
25. Jahreskongress der
Gesellschaft für Musiktheorie (GMTH)
Unschärfen, Leerstellen, blinde Flecken
17. - 19. Oktober 2025 | Musikhochschule Lübeck
Veranstaltungsprogramm
Eine Übersicht aller Sessions/Sitzungen dieser Veranstaltung.
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Die momentane Konferenzzeit ist: 24. Apr. 2026 13:47:50 MESZ
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Sitzungsübersicht |
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V. Freie Sektion
Sitzungsthemen: Sektion V – Freie Themen
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16:30 - 17:00
Einzelvortrag Themen: Sektion V – Freie Themen Stichworte: Skizzen, Analyse, Wagner, Satzmodelle „Was ich für ein Stümper bin, glaubt kein Mensch…“ – Musiktheoretische Analyse und Skizzenforschung bei Richard Wagner Technische Universität Dortmund, Deutschland Die Verbindung von Analyse und Skizzenforschung stellt bis heute eine Seltenheit in musiktheoretischen Untersuchungen dar. Erstere gilt als Aufgabe der Musiktheorie, letztere als Kernkompetenz der (philologischen) Musikwissenschaft. Dabei ist es im gegenwärtigen Fachdiskurs unumstritten, dass aus einer interdisziplinären Synthese wesentliche neue Einblicke in kompositorische Arbeitsweisen und Rekonstruktionen musikalischen Denkens von Komponist:innen gewonnen werden könnten. So finden sich etwa bei Richard Wagner – trotz reicher Quellenlage in Form von Skizzen, Briefe und Tagebucheinträgen – kaum Untersuchungen zum Kompositionsprozess. Dieser ‚blinde Fleck‘ wurde zwar bereits in den 1980er Jahren beklagt, hat seitdem aber kaum Beachtung gefunden. Es ist allgemein bekannt, dass Wagner keine im engeren Sinne verlässliche kompositorische Ausbildung erhalten hat, geschweige denn die Voraussetzungen für einen Instrumentalvirtuosen erfüllte. Ebenso überliefert ist sein Kompositionsprozess am Klavier, der aufgrund neuerer Forschungen zur Rolle seiner Partimento- und Generalbassausbildung stärker in den Blick gerät, und so auch das pianistische Greifen von und Komponieren mit Modellen. Anhand des Beginns des sogenannten Schusterliedes aus dem zweiten Aufzug der Meistersinger von Nürnberg (WWV 96) sollen die Potenziale einer solchen Untersuchung exemplarisch dargestellt werden. So ist neben zwei ‚ersten musikalischen Skizzen‘ aus den Jahren 1861 und 1863 auch eine ‚Orchesterskizze, erstellt zwischen 1862 bis 1867, überliefert. Anhand dieser kann die sukzessive Überarbeitung oder vielmehr Kaschierung eines ursprünglich dreistimmigen Modells einer Quintfallsequenz nachvollzogen werden. Während die Musik des Orchesters das einfach zu greifende und schematische Ursprungsmodell nur nach und nach zur Vielstimmigkeit erweitert und verkompliziert, entfernt sich die Gesangsstimme des Hans Sachs immer weiter von ihrer ursprünglich sequenziellen Melodieführung. Sie wird gleichermaßen ‚entsystematisiert‘ und somit auch individualisiert und subjektiviert. Mit den Erkenntnissen dieser Untersuchung lässt sich zuletzt auch das Sichtfeld auf die Kritiken Eduard Hanslicks zum Kompositionsstil Richard Wagners erweitern. Kurzer Lebenslauf der vortragenden Autorin / des vortragenden Autors: Frederik Stark, geboren am 11.06.1994 in Köln. Studium an der HfMT Köln 2014-2024: B.A. Lehramt Deutsch und Musik, B.M. Tonsatzpädagogik und M.A. Musikwissenschaft mit Profil künstlerische Forschung und Hauptfach Tonsatz. Seit SoSe 2025: Wissenschaftlicher Mitarbeiter in Musiktheorie und Doktorand an der TU Dortmund (bei Derek Remeš). Seit SoSe 2025: Lehrbeauftragter für Tonsatz und Gehörbildung an der Bergischen Universität Wuppertal. SoSe 2014-WiSe 2014/25: Lehrbeauftragter für Musiktheorie und Gehörbildung an der Folkwang Universität der Künste, Lehrbeauftragter für Tonsatz und Analyse an der Hochschule für Kirchenmusik Herford. SoSe 2014: Lehrbeauftragter für Musiktheorie an der Musikhochschule Detmold. Seit August 2019: Dozent für Musiktheorie und Gehörbildung an der Rheinischen Musikschule der Stadt Köln. Seit Dezember 2018: Kirchenmusiker an der Ev. Kirchengemeinde Weiden-Lövenich in Köln. 17:00 - 17:30
Einzelvortrag Themen: Sektion V – Freie Themen Stichworte: Strukturanalyse, Webern, Kontrapunkt, Schärfe, Unschärfe Schärfe und Unschärfe. Versuch über eine analytische Kategorie am Beispiel von Weberns Kontrapunkt Hochschule für Musik Würzburg, Deutschland Kontrapunktisches Denken gilt als charakteristisches Merkmal Webernschen Komponierens und gleichzeitig als eng verbunden mit der Auflösung der Tonalität. Die Begriffe ,Schärfe‘ und ,Unschärfe‘ entstammen ursprünglich der Betrachtung von Bildern und spielten im 19. und frühen 20. Jahrhundert eine wichtige Rolle in Diskursen über Malerei und Fotografie. Diese wiederum waren geprägt durch das von Wackenroder postulierte Ideal einer weniger erzählerischen als „musikalischen“ Malerei, die zur Versenkung anstelle von Analyse einlädt (vgl. Ullrich, 2002). Ein Bild wird in diesem Sinne durch Unschärfe und Verzicht auf Details „musikalisch“, was den Blick aufs Wesentliche erst ermögliche. Unterschiedliche Abstraktionstendenzen der Avantgarde führen schließlich zu zwei Möglichkeiten, das „Alltägliche“ zu transzendieren: Verschleierung und Unschärfe einerseits, andererseits klare Linien, Konturen, geometrische Abstraktion. Diese Kategorien sollen auf Musik übertragen und insbesondere ,Schärfe‘ des Kontrapunkts als analytische Kategorie verwendet werden, die sich sowohl auf strukturelle Aspekte als auch auf Qualitäten der Hörwahrnehmung beziehen kann. Dafür wird allgemein diskutiert, welche kontrapunktischen Strukturen sinnvollerweise betrachtet und als ,scharf‘ oder ,unscharf‘ bezeichnet werden können, und Ausprägungen dieser Aspekte an konkreten Beispielen untersucht. Abschließend werden mögliche Implikationen für die in Weberns Generation zum musiktheoretischen Paradigma avancierte „Strukturanalyse“ angerissen. Wichtige moderne Theorien beziehen ihre Schlagkraft aus strukturaffinen Denkweisen. Auch wo theoretische Ansätze Musik als sinnlich erfahrbare Zeitkunst zu ergründen suchen, liegt der Fokus häufig auf strukturell-architektonischen Aspekten. Problematisch ist die vom strukturanalytischen Paradigma ausgehende normative Tendenz durch ihre Setzung vermeintlich objektiver musiktheoretischer Normen und Kriterien, die gleichzeitig die historische Relevanz des Gegenstands „beweisen“ (vgl. Jeßulat 2023). Womöglich vermag eine Herangehensweise, die sich von Kategorien wie Struktur, Logik und Fortschritt distanziert, auf Unschärfen schaut und Klangbilder, Konturen, Texturen, Assoziationen und Farben als das „der primären Konstruktion Abgerungene“ in den Vordergrund stellt, gerade an der Musik Weberns eine mögliche alternative Perspektive für die Analyse aufzuzeigen. Literatur: Busch (2002): Ton und Geräusch bei Webern Jeßulat (2023): Musikalische Normen analysieren – Implizite und explizite Normativität am Beispiel der „Strukturanalyse“ Kiem (2002): Die vertikale Instanz. Vom Sinn des atonalen Kanons in Weberns op. 16 Ullrich (2002): Die Geschichte der Unschärfe Utz (2012): Struktur und Wahrnehmung. Gestalt, Kontur, Figur und Geste in Analysen der Musik des 20. Jahrhunderts Kurzer Lebenslauf der vortragenden Autorin / des vortragenden Autors: Almut Gatz studierte in Freiburg Schulmusik und Mathematik, dann Musiktheorie bei Eckehard Kiem. Neben einigen Lehraufträgen lehrte sie 2014-2017 Musiktheorie in Düsseldorf und vertrat 2016/17 eine halbe Professur in Freiburg. Sie ist zudem als Ensembleleiterin und Geigerin künstlerisch aktiv. Seit 2017 ist sie Professorin für Musiktheorie und Gehörbildung in Würzburg. Neben pädagogischen Fragen gilt ihr Interesse besonders der Kammermusik, der Musik Anton Weberns und der historischen Vokalimprovisation. 17:30 - 18:00
Einzelvortrag Themen: Sektion V – Freie Themen Stichworte: Musiktheoriepädagogik, Kompositionspädagogik, Ausbildungangebot Kompositionspädagogik – eine Fachrichtung im Spannungsfeld von Kunst und Wissenschaft Universität für Musik und darstellende Kunst Graz, Österreich Der Begriff der Kompositionspädagogik ist seit dem Jahrtausendwechsel Gegenstand einer zunehmend intensiver werdenden deutschsprachigen Diskussion. Daher bietet die Kunstuniversität Graz (KUG) seit 1. März 2024 erstmals ein eigenständiges, vollwertiges Studium der Kompositions- und Musiktheoriepädagogik mit BA, MA & PhD an und füllt damit eine Leerstelle im Studienangebot über die Grenzen der universitären Landschaft Österreichs hinaus. Im Zuge des Besetzungsverfahrens hat sich die KUG dafür entschieden, die Professur der Kompositions- und Musiktheoriepädagogik in Analogie zur Instrumental- und Gesangspädagogik als eine wissenschaftliche Professur auszuschreiben. Aber das ist nur eine der Möglichkeiten, diese junge Fachrichtung der Musikpädagogik im universitären Kontext zu verorten. Da ich auf diese Professur berufen wurde, möchte ich im Rahmen meines Vortrages das Spannungsfeld, in dem diese Entscheidung getroffen wurde, auf der Grundlage der Erfahrungen mit diesem Studium und seinen Vorstufen reflektieren und mögliche Alternativen diskutieren. Dabei wird zu untersuchen sein, wo mögliche Ursachen dieses Spannungsfeldes zu identifizieren sind. Auf der universitären Ebene stellt sich u.a. die Frage, was dieses Spannungsfeld zwischen Kunst und Wissenschaft für die Ausgestaltung eines Curriculums als eine in ECTS und Semesterwochenstunden gegossene Form des Fachverständnisse bedeutet. Auf der Forschungsebene ist zu diskutieren, ob die Methoden der künstlerischen Forschung oder der wissenschaftlichen Forschung konstitutiv für diese Fachrichtung sind, oder ob es einen Pool neuer Methoden im Sinne künstlerisch-wissenschaftlicher Forschung zu definieren gilt. Weiters ist zu klären, ob die Formulierung des neuen Berufsbildes einer Kompositionspädagogin bzw. eines Kompositionspädagogen, wie ich es in meiner Dissertation exemplarisch vorgelegt habe, gerechtfertigt erscheint, oder ob sich die Kompositionspädagogik zukünftig schwerpunktmäßig in der Erweiterung bestehender Berufsbilder wiederfinden wird. Mit besonderer Sorgfalt sind in diesem Kontext auch die Folgen für die mit der Verortung verknüpften Formate der Lehrbarkeit von Komposition zu diskutieren. Kurzer Lebenslauf der vortragenden Autorin / des vortragenden Autors: Helmut Schmidinger versteht „Komponist sein“ weniger als eine Berufsbezeichnung als viel mehr eine Haltung, die, der Übersetzung des Wortes compositio folgend, das Verbindende über das Trennende stellt. Hörbar wird das in seinen unterschiedlichen BeziehungsWeisen zur vielfältigen Musiktradition oder in der variantenreichen Verbindung von Literatur und Musik. Komponieren für und mit Kindern und Jugendlichen ist Helmut Schmidinger eine Herzensangelegenheit, die er bei seiner Lehrtätigkeit an der Kunstuniversität Graz im Rahmen des Studiums der Kompositions- und Musiktheoriepädagogik weitergibt. Außerdem leitet er dort eine Kompositionsklasse für Kinder und Jugendliche. Im Rahmen seiner Dissertation hat Schmidinger eine theoretische Grundlegung der Kompositionspädagogik als Fachrichtung der Musikpädagogik vorgelegt. | ||