
25. Jahreskongress der
Gesellschaft für Musiktheorie (GMTH)
Unschärfen, Leerstellen, blinde Flecken
17. - 19. Oktober 2025 | Musikhochschule Lübeck
Veranstaltungsprogramm
Eine Übersicht aller Sessions/Sitzungen dieser Veranstaltung.
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Die momentane Konferenzzeit ist: 24. Apr. 2026 12:12:06 MESZ
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Sitzungsübersicht |
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I. Orale Traditionen
Sitzungsthemen: Sektion I – Orale Traditionen
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16:30 - 17:00
Einzelvortrag Themen: Sektion I – Orale Traditionen Stichworte: Schlagzeug, Tabla Schlagzeugklänge als Träger von musikalischem Sinn in der indischen Tabla-Musik Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin, Deutschland Der blinde Fleck, um den es hier geht, hat weniger mit der überwiegend oralen Tradierung der Tabla-Musik zu tun als mit der Tatsache, dass Schlaginstrumente und das, was auf ihnen gespielt wird, generell kaum Gegenstand von Musiktheorie sind. Die Gründe hierfür liegen auf der Hand: in der europäischen Tradition, mit der sich jene Musiktheorie, um die es hier geht, praktisch ausschließlich beschäftigt, spielen Schlaginstrumente keine oder nur eine sehr untergeordnete Rolle – nämlich vor allem als Träger orchestraler Klangeffekte. In der Neuen Musik sind Schlaginstrumente zwar durchaus oft zentral, allerdings fast ausschließlich um ihres individuellen Farbwerts willen. In jenen Musiktraditionen hingegen, aus denen die im Orchester und in der Neuen Musik verwendeten Schlaginstrumente ursprünglich stammen, haben diese oft ein komplexes und regelbasiertes musiksprachliches System ausgebildet. Dies gilt auch für die Tabla – zum einen als Begleitinstrument zu Gesang oder melodischem Instrumentalspiel, vor allem aber als Soloinstrument: ein sogenanntes Tabla Solo, das sich über eine Stunde oder mehr erstrecken kann, basiert vollständig auf den Klangkontrasten, die das Trommelpaar Tabla hergibt, und baut auf ein vielfältiges Repertoire an Kompositionen und teilweise improvisierten Variationsformen. Der musikalische „Sinn“ und Ausdruck, der dabei entsteht, unterscheidet sich grundlegend von jenem, der etwa auf Melodie, Harmonik oder Kontrapunkt beruht. Angesichts der Tatsache, dass ein Großteil der Musik, von der wir heute umgeben sind, von schlagzeugspezifischer Syntax geprägt ist, scheint es dringend geboten, dass sich Musiktheorie auch diesen Phänomenen zuwendet. Kurzer Lebenslauf der vortragenden Autorin / des vortragenden Autors: Stefan Keller wurde 1974 in Zürich geboren. Von 1995 bis 2002 studierte er Oboe in Zürich, von 2002 bis 2007 Komposition sowie Musiktheorie und elektroakustische Musik an der HfM Hanns Eisler in Berlin. 2019 erfolgte eine Promotion in Vergleichender Musikwissenschaft an der FU Berlin. Von 2006 bis 2016 und erneut seit 2020 unterrichtet Stefan Keller an der HfM Hanns Eisler Berlin. 2008/2009 besuchte er den Cursus 1 am Ircam in Paris und hielt sich im Rahmen eines Stipendiums des Berliner Senats an der Cité des Arts auf, 2019/2020 war er Stipendiat der Villa Massimo in Rom. Seit einem ersten Indienaufenthalt im Frühjahr 2005 beschäftigt sich Stefan Keller mit der nordindischen klassischen Musik und erlernt das Tablaspiel bei Prof. Dr. Gert-Matthias Wegner und Dr. Aneesh Pradhan. 2012 und 2013 erhielt er ein Jahresstipendium des DAAD für einen Studienaufenthalt im Mumbai. 17:00 - 17:30
Einzelvortrag Themen: Sektion I – Orale Traditionen, Sektion VI – Offene Studierenden-Sektion Stichworte: Polyphonie, Ideologie, Orientalismus, Nationalismus, Reformen Polyphonie als Hegemonie: Ideologische Perspektiven der Musiktheorie in der frührepublikanischen Zeit der Türkei Hochschule für Musik und Theater Felix Mendelssohn Bartholdy Leipzig, Deutschland „Polyphonie“ (çokseslilik) ist ein umstrittenes Wort in der türkischen Sprache. Polyphonie ist nicht nur ein musikalischer Begriff, sondern hat in der türkischen Sprache auch außermusikalische Konnotationen, die ihm bestimmte positive soziale Eigenschaften zuschreiben, wie z. B. die Assoziation mit Demokratie oder die Idee von Zusammenarbeit und Fortschritt. Diese Assoziationen sind der türkischen Sprache eigen, denn sie sind Nebenprodukte des intensiven Modernisierungsprozesses, den die Türkei in den letzten 200 Jahren durchlaufen hat und dessen Ziel es war, das Gefühl der „Rückständigkeit“ zu beseitigen, das Osmanische Reich und später die Türkei gegenüber dem Westen empfanden. Neben den Maßnahmen im politischen, militärischen und wirtschaftlichen Bereich umfasste der Begriff der Modernisierung auch eine weitreichende Verwestlichung im kulturellen Bereich. In dieser Hinsicht war die Musik einer der zentralen Austragungsorte, in denen die kulturelle Verwestlichung der Türkei stattfand. Im Bereich der Musik wurde die Idee der Verwestlichung durch zwei ideologische Grundhaltungen umgesetzt: Selbstorientalismus und Nationalismus. Der Selbstorientalismus ist die freiwillige Übernahme des orientalischen Blicks. In der Musik findet er als Akzeptanz der eurozentrischen Musikideologie statt, die sich in wissenschaftlicher Form auch in den Schriften von Georg Simmel und vor allem von Max Weber manifestiert. Bei den türkischen Musikreformen strebte der selbstorientalistische Ansatz danach, die wesentlichen Merkmale der westlichen Musik, nämlich Notation, Polyphonie und Standardisierung, in die türkische Musik zu implantieren, um sie modern und würdig zu machen. Der Nationalismus wiederum verschaffte den Reformern die Legitimität für ihr Vorhaben, aus dem jahrhundertealten multikulturellen Gewebe des Osmanischen Reiches einen Nationalstaat zu schaffen. Die Musik wurde im Rahmen dieses nationalistischen Paradigmas auf populistische Weise behandelt, da man der Meinung war, dass Volksmelodien als repräsentative reine Melodien der Nation gesammelt werden sollten, bevor sie an Komponisten weitergegeben werden, die sie mit „westlicher Technik“ bearbeiten sollten, um als nationale Repräsentanten im internationalen Bereich zu fungieren. Die Musiktheorie in der Türkei in der Zeit der Frührepublik hat sich unter solchen ideologischen Einflüssen entwickelt. Dieser Vortrag möchte erörtern, wie die musiktheoretischen Konzeptionen von Adnan Saygun, Kemal Ilerici, Rauf Yekta und Sadeddin Arel in diesem bestimmten ideologischen Paradigma der Musikreformen in der Türkei wirkten. Kurzer Lebenslauf der vortragenden Autorin / des vortragenden Autors: Tuna Dağdelen wurde 1996 in Ankara geboren. Er begann im Alter von 7 Jahren mit dem Klavierunterricht bei Bülent İşbilen. Ab 2014 studierte er Wirtschafts- und Kulturwissenschaften und Komposition in Istanbul und Ankara und konzentrierte sich auf Musiksoziologie, wobei er sich in seiner Masterarbeit hauptsächlich mit den ideologischen Grundlagen der klassischen Musikszene in der Türkei beschäftigte. Neben seinem Studium dirigierte Dagdelen in den Spielzeiten 2015-16 und 2016-17 den Klassischen Chor der Bogazici-Universität, lernte Chorleitung bei Burak Onur Erdem und Cemi'i Can Deliorman an der Chorschule BAUART, nahm regelmäßig an den Lehrgängen des türkischen Staatschors teil, arbeitete als studentische Hilfskraft bei den Albert Long Hall Konzerten der Bogazici-Universität und dem türkischen Präsidialsymphonieorchester. Ab 2018 studierte er Komposition bei Sıdıka Özdil und Klavier bei Filiz Peker am Staatlichen Konservatorium Ankara und schrieb neben seinem Studium Artikel für die türkische Online-Kunstzeitschrift Sanattanyansımalar und nahm an Dirigier-Meisterkursen teil, bei denen er bei Johannes Prinz, Lior Shambadal, Georg Grün und Ragnar Rasmussen lernte. Seit 2023 studiert Dagdelen Musiktheorie bei Christoph Göbel und Andreas Dorfner an der HMT Leipzig und arbeitet als Lehrer an einem privaten Gymnasium sowie als Assistent im Internationalen Büro der HMT. 17:30 - 18:00
Einzelvortrag Themen: Sektion I – Orale Traditionen, Sektion V – Freie Themen Stichworte: Vokalmusik, Lied, Volksmusik, Notation Ádám Pálóczi Horváths „Ötödfélszáz Énekek (1813/53)“ zwischen oraler Tradition und deskriptiver Notation Anton Bruckner Privatuniversität, Österreich Der Komplex der oralen Tradition von Musik ist umgeben von den Diskursen um die Musikpraxis der fiktiven Gruppe ‚Volk‘, jenen zur sogenannten ‚Volksmusik‘, und auch verbunden mit Riten, Bräuchen oder der sozialen Funktion von meist gesungener Musik. Die Niederschrift dieser oralen Weitergabe von Musik erweist sich wenngleich nicht unmöglich, jedoch kontextabhängig als schwierig: Wie werden Variationen miteinbezogen, gibt es die absolute Fassung überhaupt oder welche musikalischen Ereignisse werden als Ornamentik und welche als einmaliger ‚Fehler‘ notiert oder ausgelassen? Generationen an Wissenschaftler*innen haben sich über die authentische Notation von sowohl vokaler als auch instrumentaler (Volks-)Musik, deren Kategorisierung nach melodischem Verlauf, harmonischer oder rhythmischer Muster oder deren sozialem Einsatzgebiet den Kopf zerbrochen. Die Ergebnisse sind dabei vielleicht eher befriedigend, können jedoch nie die ephemere Natur dieser musikalischen Strömung wiedergeben. Der vorliegende Beitrag beschäftig sich mit der Notation der Vokalmusik in Ádám Pálóczi Horváths Sammlung, genannt Ötödfélszáz Éneke [rund 450 Gesänge]. Fertiggestellt im Jahr 1813, aber erst 40 Jahre später publiziert, stellt es für die ungarische Musikgeschichte der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die umfangreichste Sammlung an Liedern dar, die aus unterschiedlichsten Verwendungsgebieten stammen: liturgischer Gebrauch, weltliches Liedgut, Volkslieder, Lieder der Kollegien, Kunstlieder. Von Interesse ist diese Sammlung aus dem Grund, da Pálóczi Horváth eine vermeintlich rhythmuslose Notation wählt, die auf den ersten Blick keine präzise praktische Umsetzung ermöglichen. Bei genauerem Studium lassen sich dennoch in ihrer Gestaltung unterscheidbare Notenköpfe festmachen, die zumindest in Hinblick eines Rhythmus‘ Aufschluss geben können. Auf Basis der Diastematik wird ein modernes Publikum ob der meist fehlenden oder nur indizierten Schlüssel vor ähnliche Herausforderungen gestellt. Der Beitrag verortet diese Sammlung in Hinsicht der Problematik der Niederschrift von großteils mündlich tradiertem Liedgut und stellt sich somit in einen breiteren Kontext zur Notation von (Volks-)Musik und den hierin anzutreffenden Schwierigkeiten. Kurzer Lebenslauf der vortragenden Autorin / des vortragenden Autors: Lukas Mantovan, geboren 1996 in St. Pölten, Österreich; Studium der Musik- und Tanzwissenschaften in Salzburg und Wien, sowie Instrumentalstudium Violine Konzertfach und Pädagogik in Linz; seit 2024 Dissertant an der Anton Bruckner Universität Linz mit einem Promotionsprojekt zur Konstruktion von Nationalmusik in Ungarn im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert; außerdem wissenschaftlicher Mitarbeiter in forschender und lehrender Funktion an Universität. | ||