Veranstaltungsprogramm

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Sitzungsübersicht
Session
AK 26: Angewandte Sportpsychologie
Zeit:
Samstag, 27.05.2017:
10:50 - 12:10

Chair der Sitzung: Babett Lobinger, Deutsche Sporthochschule Köln/ asp
Ort: Seminarraum B105
36 Plätze, Fabrikstrasse 8

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Präsentationen

Sportpsychologische Betreuung im Sport von Menschen mit Behinderung – Erkenntnisse einer qualitativen Interviewstudie

Kathrin Staufenbiel, Sydney Querfurth, Charlotte Raue, Bernd Strauß

Westfälische Wilhelms-Universität Münster, Deutschland

Während der letzten paralympischen Spiele in Rio 2016 nahmen insgesamt 4'328 SportlerInnen aus 159 Ländern teil. Es wurden 210 neue Weltrekorde (in 528 Medaillenentscheidungen) erreicht. Dies verdeutlicht die zunehmende Professionalisierung im paralympischen Sport, welche auch bzgl. der sportpsychologischen Beratung und Betreuung von SportlerInnen mit Behinderung nicht Halt macht. Es zeigt sich der dringende Bedarf, das Wissen und die Fähigkeiten der SportpsychologInnen im Sport von Menschen mit Behinderung weiterzuentwickeln (Kentta & Corban, 2014; Martin, 2015). Ziel dieser Studie ist es, den Status Quo der angewandten Sportpsychologie im Sport von Menschen mit Behinderung in Deutschland zu erfassen und daraus Perspektiven zur Weiterentwicklung abzuleiten. Innerhalb dieses Service- Forschungsprojekts gefördert vom Bundesinstitut für Sportwissenschaft wurden teil-strukturierte Interviews mit insgesamt N = 12 ExpertInnen (75% weiblich) im Kontext der Sportpsychologie im Sport von Menschen mit Behinderung geführt. Geführt wurden die Interviews von geschulten Sportpsychologinnen. Alle ExpertInnen waren in den letzten Jahren in dem paralympischen Bereich sportpsychologisch tätig und sind Mitglieder der BISp-Expertenliste. Das Spektrum der betreuten Sportarten umfasst sowohl Sommer- (z. B. Reiten) als auch Wintersportarten (z. B. Ski Alpin). Die Interviewten sind im Schnitt M = 42,83 (SD = 6,91) Jahre alt, und arbeiten seit M = 10,05 (SD = 5,78) Jahren im angewandten sportpsychologischen Bereich. Der Leitfaden für die Interviews beinhaltet neben demographischen Fragen vier inhaltliche Themenbereiche, u. a. „Gemeinsamkeiten und Unterschiede sportpsychologischer Arbeit im Sport mit und ohne Behinderung“ und „Ideen zur fachlichen Weiterentwicklung der Sportpsychologie“. Alle Interviews wurden aufgezeichnet und verbatim transkribiert. Die inhaltliche Auswertung erfolgte mithilfe der qualitativen Datenanalyse Software MAXQDA. In einem deduktiven Vorgehen wurden zunächst Kodierungen festgelegt. Anschließend wurden die Interviews von jeweils zwei unabhängigen Ratern kodiert. Insgesamt zeigen sich viele Gemeinsamkeiten in der Betreuung von SportlerInnen mit und ohne Behinderung, insbesondere bezogen auf klassische sportpsychologische Themen (z. B. Umgang mit Stressoren). Unterschiede in der Betreuungsarbeit werden in einzelnen Methoden (z. B. Entspannungstechniken) und in der erhöhten Bedeutung außersportlicher (z. B. allgemeine Lebensqualität) sowie psychosozialer Themen (z. B. Zusammenarbeit mit Betreuungspersonal) aufgezeigt. Für die Weiterentwicklung der Sportpsychologie wurde vor allem die Wichtigkeit von Intervisionen sowie der interdisziplinäre Austausch mit MedizinerInnen und PhysiotherapeutInnen betont. Insgesamt geben die Interviews Aufschluss über den aktuellen Stand der Sportpsychologie im Sport von Menschen mit Behinderung. Sie zeigen zudem Bereiche mit Bedarf zur Weiterentwicklung auf. Ein interdisziplinärer Ansatz (z. B. Zusammenarbeit mit der Sportmedizin) könnte sowohl für Forschung als auch für Praxis wünschenswert sein.


Sportpsychologische Betreuung der Nationalmannschaft im Paracycling im Vorfeld der Paralympics 2016

Anja Steinbacher1, Babett Lobinger2, Grit Moschke3, Markus Raab2

1Bergische Universität Wuppertal; 2Deutsche Sporthochschule Köln; 3Olympiastütztpunkt Rheinland

Von März bis September 2016 fand erstmals eine systematische sportpsychologische Maßnahme für das Topteam im Paracycling statt (finanziert durch das BISp). Hauptziel des Projekts war eine sportpsychologische Unterstützung der 13 AthletInnen sowie des Betreuerteams zur Vorbereitung auf die Paralympics 2016 in Rio de Janeiro. Neben einer umfassenden Online-Diagnostik (AMS, VKS, SOQ, WAI-T, PCQ; 62 % Rücklaufquote) mit schriftlicher detaillierter Rückmeldung, fanden im Mai Wettkampfbeobachtungen auf einem World-Cup statt. Dieser Wettkampf diente zusätzlich dem persönlichen Kennenlernen zwischen dem Topteam und den Sportpsychologinnen. Des Weiteren wurde, angelehnt an das SWISS Olympic Konzept (Wetzel, 2015), ein Vier-Stufenprogramm zur Wettkampfvorbereitung konzipiert. Einmal die Woche wurde ein Fragenblock zu den Themen Erholungsmanagement, unkontrollierbare Faktoren, Wettkampfantizipation I und Wettkampfantizipation II per Mail zur Beantwortung verschickt. Zusätzlich fanden im Rahmen des Trainingslagers in St. Moritz, wo die Sportpsychologinnen eine Woche vor Ort waren, Einzelgespräche mit den AthletInnen sowie mit dem Betreuerteam statt. Dabei wurden unter anderem die Antworten zu den Fragenblöcken besprochen. Zudem wurden unterschiedliche Entspannungstrainings vor dem Hintergrund der verschiedenen Klassifizierungen durchgeführt und eine Gesprächsrunde zum Thema „Umgang mit Nervosität“ angeboten. Im Anschluss der Paralympics, die für das Team als sehr erfolgreich zu bewerten sind, fand ein Debriefing statt (Kellmann, 2004). Die AthletInnen sowie das Betreuerteam wurden gebeten, u. a. ihre Ziele und die Vorbereitungszeit vor den Paralympics zu reflektieren. Ferner wurde um ein Feedback zum Projekt gebeten. Insgesamt wurde dieses Projekt von den Befragten als erfolgreich angesehen. Hervorgehoben wurden die durchgeführten Maßnahmen sowie die Freiwilligkeit zur Teilnahme. Die Mehrheit der Befragten ist für eine Fortsetzung des Projekts und sieht den Sinn in einer weiteren Betreuungsarbeit insbesondere für AnwärterInnen des Topteams. Ferner sollten teamspezifische Fragestellungen bearbeitet werden und die Beratungsarbeit hinsichtlich des Betreuungsteams intensiviert werden, da hier hohe Stressbelastungen bei geringer Wertschätzung des Ehrenamtes festzustellen sind. Im Rahmen der Posterpräsentation sollen zum einen das Vorgehen im Projekt vorgestellt werden, zum anderen sollen aber auch die Besonderheiten der sportpsychologischen Tätigkeit im Behinderten-Leistungssport genannt sowie die wahrgenommenen vereinzelten Widerstände von Seiten der AthletInnen thematisiert werden.


MentalGestärkt - Entwicklung der Initiative 2011-2016

Marion Sulprizio1,2, Jens Kleinert1,2

1Deutsche Sporthochschule Köln, Deutschland; 2MentalGestärkt

Die Initiative MentalGestärkt (MG) zur psychischen Gesundheit im Leistungssport hat sich in den vergangenen fünf Jahren als wichtige Bewegung zu Gunsten der Deutschen AthletInnen etabliert. Auf der einen Seite wird durch die Arbeit von MG die psychische Gesundheit im Leistungssport erhalten und gefördert (= Gesundheitsförderung). Auf der anderen Seite zielt MG darauf ab, psychische Probleme, wie beispielsweise übermäßigen Stress, Depressionen oder Burnout im Leistungssport zu verhindern (= Prävention), frühzeitig zu erkennen und – wenn notwendig - Ansprechpartner für die richtige Behandlung zu geben. MentalGestärkt war in den vergangenen fünf Jahren in den Arbeitsbereichen Information, Veranstaltung, Fortbildung, Früherkennung und Vermittlung äußerst aktiv und konnte verschiedenen Zielgruppen wie z. B. AthletInnen, TrainerInnen oder SportpsychologInnen attraktive und lohnenswerten Service bieten. Im Netzwerk von MG, welches durch die Koordinationsstelle gepflegt und ständig erweitert wird, werden ExpertInnen sowie Institutionen verschiedener Professionen vernetzt, so dass LeistungssportlerInnen im Hinblick auf Gesunderhaltung, Krankheitsvermeidung und Behandlung optimal informiert und betreut werden können. Aktuell sind im Netzwerk von MG insgesamt 230 PartnerInnen gelistet, hiervon 138 Sportpsychologen, 26 mit Doppelqualifikation Sportpsychologie/Psychotherapie, 36 (Sport-)Psychotherapeuten, 17 (Sport-)Psychiater sowie 13 Sonstige. Über die Kooperation mit der Beratungshotline der Robert-Enke-Stiftung kann darüber hinaus auch auf 10 psychiatrische Zentren für Seelische Gesundheit zugegriffen werden. In den Jahren 2011 bis 2016 wurden insgesamt 222 AthletInnen in angemessene Betreuung (d. h. sportpsychologisches Coaching, psychotherapeutische oder psychiatrische Behandlung) vermittelt. Bei 36% der SportlerInnen bestand eine Auffälligkeit im Bereich einer depressiven Verstimmung (festgestellt im Direktkontakt mit der Koordinationsstelle oder im Screening des Basischecks des Deutschen Zentrums für Leistungssportforschung - momentum). Suizidgedanken wurden von 2,7% geäußert; überhöhtes Druckempfinden (9%), Essstörungen (5,4%), Sportsucht (3,6%) und der Umgang mit Verletzungen (2,2%) waren weitere wichtige Beratungsanliegen. Anhand unserer standardisierten Nachsorge konnten wir feststellen, dass 36% den empfohlenen Vermittlungskontakt annehmen und 16% kurzfristig doch keinen Bedarf an Betreuung haben. Perspektivisch strebt MG an, die Öffentlichkeitsarbeit und Information, sowie die Trainer- und Elternarbeit zu forcieren, das bestehende Netzwerk weiterhin auszubauen, eine engere Verknüpfung mit Forschungsanliegen herzustellen und weitere Fachgruppen, Multiplikatoren sowie Fort- und Weiterbildungsinstitutionen zwecks Kooperation im Feld der „Psychischen Gesundheit im Leistungssport“ einzubinden.


Die deutsche Badminton-Nationalmannschaft auf dem Weg nach Tokio 2020: Praktischer Einsatz des Achtsamkeits-Trainings MMTS 2.0

Sebastian Brückner1, Amy Baltzell2

1Olympiastützpunkt Saarbrücken, Deutschland; 2Boston University, USA

Gut zehn Jahre nachdem Gardner und Moore (2004) ihren Mindfulness-Ansatz zur Leistungs-Optimierung vorgestellt haben, hat das Thema „Achtsamkeit“ in der Sportpsychologie größere Verbreitung gefunden. Verschiedene Autoren diskutieren „Mindfulness“ im Zusammenhang mit „athlete well-being“ (Mitchell & Hassed, 2016), „recovery“ (Kenttä, 2016) oder den Anforderungen und Leistungen bei Olympischen Spielen (Haberl, 2016). All diese Themen sind auch für Trainer und Athleten am Bundesstützpunkt Badminton im Kontext der leistungssportlichen Entwicklung und Zielstellung (WM- und Olympia-Medaillen) relevant. Aufbauend auf sportpsychologische Interventionen im Rahmen von traditionellem „Psychological Skills Training“ (PST) sowie zum Thema „Selbst-Regulation“ (Kuhl, 2006) wurde in 2016 das Programm „Mindfulness Meditation Training in Sports“ (MMTS; Baltzell, 2014) durchgeführt. Hierdurch sollten auf dem Weg Richtung Olympia 2020 und 2024 weitere Akzente in der langfristigen Leistungsentwicklung der Badminton-Nationalmannschaft der Männer gelegt werden. Es wurde eine überarbeitete Version des MMTS (MMTS 2.0; Baltzell, 2016) durchgeführt. Die Inhalte der Module sowie die Trainingsanleitungen wurden zudem ins Deutsche übersetzt und für die Zielgruppe angepasst. Die sechs Gruppen-Workshops fanden mit 13 Mitgliedern der Badminton-Nationalmannschaft der Herren statt. Zusätzlich wurden die Teilnehmer gebeten, während des MMTS regelmäßig mit zwei zur Verfügung gestellten Visualisierungs-Meditationen zu trainieren. Teilweise wurden aufgrund von Wettkampf- oder Klausurphasen Einzeltermine angeboten, um Inhalte nachzuarbeiten, welche Athleten im Gruppentermin verpasst hatten. Themen der je 60-minütigen Modul-Workshops waren: 1) Einführung Achtsamkeit im Sport, 2) Wahrnehmen und Umgang mit Gedanken, 3) Konzentration, 4) „Self-Compassion“, 5) Emotionen und 6) Akzeptanz. Durchführung und Verlauf wurden qualitativ per Interview der Teilnehmer evaluiert. Probleme bereiteten den Spielern zunächst vor allem das Konzept des „Labeling“ von Gedanken sowie die ungewohnte Idee der „Akzeptanz“, des „Nicht-Bewertens“ von Gedanken, Emotionen und Gefühlen. Konkrete Inhalte, die positiv von den Teilnehmern aufgenommen wurden waren insbesondere: Achtsamkeit als Entspannungshilfe, diverse achtsamkeits-orientierte Atemübungen sowie die Entwicklung von Bewusstsein für die oft negativen Inhalte von Selbstgesprächen in Verbindung mit dem Ansatz der Selbst-Akzeptanz. Auch ein Transfer in den sportlichen Alltag in Form von positivem Einfluss auf das Techniktraining durch verbesserte Körperwahrnehmung, das Nutzen von Achtsamkeits-Audios zur Spielvorbereitung oder als Einschlafhilfe sowie die Entwicklung von „Ankern“ als Fixpunkte zur Aufmerksamkeits- und Emotionsregulation zwischen Ballwechseln wurde von den Spielern berichtet. Insgesamt konnten mit dem MMTS weitere Akzente bei den Spielern für ihre Leistungsentwicklung gesetzt werden. Positiv war dabei, auf Techniken aus dem zuvor durchgeführten PST zurückgreifen zu können. Wunsch der Spieler war, einen weiteren Transfer in den Trainingsalltag zu schaffen, woran aktuell am Bundesstützpunkt gearbeitet wird.



 
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