
25. Jahreskongress der
Gesellschaft für Musiktheorie (GMTH)
Unschärfen, Leerstellen, blinde Flecken
17. - 19. Oktober 2025 | Musikhochschule Lübeck
Veranstaltungsprogramm
Eine Übersicht aller Sessions/Sitzungen dieser Veranstaltung.
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Die momentane Konferenzzeit ist: 24. Apr. 2026 13:47:07 MESZ
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Sitzungsübersicht |
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III. Zwischen Kunst und Wissenschaft
Sitzungsthemen: Sektion III – Musiktheorie zwischen Kunst und Wissenschaft
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11:30 - 12:00
Einzelvortrag Themen: Sektion III – Musiktheorie zwischen Kunst und Wissenschaft Stichworte: Digitale Musiktheorie, Musikanalyse, Korpusforschung, Annotation, Forschungsdaten Jenseits der Tabelle: Digitale Annotation als Brücke zwischen Kunst und Wissenschaft Anton Bruckner Privatuniversität, Österreich Die künstlerisch-wissenschaftliche Arbeit im digitalen Raum und mit digitalen Mitteln birgt viele Potenziale, ist jedoch auch voraussetzungsvoll. Modellierung, als zentraler wissenschaftlicher Modus Operandi, wie auch quantitative Analyseverfahren, sind nicht per se auf digitale Mittel angewiesen. Ihre Potenziale, beispielsweise für die datengestützte Validierung von Modellen oder die flexible Auswertung umfangreicher Datenmengen, wie sie die digitale Korpusforschung kennzeichnet, werden jedoch erst durch den Computereinsatz umfassend erschließbar. Die umfassende Erschließung dieser Potenziale setzt somit die digitale Repräsentation der musiktheoretischen Untersuchungsgegenstände und damit deren Formalisierung voraus. Die Formalisierung musikalischer und musiktheoretischer Sachverhalte erweist sich dabei als anspruchsvoller Drahtseilakt zwischen unterkomplexer Homogenisierung und einer Detailtreue, die in Überkomplexität münden kann.
Anhand der vorgestellten Paradigmen, Softwaretools und einigen exemplarischen Datensätzen wird greifbar, wie moderne Annotationstools eine direkte und kontextualisierte Interaktion mit musikalischen Objekten samt flexiblem Umgang mit der zu kodierenden Information ermöglichen – und auf diese Weise neue Potenziale für die musiktheoretische Forschung an der Schnittstelle von Kunst und Wissenschaft erschließen. Kurzer Lebenslauf der vortragenden Autorin / des vortragenden Autors: Johannes Hentschel studierte Schulmusik, Musiktheorie und Romanistik in Freiburg i. Br., Lübeck und Helsinki. Während seines Doktoratsstudiums an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne (EPFL) untersuchte er mit computergestützten Methoden die Entwicklung von Harmonik in der europäischen Geschichte tonaler Musik seit 1600. Seit 2024 ist er Postdoc und Projektmitarbeiter an der Anton Bruckner Privatuniversität in Linz/Österreich. Im Rahmen des Projekts “Towards a Unified Model of Musical Form: Bridging Music Theory, Digital Corpus Research, and Computation” setzt Hentschel Methoden der Korpusforschung ein, um ausdrucksstarke Computermodelle musikalischer Form zu entwickeln. Neben seiner Forschungstätigkeit ist er Multiinstrumentalist und Sänger. 12:00 - 12:30
Einzelvortrag Themen: Sektion III – Musiktheorie zwischen Kunst und Wissenschaft, Sektion VI – Offene Studierenden-Sektion Stichworte: Computergestützt, Modell, China, Rekonstruktion, Analyse Rekonstruktion und Regelwerk: Computergestützte, stilgebundene Komposition in der chinesischen Ci-Tradition der Song-Dynastie Technische Universität Graz, Österreich Ci ist eine chinesische Poesiegattung, die ursprünglich gesungen vorgetragen wurde, im Laufe vieler Jahrhunderte jedoch zu einer rein literarischen Textform wurde. Dennoch lassen sich auch in der nun „musiklosen“ Dichtung starke Einflüsse erkennen, die auf ihren musikalischen Ursprung hindeuten: Jedes Ci folgt einer von über tausend vorgegebenen Strukturen, den sogenannten Cipai, in denen linguistische Töne, Pausen und Reimsilben strikt festgelegt sind. In der einflussreichen Gedichtsammlung Baishidaoren Gequ (1202) des Gelehrten Jiang Kui (1155-1221) aus der Song-Dynastie sind 17 Ci inklusive einer speziellen Musiknotation namens Suzipu überliefert. Diese Stücke zählen zu den frühesten erhaltenen Vertonungen chinesischer Liedtexte und erlauben somit wertvolle Rückschlüsse auf die historische Musikpraxis der Ci. Aufgrund der spärlichen Datenlage und einer mindestens 400-jährigen Überlieferungslücke ist die Suzipu-Notation jedoch mehrdeutig, was im Laufe der letzten drei Jahrhunderte zu unterschiedlichen Deutungen einzelner Notationssymbole geführt hat. In diesem Vortrag werden die musiktheoretischen Grundlagen der Ci-Tradition zur Zeit der Song-Dynastie kurz vorgestellt, einschließlich der verwendeten Tonsysteme, heptatonischen Modi, der neuesten Deutungen der Suzipu-Notation sowie der Beziehungen zwischen Musiknotation und Cipai. Anschließend wird dieses musik- und literaturtheoretische Wissen durch formale Regeln mathematisch modelliert. Vorgestellt wird ein computergestütztes, handgefertigtes Markov-Modell, in welchem diese Regeln durch die Einbeziehung statistischer Abhängigkeiten innerhalb der 17 Stücke, welche im digitalen KuiSCIMA-Korpus frei zugänglich sind, ergänzt werden. Trotz der geringen Zahl überlieferter Werke ermöglicht das Modell, unter Voraussetzung gut begründeter technischer Annahmen, die automatisierte Erzeugung stilgebundener Kompositionen für beliebige Cipai. Durch die Einbeziehung musiktheoretischer Regeln wird sichergestellt, dass jedes generierte Stück definierte formale Kriterien erfüllt, etwa hinsichtlich Modus, Kadenzverläufen, oder der strukturellen Beziehung zwischen den linguistischen Tönen im Cipai und den Melodiekonturen. Im Gegensatz zu neuronalen Netzen, welche als Black-Box-Modelle kaum Rückschlüsse auf interne Mechanismen erlauben, garantiert der Aufbau des vorgestellten Markov-Modells intuitive Interpretationen und ermöglicht als formales Modell auch den Einsatz in Szenarien computergestützter Musikanalyse. Kurzer Lebenslauf der vortragenden Autorin / des vortragenden Autors: Tristan Repolusk ist PhD-Student im Fach Informatik/Digital Humanities. In seiner Dissertation beschäftigt er sich mit informatischen Methoden zur Digitalisierung historischer chinesischer Musiknotationen aus Jiang Kuis Gedichtesammlung Baishidaoren Gequ (1202). Dazu gehören die Entwicklung geeigneter digitaler Formate, die Erstellung eines umfangreichen Korpus von Jiang Kuis Werken, die computergestützte Notationserkennung zur effizienten Digitalisierung sowie die Modellierung historischer Musikstile. 12:30 - 13:00
* * Beitrag fällt aus! Einzelvortrag Themen: Sektion VI – Offene Studierenden-Sektion Stichworte: Max Reger, Modulation, Harmoniehlere, Quintenzirkel, Pythagoreisches Komma Neue Perspektiven auf Max Regers Modulationslehre Hochschule für Musik Karlsruhe, Deutschland Max Regers einziges musiktheoretisches Werk, seine „Beiträge zur Modulationslehre“ (1903), hat schon kurz nach seiner Erscheinung eine internationale Verbreitung gefunden. Dennoch ist die vorliegende Literatur, die sich mit Regers Klangbeispielen konkret auseinandersetzt, überschaubar. In meinem Vortrag setze ich an diesem Punkt an und versuche, mit digitalen Hilfsmitteln – insbesondere computergestützten Darstellungsmodellen – die kurzen Musikbeispiele Regers durch Visualisierung und klangliche Darstellung in einen aktuellen musiktheoretischen und anschaulichen Kontext zu bringen. Reger greift in seinen Beispielen sehr häufig auf den Neapolitaner und die Moll-Subdominante zurück und überspringt somit bis zu fünf Vorzeichen im Quintenzirkel auf einmal. So steht bei einigen Modulationen die Frage im Raum, ob die Zuhörenden die einzelnen Schritte überhaupt wahrnehmen und nachvollziehen können. Hier, sowie bei vielen seiner Instrumentalwerke, kann ein befremdlicher Höreindruck oder fehlendes Verständnis für die von Reger erdachten Vorgänge auftreten. In meinem Vortrag werden zwei Ansätze verfolgt, um dieses Phänomen zu erörtern. Zunächst werden die Notenbeispiele softwaregestützt visualisiert und anschließend klanglich aufbereitet. Durch die Nutzung von spezieller Software (OpenMusic, music21) lassen sich die Entfernungen der Tonarten (beispielsweise bei einer Modulation von C nach His) voneinander beschreiben und zum Beispiel mittels eines erweiterten Quintenzirkels veranschaulichen. Das heißt konkret, dass mit His-Dur eine andere – nicht nur enharmonisch verwechselte – Tonart als C-Dur erreicht wird; schließlich unterscheiden sich C-Dur und His-Dur aufgrund des pythagoreischen Kommas intonatorisch leicht voneinander. Anschließend lässt sich Regers Modulationslehre auch in höhere Ebenen weiterdenken (nach Fisis, Cisis, etc.). Um hierbei strukturelle Unterschiede zwischen Modulationen in zwei enharmonisch identischen Tonarten aufzuzeigen, wird auf statistische Erhebungsmethoden von Akkord- und Intervallfolgen zurückgegriffen. Regers Modulationen zwischen Dur und Moll sowie der enharmonisch verwechselten Tonarten werden verglichen und miteinander verwandte Bewegungsmuster aufgezeigt. Zuletzt soll die Modulation als psychoakustisches Hörerlebnis erfahrbar gemacht werden. In Kombination verschiedener Stimmungssysteme und Veränderung äußerer, kontextueller (beispielsweise zeitliche) Parameter, kann die Modulation als solche in einem neuen Zusammenhang hörbar gemacht werden. Schließlich können Regers Modelle anhand seiner eigenen Werke angewendet und abgeglichen werden. Da die individuelle Hörerfahrung und -erwartung sehr unterschiedlich ausgeprägt sein kann, will mein Ansatz eine Hilfestellung zu einem tieferen Zugang zu Regers Stücken sein. Kurzer Lebenslauf der vortragenden Autorin / des vortragenden Autors: Cajus Grabmeier, geboren 2002 in Mainz, studiert Musiktheorie und Musikinformatik/Musikwissenschaft jeweils im Bachelor an der Hochschule für Musik Karlsruhe. Während seines Studiums nahm er an verschiedenen Kongressen und Meisterkursen teil, darunter mehrmals am Meisterkurs für Improvisation bei der Landesmusikakademie Rheinland-Pfalz. Neben einigen weiteren Auszeichnungen, erhielt er im Rahmen eines Wettbewerbs den ersten Hauptpreis der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz für eine Komposition zum Thema Unendlichkeit. Im Jahr 2024 komponierte er die Filmmusik für eine Reportage über Heinz Schenk in der ARD (Hessischer Rundfunk). Seit Sommer letzten Jahres ist er in die Förderung durch das Deutschlandstipendium aufgenommen worden. | ||