongress der
Gesellschaft für Musiktheorie (GMTH)
Unschärfen, Leerstellen, blinde Flecken
17. - 19. Oktober 2025 | Musikhochschule Lübeck
Veranstaltungsprogramm
Eine Übersicht aller Sessions/Sitzungen dieser Veranstaltung.
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Die momentane Konferenzzeit ist: 24. Apr. 2026 12:12:06 MESZ
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Sitzungsübersicht |
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III. Zwischen Kunst und Wissenschaft
Sitzungsthemen: Sektion III – Musiktheorie zwischen Kunst und Wissenschaft
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14:30 - 15:00
Einzelvortrag Themen: Sektion III – Musiktheorie zwischen Kunst und Wissenschaft, Sektion V – Freie Themen Stichworte: Hugo Riemann, Harmonischer Dualismus, halbverminderter Septakkord, Richard Wagner, NRT Von „wunderbar beängstigenden Klängen“ 1Wiesbadener Musikakademie, Deutschland; 2Hochschule für Musik Würzburg, Deutschland; 3Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt am Main, Deutschland Im Mittelpunkt dieses Beitrags steht eine Interpretation von Harmonik in der Musik des 19. Jahrhunderts mit Hilfe der ursprünglichen Methoden und Terminologien Hugo Riemanns. Ausgehend von der umfänglich rezipierten Eröffnungsfloskel in Wagners Tristan und Isolde werden ähnliche Passagen und Sequenzen aus dem Lied- und Opernschaffen Wolfs, Wagners und Puccinis, die in (unmittelbarer) zeitlicher Nachbarschaft zu Riemanns Theoriebildung entstanden, betrachtet. Mit Hilfe des dem harmonischen Dualismus eigenen Verfahrens der „Spiegelung“ von Akkorden in Ober- und Unterklänge soll die Verwandtschaft von Verbindungen aus Drei- und Vierklängen untersucht werden. So werden Auflösungsmöglichen des halbverminderten Septakkords in Dreiklänge sichtbar, die mit herkömmlichen Methoden nur unscharf zu umreißen sind. Die Katalogisierung dieser Progressionen ermöglicht es, den unlängst erfolgten systematischen Ordnungen der Neo Riemannian Theory einen weiteren Aspekt hinzuzufügen. Kurzer Lebenslauf der vortragenden Autorin / des vortragenden Autors: Maximilian Nickel studierte in Frankfurt Schulmusik, sowie in Würzburg und Essen Musiktheorie. Nach Lehrtätigkeiten in Stuttgart und Dresden unterrichtet er aktuell an der Wiesbadener Musikakademie, sowie den Hochschulen in Frankfurt und Würzburg. Von 2019 bis 2023 war er der Oper Frankfurt als Referent für Einführungsvorträge verbunden und betätigt sich desweiteren als Arrangeur. 15:00 - 15:30
Einzelvortrag Themen: Sektion III – Musiktheorie zwischen Kunst und Wissenschaft Stichworte: Jean Sibelius; Finlandia; Schallplatte; Interpretationsforschung; Orchestermusik „… all one’s worst conceptions of a very popular, hackneyed piece“. Intra- und extramusikalische Implikationen von Kürzungen in frühen Einspielungen von Jean Sibelius’ „Finlandia“ (1911–1928) Universität für Musik und darstellende Kunst Graz, Österreich Im Mittelpunkt stehen vier frühe Einspielungen von Jean Sibelius’ Tondichtung Finlandia, die 1911 (Landon Ronald, New Symphony Orchestra), 1921 (Leopold Stokowski, Philadelphia Orchestra), 1924 (Nikolai Sokoloff, Cleveland Orchestra) und 1928 (Armas Järnefelt, Staatskapelle Berlin) produziert wurden und für die aufgrund der Laufzeitbegrenzungen damals üblicher Schallplatten jeweils massive Kürzungen am originalen Werktext vorgenommen worden waren. Im Schnitt dauern diese vier Einspielungen 4:01 min, was etwas weniger als der Hälfte der mittleren (ungekürzten) Aufführungsdauer bis 2000 entspricht (8:14; n = 59, stdv: 34 sec). Dabei sind keine zwei dieser Fassungen identisch: Jede Einspielung gelangt zu einer individuellen Lösung, wobei die einzelnen Fassungen, so meine These, jeweils konkrete künstlerische Konzepte und Überlegungen reflektieren, welche sowohl intramusikalisch als auch extramusikalisch (u. a. Facetten der allgemeinen Sibelius-Rezeption, Interessen der Tonträgerindustrie) motiviert sein können. Meine These behandle ich in drei wesentlichen Schritten: 1.) Darstellung und Vergleich der vier Fassungen, wobei mögliche Gründe und Konsequenzen der jeweiligen Entscheidungen, immer in Bezugnahme auf die originale Werkgestalt, musikanalytisch wie aufführungspraktisch diskutiert werden; 2.) Segmentweise Vermessung der vier Aufnahmen hinsichtlich Dauern- und Tempodramaturgien, um die textanalytischen Befunde mit den klanglichen Resultaten in Beziehung zu setzen; 3.) Einbeziehung späterer Finlandia-Einspielungen, insbesondere von Ronald und Stokowski selbst (1925 bzw. 1930 und 1953), um durch den Vergleich der gekürzten Fassungen mit diesen Aufnahmen Erkenntnisse etwa zu möglichen interpretatorischen Kompromissen und historischen Tendenzen zu gewinnen. Den präsentierten Daten liegt ein umfangreiches Forschungsprojekt zur Interpretationsgeschichte der Tondichtungen von Sibelius zugrunde, das zwar methodisch an frühere Arbeiten anknüpft (u. a. Laubhold 2014, Wüstendörfer 2019, Utz 2023, für Sibelius insb. Lowe 2011, Caskel 2019, Wozonig 2020, Wozonig 2023), in Bezug auf Finlandia jedoch zwei innovative Impulse zu liefern hofft: Erstens liegt dem Beitrag eine seriöse, wertfreie Auseinandersetzung mit einem Werk zugrunde, das häufig nur auf seine programmatischen und rezeptionshistorischen Aspekte reduziert, in kompositorischer Hinsicht hingegen als defizitär, ja „surely quite intolerable“ (Wood 1947) abgetan wird. Andererseits begreife ich die Kürzung von (insbesondere sinfonischen) Werken in der Frühzeit des Klassischen Tonträgermarktes als sowohl legitime wie komplexe analytisch-künstlerische Praxis mit eigenen ästhetischen Maßstäben, wohingegen derartige Aufnahmen aus interpretationsgeschichtlichen Untersuchungen meist ausgeklammert werden (Laubhold 2014 etc.). Kurzer Lebenslauf der vortragenden Autorin / des vortragenden Autors: Thomas Wozonig studierte Musikologie, Musiktheorie und Schulmusik an der Universität Graz sowie der Universität für Musik und darstellende Kunst Graz (KUG). An der KUG war Wozonig Mitarbeiter in den FWF-geförderten Forschungsprojekten „Towards Interdisciplinary, Computer-assisted Analysis of Musical Interpretation: Herbert von Karajan“ (2018-2021), „Points of Discontinuity. Theory, Categorization, and Perception of Cadences and Openings in Post-tonal Music“ (2023-2024) und „Multiple Dimensions in Performances of Mahler’s Symphonies“ (2024-2025). Parallel verfasst er seine Dissertation über Herbert von Karajan als Interpret der Orchesterwerke von Jean Sibelius. Er ist Mitherausgeber der Tagungsbände „Musikalische Interpretation bei Herbert von Karajan“ (Olms, 2022) und „Aspekte softwaregestützter Interpretationsforschung: Grundsätze, Desiderate und Grenzen“ (Königshausen & Neumann 2022) und gab zuletzt den Sammelband „Karl Böhm. Biografie, Wirken und Rezeption“ (edition text + kritik, 2025) heraus. 15:30 - 16:00
Einzelvortrag Themen: Sektion III – Musiktheorie zwischen Kunst und Wissenschaft Stichworte: Filmmusikalische Topologie, Analyse, Musikevozierte Emotionen, Empirisch-künstlerische Forschung, Musikpsychologie Verzauberung oder Zärtlichkeit? Untersuchungen zur gezielten Manipulation musikevozierter Emotionen anhand einer filmmusikalischen Topologie Hochschule für Musik Carl-Maria von Weber Dresden, Deutschland Innerhalb einer großen Anzahl an aktuellen Filmen und Serien lässt sich eine „Filmmusikalische Topologie“ (vgl. Rabenalt 2020, 281), d.h. vergleichbare musikalische Gestaltung beobachten, die innerhalb der ersten Erkundung des „Hauptschreckensschauplatzes“ eingesetzt wird. Diese setzt sich zusammen aus einer vergleichbaren strukturellen Gestaltung, ähnlicher Instrumentation sowie überwiegend harmonischen Zusammenhängen, welche sich im Bereich des „Pantriadic Chromaticism“ oder „Tethered Chromaticism“ (nach Lehman 2018, 205) bewegen. Nach Lehman sind derlei harmonische Strukturen gut geeignet, um ein Gefühl von Verzauberung („Wonder“) hervorzurufen (vgl. Lehman 2018, 185). Um dies zu überprüfen und zugleich die konkrete Zusammensetzung der musikevozierten Emotionen der musiktheoretischen Gestaltung dieser verschiedenen Filmmusiken zu ergründen, wurden mithilfe der Geneva Emotional Music Scale (Zentner et al. 2008) vier Studien mit unterschiedlichen Personengruppen zu den musikevozierten Emotionen vergleichbar komponierter Musiken durchgeführt. Dabei wurden jeweils einzelne musikalische Parameter verändert, um deren individuellen Einfluss auf die Wahrnehmung der Musik zu testen. Die Ergebnisse zeigen, dass partiell ein Gefühl der Verzauberung bei Probanden ausgelöst wird, aber auch dass dieses in keiner der vier Studien die am stärksten wahrgenommene musikevozierte Emotion der Probanden war. Stattdessen überwogen in allen Studien Gefühle der Nostalgie, Zärtlichkeit und Ruhe in jeweils unterschiedlich wahrgenommener Intensität. Im Vortrag werden die Hintergründe der Studien sowie deren Aufbau und Ergebnisse vorgestellt und in Hinblick auf Lehmans Theorie sowie die Filmmusikalische Topologie zur Charakterisierung von Hauptschreckensschauplätzen eingeordnet, welche den Ausgangspunkt der Untersuchungen bildeten. Abschließend wird diskutiert, inwieweit sich mithilfe der Resultate und vergleichbarer Forschungsansätze (vgl. Strauss et al. 2024) eine Anleitung zur gezielten emotionalen Manipulation des Publikums mithilfe der unterschiedlichen Gestaltung von musiktheoretischen Parametern ableiten lässt. Lehman, F. (2018). Hollywood Harmony: Musical Wonder and the Sound of Cinema. Oxford University Press. Rabenalt, R. (2020). Musikdramaturgie im Film: Wie Filmmusik Erzählformen und Filmwirkung beeinflusst. Richard Boorberg Verlag. Strauss, H., Vigl, J., Jacobsen, P.-O., Bayer, M., Talamini, F., Vigl, W., Zangerle, E., & Zentner, M. (2024). The Emotion-to-Music Mapping Atlas (EMMA): A systematically organized online database of emotionally evocative music excerpts. Behavior Research Methods, 1-18. Zentner, M., Grandjean, D., & Scherer, K. R. (2008). Emotions evoked by the sound of music: Characterization, classification, and measurement. Emotion, 8.4, 494-521. Kurzer Lebenslauf der vortragenden Autorin / des vortragenden Autors: Susanne Hardt (*1993, Mainz) absolvierte ein Bachelorstudium in Musiktheorie (Dresden, 2012-2016) und ein Masterstudium in Filmmusik (Potsdam Babelsberg, 2016-2020). Derzeit arbeitet sie an ihrer Dissertation im Fachbereich Musiktheorie über den Einfluss verschiedener kompositorischer Strukturen in Filmmusik auf die Wahrnehmung des Zuschauers (Dresden, Lausanne). | ||