
25. Jahreskongress der
Gesellschaft für Musiktheorie (GMTH)
Unschärfen, Leerstellen, blinde Flecken
17. - 19. Oktober 2025 | Musikhochschule Lübeck
Veranstaltungsprogramm
Eine Übersicht aller Sessions/Sitzungen dieser Veranstaltung.
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Die momentane Konferenzzeit ist: 24. Apr. 2026 12:12:07 MESZ
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Sitzungsübersicht |
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IV. Das (un-)scharfe Gehör
Sitzungsthemen: Sektion IV – Das (un-)scharfe Gehör
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14:30 - 15:00
Einzelvortrag Themen: Sektion IV – Das (un-)scharfe Gehör, Sektion V – Freie Themen Stichworte: Jesuiten, Empirismus, Kontrapunkt, Erkenntnistheorie, Frühe Neuzeit Im Spannungsfeld zwischen Ohr und Vernunft: Erkenntnistheoretische Perspektiven auf J. J. Fux’ Gradus ad Parnassum Universidade de São Paulo / Fapesp, Brasilien Der Gradus ad Parnassum, das zentrale theoretische Werk von Johann Joseph Fux, spielt eine Schlüsselrolle in der Erforschung der musikalischen Traktatliteratur des frühen 18. Jahrhunderts. Die Fux-Forschung war jedoch über lange Zeit von einer einseitigen Fokussierung auf die praktischen Kontrapunktlehren anhand der Gattungen geprägt, wobei Fragen nach den historischen und epistemologischen Dimensionen, in die die Abfassung des Traktats eingebettet war, weitgehend offenblieben. Diese Arbeit beleuchtet den Gradus als Ausdruck einer von der jesuitischen Wissenskultur geprägten Denkweise, in der spekulative Reflexion und kompositorische Praxis in ein Spannungsfeld zwischen rationaler Systematik und empirischen Strömungen dialektisch verflochten sind. Ein besonderes Augenmerk gilt der Rolle der Gehörwahrnehmung im kompositorischen Prozess: Obwohl Fux als herausragender praktischer Komponist die Bedeutung des Gehörs nicht verkennen konnte, kritisierte er zeitgenössische Strömungen – insbesondere verkörpert durch Johann Mattheson –, die der subjektiven Hörerfahrung eine absolute Vorrangstellung gegenüber der rationalen Erkenntnis musikalischer Naturgesetze einräumten. Ziel der Arbeit ist es, aufzuzeigen, wie Fux eine dialektische Konzeption des Komponierens entwickelt, in der das Gehör nicht als souveräne Instanz auftritt, sondern als diszipliniertes Instrument dem Wissen um die universalen mathematischen Strukturen der Musik hierarchisch untergeordnet bleibt. Fux verknüpft im Gradus systematisch mathematische Klassifikationen mit kontrapunktischen Regeln und etabliert Musik als eine Wissenschaft rationaler Prinzipien, die durch Gehör und Verstand vermittelt werden, wobei der Vorrang der Vernunft gegenüber der Gehörwahrnehmung klar herausgestellt wird. Durch die Rekontextualisierung des Gradus in seinen epistemologischen Dimensionen wird gezeigt, wie der Traktat als intellektuelles Dokument die Spannungen zwischen der jesuitischen Denktradition und dem aufkommenden Empirismus widerspiegelt. Fux reagiert auf diese Konflikte, indem er klassische Konzepte selektiv übernimmt und sie in ein pädagogisches System integriert, das universelle Naturgesetze mit praktischer Anwendung verbindet. Die Arbeit verfolgt das Ziel, den Gradus ad Parnassum nicht nur als methodisches Lehrbuch zu präsentieren, sondern als Schlüsseltext zum Verständnis der Wissenskultur der Frühen Neuzeit, in der Musiktheorie als Schnittstelle zwischen jesuitischer Denktradition, Gehörbildung und kultureller Praxis erscheint. Kurzer Lebenslauf der vortragenden Autorin / des vortragenden Autors: Caio Griman wurde 1997 geboren. Er ist Doktorand in Musikwissenschaft an der Universität von São Paulo und war Gastforscher am Institut für Musikwissenschaft der Universität Wien (2022-2023). Master in Musikwissenschaft von der Universität São Paulo (2023). Bachelor in Musik von der Staatsuniversität São Paulo Júlio de Mesquita Filho (2020). Derzeit untersucht seine Forschung, wie Joseph Johann Fux die Tradition des 'stile antico' mit den neuen Kompositionstechniken des 17. und frühen 18. Jahrhunderts zu vereinbaren suchte. Seine Forschung wird von der Forschungsstiftung São Paulo (Fapesp) finanziert. 15:00 - 15:30
* * Beitrag fällt aus! Einzelvortrag Themen: Sektion IV – Das (un-)scharfe Gehör Stichworte: Olivier Messiaen, Form, Höranalyse Überforderung als Formkonzeption – Ideen zur höranalytischen Wahrnehmung von Form bei Olivier Messiaen Hochschule für Musik Detmold, Deutschland Olivier Messiaens Kompositionen zeichnen sich durch eine Kombination aus algorithmischen und intuitiven Elementen aus, die verschiedene musikalische Parameter betreffen. Während seine harmonischen und rhythmischen Techniken oft analysiert werden, bleibt die formale Gestaltung in der Forschung eher untergeordnet. Messiaen verwendet sowohl hypotaktische als auch parataktische Formkonzeptionen. Die Wahrnehmung dieser Formen kann stark von einer analytischen Betrachtung abweichen, insbesondere durch die kognitive Verarbeitung musikalischer Ereignisse. Das Drei-Speicher-Modell von Atkinson und Shiffrin dient als theoretischer Hintergrund, um die Grenzen der auditiven Informationsverarbeitung zu erklären. Messiaens Musik überschreitet oft diese Grenzen, indem sie das sensorische Register und das Kurzzeitgedächtnis herausfordert. Dies führt zu neuen Formen der Wahrnehmung: In hypotaktischen Strukturen kann eine „variable Form“ entstehen, während in parataktischen Werken musikalische Abschnitte als „unknown knowns“ oder „unknown unknowns“ erscheinen. So ergibt sich durch die Überforderung des Hörgedächtnisses bei Messiaen eine Transformation klassischer Formkategorien, die von der subjektiven Hörperspektive abhängig ist. Diese Wahrnehmung verändert sich mit zunehmender Vertrautheit des Hörers mit dem Werk. Kurzer Lebenslauf der vortragenden Autorin / des vortragenden Autors: Julian Habryka studierte Schulmusik, Komposition und Musiktheorie an der Hochschule für Musik Würzburg sowie Komposition im Masterstudium an der Musikhochschule München. Derzeit promoviert er an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz zum Thema „Chromatik in den Cantiones Sacrae von Heinrich Schütz“. Seit 2015 unterrichtet er Musiktheorie und Gehörbildung an verschiedenen Hochschulen in Deutschland und wurde 2019 Dozent für Musiktheorie und Gehörbildung an der Hochschule für Musik Detmold. 15:30 - 16:00
Buchpräsentation Themen: Sektion IV – Das (un-)scharfe Gehör, Sektion V – Freie Themen Stichworte: Gehörbildung, Solfeggi, Kontrapunkt, Improvisation „Gehörbildung. Ein Arbeitsbuch nach historischen Quellen“ Schola Cantorum Basiliensis / Hochschule für Musik Basel FHNW, Schweiz Gehörbildung wird in diesem neuen Studienbuch in einem sehr umfassenden Sinn verstanden, denn Ziel der Darstellung und der Übungen ist es, neben dem Blattlesen auch Gedächtnis und Hörerwartung zu schulen sowie zum »zuhörenden Musizieren« – sei es allein oder in der Gruppe, nach Noten oder improvisierend – zu bewegen und zu befähigen. Ein vernetztes, ganzheitliches Hören wird durch eigenes Singen, Spielen und Improvisieren gestärkt. Kurzer Lebenslauf der vortragenden Autorin / des vortragenden Autors: David Mesquita studierte Klavier und Violine in València, Chorleitung und Musiktheorie in Freiburg und Theorie der Alten Musik in Basel. Nach Lehraufträgen in Freiburg und Trossingen war er 2009–2011 Dozent für Musiktheorie/Gehörbildung an der Folkwang Universität der Künste Essen. Seit 2011 Dozent für Gehörbildung und Contrapunto alla mente an der Schola Cantorum Basiliensis / Fachhochschule Nordwestschweiz. Seine Forschungsschwerpunkte sind die spanische Musiktheorie, die schriftlose Mehrstimmigkeit und die historische Gehörbildung. 2021 wurde David Mesquita an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg mit einer Dissertation zum improvisierten Kontrapunkt in Spanien um 1700 promoviert. | ||