29th Annual Conference of DeGEval
Evaluation and Time
September 23–25, 2026 | Frankfurt am Main, Germany
Conference Agenda
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E6: Wessen Zeit zählt? Zeitliche Inanspruchnahme als ethische Dimension von Evaluation
Session Topics: Einreichung zum Tagungsthema, 1.3 Entwicklungspolitik und Humanitäre Hilfe (AK), 1.16 Sonstiger Evaluationskontext oder -gegenstand, 3.1 Professionalisierung der Evaluation (AK), 3.7 Standards der Evaluation und ethische Fragen
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E6: Wessen Zeit zählt? Zeitliche Inanspruchnahme als ethische Dimension von Evaluation Evaluationen erzeugen nicht nur Erkenntnisse, sondern beanspruchen Zeit. Für Evaluator*innen und Auftraggebende ist dieser Zeitaufwand in der Regel sichtbar und planbar: Tage für Datenerhebung, Analyse, und Berichterstellung werden kalkuliert, budgetiert und vertraglich festgelegt. Deutlich weniger reflektiert wird dabei die Zeit jener Personen, die evaluatives Wissen bereitstellen oder an Evaluationsprozessen beteiligt werden, ohne diese zu steuern. Interviews, Workshops und Dokumentationsanforderungen greifen auf die zeitlichen Ressourcen vieler Beteiligter zurück, deren Beitrag meist nicht als eigenständiger Aufwand erfasst wird. Dies betrifft unterschiedliche Kontexte: Von Befragungen Studierender und Lehrender für Hochschulevaluationen über Beteiligungsformate für Bürger*innen in Stadtentwicklungs- oder Umweltprogrammen bis hin zu Evaluationen im Entwicklungspolitischen Kontext, in denen lokale Partnerorganisationen Interviews führen und Workshops begleiten. In all diesen Fällen wird die dafür aufgewendete Zeit häufig als selbstverständlich verfügbar angenommen und vorausgesetzt, ohne systematisch als ethische Dimension von Evaluation betrachtet zu werden. Während Literatur zur Evaluationsethik Zeit meist als praktische Hürde anerkennt – etwa mit dem Hinweis, die Belastung der Teilnehmenden zu minimieren oder zu kompensieren – wird der zeitliche Aufwand von Evaluationen selten als eigenständiges ethisches Problem diskutiert. Selbst Neale et al. (2013), einer der wenigen Versuche, Zeit in der Forschungsethik zu reflektieren, konzentrieren sich auf langfristige qualitative Forschungsbeziehungen und nicht auf den strukturellen Zeitaufwand lokaler Partnerorganisationen und Gemeinschaften. In feministischen MEAL-Ansätzen wird diese Dimension zumindest implizit berührt, etwa wenn ausreichende Ressourcen, Flexibilität oder die Berücksichtigung der Lebensrealitäten von Projektteilnehmenden eingefordert werden (VENRO, 2025). Medica mondiales „Evaluieren mit feministischer Haltung“ (2026) geht einen Schritt weiter und fordert explizit, Evaluationsplanung solle „Zeit und Budget einplanen" und „Wohlbefinden über Datenerhebung stellen". Dennoch bleibt Zeit meist ein zu handhabendes Gestaltungsprinzip. Die Session fokussiert daher bewusst nicht auf die Zeitlogiken von Auftraggebenden und Evaluator*innen, sondern auf die Zeit nicht-steuernder Beteiligter - Personen, deren Zeit zur Generierung evaluativer Erkenntnisse in Anspruch genommen wird, ohne dass sie über Zweck, Umfang, Design, Zeitplan und Nutzung entscheiden. Sie fragt: Wie wird ihre Zeit in Evaluation bislang berücksichtigt, wo bleibt sie unsichtbar? Inwiefern ist zeitliche Inanspruchnahme eine Macht- und Gerechtigkeitsfrage? Und welche Implikationen ergeben sich daraus für eine verantwortungsvolle Gestaltung von Evaluation? Zwei konzeptionelle Inputs führen in feministische und postkoloniale Perspektiven als Werkzeuge zur Reflexion von Evaluation ein und rahmen Zeit als Ressource und als Gestaltungsaufgabe. Francy Köllner, Referentin für Evaluation und Wirkungsorientierung, stellt medica mondiales Poster „Evaluieren mit feministischer Haltung“ (2026) vor. Sebastian Schuster, Teamleiter MEAL bei der Welthungerhilfe (WHH) und Mitautor des VENRO Standpunkts Feministische Wirkungsorientierung (2025), gibt Einblicke in zentrale Aspekte des Papiers. Im Zentrum steht die Frage, wessen Zeit in evaluativen Prozessen beansprucht wird und wie Machtverhältnisse dabei wirksam werden. Auf dieser Grundlage werden vier Kriterien diskutiert - Transparenz über Zweck und Nutzen, Budgetierung und Kompensation von Zeit sowie reale Mitgestaltungsmöglichkeiten. Die Inputs verstehen sich in diesem Zusammenhang als analytische Brillen, um zeitliche Inanspruchnahme nicht nur organisatorisch, sondern relational und ethisch zu reflektieren. Im anschließenden Workshop analysieren die Teilnehmenden konkrete Evaluationssituationen aus unterschiedlichen Politikfeldern. Im Kleingruppenaustausch werden Formen zeitlicher Inanspruchnahme sichtbar gemacht (z. B. Erhebungs-, Beteiligungs- und Nachwirkungszeit). Anschließend diskutieren die Gruppen zentrale ethische Spannungen anhand praxisnaher Beispiele, um erste Reflexionsansätze für die eigene Praxis sichtbar zu machen. Die Ergebnisse werden im Plenum geteilt. Die Session versteht sich als Beitrag zur Weiterentwicklung von Evaluationsstandards und zur Professionalisierung der Evaluation. Sie erweitert die Diskussion über Zeit im Kontext von Evaluation um eine professionsethische Perspektive und macht Zeit nicht nur als Planungsgröße, sondern als ethische Kategorie systematisch diskutierbar. Die erarbeiteten Ideen sind politikfeldübergreifend anschlussfähig. Dr. Jennifer McCarthy, Referentin für Wirkungskommunikation bei World Vision Deutschland, und Katharina Kreutz, Referentin für Evaluation bei der WHH, moderieren die Session. | |